ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

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ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon philistion » Mo 24. Mai 2010, 00:41

Ein missgünstiger Kritiker (nach Kritias)
Aus verstreuten Selbstzeugnissen des Archilochos von Paros zimmert der Sophist Kritias ein Zerrbild des großen Dichters:
"Wir würden uns leichter an den Werken des Archilochos ergötzen, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder die gewiss sehr großen Verfehlungen besser verborgen hätte. Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich selbst verkündet hätte, hätten wir am wenigstens erfahren, dass er weder der Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos kam, noch dass er den dortigen (Einwohnern) am verhasstesten wurde.
Außer diesen [Dingen] würden wir weder wissen, dass er ein Wüstling war, wenn wir es nicht von ihm (selbst) erfahren hätten, noch würden wir von diesen [Dingen] das Schändlichste wissen, nämlich dass er, als er einst floh, den Schild weggeworfen hat, um sich selbst zu retten.
Archilochos hätte also keinen schlechteren Zeugen für sich selbst finden können als sich selbst."
Version: 3
Grammatik: Komparation auf -ίων, -ιστος; auch Komparation verschiedener Wurzeln
Zuletzt geändert von philistion am Di 25. Mai 2010, 20:30, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Gerontos » Mo 24. Mai 2010, 15:17

Hallo philistion!

Gleich zu Deiner Frage: Jawohl, ich tue mich noch mächtig schwer damit, und zwar deswegen, weil wir im Deutschen –zumindest umgangsprachlich- auf solche Feinheiten gar nicht achten und entsprechend ungeübt sind , sie überhaupt zu erkennen. Daran zeigt sich wieder einmal: Die Beschäftigung mit Altgriechisch –und das ist für mich auch das Reizvolle daran und eine Herausforderung- deckt gnadenlos die Defizite auf, die man mit der eigenen Sprache hat.

Und mit dem vorliegenden Stück geht´s ja gleich los:

Zeile 1: „ἂν ἐτερπόμεθα“ ist lt. § 72,3 als Indikativ Imperfekt ein Irrealis der Gegenwart. Soweit sogut. Aber wie gebe ich ihn im Deutschen angemessen wieder?

Zitat aus Wikipedia: Im Deutschen drückt man den Irrealis der Gegenwart mit dem Konjunktiv II (Conjunctivus Praeteriti) aus.

Danach lautet die genaue Übersetzung: „Wir wären leichter erfreut...“. Aber nach meinem Sprachgefühl ist Deine Übersetzung „Wir erfreuten uns wohl leichter...“ mindestens genau so richtig und angemessen.

Zeile 2: „ἁμαρτήματα“ ist Plural und „κάλλιον“ sehe ich als Adverb, also „...,wenn er die größeren Verfehlungen besser verborgen hätte.“

Zeile 3: „τοσαῦτα“ bezogen auf „ἁμαρτήματα“ hast Du dann korrekt mit „so viele“ wiedergegeben, wenn Du „Verfehlungen“ schreibst.
„ἂν ἐπυθόμεθα“ ist als Indikativ Aorist lt. §72,3,2 ein Irrealis der Vergangenheit (oder aber auch lt. §72,5 auch einen Potentialis der Vergangenheit ), also „hätten wir erfahren“.

Zeile 4: Das Zeitverhältnis des Part.Aor. „λιπών“ zum finiten Verb „ ἦλθεν“ wird m.E. besser mit „nachdem“ anstelle von „indem“ ausgedrückt.

Zeile 5: Ich habe das „τοῖς“ im Geiste mit „ἀνθρώποις“ ergänzt und entsprechend „...den Menschen sehr verhasst“ übersetzt. Du hast –glaube ich – das „τοῖς“ mit dem eingeklammerten „dadurch“ = „durch diese Dinge“ wiedergegeben, das ist vielleicht korrekter.

Zeile 6: „παρ` αὐτοῦ“ = „von ihm selbst“.
Deine Frage: „Es klingt nach einem irrealen Sinn, ist das korrekt?" beantwortet das „ὲγιγνώσκομεν ἄν, εὶ μὴ... ἐμάθομεν“. Es liegt ja die Kombination von Indikativ Imperfekt mit ἄν im H.S. und Ind. Aor. im εὶ-Satz vor. Darüber gibt §97,2 Auskunft, allerdings nicht genau für diesen Fall. Aber Irrealis –denke ich- ist richtig und Deine Übersetzung korrekt.

