Frage an Mystika

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Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » Mi 23. Sep 2020, 10:54

Mein Herr und mein Gott
Johannes 20, 28
Ungeachtet der Tatsache, dass hier in der griech. Überlieferung Kurios und Theos steht, welches Wort wird Thomas originalsprachlich für das Abstraktum Gott benutzt haben?

Wenn eine Sache einzigartig ist, wie kann es dann ein Abstraktum geben?
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon mystica » Do 24. Sep 2020, 12:31

sinemetu hat geschrieben:
Mein Herr und mein Gott
Johannes 20, 28
Ungeachtet der Tatsache, dass hier in der griech. Überlieferung Kurios und Theos steht, welches Wort wird Thomas originalsprachlich für das Abstraktum Gott benutzt haben?

Wenn eine Sache einzigartig ist, wie kann es dann ein Abstraktum geben?


Salve optime Sinemetu!

Kyrios (Κύριος) und theos (θεός)

Der Heilige Thomas von Aquin bezeichnet Gott im Allgemeinen mit dem lateinischen Wort – Deus.

Aber im philosophischen Kontext spricht Thomas Aquin von Gott als "esse ipsum subsistens", d.h. Gott sei "Sein selbst" oder "in sich selbst, d.h. er ruht in seinem Sein." Denn genügt Gott sich selbst und bedarf dazu kein anderes Seiendes. Gott selbst nämlich ist die "Fülle seines Seins". Das "esse ipsum subsistens" wäre somit nach der Lehre des Aquinaten der adäquate philosophische Ausdruck für Gott.

In der berühmten Summa Theologiae des Heiligen Thomas von Aquin lesen wir im Traktat über die Namen Gottes - De nominibus Dei - folgendes:

"hoc nomen qui est magis proprium nomen Dei quam hoc nomen Deus, quantum ad id a quo imponitur, scilicet ab esse, et quantum ad modum significandi et consignificandi, ut dictum est. Sed quantum ad id ad quod imponitur nomen ad significandum, est magis proprium hoc nomen Deus, quod imponitur ad significandum naturam divinam. Et adhuc magis proprium nomen est tetragrammaton, quod est impositum ad significandam ipsam Dei substantiam incommunicabilem, et, ut sic liceat loqui, singularem." (Cf. STh, I. q.13, a.11)


So lehrt uns der Heilige Thomas, dass das Tetragrammaton (hebr. יהוה ) der wahre Eigenname Gottes sei, welcher das unaussprechliche Wesen Gottes selbst bezeichnet. Der Name Deus sei mehr ein Eigenname als theologischer Begriff für die Bezeichnung seiner göttliche Natur.

Du fragst, wie könne etwas Einzigartiges ein Abstraktum sein?

Dies ist eine philosophisch höchst interessante Frage. Ein Abstraktum wäre per definitionem Abstraktion durch Begriffsbildung, Verallgemeinerung, was aber auch bedeutet, von etwas oder von vielem abzusehen. Mensch ist eine Abstraktion, da es den Menschen nicht gibt, sondern nur konkrete Menschen.

Jeder Mensch ist einzigartig und Dein Einwand scheint mir mit Adorno gerechtfertigt zu sein, dass das Denken in Begriffe immer schon eine "Vergewaltigung des Gegenstandes" sei, weil im Begriff wird die Individualität zugunsten eines Allgemeinen aufgehoben. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von der "negativen Dialektik", d.h. das konsequente Bewusstsein von Nichtidentität, die es unbedingt zu wahren gelte. Negative Dialektik richtet sich vor allem gegen Hegels spekulative Dialektik, die behauptet, dass sich im Allgemeinen das Besondere konkret verwirklichen würde. (In Hegels Philosophie ist bekanntlich die Welt auf den Kopf gestellt. Denn die Begriffe "abstrakt" und "konkret" sind hier nicht nach der Bedeutung des allgemeinen Menschenverstandes verwendet. "Konkret" bedeutet bei Hegel etwas zusammenziehen, um das Ganze in den Blick zu bekommen. Das "Abstrakte" ist bei Hegel leer, weil man nicht auf den Zusammenhang des Ganzen achtet, wo es seinen wahren Stellenwert erhält. Darum lehrt uns Hegel auch, dass "das Wahre das Ganze sei." Adorno lehrt hingegen, dass das Ganze das Unwahre sei.) Es ist der berühmte Satz der Identität der Identität und Nichtidentität bei Hegel, den Adorno m. E. aus gutem Grund kritisiert, weil er dem Individuellen als Individuelles nicht gerecht wird. Denn ein Denken in Begriffen sei immer schon ein "Herrschaftsakt bzw. ein Akt der Gewalt", der alles unter einem Allgemeinen subsumiert und kann dadurch dem Anderen in seinem Anderssein niemals gerecht werden. Adorno ist sich darüber natürlich bewusst, dass sich Denken in Begriffen immer vollzieht und deswegen gerät sein Denken der negativen Dialektik selbst in Aporien des Denkens. Aus diesem Grund fordert Adorno, dass negative Dialektik in letzter Konsequenz noch gegen sich selbst andenken müsse. Philosophie aber steht unentrinnbar im Bann des Logos und hat sich bei aller Kritik am Logozentrismus der abendländischen Philosophie (Metaphysik) vor der Vernunft zu rechtfertigen. Denn wer gegen Philosophie spricht, der philosophiert noch!

