Wer setzte sich? Er setzte sich. AUERHAUS.

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Wer setzte sich? Er setzte sich. AUERHAUS.

Beitragvon Willimox » Fr 6. Dez 2019, 12:12

Manche Bücher haben die Kraft eines Liedes. Mir scheint, Bov Bjergs "Auerhaus" ist so ein Buch. Es funkelt in der Nacht.

Sechs Freunde versprechen einander: Ihr Leben soll nicht in Ordnern mit der Aufschrift Geburt, Schule, Arbeit, Tod abzulegen sein. Deshalb ziehen sie gemeinsam ins Auerhaus. Eine Schüler-WG auf dem Dorf. Nicht einfach, so ein Leben. Noch schwieriger: Sie wollen ihren besten Freund Frieder mittragen. Denn der ist sich nicht so sicher, warum er überhaupt leben soll.

Seit Donnerstag 5.12.die Verfilmung im Kino.

(1) :chefren: :chefren: Lied :chefren:

Hier das Lied. Die Dorfbewohner hören es und das Haus der WG hat seinen Namen weg:

Our House (Lied von Madness)

Father wears his Sunday best
Mother's tired, she needs a rest
The kids are playing up downstairs
Sister's sighing in her sleep (ah)
Brother's got a date to keep, he can't hang around

Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our
Our house, it has a crowd

There's always something happening
And it's usually quite loud
Our mum she's so house-proud
Nothing ever slows her down and a mess is not allowed

Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our
Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our (something tells you that you've got to move away from it)

Father gets up late for work
Mother has to iron his shirt
Then she sends the kids to school
Sees them off with a small kiss (ah)
She's the one they're going to miss in lots of ways

Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our

I remember way back then when everything was true and when
We would have such a very good time, such a fine time
Such a happy time
And I remember how we'd play, simply waste the day away
Then we'd say nothing would come between us
Two dreamers
Father wears his Sunday best
Mother's tired, she needs a rest
The kids are playing up downstairs
Sister's sighing in her sleep
Brother's got a date to keep, he can't hang around

Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our
Our house, was our castle and our keep
Our house, in the middle of our street
Our house, that was where we used to sleep
Our house, in the middle of our street
Our house, in the middle of our street, our house

https://www.youtube.com/watch?v=WYZ8aJmI040

Bild
(Kino Isabella in München)

(2) Romanauszug:

Dann stand Frieder am anderen Ende des Raumes, am Gang zu den Zimmern. Im Schlafanzug. Er kam langsam auf mich zu, ganz steif, die Arme hingen schwer an den Seiten runter, die Hausschuhe schleiften über den Boden. Sie haben ihm einen Stock in den Arsch geschoben, dachte ich. Einen Stock bis hoch ins Hirn.

Das war der Bär, das war übrig von dem Bären, mit dem jeder gern aufs Schützenfest ging und zur Maifeier, weil sein Anblick jeden, der Ärger suchte, sofort beruhigte. Er setzte sich. Das sah so ungelenk aus, als wären »er« und »sich« zwei verschiedene Personen. Wer setzte sich? Er setzte sich. Wen setzte er? Sich setzte er. Ich legte den Unterarm auf der Lehne ab. »Hallo«, sagte ich. »Wie geht’s?« Frieder guckte geradeaus und sagte langsam: »Super. Sieht man das nicht?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. In den amerikanischen Filmen sagten die Leute immer, wenn die Gesprächspausen peinlich wurden: »Willst du was trinken?« Dann ging einer an die Hausbar, warf Eiswürfel in Gläser und kippte Whiskey hinterher.

Auf dem Fensterbrett stand eine Plastikkanne mit einer hellroten Brühe. Vermutlich Früchtetee. Ich sagte: »Willst du was trinken?« Ich goss einen Becher voll und guckte raus. Ich sagte: »Eiswürfel gibt’s hier nicht, oder?« Das Fenster war außen vergittert mit dicken weißlackierten Stäben. Ich traute mich nicht, Frieder nach dem Grund zu fragen. Wir hatten ihn immer damit aufgezogen, dass seine Eltern Bauern waren. Wenn er vor der Schule zuhause geholfen hatte, roch er nach Kuhstall. Außer den Lehrern nannte ihn niemand beim Namen. Alle nannten ihn bloß »der Bauer«. War das ein Grund, sich umzubringen?

Frieder hörte auf den Namen, und wenn er mich mal zuhause anrief, sagte er sogar selbst: »Hallo, hier ist der Bauer.« Welcher Grund, sich umzubringen, war »hinreichend«, hatte Doktor Turnschuh heute Morgen gefragt. Die große Schwester von Lothar war bei Nacht in den Wald gegangen vor ein paar Jahren und hatte sich aufgehängt. Aber die war schwanger, hieß es hinterher. Ziemlich paradoxer Grund, sich umzubringen. Sie hatte ein paar Kerzen mitgenommen. Als man sie fand, sollen die Kerzen noch gebrannt haben. Sie wurde nicht mal achtzehn. Nicht achtzehn zu werden, war scheiße. Wenn man nicht achtzehn wurde, war alles umsonst.

Bov Bjerg: Auerhaus. Berlin. Aufbau 2018, (s. 26-28).


Bild

https://www.youtube.com/watch?v=Z2mNqMNniMA

(3) :chefren:

Für junge Leute und ihre Deutschlehrer von hohem Liebhaberwert.
Auch wenn Kritiker manches eher bedenklich finden.

valete
Thras.
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