Zerebrale Eigenmächtigkeiten beim Lesen

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Zerebrale Eigenmächtigkeiten beim Lesen

Beitragvon sinemetu » Do 3. Okt 2019, 14:39

Sieht man in der deutschen Wikipedia unter dem Lemma Archaeopteryx nach, erhält man ein rhizologisch korrekte Herleitung: „Archaeopteryx (aus altgriechisch ἀρχαῖος archaîos „uralt“ und πτέρυξ ptéryx „Flügel, Schwingen, Feder“, Aussprache: Archeo-ptéryx; sinngemäß „uralte Schwinge“ oder „Urschwinge““ Ruft man im deutschen Wiktionary denselben Namen auf, erhält man verschieden Daten unter anderem die Aussprache. Man hört Archä-opterix. So spricht man das Wort in Deutschland überall aus, an Universitäten und Schulen. Das ist aber eigentlich falsch. Diese falsche Aussprache kommt auch in der dortigen IPA-Umschrift zum Tragen, und bei der Silbentrennung. Die Beispiele lauten: Ar-chae-o-p-te-ryx. Der gebildete Deutsche spricht in der Regel das Wort Archäologe richtig aus. Ist er nicht ganz so gebildet, spricht er Archologe. Das ä am Ende von Archä wird weggeschliffen. Ich will damit nur zeigen, daß das altgriechische Wort Archäo- als Bestandteil eines Kompositums im Deutschen durchaus bekannt ist und sprachlich aktiv. Man spricht es aber bei Archeo-pteryx nicht, sondern man trennt das End o vom Wort Archäo ab, und zieht es zum nächsten Wort.
Siehe und hör: https://de.wiktionary.org/wiki/Datei:De ... pteryx.ogg
Warum passiert das? Wenn sie einen Menschen bitten, per Klatschen das inkriminierte Wort in Silben zu zerlegen, wird es so machen: Ar-chä-op-ter-ryx. Er wird also das bei Wiktionary getrennte o von Archäo und das p von pter zusammenziehen. Der Trennungsstrich zwischen o und p bei Wiktionary ist nämlich nur rhizologisch begründet, der Konsonant p allein kann keine Silbe bilden.
Jede Sprache hat, genau, wie einen ganz bestimmten Lautschatz, auch einen Silbenschatz. Und im Silbenschatz der deutschen Sprache gibt es das tonlose pt nicht. Das heißt nicht, daß es die deutsche Zunge nicht bilden könnte, wenn sie sich anstrengt, es heißt nur, der Laut wird momentan nicht gebraucht.
Bekannt ist dem deutschen Ohr aber durchaus die Silbe opt-, aus selteneren Wörter, wie Option (HK 10) und Optiker (HK 15). Und nach solchen bekannten Silben greift das Auge beim Lesen! Unser Lesen ist ja kein Buchstabieren, unser Hirn erkennt ganze Wörter und Silben, und greift nur im allergrößten Notfall auf die viel zu langsame Methode Buchstabieren zurück. Die Silbe opt kennt das Deutsche und hat mangels Bedeutung keine Schwierigkeit, das griechische Archä zu beschneiden. Daß es mit der Silbe opt noch keine Semantik verbinden kann, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, das Hirn kann das Wort lesen und durch den Mund sprechen lassen. Die assoziative Präsenz greift vor dem vernünftigen Denken.

Etwas Ähnliches erleben wir beim Wort Helikopter, das sich rhizologisch korrekt zusammensetzt aus griechisch ἕλιξ hélix „Windung, Spirale, Schraube“ und πτέρον ptéron „Flügel“. Auch hier kriegen wir von Wiktionary die künstliche Silbentrennung: He·li·ko·p·ter, In Wirklichkeit trennt die deutsche Sprache He-li-kop-ter, weil sie, wie oben erwähnt, die Silbe pter nicht kennt. Die Folge davon ist, sie akzeptiert die Komposita Quadrokopter und Gyrokopter ungeachtet jeder rhizologischen Korrektheit. Die Silbe ko wird vollkommen unmotiviert mitgeschleppt und mit dem p vor ter verbunden, weil unser Hirn sie so kennt, und sie sich gut spricht für Deutsche und nicht, weil sie irgendeine Semantik hergäbe.
Quaestor sum, quaerere quaerique possum ...
sinemetu
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