Letzte Zeile: „nicht finden können“, es ist ja aktiv. Und dann übersetze mal „μάρτυς“ mit „Zeuge“.

68 E

1. Die Athener drohten den Andriern auf übelste Weise.
2. Die Andrier aber antworteten den Athenern, die äußerst verhasst waren:
3. „Wir halten nichts für verwerflicher als das Vorgehen gegen Schwächere und zahlenmäßig Unterlegenere.
4. Ihr seid schändlicher als die Perser, weil ihr uns Elende zwingt, Euch Geld zu übergeben.“

68 V Marmor aus Paros

1. Es schickt sich über Paros zu sagen, das auf dieser Insel der beste Marmor gefunden wird. 2. Seid Urzeiten fertigten die Menschen dort Götterbilder aus diesem wunderschönem Marmor. 3. Offensichtlich wurde der Marmor später nicht nur nach allen Inseln, sondern auch auf das griechische Festland exportiert. 4. Die Menschen damals schmückten die Heiligtümer auf sehr gekonnte Weise mit diesem Marmor, die möglichst besten Techniker bemühten sich um ihn, weil er ja wertvoller als andere Dinge war.

Viele Grüße von Gerontos
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon philistion » Mo 24. Mai 2010, 16:23

Danke für deinen ausführlichen Kommentar.

Vielleicht fertige ich mir einmal so ein Schema, ähnlich wie jenes von Gottwein zu den Partizipien ( http://www.gottwein.de/GrGr/part01.php ), an, um die vielen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten je nach Satz erkennen zu können, ob es sich um einen Potentialis, Irrealis, o.ä. handelt.
Oder gibt es so eine Tabelle vielleicht schon irgendwo?

Gibt es einen Griechischlehrer hier im Forum, der einen kleinen Einblick in die Aufbereitung dieses Stoffgebiets, also der Erkennung der Kondizionalformen, für Gymnasiasten geben kann?


Beim letzten Satz war mir klar, dass es kein Passiv ist, ich wollte aber das "ἑαυτῷ" übersetzen. Ich habe es nun als "sich selbst" eingebaut, glaubst du das ist in Ordnung?
Der Sinn war mir mit der Übersetzung als "Zeugen" erst nicht ganz klar, es soll ja heißen, dass Er sich keinen schlechteren Zeugen gefunden hätte als sich selbst, mit seinen Taten.
Können wir das im Deutschen noch präziser formulieren?


Addendum: Eine kleine Übersicht gibt es hier, aber da kann man gleich das Hellas verwenden. http://www.gottwein.com/grueb/gr086_gramm.php
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Gerontos » Mo 24. Mai 2010, 19:04

Hallo philistion,

mit dem letzten Satz bin ich mir auch nicht so ganz sicher. Ich habe übersetzt:

"Archilochos hätte wohl keinen schlechteren Zeugen für sich finden können als sich selbst."

Grüße von Gerontos
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Quintus » Di 25. Mai 2010, 15:44

Hallo amici,

mein Vorschlag:


"Wir erfreuten uns wohl leichter über die Werke des Archilochos, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder wenigstens die größeren Verfehlungen besser verborgen hätte (Wir würden uns leichter an den Werken des Archilochos ergötzen, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder die gewiss sehr großen Verfehlungen besser verborgen hätte (das ‚ge’ würde ich zu ‚meiksw’ ziehen, da ‚ge’ gewöhnlich hinter seinem Bezugswort steht)).Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich verkündet hätte, hätten wir wohl am wenigsten erfahren, weder dass er ein Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos ging, noch dass er (dadurch) dort der verhassteste wurde (Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich selbst verkündet hätte, hätten wir am wenigstens erfahren, dass er weder (für besseres Deutsch zieht man dieses ‚weder’ wohl in den Nebensatz mit hinein) der Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos kam, noch, dass er den dortigen Bürgern/Menschen/Einwohnern (tois entautha) am verhasstesten/der Verhassteste wurde) .
Außer diesen aber hätten wir (es) wohl nicht erkannt, wenn wir (es) nicht von ihm selbst erfahren hätten; weder dass er ein Wüstling war, noch das schändlichste von diesen, dass er, während er einst flüchtete, den Schild wegwurf, um sich (selbst) zu retten (Außer diesen (Dingen) würden wir weder wissen (an mit Ind. Imperfekt =Irrealis der Gegenwart), dass er ein Wüstling war, wenn wir es nicht von ihm (selbst) erfahren hätten (ei mit Ind. Aorist = Irrealis der Vergangenheit, laut Hellas §97,2 können Irrealis der Vergangenheit und der Gegenwart in einer Periode miteinander verbunden sein), noch würden wir von diesen (Dingen) das Schändlichste wissen (egignwskomen muss man sich wieder ergänzen), nämlich dass er, als er einst floh, den Schild weggeworfen hat, um sich selbst zu retten) .
Einen schlechteren Zeugen als diesen hätte Archilochos nämlich (sich selbst) nicht gefunden (Archilochos hätte also keinen schlechteren Zeugen für sich selbst finden können als sich selbst)."

Viele Grüße,
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 26. Mai 2010, 12:14

philistion hat geschrieben:Vielleicht fertige ich mir einmal so ein Schema, ähnlich wie jenes von Gottwein zu den Partizipien ( http://www.gottwein.de/GrGr/part01.php ), an, um die vielen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten je nach Satz erkennen zu können, ob es sich um einen Potentialis, Irrealis, o.ä. handelt.
Oder gibt es so eine Tabelle vielleicht schon irgendwo?


Im Menge Repetitorium der griechischen Syntax gibt es eine kleine Tabelle über Konditionalsätze, die mir ausreicht. Die Tabelle ist auf Seite 201 (§153).

Gruß, Medicus
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon philistion » Mi 26. Mai 2010, 14:04

Danke Medicus, die werde ich mir in meine Vokabellernkartei schreiben.
Vor allem die Beispiele sind es, die mich am Menge Repetitorium überzeugen, man braucht allerdings eine Weile bis man sich in dem Buch zurechtfindet.
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 26. Mai 2010, 16:25

Ja, das stimmt, man muß sich da erst einfinden. Mein Vater sagt da immer, der auf einem Humanistischen Gymnasium war: Was ist das Problem? :wink:
Bei ihm war es normal Deutsch- Latein oder Deutsch-Griechisch zu übersetzen oder auch kleine Aufsätze zu verfassen.....so war auch Menge angelegt. Das ist heute nicht mehr der Fall und darum tun wir uns da schwerer....
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Quintus » Fr 28. Mai 2010, 02:20

Hallo Medicus domesticus,

Medicus domesticus hat geschrieben:Ja, das stimmt, man muß sich da erst einfinden. Mein Vater sagt da immer, der auf einem Humanistischen Gymnasium war: Was ist das Problem?
Bei ihm war es normal Deutsch- Latein oder Deutsch-Griechisch zu übersetzen oder auch kleine Aufsätze zu verfassen.....so war auch Menge angelegt. Das ist heute nicht mehr der Fall und darum tun wir uns da schwerer....


War das damals zu Schulzeiten Deines Vaters noch allgemein auf humanistischen Gymnasien üblich, Deutsch-Griechisch/Latein zu übersetzen und in Latein/Griechisch sogar Aufsätze (!) zu verfassen? Oder ist das bereits damals ein Elite-Gymnasium gewesen?
Deren Sprachkompetenz (und also auch die Deines Vaters) muss ja beträchtlich sein.

Viele Grüße,
Quintus
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon Medicus domesticus » Fr 28. Mai 2010, 09:20

Hallo Quintus,
Ob´s allgemein damals noch üblich war, weiß ich nicht. Mein Vater war auf einer bekannten Klosterschule mit Internat in Bayern in den 40-er/50-er Jahren. Sprachfolge Latein-Griechisch-Englisch(!), dh. 9 Jahre Latein, 7 Jahre Griechisch, 3 Jahre Englisch (!!). Da war Deutsch-Latein/Griechisch üblich....und natürlich auch die tägliche lateinische Messe.. ;-)

Wir hatten auch noch in den unteren 2 Lateinjahren Deutsch-Latein, was auch in den Schulaufgaben dran kam.