Theologisch gesprochen bedeutet das, dass der Mensch, der im Ebenbild Gottes (Gen 1, 26; 5,1; 9,6) geschaffen wurde, sich selbst immer ein unaussprechliches Geheimnis bleibt und dies noch mehr in der Begegnung mit anderen Menschen, die uns noch viel schlechter beurteilen können. Denn wir können niemals uns selbst als Menschen adäquat vollends aussagen, d.h. auf den Begriff bringen, ohne dabei nolens volens unsere einzigartige Individualität zu negieren. Der Mensch ist somit ein Wesen der Transzendenz, d.h. er überschreitet im Denken stets sich selbst und bleibt sich letztlich dennoch ein unauflösliches Geheimnis, welches als Chiffre der "Transzendenz Gottes" gedeutet werden könnte. Denn Gott selbst ist ein unaussprechliches Geheimnis. In diesem Sinne leuchtet das Ebenbild Gottes in unserem geheimnisvollen Menschsein auf. Denn auf diese Weise erfahren wir uns selbst in Gott verborgen, was als die biblische Ebenbildlichkeit Gottes verstanden werden könnte.

Gott aber sei nicht ein höchstes Seiendes (summum ens), wie es die abendländische Metaphysik bedachte, sondern Gott ist im Monotheismus Person. Heidegger hatte dies m. E. richtig gelehrt, dass man die "causa sui" der Philosophen nicht anbeten oder vor ihr im Lobpreis Gottes tanzen könne. Ja, Heidegger sprach sich bekanntlich entschieden gegen die "Onto-Theo-Logie" aus, weil das Sein kein Gott sei, sondern eher tautologisch zu verstehen wäre, weil das Sein, einfach es selbst sei.(Vgl. Heidegger, Martin (Pfullingen (Neske) 1957: Die onto-theo-logische Verfassung der Metaphysik, in: ders.: Identität und Differenz, 70-71 )

Der französische katholische Theologe Jean-Luc Marion versucht, als postmoderner Denker, Gott ohne Sein anzudenken. Denn wenn Gott als absolute Transzendenz gedacht werde, dann ist auch jeglicher Seinshorizont zu überschreiten. Gott selbst sei die Liebe schlechthin – Deus caritas est! Denn auch die Liebe selbst ist eine Erfahrung von Transzendenz, die den anderen nicht zu vereinnahmen sucht, sondern ihn vielmehr in seinem Anderssein annimmt, ohne ihn dabei verändern zu wollen.

Auch das innertrinitarische Geheimnis Gottes ist durch die Liebe gekennzeichnet, die sich in den drei verschiedenen Personen des wesensgleichen einen Gottes ausdrückt, so dass der Vater den Sohn zeugte, der Sohn sich als Unterpfand der Erlösung darbrachte und schließlich, dass aus dem Vater und dem Sohn der Heilige Geist hervortrat, der das Band der Liebe zwischen Vater und Sohn ist. Durch Christus aber sind wir selbst in den innertrinitarischen Prozess der Liebe Gottes hinein genommen worden, um an der Liebe Gottes, des ewigen Vaters, seines eingeborenen geliebten Sohnes und des Heiligen Geistes zu partizipieren.

