Kollektivschuld II

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Kollektivschuld II

Beitragvon sinemetu » Fr 20. Sep 2019, 12:17

Es gibt einiges, für das ich mich als Deutsche schäme. Auch wenn es vor meiner Geburt geschehen ist. Vor allem für die NS-Kriegsverbrechen, für Verfolgung und Massenmord von Millionen Menschen. Kollektivschuld lässt sich für mich nicht wegdiskutieren, höchstens vielleicht produktiv wenden: in demutsvolle Erinnerungsarbeit, in politische Sensibilität – damit so etwas nie wieder geschieht etc. Es gibt aber auch einiges, auf das ich als Deutsche stolz bin. Auch wenn es vor meiner Geburt geschehen ist. Dazu gehört das Grundgesetz. Welch eine Leistung der Mütter und Väter der Bundesrepublik. Welch ein Bollwerk der Rechtsstaatlichkeit, welch ein Erfolgsmodell der Demokratie. Eine seiner ganz besonderen Leistungen ist die Kodifizierung zentraler Grundrechte. Eine solche Kodifizierung, vor allem des Rechts auf Meinungsfreiheit, wurde 1849 in der Paulskirchenverfassung schon einmal versucht, bekanntlich ohne nachhaltigen Erfolg.


Ich möchte noch einmal auf dieses, - Wie soll ich es nennen? - sagen wir mal, auf den Absatz eingehen. Wenn ich es einer Literaturgattung zuordnen sollte, würde ich auf confessio tippen. Es ist der Anfang eines Essays, geschrieben von einem, der gerade seine erste kognitive Dissonanz mit dem "System" hat in Bezug auf Meinungsfreiheit. Und er stellt diese Konfession seinem Versuch voran, damit auch ja niemand auch nur im Hinterkopf den Gedanken erwäge, es eventuelle mit einem der "Bösen" zu tun zu haben.

Soweit, so gut! Ich stehe mit der Kollektivschuld auf Hader! Und zwar folgendermaßen: Jeder von uns - oder sagte wir mal, die meisten haben schon etwas verbockt. Damit meine ich jetzt nicht die Schwere einer Straftat, sondern einfach was nicht gut gemacht, von dem man sich später selber sagt: Das war nicht gut! Das hätt ich anders machen müssen. etc. etc. Also eine echte Schuld. Die Einsicht bei einer Schuld, daß es eine Schuld ist, wird ja dadurch erheblich erleichtert, daß man selber der Täter ist.
Und eine eingesehene Schuld verursacht Scham. Scham ist nicht bloß so ein Gefühl, das man so behaupten kann, man habe es. Scham ist ein echtes Gefühl mit körperlichen Reaktionen. Vielleicht kann ein guter Schauspieler echte Scham an seinem Körper hervorrufen, zu. b. das Erröten. Auf jeden Fall gilt für den Schämer, daß er die Ursache seiner Scham nicht erwähnt haben möchte. Wenn wir nun aber auf jemanden treffen, der Hinz und Kunz und andauernd erzählt, was er verbockt hat so in seinem Leben, würden wir uns dann nicht an die Stirn tippen und fragen, ob der noch alle Tassen im Schrank hat?

Was ist nun aber so ein Bekenntnis wert, indem jemand bekennt: "Es gibt einiges, für das ich mich als Deutscher schäme." Warum schämt er sich nicht als Weltbürger, oder einfach bloß als Mensch? Warum gibt er vor, sich als Deutscher zu schämen? Wo ist die Scham konkret? Warum identifiziert er sich öffentlich mit Dingen, die er nicht begangen? Nur um sagen zu können: Ich schäme mich?
Niemand, der nicht ganz bei Troste ist, identifiziert sich mit Verbrechen, ganz gleich welcher Art. Tut es aber jemand, besteht da nicht direkter Anlass, an dessen Verstand zu zweifeln. Und dann auch noch dies scheinheilige: "Auch wenn es vor meiner Geburt geschehen ist" Dieser Satz ist dann die heimliche Selbstexculpation. Und dann wird richtig aufgetischt: "Vor allem für die NS-Kriegsverbrechen, für Verfolgung und Massenmord von Millionen Menschen." Millionen müssen es mindestens sein, es kostet ja nichts! Niemand auf der Welt identifiziert sich mit NS-Verbrechen, mit Kriegsverbrechen, mit Massenmord oder Verfolgung. Seinen Standpunkt "Kollektivschuld lässt sich nicht wegdiskutieren." - weichte er auf, indem er ein einschränkendes "für mich" anfügt. Allerdings, seine Hoffnung, daß man sie "produktiv umarbeiten" kann in "demutsvolle Erinnerung" setzt voraus, daß es sie gibt, und mit Geben meine ich wirkliche Existenz, nicht scheinbare. Das ist nicht dieselbe Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Meine Gewissheit ist: Es gibt sie gar nicht, die Kollektivschuld! Und was es nicht gibt, kann nicht positiv gewendet werden. Was es allerdings gibt, und das ist uralt: Kollektivschuldzuschreibung!

