Anmerkungen zu Sklave und Slave

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Anmerkungen zu Sklave und Slave

Beitragvon sinemetu » Do 23. Mai 2019, 09:06

Ich beziehe mich auf die Aufsätze: Zur Etymologie des Wortes "Slavus" Sklave in Glotta 48, pp. 145-153
https://www.jstor.org/stable/40266114?r ... b_contents
und diesen Kommentar von Daniel Scholten: https://www.belleslettres.eu/content/wo ... -slawe.php

Scholten leitet ein:
Die beiden Wörter ›Sklave‹ und ›Slawe‹ sind etymo­logisch nicht miteinander verwandt.

um fortzufahren:
Die Herleitung von englisch slave und deutsch Sklave aus dem Volksnamen Slawe, die in der englisch­sprachigen Welt noch kursiert, wurde bereits im Jahre 1970 von Georg Korth widerlegt.

und weiter:
Das Etymologische Wörterbuch von Kluge nimmt darum an, daß die beiden Wörter erst später volks­etymolo­gisch zu­sammen­gefal­len sein müssen. Für einen solchen Zu­sammen­fall, bei dem sich jemand unter einem Sklaven einen Slawen vor­stellte, finden sich aber weder im Deut­schen noch im Eng­lischen Belege.

Hier der englische Beleg: "Rule, Britannia, Beritannia rule the waves, Britains never will be slaves!"
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=rB5Nbp_gmgQ
Slavery meint im Englischen wirklich die Sklaverei, bzw. Knechtschaft. Aber angesichts des durch den russischen Bären und den engl. Löwen symbolisierten Weltkampfes der beiden europäischen imperialen Grossmächte Russland und England im 19. Jahrhundert, der seine Fortsetzung durch das Ringen um den Zankapfel Afghanistan bis heute findet, klingt die Behauptung schon etwas schräg. Es fehlt der Begriff der assoziativen semantischen Präsenz. Dem Urteil Korth's, dass "eine Kontaminierung der beiden Begriffe für das Englische ausgeschlossen" (S. 148) sei, kann ich mich nicht anschließen.


2. Was das Deutsche betrifft, will ich Kluge (1957) zitieren:
Bild

Zum Sklavenhandel, der tatsächlich von jüd. Geschäftsleuten betrieben wurde, weil er den Christen verboten war, daß er jedoch unter den damaligen Bedingungen die einzige Chance zum Überleben war, denn die Norm bestand darin, unterlegene Krieger zu töten.
Für das Deutsche zu gegebener Zeit (Zeit der Osterweiterung) ist tatsächlich einen Zusammenfall beider Seme nicht nachgewiesen, weil die Deutschen die Slawen mit einem anderen Morphem Wenden u. ä. bezeichneten.
Korth schreibt: "Daß die Slawen durch Fehlinterpretation mit Sklaven identifiziert wurden, was auch die Verdrängung der eigenen Deutung ihres Völkernamens aus Russisch slava = Ruhm bewirkte, hat seinen eigentlichen Grund darin, daß bisher nicht festgestellt wurde, wie das Wort Sclavus in der Bedeutung "Kriegsgefangener" etymologisch entstanden ist.
Die Deutung des gemeinsl. Wortes "slava" mit dem Sem "Leumund, Ruhm" ist zweifellos historisierend und slavophil und in unserem Sinne falsch. Die Übersetzung mit dem Sem "Wort" erscheint mir hier angemessener:
Hier nur ein Beispiel: Joh. 1,1, aus der Bible kralicka: "1 Na počátku bylo Slovo, a to Slovo bylo u Boha, a to Slovo byl Bůh."
Grund: Selbstbezeichnungen von Völkern enthalten immer Anspielungen auf Sprache, Wort, Verständlichkeit, weil die erste Funktion der Eigenbezeichnung eines Volkes die unterscheidende Bezeichnung von Leuten, mit denen man sich verstehen kann, von solchen, mit denen das rein verbal nicht möglich ist. Die Abstraktion zur Volksbezeichnung ist in jedem Fall sekundär.
Beispiele:
1. Madjar - magyarázi = erklären
2. Deutsch - deuten