Ich hoffe, dass Dir diese philosophisch-theologischen Gedanken zum Gottesbegriff bei Thomas Aquin und zur philosophischen Klärung der Problematik von Einzigartigkeit und Abstraktion etwas weitergeholfen haben…

Vale! Mystica ;-)
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon Sapientius » Fr 25. Sep 2020, 17:38

... Dein Einwand scheint mir mit Adorno gerechtfertigt zu sein, dass das Denken in Begriffe immer schon eine "Vergewaltigung des Gegenstandes" sei, weil im Begriff wird die Individualität zugunsten eines Allgemeinen aufgehoben. A


Liebe Mysica,

"aufgehoben", ja, aber im hegelschen Sinne aufgehoben, denn er sieht darin die Doppelbedeutung von aufheben, nämlich einmal "außer Kraft setzen", dann aber auch "bewahren, für später zurücklegen". Hegel hat in einer viel beachteten Anmerkung darauf hingewiesen.
"Vergewaltigung des Individuellen" ist ganz unpassend für Hegel, er sieht ja im Individuellen das Heraustreten der Idee aus sich selbst in ihr Anderes hinein, er bewegt sich in der neuplatonischen Tradition, die einen integrativen Denkstil pflegt, die Gegensätze verbindet; während Adorno, in der Strömung des Positivismus und Immanentismus das Trennende hervorhebt.
Mich wundert es etwas, dass du soviel Positives an Adorno findest, wo er doch ein militanter Vorkämpfer der nztl. Aufklärung mit ihrer Ablehnung der Metaphysik im ganzen ist, vgl. "Der Jargon der Eigentlichkeit", gegen Heidegger, aber zugleich die ganze Tradition.

Adorno hat Verdienste, er hat Hegel einem breiteren Publikum zugänglich zu machen versucht, und er gehörte der 68er-Bewegung an, scheiterte dabei aber, vgl. die "Busenattacke", eine Art Vorspiel von "Me too", und dann starb er bald.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » Fr 25. Sep 2020, 21:13

mystica hat geschrieben:
sinemetu hat geschrieben:
Mein Herr und mein Gott
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Ungeachtet der Tatsache, dass hier in der griech. Überlieferung Kurios und Theos steht, welches Wort wird Thomas originalsprachlich für das Abstraktum Gott benutzt haben? Wenn eine Sache einzigartig ist, wie kann es dann ein Abstraktum geben?


(In Hegels Philosophie ist bekanntlich die Welt auf den Kopf gestellt. Denn die Begriffe "abstrakt" und "konkret" sind hier nicht nach der Bedeutung des allgemeinen Menschenverstandes verwendet. "Konkret" bedeutet bei Hegel etwas zusammenziehen, um das Ganze in den Blick zu bekommen. Das "Abstrakte" ist bei Hegel leer, weil man nicht auf den Zusammenhang des Ganzen achtet, wo es seinen wahren Stellenwert erhält. Darum lehrt uns Hegel auch, dass "das Wahre das Ganze sei." Adorno lehrt hingegen, dass das Ganze das Unwahre sei.)


Salve Metaphysika!

Du hast Dir viel Mühe gegeben. Danke! Diese spezielle hegelsche Prägung der Begriffe konkret und abstrakt kannte ich noch nicht. Ich kann so schon nicht konkret aus concrescere nachdenken. Das müßte irgendwo mal deutlicher dargelegt werden, damit man das nachdenken kann. Ist dabei der Platonische Idealismus im Hintergrund am Wirken, daß das Abstraktum die Idee, und das mit der Materie "Zusammengewachsene" das Konkrete?

Meine eigentliche Frage ging allerdings auf den originalsprachlichen Wort und den dahinterstehenden Begriff, den Thomas, er sprach wohl aramäisch, da gegenüber Jesu wird gebraucht haben. Denn Gott ist bei uns Abstraktion. Ist das Wort aber im Aramäischen Abstraktion? Hat er etwa das Tetragrammaton gesprochen, daß doch einem frommen Mosaiken ineffabilis ist? Und dies ist doch kein Abstraktum, oder?
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon marcus03 » Sa 26. Sep 2020, 05:54

Das Tetragramm ist ein komplexes und hoch kompliziertes Theologumenon:
https://de.wikipedia.org/wiki/JHWH

