Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antike

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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon ClaudiaK » Mo 12. Feb 2024, 19:55

Medicus domesticus hat geschrieben:Man kann doch Latein und insbesondere Griechisch betreiben ohne Lehrer zu sein.


Kann man. Das wichtigste im Leben kann die Antike dann aber nicht mehr sein. Denn die Liebe zu etwas sucht nach seiner größtmöglichen Annäherung. Da scheint mir der Lehrer seinen Versuch ernster gemeint zu haben, dauerhaft seinen Umgang mit der Antike sicher zu stellen, als ein Arzt.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Medicus domesticus » Mo 12. Feb 2024, 20:01

Mit amo, amas, amat und ein Lehrer, der nicht mal weiß, wie es im Colosseum war?
Das habe ich alles erlebt, grauenhaft!
Lehrer in Latein, das heißt nicht immer guter Lehrer. Antike ist da immer seltener aufgehoben.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon ClaudiaK » Mo 12. Feb 2024, 20:52

Du verdrehst da was. Die Motive anderer Latein- und Griechischlehrer interessieren nicht. Es geht nicht um die Latein- oder Griechischlehrer und was ihnen wichtig ist, oder warum sie diese Fächer studiert haben, sondern darum, dass, wenn einem die Antike und die griechische Sprache eine solche Herzensangelegenheit ist, dass man die Fackel sogar in die nächste Generation weiter getragen sehen möchte, es am nahe liegendsten ist, das Fach auf Lehramt zu studieren.

Warum wolltest du kein Lehrer werden? Die Oberstufe ist doch mehr als die Spracherwerbsphase, auf die du anspielst. Du hättest mitgebracht, was dir an anderen fehlt.
Warum nicht? Wo hast du deine eigenen Grenzen gesehen?
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Tiberis » Di 13. Feb 2024, 15:02

Medicus domesticus hat geschrieben:Lehrer in Latein, das heißt nicht immer guter Lehrer.

Ich frage mich, was damit gesagt sein soll. Dass es gute und weniger gute Lehrer gibt, ist ja nichts Neues, genauso wie es gute und weniger gute Ärzte gibt. Aber offenbar zielt diese Aussage darauf ab, Lehrern, die "nur" Latein unterrichten, eine geringere Kompetenz in der Vermittlung der Antike zu attestieren als jenen, die die Lehrbefähigung für beide Sprachen haben. Auch wenn solide Griechischkenntnisse für einen Lateinlehrer naturgemäß von Vorteil sind, garantieren sie deshalb noch lange keinen erfolgreichen Unterricht, das weiß ich aus meiner Gymnasialzeit, wo noch fast alle Lateinlehrer Griechisch als Zweitfach hatten.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Sapientius » Di 13. Feb 2024, 16:23

Man kann die griechisch-römische Antike nicht auseinanderdividieren: die Griechen waren tiefsinniger, die Römer praktischer; die Griechen origineller, die Römer standfester; die Griechen waren beständiger (das byzantinische Reich bestand 1000 Jahre länger als das römische), die Römer wandlungsfähiger (translatio imperii von Rom nach Aachen, Kaiser Karl, 800); der Römer war ein agricola, der Grieche ein nauta.
Sie ergänzten sich und entfremdeten sich: das religiöse Schisma um 1000, Feindschaften bis heute: Serben/Kroaten, Russen/Ukrainer.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 14. Feb 2024, 14:02

Ja, Sapienti, aber das Griechische war doch dominierend in der Bevölkerung unterhalb Roms und im Rest.
Ich möchte Griechisch jetzt nicht hervorheben, aber der Anteil in der Antike war groß.
Die Antike allein erklärt sich nicht nur in der militärischen Kraft der Römer, die das Reich zusammenhielten.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Sapientius » Do 15. Feb 2024, 10:17

Bei uns gab es außer dem 1. Humanismus der Renaissance mit Petrarca und Erasmus auch noch einen 2., rein d., die d. Klassik, der von einer Griechenbegeisterung beseelt war: Goethes Iphigenie, Schillers "Die Götter Griechenlands", Hölderlins "Hyperion", ..., verbunden mit einer starken Abwertung der Römer und des Lateinischen, bloße Nachahmer, ..., "Waren Cicero, Seneca Philosophen?", verdienten sie den Namen? Erst im vorigen Jh. hat man sich wieder auf den Eigenwert des Römischen und Lateinischen besonnen. Aus der Zeit stammt auch das humboldtsche humanistische Gymnasium, dessen Erben wir sind.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon mystica » Do 15. Feb 2024, 17:52

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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Medicus domesticus » Do 15. Feb 2024, 18:13

Ich verstehe dich , Sapienti. Du bist ja noch vom alten Schlag :-D
Du weißt wie ich das meine. Manchen würde man auch so eine geschichtliche Reflexion wünschen.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon mystica » Do 15. Feb 2024, 18:37

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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon ClaudiaK » Mo 19. Feb 2024, 16:09

Sapientius hat geschrieben:Man kann die griechisch-römische Antike nicht auseinanderdividieren: die Griechen waren tiefsinniger, die Römer praktischer; die Griechen origineller, die Römer standfester; die Griechen waren beständiger (das byzantinische Reich bestand 1000 Jahre länger als das römische), die Römer wandlungsfähiger (translatio imperii von Rom nach Aachen, Kaiser Karl, 800); der Römer war ein agricola, der Grieche ein nauta.