Gruß, Medicus
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon philistion » Fr 28. Mai 2010, 16:01

Aufsätze zu verfassen muss ja dann die Königsdiziplin gewesen sein, schon toll. Irgendwie traurig, dass heute nicht mehr in dieser Art und Weise gelehrt wird, gerade eine solche Didaktik würde eine lebendige Nutzung der alten Sprachen sehr erleichtern.

Kennt ihr auch das kleine Büchlein "Sprechen sie attisch?", hab das eben mal in der Bibliothek durchgeblättert, sehr nett :)
Es schadet sicher nicht, zu wissen wie man sich im alten Griechenland ein Bier bestellt hätte (ἔνεγχέ μοι ταχέως ζῦθον) o.ä.
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Re: ΕΛΛΑΣ - ΑΙΓΑΙΑΙ ΝΗΣΟΙ - 68 Ein missgünstiger Kritiker

Beitragvon waldi » So 12. Mär 2017, 10:38

Beitrag von philistion So 23. Mai 2010, 23:41
Ein missgünstiger Kritiker (nach Kritias)
Aus verstreuten Selbstzeugnissen des Archilochos von Paros zimmert der Sophist Kritias ein Zerrbild des großen Dichters:

"Wir würden uns leichter an den Werken des Archilochos ergötzen, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder die gewiss sehr großen Verfehlungen besser verborgen hätte. Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich selbst verkündet hätte, hätten wir am wenigstens erfahren, dass er weder der Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos kam, noch dass er den dortigen (Einwohnern) am verhasstesten wurde.
Außer diesen [Dingen] würden wir weder wissen, dass er ein Wüstling war, wenn wir es nicht von ihm (selbst) erfahren hätten, noch würden wir von diesen [Dingen] das Schändlichste wissen, nämlich dass er, als er einst floh, den Schild weggeworfen hat, um sich selbst zu retten.
Archilochos hätte also keinen schlechteren Zeugen für sich selbst finden können als sich selbst."

Version: 3
Grammatik: Komparation auf -ίων, -ιστος; auch Komparation verschiedener Wurzeln

Beitrag von Gerontos Mo 24. Mai 2010, 14:17
Hallo philistion!

Gleich zu Deiner Frage: Jawohl, ich tue mich noch mächtig schwer damit, und zwar deswegen, weil wir im Deutschen –zumindest umgangsprachlich- auf solche Feinheiten gar nicht achten und entsprechend ungeübt sind , sie überhaupt zu erkennen. Daran zeigt sich wieder einmal: Die Beschäftigung mit Altgriechisch –und das ist für mich auch das Reizvolle daran und eine Herausforderung- deckt gnadenlos die Defizite auf, die man mit der eigenen Sprache hat.

Und mit dem vorliegenden Stück geht´s ja gleich los:

Zeile 1: „ἂν ἐτερπόμεθα“ ist lt. § 72,3 als Indikativ Imperfekt ein Irrealis der Gegenwart. Soweit sogut. Aber wie gebe ich ihn im Deutschen angemessen wieder?

Zitat aus Wikipedia: Im Deutschen drückt man den Irrealis der Gegenwart mit dem Konjunktiv II (Conjunctivus Praeteriti) aus.

Danach lautet die genaue Übersetzung: „Wir wären leichter erfreut...“. Aber nach meinem Sprachgefühl ist Deine Übersetzung „Wir erfreuten uns wohl leichter...“ mindestens genau so richtig und angemessen.

Zeile 2: „ἁμαρτήματα“ ist Plural und „κάλλιον“ sehe ich als Adverb, also „...,wenn er die größeren Verfehlungen besser verborgen hätte.“

Zeile 3: „τοσαῦτα“ bezogen auf „ἁμαρτήματα“ hast Du dann korrekt mit „so viele“ wiedergegeben, wenn Du „Verfehlungen“ schreibst.
„ἂν ἐπυθόμεθα“ ist als Indikativ Aorist lt. §72,3,2 ein Irrealis der Vergangenheit (oder aber auch lt. §72,5 auch einen Potentialis der Vergangenheit ), also „hätten wir erfahren“.