Mit dem Begriff wurde viel Eisegese betrieben v.a. in Bereich der Homiletik.
Der Gottesbegriff der Hebräer ist ein ganz anderer als der der griech. Philosophie.
Das ist schwer unter einen Hut zu kriegen. Der Hebräer "denkt anders" als der Grieche.
(Beispiel: der Begriff Ewigkeit)
https://de.wikipedia.org/wiki/Ewigkeit# ... Religionen
https://www.bibelwissenschaft.de/wibile ... 5d584db0c/
Manche bezeichnen die Gräzisierung des hebräischen Denkens als höchst problematisch
für das Christentum, ja sogar als "Sündenfall". Jesus dachte nicht platonisch.
Sonst hätte nicht für soviel Furore gesorgt.
Sie ist die Quelle der Dogmatisierung. Ohne sie gäbe es wohl keine Dogmen und die damit
verbundenen interreligiösen, z.T. grausamen Konflikte.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » Sa 26. Sep 2020, 08:59

marcus03 hat geschrieben:Sie - (die Graecisierung) - ist die Quelle der Dogmatisierung. Ohne sie gäbe es wohl keine Dogmen und die damit verbundenen interreligiösen, z.T. grausamen Konflikte.


Auch Semiten sind nur Menschen! Hast Du noch nie was von innerjüdischen und innerislamischen Konflikten gehört?

Ich habe von "Das Leben des Brian" in einem Trailer nur die Szene gesehen, wo Brian umringt wird und geschrien wird: "Er hat Jahwe gesagt!" Diese einzige Szene reicht recht eigentlich um obigen Gedanken von der dogmatogenen griechischen Sprache zu entkräften bzw. zu relativieren.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon marcus03 » Sa 26. Sep 2020, 09:46

Mir war das Getue um den Gottesnamen Jahwe immer suspekt.
Der Gott im AT ist ein merkwürdiges, widersprüchliches Wesen, von dem man nicht
so recht weiß, was man von ihm halten soll.
Nicht ganz ohne Grund hat Marcion das AT abgelehnt.
Auch wenn sich heute das Meiste historisch-kritisch erklären und reinigen lässt,
ein seltsames Buch bleibt das AT dennoch.
Als historische Quelle ist es nahezu wertlos, bleibt die kultur-historische und psychoanalytische Relevanz.
Der Weg vom Mythos zum Logos war ein beschwerlicher und blutiger, was kein Wunder ist.
Sind doch Religionen primär Legitimationsversuche für Machtansprüche, fragliche Weltanschauungen und - interpretationen und v.a. raffinierte Geschäftsmodelle ihrer Funktionäre.
vgl. z.B.
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Mann_ ... e_Religion
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon mystica » So 27. Sep 2020, 10:34

Salve optime Sapienti!

Der Clou aber bei Adornos negativer Dialektik ist es, dass er bewusst den letzten Schritt der Hegelianischen spekulativen Dialektik nicht vollzieht, d.h. Adorno verharrt in der Negation und weigert sich vehement, dass die Negation in ein höheres dialektisch vermitteltes konkret Allgemeines aufgehoben werde. Denn dadurch wäre der kritische Impetus negativer Dialektik gebrochen und würde unvermeidlich in Affirmation umschlagen.

Hegels spekulative Dialektik wirke nach Adorno immer affirmativ am Unrecht des Bestehenden. Es ist für Adorno die Vergötzung des preußischen Staates in der Rechtsphilosophie Hegels zu konstatieren, in der Hegel dreist behauptet, dass das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich sei. Der kritische Impetus aber soll nach Adorno unbedingt gewahrt bleiben. Adorno nämlich könne sich keinen Geist wahrhaft vorstellen, der nicht kritisch sei. Denn der Geist, so Adorno, bewege sich stets im Medium der Kritik. Dies ist bekanntlich auch das Grundmotiv der Kritischen Theorie, die die gesellschaftlichen Verhältnisse sozialen Unrechts schonungslos kritisiert, ohne dabei sagen zu wollen, wie denn eine positive Utopie einer vollkommenen Gesellschaft auszusehen habe. Denn eingedenk des Ideologieverdachts, der für die Vertreter der so genannten Frankfurter Schule, vor allem aus den traumatischen Erfahrungen totalitärer politischer Systeme im 2o. Jahrhunderts (Nazismus, Sowjetkommunismus und des kapitalistischen Imperialismus) resultiert, ist sich Adorno vollends bewusst, dass jede positive Utopie in totalitäres Denken jederzeit umschlagen könne.