Medicus domesticus hat geschrieben:Ich verstehe dich , Sapienti. Du bist ja noch vom alten Schlag :-D
Du weißt wie ich das meine. Manchen würde man auch so eine geschichtliche Reflexion wünschen.


Da muss ich einhaken. Was uns Sapientius da präsentiert, das läuft unter Wissen. Es ist zwar das Ergebnis von Reflexion, nicht aber die Reflexion selber. Und nichts gegen das Wissen selber, aber es ist eben doch derart Banalität gewordene Stangenware, dass ich dich nur ob der Flachheit deines Nachdenkens bedauern kann, wenn dies dein Lob erhält.

Um meinerseits dagegen zu halten: Die Griechen und ihre Philosophie sind für das Römische Reich und seine Ausdehnung völlig irrelevant. Die Römer waren Techniker und Militärs, ihr wirtschaftliches Erblühen beruht auf Eroberung und Beutezug und Ausbeutung von Sklaven. Seine Grenzen erreichte das Römische Reich, als die eroberten Gebiete nicht mehr rentabel schienen und der Aufwand, um ins Landesinnere vorzudringen immer ressourcenintensiver wurde. Die griechische Phiolosophie hingegen war die Freizeitbeschäftigung der Reichen und das Nachdenken hat die Römer zu Zauderern gemacht und sie ihre Macht gekostet.

Das ist die Erkenntnis eines historischen Materialismus (= marxistischen Geschichtstheorie).
Und allein dieser letzte Satz ist Geschichtsreflexion. Der Rest muss sich nun als Wissen auf dem Markt durchsetzen und ist so wahr oder nicht wahr wie die Aussagen von Sapientius.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon mystica » Di 20. Feb 2024, 10:46

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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon ClaudiaK » Mi 21. Feb 2024, 09:04

Lieber Sapientius,

bitte entschuldige, dass ich deinen Beitrag als "Wissen von der Stange" bezeichnet habe. Denn das ist es nicht. Es ist eine knackige Zusammenfassung, was die Römer und Griechen unterscheidet. Meine Lehrer haben auch gelegentlich solche orientierenden Kategorien nebenbei erwähnt und ich gebe zu, ich habe sie genauso gierig aufgesogen wie der medicus domesticus. Schüler und Menschen brauchen diese Kategorien, um Wissen schnell einordnen zu können.

Inzwischen hat sich die Schul- und Wissenslandschaft gewandelt. Kategoriales Wissen ist nicht mehr die Bezugsgröße für Wissen und für Fähigkeiten erst recht nicht. Was mich früher wütend gemacht hat bei Lehrern, nämlich dass sie meine, die für mich als Kategorien erkannten Abstraktionen als unthematisch abgewertet haben, und was mich die Fleißlerner hat verachten lassen, nämlich dass sie die hergebrachten und tradierten Kategorien als Weisheit, ja als Reflexion präsentiert und verkauft haben, das ist heute veraltet und der neue Standard heißt: begründet Abstrahieren, eigene Kategorien aufstellen und zum Schluß evtl. vergleichen mit einer tradierten, ob anders oder gleich, ob überholt oder noch aktuell.

Und das zu Recht. Jede Kategorie ist eine Pauschalaussage. Je mehr Kategorien die Menschen kennen, desto mehr Pauschalaussagen kennen sie. Desto weniger Zeit haben sie zum Fragen danach, woher eigentlich eine solche Aussage stammt.
Ja, Menschen gieren geradezu nach Pauschalaussage. Warum? Um ihre eigene Unruhe ob der chaotischen Welt zu befriedigen? Um sie sich gegenseitig um die Ohren zu hauen im Kampf um die intellektuelle Oberhand? Um für ihr eigenes Handeln Ableitungen zu rechtfertigen?

Ich habe auch hier wieder zu viele mögliche Antworten. Meine Dozenten haben das als meine Schwäche gesehen, dass ich mich nicht festlegen kann. Ich meine, es ist eine Stärke in konkreten Situationen viele Interpretationen von wohlwollend bis unterstellend parat zu haben, einschließlich der Frage, welche Rolle meine eigene Psyche und Erfahrung bei der spontanen Bevorzugung einer dieser Interpretationen spielt.

Dein Beitrag war getragen von dem Willen, sich auf die Fragestellung zu konzentrieren und zu versöhnen. Daher als ganzes das Gegenteil von dem, was ich behauptet habe.
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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon mystica » Mi 21. Feb 2024, 10:40

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Re: Griechisch wichtiger für das Gesamtverständnis der Antik

Beitragvon Sapientius » Mi 21. Feb 2024, 17:23

Liebe Claudia,

gerne, aber erschreckt hast du mich; wenn man Römisches und Griechisches gegenüberstellt, dann hat man es eben mit solchen Sammelbegriffen zu tun, summarischen Worthülsen, an denen doch irgendwie etwas dran ist: die Griechen sind innovativ, die Römer konservativ, Theoretiker - Praktiker; die Griechen suchen den Urgrund, die Römer stellen etwas auf die Beine ...

Wir haben in Bayern vor 50 Jahren mit der Einführung der Kollegstufe den Unterricht in diese Richtung umgestellt: Studierfähigkeit, d.h. Erziehung zu argumentativem Denken, Ausdrucksfähigkeit, nachvollziehbare Kritik, sich Rechenschaft geben können, fremde Meinungen bewerten, Stellung nehmen ...

Liebe Grüße, auch an mystica, für das griechische Wort,

Euer S.
Sapientius
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