Zeile 4: Das Zeitverhältnis des Part.Aor. „λιπών“ zum finiten Verb „ ἦλθεν“ wird m.E. besser mit „nachdem“ anstelle von „indem“ ausgedrückt.

Zeile 5: Ich habe das „τοῖς“ im Geiste mit „ἀνθρώποις“ ergänzt und entsprechend „...den Menschen sehr verhasst“ übersetzt. Du hast –glaube ich – das „τοῖς“ mit dem eingeklammerten „dadurch“ = „durch diese Dinge“ wiedergegeben, das ist vielleicht korrekter.

Zeile 6: „παρ` αὐτοῦ“ = „von ihm selbst“.
Deine Frage: „Es klingt nach einem irrealen Sinn, ist das korrekt?" beantwortet das „ὲγιγνώσκομεν ἄν, εὶ μὴ... ἐμάθομεν“. Es liegt ja die Kombination von Indikativ Imperfekt mit ἄν im H.S. und Ind. Aor. im εὶ-Satz vor. Darüber gibt §97,2 Auskunft, allerdings nicht genau für diesen Fall. Aber Irrealis –denke ich- ist richtig und Deine Übersetzung korrekt.

Letzte Zeile: „nicht finden können“, es ist ja aktiv. Und dann übersetze mal „μάρτυς“ mit „Zeuge“.

68 E

1. Die Athener drohten den Andriern auf übelste Weise.
2. Die Andrier aber antworteten den Athenern, die äußerst verhasst waren:
3. „Wir halten nichts für verwerflicher als das Vorgehen gegen Schwächere und zahlenmäßig Unterlegenere.
4. Ihr seid schändlicher als die Perser, weil ihr uns Elende zwingt, Euch Geld zu übergeben.“

68 V Marmor aus Paros

1. Es schickt sich über Paros zu sagen, das auf dieser Insel der beste Marmor gefunden wird. 2. Seid Urzeiten fertigten die Menschen dort Götterbilder aus diesem wunderschönem Marmor. 3. Offensichtlich wurde der Marmor später nicht nur nach allen Inseln, sondern auch auf das griechische Festland exportiert. 4. Die Menschen damals schmückten die Heiligtümer auf sehr gekonnte Weise mit diesem Marmor, die möglichst besten Techniker bemühten sich um ihn, weil er ja wertvoller als andere Dinge war.

Viele Grüße von Gerontos

Beitrag von philistion Mo 24. Mai 2010, 15:23
Danke für deinen ausführlichen Kommentar.

Vielleicht fertige ich mir einmal so ein Schema, ähnlich wie jenes von Gottwein zu den Partizipien ( http://www.gottwein.de/GrGr/part01.php ), an, um die vielen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten je nach Satz erkennen zu können, ob es sich um einen Potentialis, Irrealis, o.ä. handelt.
Oder gibt es so eine Tabelle vielleicht schon irgendwo?

Gibt es einen Griechischlehrer hier im Forum, der einen kleinen Einblick in die Aufbereitung dieses Stoffgebiets, also der Erkennung der Kondizionalformen, für Gymnasiasten geben kann?


Beim letzten Satz war mir klar, dass es kein Passiv ist, ich wollte aber das "ἑαυτῷ" übersetzen. Ich habe es nun als "sich selbst" eingebaut, glaubst du das ist in Ordnung?
Der Sinn war mir mit der Übersetzung als "Zeugen" erst nicht ganz klar, es soll ja heißen, dass Er sich keinen schlechteren Zeugen gefunden hätte als sich selbst, mit seinen Taten.
Können wir das im Deutschen noch präziser formulieren?


