assoziative Präsenz

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assoziative Präsenz

Beitragvon sinemetu » Di 7. Mai 2019, 10:41

Was meint assoziative Präsenz?


Man kann sie am besten an Komposita verdeutlichen.

Nehmen wir das Beispiel Wassertopf. Es gibt Wasser und es gibt den Topf. Beide im Wort verbundene Seme sind gut verankert in der Sprache, a. durch die Dinge, die sie bezeichnen und b. durch die Handlung des Wassererhitzen. Sie haben ihren festen Sitz im Leben und das Wort ist daher selbsterklärend. Man muß niemandem, der Ding und Gebrauch von Wasser und Topf kennt, das Wort Wassertopf erklären. Im Wort Wassertopf sind Wasser und Topf und Gefäß und behalten und erhitzen assoziativ präsent.

Das lat. Wort arcuballista wird im Deutschen nicht verstanden. "Bei der Eindeutschung wurden die Wörter „Arm“ und mhd. berust/berost (Ausrüstung bzw. Bewaffnung) kombiniert, woraus sich durch Verschleifung „Armbrust“ (regional auch Armborst, Armst, Arbrost) bildet" Wiki Armbrust. Berost wurde in nhd. Zeit nicht mehr verstanden, und das "Volk" machte Brust draus. Man nimmt das Gerät in den Arm und setzt es auf die Brust. Man "remotiviert" im nhd. den nun unverständlichen mhd. Wortteil -berost.
Gottscheds Versuch, mit Armrust n. (1748) die alte Motivation (im Hinblick auf das ursprünglich vorhandene rüsten, Rüstung) wieder herzustellen, bleibt ohne Erfolg, weil die "Volksetymologie" stärker als die der Gebildeten. Arm und Brust bilden Motivation genug. Obwohl sie ursprünglich mit Arcus und Ballista nichts zu tun haben, werden sie akzeptiert, weil sie bei dem Wort und der damit verbundenen Tätigkeit auch assoziativ präsent sind.
Der Lautwandel wird durch semantische Gravitation bedingt. Das mhd. Wort berost (Rüstung (armament)) gerät in das Schwerefeld des nhd. Wortes Brust (pectum), wodurch das e ausfällt und o zu u wird. Dieser Lautwandel ist nicht durch irgendeine unbekannte Kraft in Gang gesetzt, sondern allein semantisch motiviert. Man will verstehen, und hilft nach!

Wäre das Wort arcuballista übersetzt worden ins Deutsche, hieße es Bogenwerfer oder Bogenschleuder. Es werden aber keine Bögen geschleudert, sondern mit dem Bogen Bolzen bzw. Pfeile. Vllt waren die Worte schon besetzt, ist doch die Armbrust nur eine Miniatur der im militärischen Bereich bekannten größeren Schleudern, so daß sie für die Übersetzung von arcubalista nicht mehr in Betracht kamen.

Übrigens kann man anhand technischer Geräte sehr gut den Umgang der Sprache mit Neuerungen beobachten. Nehmen wir einmal das ung. Wort für Armbrust. Es heißt számszerij, wobei es [sam-sɛ​r-i:j] gesprochen wird. In unser lat. Alphabet gibt es leider kein Zeichen für den Stimmansatz. Dieses Manko haben alle Sprachen, die das lat. Alphabet benutzen, geerbt. Man muß also in Számszerij 3 Wortansätze haben.

Die ungar. Wort számszerij stammt aus dem slav. Wort samostrĕlъ, welche soviel wie Selbsschießende bedeutet, russ: самострелий. (samochod - Automobil - Strelitzen - Schützen) Das slav. Wort само selbst versteht der Ungare nicht. Da die Silbe dieselbe ist, wie das ung. Wort szám (Zahl-Number) gerät sie in das Schwerefeld des ung. Wortes und wird auch so verstanden und daher fällt das o am Ende weg.
Szer ist ein Wort mit der Bedeutung Mittel,Werkzeug und ij bedeutet nur Bogen als Waffe. Allerdings wird der letzte Wortbestandteil oft weggelassen, wenn klar ist, wovon die Rede. Ich meine, daß das ij am Wortende, welches sich nicht aus dem slav. Wort ableiten lässt, erklärend angefügt worden ist, weil das Sem szám (Zahl) im Wort assoziativ überhaupt nicht präsent ist.
Die "Volksetymologie" ist hier im ersten Wortteil des ung. Wort számszerij auf der Stufe der bloßen lautlichen Übernahme stehengeblieben, und hat die Stufe der "Erklärung" oder Motivation nicht erreicht, weshalb der letzte Wortbestandteil dann angefügt wurde. Szer scheint frei eingesetzt zu sein, um das verständliche, nichtsdestotrotz assoziativ nicht präsente Szám zu verdeutlichen. szer ist eine geläufige Endung, die Mittel bedeutet.



