Ovatio und Ovum

Beiträge zu Themen, die in keine andere Kategorie passen

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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon ille ego qui » So 10. Sep 2023, 07:33

Lychnobius hat geschrieben:Folgt man Leumann (§ 282 D.1), finden sich nicht mehr als drei Fälle, in denen man von Diminutivbildung mit wirklichem Geschlechtswechsel sprechen kann: der Pflanzenname ranunculus (< rana) als Lehnübersetzung zu βατράχιον, ungula (< unguis) und das nur bei Festus erwähnte fabulum (< faba).

Curriculum, conventiculum u. a. sind lt. Leumann (§ 285.2) keine Diminutiva. Sie sind mit einem vorwiegend zur deverbalen Ableitung dienenden Suffix -culum/-cula gebildet, das formal dem Diminutivsuffix gleicht, aber einen anderen Ursprung hat und Werkzeug- oder Ortsbezeichnungen markiert.

Conventiculum soll hierbei (neben anderen) insofern einen Sonderfall darstellen, als das deverbale Derivationssuffix für eine denominale Bildung gebraucht wird.

Zu gustulum führt der Georges die Basis gustum (belegt bei Apicius und Porphyrius) an.


Sehr, sehr gut, danke!

Wie wäre es damit, conventiculum auch deverbal zu deuten? Auch hier wäre es natürlich eine (allerdings vllt kleinere) Ausnahme, und zwar eben insofern, als die Basis der Supinstamm wäre (anders als bei periculum etc.).

Mich würde auch sehr interessieren, mehr über die unterschiedlichen Ursprünge zu erfahren.

:-)
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon Sapientius » So 10. Sep 2023, 15:13

Ich sehe da keinen "Genuswechsel", nur einen sprachlichen Fluxus, ein Jonglieren der Sprachbenutzer mit den Formkategorien, und außerdem einen sporadischen Überblick über den Formenbestand. Ich habe auch den Verdacht, dass hier in der Altphilologie ein übertriebener Rationalismus herrscht, inspiriert von den Naturwissenschaften mit ihren Gesetzen.

Man fühlt sich aber auch in einer Art Trockenwüste, man verdurstet vor lauter Deverbalien u. dgl.
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon ille ego qui » So 10. Sep 2023, 18:02

Deine Mahnung scheint mir dem Thema kaum angemessen. Die überlieferten Diminutive sind Legion, und sie zeigen praktisch alle die Bewahrung des Genus. Auch die antiken Grammatiker haben das ja festgestellt (s.o.). Und dann darf man selbstverständlich auch Ausnahmen registrieren (wie auch immer diese entstanden sein mögen).
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon Lychnobius » So 10. Sep 2023, 22:49

ille ego qui hat geschrieben:Wie wäre es damit, conventiculum auch deverbal zu deuten? Auch hier wäre es natürlich eine (allerdings vllt kleinere) Ausnahme, und zwar eben insofern, als die Basis der Supinstamm wäre (anders als bei periculum etc.).

Für beide Annahmen (sowohl die des deverbalen als auch die des denominalen Ursprungs) könnte man Parallelen finden: Einerseits existieren deverbale Ableitungen, die die Wurzel des Supinstamms enthalten (cubi-culum, fō-culum), andererseits gibt es auch eindeutige Denominativa (umbraculum, senaculum).

ille ego qui hat geschrieben:Mich würde auch sehr interessieren, mehr über die unterschiedlichen Ursprünge zu erfahren.

Das (überwiegend) deverbale -culum/-cula-Suffix wird zurückgeführt auf italisch *-klom/-klā < uridg. *-tlom/-tleh₂. Im Lat. wurde zwischen c und l ein Sprossvokal eingeschaltet, der aber auch im klass. Lat. nicht durchweg auftritt (etwa saeclum neben saeculum, periclum neben periculum).

Das Diminutivsuffix -culus/-cula/-culum soll dagegen auf *-kelo- zurückgehen (vgl. Meiser, Hist. Laut- u. Formenl. d. lat. Spr., § 65). Man schließt das offenbar daraus, dass im Umbrischen beide Suffixe voneinander geschieden sind: Da sich die Phonemfolge /ke/ im Umbrischen zu einem stimmlosen Palatoalveolar /ç/ (je nach Autor auch als /š/ wiedergegeben, in der Schreibung der iguvinischen Tafeln ⟨d⟩) entwickelt hat, wird das Diminutivsuffix umbrisch als -çlo- realisiert, das deverbale Suffix hingegen als -klo-.
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon ille ego qui » Mo 11. Sep 2023, 18:57

Danke dir von Herzen für deine wunderbar klare Darstellung! Gratias maximas tibi ago!