Addendum: Eine kleine Übersicht gibt es hier, aber da kann man gleich das Hellas verwenden. http://www.gottwein.com/grueb/gr086_gramm.php

Beitrag von Quintus Di 25. Mai 2010, 14:44
Hallo amici,

mein Vorschlag:


"Wir erfreuten uns wohl leichter über die Werke des Archilochos, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder wenigstens die größeren Verfehlungen besser verborgen hätte (Wir würden uns leichter an den Werken des Archilochos ergötzen, wenn er selbst ein besseres Leben geführt hätte oder die gewiss sehr großen Verfehlungen besser verborgen hätte (das ‚ge’ würde ich zu ‚meiksw’ ziehen, da ‚ge’ gewöhnlich hinter seinem Bezugswort steht)).Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich verkündet hätte, hätten wir wohl am wenigsten erfahren, weder dass er ein Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos ging, noch dass er (dadurch) dort der verhassteste wurde (Wenn jener nämlich nicht so vieles über sich selbst verkündet hätte, hätten wir am wenigstens erfahren, dass er weder (für besseres Deutsch zieht man dieses ‚weder’ wohl in den Nebensatz mit hinein) der Sohn einer Sklavin war, noch dass er, nachdem er Paros wegen äußerster Armut verlassen hatte, nach Thasos kam, noch, dass er den dortigen Bürgern/Menschen/Einwohnern (tois entautha) am verhasstesten/der Verhassteste wurde) .
Außer diesen aber hätten wir (es) wohl nicht erkannt, wenn wir (es) nicht von ihm selbst erfahren hätten; weder dass er ein Wüstling war, noch das schändlichste von diesen, dass er, während er einst flüchtete, den Schild wegwurf, um sich (selbst) zu retten (Außer diesen (Dingen) würden wir weder wissen (an mit Ind. Imperfekt =Irrealis der Gegenwart), dass er ein Wüstling war, wenn wir es nicht von ihm (selbst) erfahren hätten (ei mit Ind. Aorist = Irrealis der Vergangenheit, laut Hellas §97,2 können Irrealis der Vergangenheit und der Gegenwart in einer Periode miteinander verbunden sein), noch würden wir von diesen (Dingen) das Schändlichste wissen (egignwskomen muss man sich wieder ergänzen), nämlich dass er, als er einst floh, den Schild weggeworfen hat, um sich selbst zu retten) .
Einen schlechteren Zeugen als diesen hätte Archilochos nämlich (sich selbst) nicht gefunden (Archilochos hätte also keinen schlechteren Zeugen für sich selbst finden können als sich selbst)."

Viele Grüße,
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Beitrag von Medicus domesticus Mi 26. Mai 2010, 11:14

philistion hat geschrieben:
Vielleicht fertige ich mir einmal so ein Schema, ähnlich wie jenes von Gottwein zu den Partizipien ( http://www.gottwein.de/GrGr/part01.php ), an, um die vielen verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten je nach Satz erkennen zu können, ob es sich um einen Potentialis, Irrealis, o.ä. handelt.
Oder gibt es so eine Tabelle vielleicht schon irgendwo?



Im Menge Repetitorium der griechischen Syntax gibt es eine kleine Tabelle über Konditionalsätze, die mir ausreicht. Die Tabelle ist auf Seite 201 (§153).

Gruß, Medicus

Beitrag von Medicus domesticus Fr 28. Mai 2010, 08:20
Hallo Quintus,
Ob´s allgemein damals noch üblich war, weiß ich nicht. Mein Vater war auf einer bekannten Klosterschule mit Internat in Bayern in den 40-er/50-er Jahren. Sprachfolge Latein-Griechisch-Englisch(!), dh. 9 Jahre Latein, 7 Jahre Griechisch, 3 Jahre Englisch (!!). Da war Deutsch-Latein/Griechisch üblich....und natürlich auch die tägliche lateinische Messe.. ;-)

Wir hatten auch noch in den unteren 2 Lateinjahren Deutsch-Latein, was auch in den Schulaufgaben dran kam.

Gruß, Medicus

Beitrag von philistion Fr 28. Mai 2010, 15:01
Aufsätze zu verfassen muss ja dann die Königsdiziplin gewesen sein, schon toll. Irgendwie traurig, dass heute nicht mehr in dieser Art und Weise gelehrt wird, gerade eine solche Didaktik würde eine lebendige Nutzung der alten Sprachen sehr erleichtern.

Kennt ihr auch das kleine Büchlein "Sprechen sie attisch?", hab das eben mal in der Bibliothek durchgeblättert, sehr nett :)
Es schadet sicher nicht, zu wissen wie man sich im alten Griechenland ein Bier bestellt hätte (ἔνεγχέ μοι ταχέως ζῦθον) o.ä.
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