Marx ist aber nicht ohne Hegel zu verstehen und aus diesen Gründen war eine kritische Hegellektüre notwendig geworden, um die theoretischen Grundlagen für den Neomarxismus zu schaffen. Es ging also Adorno dabei nicht, um eine Aktualisierung von Hegel, sondern vielmehr um eine revidierte Marx-Interpretation als materialistischen Dialektiker, die dringend notwendig geworden war, weil das Proletariat als revolutionäres Subjekt in der Geschichte ausgefallen ist. Denn die Verelendung der Massen hat nicht zur Revolution geführt, sondern sie wurde vielmehr von der Akkumulation des Kapitals absorbiert, so dass sich kein revolutionäres Bewusstsein in der Arbeiterklasse ausbilden konnte. Adorno hat in seinen berühmten philosophischen Seminaren an der Frankfurter Goethe Universität, Kant mit Hegel kritisiert und Hegel mit Kant. Dies sollte für die 68er Studentengeneration eine gründliche Hinführung zum dialektischen Denken werden.

Adorno war sicherlich kein "militanter Vorkämpfer der neuzeitlichen Aufklärung", wie Du es, lieber Sapientius, zu suggerieren versuchst, sondern eher einer ihrer schärfsten Kritiker, was in der "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno eindeutig dargelegt wurde, d.h. das Aufklärung, die einmal angetreten war, "den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien" (Kant), selbst in Barbarei umgeschlagen sei. In der "Negativen Dialektik" schreibt Adorno, dass alle Kultur nach Auschwitz Müll sei. Denn Auschwitz ist der Kulminationspunkt der technisch-instrumentelle Vernunft, die in Barbarei umgeschlagen ist.

Die Grundintention von Adornos negativer Dialektik ist bekanntlich das Nichtidentische, welches sich gerade nicht durch ein begriffliches Denken spekulativer Dialektik darstellen lasse. Das jüdische Bilderverbot ist für die Kritische Theorie grundlegend. In der Negativen Dialektik gibt es ein bemerkenswertes Kapitel, welches die Überschrift "Meditationen zur Metaphysik" trägt. Es ist zwar richtig, dass Adorno die klassische Metaphysik vehement kritisiert, aber er selbst bleibt dennoch nolens volens im Bann der Metaphysik, weil er mit seinem emphatischen Begriff des Nichtidentischen, welches sich gerade nicht durch ein begriffliches Denken spekulativer Dialektik darstellen lässt, unweigerlich in Aporien des begrifflich Denkens verfällt. Nur die mimetischen Kräfte der Kunst können im Begriffslosen ein Moment negativer Freiheit aufscheinen lassen.

Es gibt neuere Forschungsarbeiten über Adorno und Heidegger, die basierend auf den grundlegenden Arbeiten des Heidegger Schülers, Hermann Möhrchen, dezidiert darlegen, dass beide, Heidegger und Adorno, Kritiker der Moderne gewesen seien. Heidegger nämlich spricht von der allgemeinen Seinsvergessenheit, die zur planetarischen Herrschaft der Technik geführt habe und Adorno von der Logik des Zerfalls, welches in die die technisch-instrumentelle Vernunft führe, die in Auschwitz ihren absoluten Kulminationspunkt erreicht hat und in Barbarei umgeschlagen ist. Auch ist das Seinsdenken Heideggers und das Nichtidentische bei Adorno nicht mehr mit dem begrifflichen Instrumentarium der abendländischen Metaphysik einholbar.

Heidegger und Adorno waren letztlich m. E. Mystiker, die beide um das jüdische Bilderverbot Gottes zu kreisen scheinen, ohne sich vielleicht dessen immer vollends bewusst gewesen zu sein. Die Spuren des unbegreiflichen Gottes kann man in ihren philosophischen Texten entdecken, wenn man den Grundintentionen ihres Denkens konsequent folgt und sie nicht einfach nach einer bestimmten Schulphilosophie zu kategorisieren sucht, so dass man ihr Denken zwangsläufig immer verfehlen wird.

Ich hoffe, dass Du vielleicht nach diesen Bemerkungen besser verstehst, was mich als Thomistin an Adorno fasziniert. Denn auch der Heilige Thomas von Aquin war ein großer Mystiker, der am Ende seines Lebens nach einer tiefgreifenden Vision offen bekannte, dass alles was er geschrieben hatte, Stroh sei.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon mystica » So 27. Sep 2020, 12:27

Salve Sinemtu!