3. Mir scheint, daß sich die beiden Worte immer beeinflusst haben (siehe den von Korth erwähnte Petrus Dasypodius), zumal im rom. Sprachraum, wenn wir alleine an die Derivate von lat. claudere, exclusi etc. denken. esclave - der ausgeschlossene, chiudere, chiuse, chaves - das Schlüsselchen, wie der verstorbene Venezolaner hieß. Und in einer Zeit, in der Slawen einen großen Teil der gehandelten Kriegsgefangenen darstellten, ist dies, egal in welcher Sprache quasi unvermeidlich, daß ein Synonym entsteht, welches sich dann später entlang der verschiedenen Bedeutungen lautlich differenziert. Ursprünglich wird dies im Raum Venetien gewesen sein. Mit der Ost-Erweiterung des ottonischen Reiches wanderte das Problem nach Norden. Nachgewiesen ist der Export von slawischen Sklaven in das arabische Spanien. (Egon Fleig) Man denke nur an den goldenen Abendmalskelch mit arabischer Inschrift auf Bergen (Rügen) und das viele arabische Hacksilber im Ostseeeuropa. Unter dem Vorwand der Propaganda Fidei werden die "christlichen" Könige so manchen Raubzug zur Gewinnung von slawischen Sklaven in Szene gesetzt haben.
In der Kaschubei, Zankapfel zwischen Orden, Gnezen und Pommern, gibt es sogar eine Stadt namens Schlawe. Man bedenke, daß das allgemeine Wissen um "Slawen" als Völkerfamilie bei den Gebildeten erst mit dem 18. Jahrhundert anzusetzen ist und daß die Bestimmung von Völkerschaften besonders bei wandernden Völkern mitunter zweifelhaft ist, denke an die Identifikation der Indianer mit den Indern oder der Ungarn mit den Hunnen.

4.
In quo conventu omnium Orientalium Sclavorum, hoc est, Abotritorum, Soraborum, Wilsorum, Behemannorum, Maruanorum, Predenecentorum, et in Pannonia residentium abarum legationes cum muneribus ad se missis excipit...
...bezieht sich auf eine Synode zur Zeiten Ludwigs des Frommen. siehe Einhard . Vita Caroli Magni

Korth schreibt zu diesem Zitat: Das das Wort "Sclavi" nicht Slawe bedeutet, ergibt sich schon daraus, daß die Avaren als turktatarisches Volk mit aufgeführt sind. (S. 151)" Dazu sei angemerkt, daß Einhart ganz sicher den Begriff Slave als Sprachfamilie noch nicht hatte, und daß aber das Bewusstsein der sprachlichen Besonderheit der Avaren zu den Slaven durchaus vorhanden gewesen sein könnte, zumal davon ausgegangen werden muß, daß die Gesandten der Avaren, die als Volk nur eine soziale Schicht, eine Herrschaftsschicht darstellten, durchaus als des slawischen Dialektes mächtig vorgestellt werden dürfen, und wahrscheinlich auch in dieser Sprache verhandelt haben, als lingua franca Osteuropas. Korth Argument ist also hinfällig, bzw. kein Argument.
At litus australe Sclavi et Aisti et aliae diversae incolunt nationes

Hier scheint es allerdings so, daß Einhard mit Sclavi die Slawen meint, sonst hätte er die anderen Nationen nicht erwähnt, wenn er mit sclavi potentielle Kriegsbeute bzw. Heiden gemeint hätte.

Daß all die genannten Völker in den Augen der herrschenden fränkischen Familien durchaus als zukünftige willkommene Kriegsbeute (sclavi) gesehen wurden, mag das Changieren des Wortes zwischen den unterschiedlichen Begriffen nur zu unterstreichen. Hingewiesen werden soll noch auf die ideengeschichtlichen Arbeiten H. Waldmanns, der sowohl die judenchristliche Herkunft als auch das ebensolche Bewusstsein der Merowinger und Karolinger betrachtet, welches sich etwa in der Distanz zu Rom und der Taufe mit Jordanwasser und der Stellung zum hier bedeutsamen "Sklavenhandel", deutlich macht, der "Christen" verboten war.

Eigentlich eine ganz normale Wortgeschichte. Die slawische Eigenbezeichnung Slawe gerät bei Konflikten in eine andere Sprache und in die Nähe des westlichen Worten Sklave wird wegen der semantischen Gravitation mit diesem gelehrtenetymologisch verwechselt.
Quaestor sum, quaerere quaerique possum ...
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