Zwei Dinge treiben mich hier noch ein bisschen um:

1.
Wie eindeutig ist, dass bei cubiculum der Supinstamm zugrunde liegt? Georges geht von cubare als verbaler Basis aus. Nun lautet der Präsensstamm cuba-, der Supinstamm cubit- (oder darf man das t hier etwas weg-denken?). Egal welchen Stamm man ansetzt, er ist doch ein bisschen verstümmelt. Wie gesichert ist also, welcher von beiden als Basis anzusetzen ist?

2.
Wie sicher ist der Supinstamm beim foculum? Georges setzt ein kurzes o an (was wohl zum Präsensstamm führen würde).
Eine ganz schnelle metrische Suche hat mir noch keine Stellen mit eindeutig langem o gebracht.
(Man muss hier natürlich aufpassen: foculum mit kurzem o kann natürlich auch leicht der Akk. von foculus < focus sein.)

Cura, ut valeas! :-)
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon Lychnobius » Di 12. Sep 2023, 15:55

1. Das -t- sollte man aus sprachhistorischer Perspektive wohl schon den Bildungssuffixen des Supins bzw. des PPP zuschlagen. Man würde also nur mit der Wurzel des Supinstamms als Ableitungsbasis arbeiten.

Wie belastbar allerdings Leumanns Angaben in Bezug auf die jeweilige Basis von cubiculum etc. sind, kann ich nicht beurteilen. De Vaans Etymological Dictionary of Latin etwa gibt s. v. foveō, bezugnehmend auf Schrijver (The reflexes of the PIE laryngeals in Latin, Amsterdam 1991), für das lange ō in foculum eine andere Erklärung (aus der für mich jedoch nicht deutlich hervorgeht, weshalb fo- in foculum einem anderen Lautwandel unterworfen gewesen sein soll als fove- in foveo):

Schrijver 1991: 278 concludes that fō- probably reflects unsyncopated *fowi- < *fowe-. Thus, fōculum < *fowe-culum, fōmentum < *fowe-mentum. Apart from fōculum, all derivatives appear quite late. The pf. fōvī has developed by contraction from *fowe-wai. Foveō escaped the delabialization of *ou̯ > * au̯ because *gʷʰ had not changed into *u̯ at that time (Schrijver 1991, Vine 2006a: 212).


2. In zwei plautinischen Versen, einem Senar und einem Septenar, ist das o, wie mir scheint, unzweideutig lang zu messen:

at edes, nam iam intus uentris fumant focula. (Pers. 104)

iuben an non iubes astitui aulas, patinas elui,
laridum atque epulas foueri foculis feruentibus? (Capt. 846 f.)
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon ille ego qui » Mi 13. Sep 2023, 07:44

Summas gratias tibi ago!!!

Und super, dass du dich in plautinischen Verse hineingewagt hast. (Gerade am Versende kommt man oft zumindest ganz gut klar - und erhält hier eindeutigen Aufschluss. :D Gratias iterum tibi ago!)
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon Zythophilus » Sa 16. Sep 2023, 05:53

Auch in der aktuellen Ausgabe des Stowassers (immerhin schon seit 2016) wird zwischen dem Suffix -culum, das relativ vage als "Mittel oder Ort" bzeichnet wird, und den ähnlichen bzw. gleichen Deminutivsuffixen unterschieden.
Da die neuen Schularbeitsformate auch eine Aufgabe, in der man die Wortbildungselemente anführen soll, enthält, braucht man Listen mit Prä- und Suffixen. Leider ist die im Wörterbuch zu findende nicht ganz vollständig oder richtig. So wird z.B. zwischen den eigentlich gleichen bzw. gleichbedeutenden Suffixen -mentum und -men unterschieden, und bei der Bildung von Verben wird -sc-, das als Infix aufgeführt werden müsste, als Suffix angegeben.
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Re: Ovatio und Ovum

Beitragvon Sapientius » Sa 16. Sep 2023, 15:07

Das Suffix -culum ist für beide Bedeutungen tauglich, es ist also unbestimmt, und es ist zu rationalistisch gedacht, wenn man das Vage, Doppeldeutige, Schwebende aus der Welt schaffen will.
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