Thomas von Aquin konnte weder Hebräisch, Aramäisch noch Altgriechisch verstehen. Er studierte alle heiligen Texte in Latein.

Das Aramäische war die Umgangssprache zurzeit Jesu, aber über Gott und die göttlichen Dinge verwendeten die Israeliten nur die Heilige Sprache, nämlich das Hebräische.

Das Tetragrammaton ( יהוה ) ist keine reine Abstraktion, weil es auch Ausdruck einer religiösen Erfahrung des Volkes Israel mit Gott ist. Der Gott Israels hat sich dem Moses im Dornbusch und am Berg Sinai, dem ganzen Volk der Israeliten offenbart.

Das Tetragrammaton ( יהוה ) wurde nur am Jom Kippur vom Hohen Priester im Tempel von Jerusalem ausgesprochen. Der Name Gottes durfte nicht entweiht werden, so dass die Juden nicht wagten, den Namen Gottes auszusprechen, damit sie den heiligen Namen Gottes nicht entweihen, was ein schwere Sünde im Judentum ist. Das jüdischer Bilderverbot besagt auch, dass die Juden sich keinen Begriff von Gott machen sollen. Gott ist immer der ganz Andere, der sich nicht in Begriffe erfassen lässt.

Es ist vollkommen richtig, was schon Marcus03 ausgeführt hat, dass der Gottesbegriff der Hebräer ein ganz anderer als der griechischen Philosophie sei. Es gibt eine fundamentale Differenz zwischen der Weisheit von Athen, d.h. dem Logos und Jerusalem, der Weisheit der Thora. Die griechische Philosophie ist durch logisches Denken und strenge Begrifflichkeiten gekennzeichnet, wobei das hebräische Denken eine narrative Sprache verwendet, die fast einen Affekt gegen das Allgemeine kennzeichnet und darum auch lieber in Bildern, Metaphern und Gleichnissen zu uns spricht, um ihre Botschaft zu verdeutlichen.

Der größte jüdische Religionsphilosoph Maimonides aber versuchte, in seinem Werk " Lehrer der Unschlüssigen, Verwirrten– More Nevuchim מורה נבוכים" den jüdischen Gottesbegriff, mit Hilfe der Aristotelischen Metaphysik darzustellen, was jedoch nur für die hellenisierten Juden relevant gewesen war, die sich griechische Philosophie angeeignet hatten, so dass sie in ihrem jüdischen Glauben verunsichert wurden. Jüdische Philosophie ist aber immer im Judentum umstritten gewesen, weil es ein Oxymeron zu sein scheint. Denn in der Thora finden die Juden alle Weisheit.

Es scheint mir, dass das Tetragrammaton ( יהוה ) auf einer personalen religiösen Gotteserfahrung der Hebräer beruht, die Gott als den immer ganz Anderen erfahren, der sich jenseits eines begrifflichen Denkens artikuliert, weil der jüdische Gott ein lebendiger und personaler Gott ist, der aber auch zugleich in seiner strikten Andersheit für uns Menschen transzendent bleibt. Der jüdische Gott ist darum auch kein reines Abstraktum, weil er sich ganz konkret in der Geschichte des Volkes Israels offenbart hat und dennoch bleibt er trotz seiner Immanenz in der Geschichte zugleich immer auch transzendent. Dies scheint mir das Charakteristikum der jüdischen Gotteserfahrung zu sein.
Zuletzt geändert von mystica am So 27. Sep 2020, 12:39, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon marcus03 » So 27. Sep 2020, 12:39

mystica hat geschrieben:Der Gott Israels hat sich dem Moses im Dornbusch und am Berg Sinai, dem ganzen Volk offenbart hat.

mystica hat geschrieben:Es scheint mir, dass das Tetragrammaton ( יהוה ) auf einer personalen religiösen Gotteserfahrung der Hebräer beruht

Daraus schließe ich, dass auch du die Dornbuschgeschichte für einen Mythos hältst, den
es religionspsychologisch und -soziologisch zu erklären gilt.
Dasselbe gilt auch für den "historischen" Moses, der ein literarisches Konstrukt ist und eine Verdichtung
von Erfahrungen und Ereignissen diverser Art darstellt.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » So 27. Sep 2020, 12:56

Danke Mystika,

Thomas wird dann also
1. Rabbi (ill. Rabbuni) ve Eli (Wie Christus am Kreuz; Eli, Eli sabachtani)
oder
2. Baali ve Eli

gesagt haben ...