Genau dazu im Gegensatz verkündet er, stolz auf das Grundgesetz zu sei. Auch hierauf ist er wieder "als Deutscher". Und das in einer Zeit, wo das Grundgesetz unter der Ägide gewisser Regierende partiell mit Füssen getreten wird. Deswegen schreibt er ja seinen Artikel. Hat er am Grundgesetz mitgeschrieben? Ich persönlich habe immer nur Stolz empfunden, für Dinge, die ich geleistet. Also Stolz ist genauso, wie Schuld, immer an persönliche Aktivität gebunden. Alles andre ist Hypermoral! und damit Einbildung! Warum sollte ich stolz sein, geboren zu sein, von wem auch immer. Ich kann nichts dafür!
Zuletzt geändert von sinemetu am So 22. Sep 2019, 15:13, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon Willimox » Fr 20. Sep 2019, 16:33

(1) Schulddiskussion

Vielleicht doch noch mal den Literaturhinweisen bei "Kollektivschuld" Aufmerksamkeit schenken?
Sei es Wiki, sei es (besser) Heidrun Kämper:

https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/3362/file/K%c3%a4mper-Die_Schuldfrage_von_Karl_Jaspers-2007.pdf

https://books.google.de/books?id=WAO3ZAvVThgC&pg=PP1#v=onepage&q&f=false

(2) Tote Fische töter machen? :chefren:

Sonst - in deinem Haudraufstil - wird die Diskussion ein recht toter Fisch und immer töter. Und die Standseilbahn mit ihren Ortsadverbien mag dann auch nicht mehr weiter transportieren.

https://www.youtube.com/watch?v=cwjMR2zJKKY

Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser,
den mach ma hi, den mach ma hi.
Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser,
den mach ma hi, den mach ma hi.
Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser,
den mach ma hi, den mach ma hi.
Schau hi, da liegt a toter Fisch im Wasser,

den mach ma hi, den mach ma hi.
Mare, Mare, den Fisch, den mach ma hi.
Mare, Mare, den Fisch, den mach ma hi.

Den mach ma hi, den mach ma hi,
den mach ma hi, den mach ma hi.
den toten Fisch den mach ma hi.


(3) Funicula und lis funeralis :P

https://www.youtube.com/watch?v=VnAdbp8peTg

Das Wortspiel funiculì, funiculà aus funiculare 'Standseilbahn' und aus den Ortsadverbien lì 'da' und là 'dort' bedeutet in etwa: „Seilbahn da, Seilbahn dort“, „Seilbahn oben, Seilbahn unten“ oder „Seilbahn rauf, Seilbahn runter“. Der Text (in neapolitanischer Mundart) besteht aus einem Werbeappell des Sängers an seine Giovanna, mit der Standseilbahn die Spitze des Vesuvs zu besuchen, die weite Aussicht, bis nach Frankreich und Spanien, zu genießen und ihn zu heiraten. Er lautet im Original:

Aieressera, oì Nanninè, me ne sagliette,
tu saie addò tu saie addò
Addò ’stu core ’ngrato cchiù dispietto
Farme nun pò!
Addò lo fuoco coce, ma si fuie
te lassa sta!
E nun te corre appriesso, nun te struie
sulo a guardà.
Jamme, jamme ’ncoppa, jamme jà,
funiculì, funiculà!

Nè, jamme da la terra a la montagna! no passo nc’è!
Se vede Francia, Proceta e la Spagna …
Io veco a tte!
Tirato co la fune, diritto ’nfatto,
’ncielo se va.
Se va comm’ ’à lu viento a l’intrasatto, guè, saglie sà!
Jamme, jamme ’ncoppa, jamme jà,
funiculì, funiculà!

Se n’ ’è sagliuta, oì Nè, se n’ ’è sagliuta, la capa già!
È gghiuta, pò è turnata, pò è venuta,
sta sempe ccà!
La capa vota, vota, attuorno, attuorno,
attuorno a tte!
Sto core canta sempe
nu taluorno
Sposamme, oì Nè!

:chefren:
Jamme, jamme ’ncoppa, jamme jà,
funiculì, funiculà!
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon medicus » Fr 20. Sep 2019, 18:09

Würde bei dieser Frage der Ausdruck "fremdschämen" greifen?
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon sinemetu » Fr 20. Sep 2019, 18:14

medicus hat geschrieben:Würde bei dieser Frage der Ausdruck "fremdschämen" greifen?

hab auch dran gedacht. Soll wohl heißen, ich schäme mich statt eines anderen, der sich schämen müßte. Deutschland, die Nation der Fremdschämer - wohl eher fragwürdig. Wer hat das Wort eigentlich erfunden. alt ist es wohl noch nicht. Aber ich bestreite, daß Fremdscham echte Scham ist.