Wir halten fest, daß semantische Gravitation (primärer Vorgang) und assoziative Präsenz (sekundärer Vorgang) zwei deutlich unterscheidbare Stufen bei dem sind, was der etymologisierende Volksmund "Volksetymologie" nennt.

1. Ist eine Silbe in beiden Sprachen (Ursprungs- und Zielsprache) vorhanden, jedoch mit anderer Bedeutung, wird der Klang beibehalten, jedoch die Bedeutung gewechselt. Diese eingedrungene Bedeutung steht dann unverstanden, genau gesagt, "unmotiviert" da und gibt uns einen Hinweis darauf, daß sich hier etwas verbirgt.
2. Ist genau dieselbe Silbe in der Zielsprache nicht vorhanden, wird durch sem. Gravitation die ähnlichste genommen, wobei "ähnlichste" meint, daß assoziative Präsenz mit einem Minimum an lautlichen Veränderungen angestrebt wird, also daß das Wort in irgendeinem "verstehbaren" Zusammenhang mit der bezeichnenden Sache steht.

Beispiel: Prunella, das Pfläumchen, ist der ital. Name eines Vogels der im Schlehengebüsch wohnt. Die Schlehe ist die Wildform der Pflaume (Prunus). Die Silbe Prun- wird im Deutschen nicht mehr verstanden. Sie gerät in das Schwerefeld von Braun, wird also minimal umgelautet, weil Braun als Sem sich anbietet, und da den Vogel auch wirklich braune Farbtöne dominieren ist assoziative Präsenz gegeben und so entsteht der Name unserer Heckenbraunelle (Prunella modularis).
https://de.wikipedia.org/wiki/Heckenbraunelle

Beispiel Waluss: Es wurde früher geschrieben, wie man heute spricht, erst seit 1900 ca. schreibt man Walnuss. Es gibt ja, die Wahl, den Wal, und den Wall.
https://books.google.com/ngrams/graph?c ... %2C+Wallnuß%2C+Walnuss%2C+Walnuß&year_start=1800&year_end=2000&corpus=20&smoothing=3&share=&direct_url=t1%3B%2CWallnuss%3B%2Cc0%3B.t1%3B%2CWallnuß%3B%2Cc0%3B.t1%3B%2CWalnuss%3B%2Cc0%3B.t1%3B%2CWalnuß%3B%2Cc0
Assoziativ präsent ist bei dem Wort allein das Wal. Vor Duden schreib man auch Wall, so wie es heute noch der linguistisch nicht Gebildete versteht. Jeder denkt an einen Wall und fragt maximal: Warum Wall? Niemand dagegen assoziiert einen Walfisch. Duden änderte die Orthografie auf Wal, weil er sich des eigentlichen Sinnes des Wortes bewußt war. Das Wort ist entstanden aus die Walen, die Welschen / womit Romanen (Wallonie) im weitesten Sinne gemeint sind, denn die Ungarn sagen zu den Rumänen Olah und wir Wallachei und zu Italien Olaszország (Wallland), wie die Polen Włochy. Von dort her kam die Nuss und den Sem W*l* für Romanisch ging dem Allgemeinbewußtsein im deutschen Sprachraum verloren, daher assoziiert man dort Wallnuß, weil der Wall als Standort des Baumes mehr Sinn macht, d. h. eine bessere assoziative Präsenz hat, als etwa eine Wal(fisch)nuß, oder eine Wahlnuss. Siehe Tabelle:

Wahlnuss = 19 Tsd
Wahlnuß = 376
Walnuss = 6,5 Mio
Walnuß = 328 Tsd
Wallnuss = 195 Tsd
Wallnuß = 26,5 Tsd
(Man muß die Worte in Anführungsstrichen setzen bei Google, um korrekte Ergebnisse zu haben.)

Wir erkennen: Dudens guter Wille war umsonst. Als brave Schüler schreiben die Leute zwar Wal, sprechen und denken aber mehrheitlich Wall. Welches der beiden Worte meistenteils assoziativ präsent ist, sehen wir in der Tabelle. Das Verhältnis von Wahl zu Wall ist circa 1:10.
Quaestor sum, quaerere quaerique possum ...
sinemetu
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