Nebenbei, wenn keiner die rechte Aussprache des Tetragrammatons wusste, ist auch die von mir beschriebene Szene im Leben des Brian irreal, weil, man ja, um die Verletzung des Tabus zu identifizieren, mindestens einmal selbst der Verletzung des Tabus beigewohnt haben, d. H. man muß das Wort gehört haben. Und wie sollte man das Wort ausgesprochen gehört haben, wenn es der Hohepriester nur einmal pro Jahr im Allerheiligsten, also allein, ausspricht!

Es erhebt sich die sehr seltsame Frage, wie ein Wort überliefert werden kann, wenn es nicht ausgesprochen, und damit tradiert wird.

Kennst Du, Mystika, die okkulten Traditionen zur Intonation des Tetragrammaton?

Zum Aquinaten: Ist sein Name sein Geburtstag- oder Taufnahme, oder ein im Zusammenhang mit der Ordensaufnahme angenommener "Programm"-Name, der dann auf der Urheber der hier besprochenen Wendung zurückgeht? Schön ist das nicht, daß einer von sich sagt, nur Stroh geschrieben zu haben, und dann noch als Heiliger verehrt wird.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon marcus03 » So 27. Sep 2020, 13:47

sinemetu hat geschrieben: Und wie sollte man das Wort ausgesprochen gehört haben, wenn es der Hohepriester nur einmal pro Jahr im Allerheiligsten, also allein, ausspricht!

Wenn du danach gehst, kann man ohne Schulung kein Wort in der Bibel aussprechen.
Die Originaltexte sind nicht vokalisiert, das besorgten erst die Masoreten.

sinemetu hat geschrieben:Zum Aquinaten: Ist sein Name sein Geburtstag- oder Taufnahme,

Thomas von Aquin wurde kurz vor oder kurz nach Neujahr 1225 im Schloss Roccasecca, von Aquino 9 km entfernt, als siebtes Kind des Grafen Landulf von Aquino (* 1185)

sinemetu hat geschrieben:Schön ist das nicht, daß einer von sich sagt, nur Stroh geschrieben zu haben, und dann noch als Heiliger verehrt wird.

Er wird schon gewusst haben, warum?
Vlt. wurde ihm klar, dass
a)philosophisches Spekulieren im Leben nicht viel weiterhilft (außer man wird bezahlt dafür)
b)philosophische Gedankengebäude immer nur menschl. Denkkonstrukte sind, die
letztlich nur Versuche darstellen, über Wirklichkeiten etwas auszusagen, über die
man nichts Definitives aussagen kann, weil sie unzugänglich sind (Gott, Dreifaltigkeit u..) oder
möglicherweise gar nicht existieren. (vgl. Multiversum, Stringtheorie).
Ob es Gott gibt oder nicht, bleibt immer unbeweisbar.
Ob es dunkle Materie gibt, die wir noch nicht nachweisen können, ist zumindest schlussfolgerbar.
Da sind die Physiker klar im Vorteil.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » So 27. Sep 2020, 13:51

marcus03 hat geschrieben:
sinemetu hat geschrieben:Zum Aquinaten: Ist sein Name sein Geburtstag- oder Taufnahme,

Thomas von Aquin wurde kurz vor oder kurz nach Neujahr 1225 im Schloss Roccasecca, von Aquino 9 km entfernt, als siebtes Kind des Grafen Landulf von Aquino (* 1185)

Der Ausspruch, der Auslöser unseres Fadens, ist vom "ungläubigen Thomas", dem Jünger Jesu, und die Frage ging auf den Vor-, bzw. Ruf-, bzw. Brudernamen des Aquinaten, warum der also Thomas hieß.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon marcus03 » So 27. Sep 2020, 13:59

Weil ihn die Eltern so getauft haben. Der Name gefiel ihnen halt. Vlt. wurde viele damals so genannt
in christl. Kreisen. Es ist ja biblischer Name.
Am besten du rufst seine Eltern kurz an. ;-)
Hätte er einen anderen Geburtsnamen gehabt, wäre das sicher auch bei wiki erwähnt.
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Re: Frage an Mystika

Beitragvon sinemetu » So 27. Sep 2020, 16:37

marcus03 hat geschrieben:Hätte er einen anderen Geburtsnamen gehabt, wäre das sicher auch bei wiki erwähnt.

Vllt ist es ja sein Mönchs-Name?
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