Ngram Viewer kennt das Wort fremdschämen nicht.
DWDS:
„fremdschämen“ ist nicht in unseren gegenwartssprachlichen lexikalischen Quellen vorhanden.

Nach 2000 kam das Wort laut DWDS. Es gibt dorten auch keine Semantik. Was bedeutet eigentlich "fremdschämend"?
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon medicus » Fr 20. Sep 2019, 20:20

sinemetu hat geschrieben: Was bedeutet eigentlich "fremdschämend"?

Hinter dem Phänomen »fremdschämen« steht ein Einfühlungsprozess, in dem eine Person A sich an Stelle einer anderen Person B schämt. Person B ist sich der schämenswerten Situation nicht bewusst, Person A aber durchaus. Aus dieser peinlichen Berührtheit für die Situation, in der Person B sich unwissend befindet, schämt sich Person A also stellvertretend für diese.
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon sinemetu » Fr 20. Sep 2019, 20:31

Situation Fremdschämen:
Also: A, B und C befinden sich in einem Raum im Gespräch. Plötzlich fangt A an, intim-sexuelle an B über die Maßen rumzuknabbern. C verläßt fremdschämend den Raum ...

Seh ich das richtig?
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon medicus » Fr 20. Sep 2019, 21:58

Du siehst das teilweise richtig, denn C kann auch den Raum verlassen haben, um die beiden bei ihrem Treiben nicht zu stören. :shock:

Ein besseres Beispiel:
Ein allseits geschätzter Mann hält eine Rede. Er merkt nicht, dass ihm seine Perücke verrutscht. Die Zuhörer im Saal schämen sich fremd wegen der Peinlichkeit, die der Redner selbst nicht bemerkt.
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon sinemetu » Fr 20. Sep 2019, 22:14

Trotzdem ist die Bildung bemerkenswert. Ich kannte bisher nur fremdgehen. Nun tritt fremdschämen hinzu. Vielleicht ist es eine Lehnübersetzung?
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon medicus » Sa 21. Sep 2019, 00:03

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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon sinemetu » Sa 21. Sep 2019, 08:06

Sahen die Probanden Zeichnungen von Menschen in peinlichen Situationen, dann waren die gleichen Bereiche im Gehirn aktiv wie jene, die bei der Beobachtung körperlicher Schmerzen anspringen. Fremdschämen tut also tatsächlich weh.

Pieta und Schmerzensmann - hier liegt die Ursache der Züchtung dieses Gefühls. Man sollte untersuchen, eb es im Hinduismus etwa dieses Gefühl auch gibt. Ich bezweifle es. Allerdings ist zumindest die Entwicklung des Gesundheitswesens dann diesem Gefühl zu verdanken.

Da liegt die Vermutung nahe, dass die Fremdscham Frauen häufiger trifft – schließlich ist seit Langem bekannt, dass sie bei der Ausprägung des Mitgefühls den Männern ein Stück voraus sind. „Fremdschämen ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern“, bestätigt Sabrina Eimler, Mitarbeiterin des Fachgebiets Sozialpsychologie mit dem Schwerpunkt Medien und Kommunikation an der Universität Duisburg-Essen.


Das die Mystik vor allem ein Geschäft des weiblichen Geschlechts war und ist, ist ja bekannt. Das hat wahrscheinlich auch evolutionäre Gründe. Ein Krieger, der in der Schlacht - ich meine damit wirklich Schlacht, also mit Schwert und Schild und Körpereinsatz - sich anfängt, um die Niedergehauenen zu kümmern, wird wohl schwerlich überlebt haben.

Vielleicht setzen Männer dieses Gefühl anders um, etwa in Artikel schreiben...?
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon marcus03 » Sa 21. Sep 2019, 08:29

sinemetu hat geschrieben:Das die Mystik vor allem ein Geschäft des weiblichen Geschlechts war und ist,

Nicht unbedingt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Mystikern
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon medicus » Sa 21. Sep 2019, 08:54

...und ist nicht sinemetu noster auch bisweilen ein Mystiker? :geist:
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Re: Kollektivschuld II

Beitragvon marcus03 » Sa 21. Sep 2019, 09:04

medicus hat geschrieben:.und ist nicht sinemetu noster auch bisweilen ein Mystiker

Puto eum Heraclitum esse redivivum. Interdum quidem ille "obscurus" clarius et distictius locutus esse videtur nostro omni timore vacuo. ;-)
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