Schwarzer Humanismus

Neues aus der Antike: aktuelle Forschungsergebnisse, Ausgrabungen, Veranstaltungen und die Antike in den Medien

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Schwarzer Humanismus

Beitragvon mystica » Di 5. Nov 2019, 19:29

Salvete Sodales!

Vielleicht interessiert Euch der Aufsatz von Prof. Dr. phil. Jürgen Paul Schwindt über den "Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?", den Ihr wie folgt beim "Merkur – Zeitschrift für europäisches Denken" gratis lesen könnt, wie folgt:

https://www.merkur-zeitschrift.de/juergen-paul-schwindt-schwarzer-humanismus/

"Was Philologie, ohne selbst ihrem Wesen nach human, humanitär oder gar humanistisch zu sein, offenlegt, ist die negative Utopie eines Humanismus nach oder vor allen Humanismen: Nennen wir ihn nicht den ersten, zweiten oder dritten, sondern den »Schwarzen Humanismus«. Schwarzer Humanismus, weil er durch die bewußte Ausschaltung aller in konstruktiven Bildern operierenden Verständnisinnigkeit »ex negativo« aus dem Fundament sprachlicher Einteilungs- und Ordnungsleistungen entwickelt wird. Er ist der bloße Effekt philologischer Unterwanderungsarbeit und wird zuweilen als die schwarze Sonne im Abgrund unserer Ideen sichtbar. Altertumswissenschaft könnte für die heutige Bildung deshalb von Nutzen sein, weil sie gerade heute imstande sein sollte, die zeitlose Modernität des Altertums auf einem Niveau zu vermitteln, das den zeitgenössischen Diskurskontexten adäquat ist. Wenn sie erkannt hat, daß das »nostra res agitur« der antiken Welt keine Sache der sporadischen Vergegenwärtigung, sprich Aktualisierung, sondern ein Konstituens unseres Weltverhaltens ist. Der Bildungsprozeß der Antikelektüre bildet in der Lektüre des alten Textes den modernen Menschen in uns".


Hier ist ein sehenswertes Interview mit Frau Prof. Dr. Melanie Möller, Professorin f. Latinistik der FU-Berlin, über den Aufsatz "Schwarzer Humanismus" von JÜRGEN PAUL SCHWINDT

https://www.youtube.com/watch?v=Kq0O1XaBJo0

Was denkt Ihr über die Thesen zum "Schwarzen Humanismus" von Jürgen Paul Schwindt? :?

Valete, Mystica ;-)
Zuletzt geändert von mystica am Fr 8. Nov 2019, 11:38, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon mystica » Do 7. Nov 2019, 11:56

Salvete optimi sodales!

Meine erste Replik auf die inspirierenden Gedanken über den "Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?" von Jürgen Paul Schwindt

Die Altphilologie scheint mir immer schon "unzeitgemäß" gewesen zu sein, weil sie sich mit antiken
Sprachen, einer antiken Kultur, Geschichte und Philosophie beschäftigt. Den Altphilologen haftet ein eigentümlicher konservativer Gestus an, der versucht, das kollektive Gedächtnis vergangener antiker Sprache und Kulturen zu pflegen und zu bewahren. Jedoch scheint mir, dass dieses eigentlich löbliche Unterfangen nicht mehr überzeugend vermittelt werden kann, weil sich die humanistischen Bildung in einer existenziellen Krise seit den einschneidenden Reformen von 1968 an den Gymnasien und Universitäten befindet.

Die klassischen Philologien sind mittlerweile an den Universitäten zu einem Orchideenfach verkommen, die nur noch als elitäres Bewusstsein narzisstisch um sich selbst zu kreisen drohen. Nur noch wenige Latein StudentInnen, die auf Lehramt studieren, scheinen eine Begeisterung für die Werte der humanistischen Bildung zu haben, weil die meisten, so scheint es mir, Latein als Lehramtsstudium wählen, weil man sich bisher dadurch eine sichere Beamtenkarriere als Oberstudienrat bzw. Oberstudienrätin mit fetten Pensionsansprüchen erhoffen durfte. So fehlt doch bei den meisten Latein-Dozenten und Lehrern die notwendige Begeisterung für die humanistische Bildung, die gerade den Menschen als ein geistig-moralisches Lebewesen "veredeln" soll, so dass dies auch nicht mehr überzeugend bei den SchülerInnen und StudentInnen vermittelt werden kann. Eine Reaktualisierung einer antiken Sprache und ihrer Kultur durch eine Adaption an die gesellschaftlichen Verhältnisse der Moderne scheint unmöglich zu sein, weil dies nur gelingen könnte, wenn man bereit und willens wäre, sich mit Latein und Altgriechisch als Reflexionssprache und ihrer Kultur und Philosophie intensiv auseinanderzusetzen, wozu aber den meisten Menschen heutzutage die nötige Zeit/Muße und vor allem auch der Sinn fehlt, um die gesellschaftliche Relevanz antiker Sprachen und Kulturen für unsere Zeit wertschätzen zu können.

Die Studiengänge der klassischen Philologie erfahren mittlerweile einen progressiven Abbau an den Universitäten, weil sich nur noch aus den o.g. Gründen sehr wenige StudentInnen für Latein oder Altgriechisch immatrikulieren. Heute bei der strengen Evaluation an den Universitäten, die sich immer mehr nach ökonomischer Effizienz ausrichtet, stellt sich die unabweislich existenzielle Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen der klassischen Philologie und der gesamten Geisteswissenschaften in aller Dringlichkeit neu. Es ist m.E. zu befürchten, dass nur noch gesellschaftlich relevante Studienfächer an den Universitäten eine Zukunft haben werden, die auch einen ökonomischen Mehrwert versprechen. So erweist sich die Krise der klassischen Philologie als eine generelle Krise der gesellschaftlichen Legitimation der Geisteswissenschaften.

Quid de hac re sentitis?
Valete! Mystica ;-)
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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon mystica » Fr 8. Nov 2019, 11:34

Salvete optimi sodales!

Hier ist nun meine zweite Replik zum Aufsatz "Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?" von Jürgen Paul Schwindt

Schwindt eröffnet seinen Aufsatz mit einer provokanten Frage, ob denn die Philologie per definitionem eine konservative Wissenschaft sei. Er illustriert die Beantwortung dieser Frage mit der berühmten Anekdote des bekannten Altphilologen und Altertumswissenschaftler Friedrich August Wolf, der sich als erster als "philologiae studiosus" an der Göttinger Universität immatrikuliert habe, was zu der damaligen Zeit 1777 ein absolutes Novum gewesen ist. Diese Begebenheit sagt jedoch noch nichts über die Wissenschaft der Philologie an sich aus, sondern zeigt nur den progressiven Prozess der Ausdifferenzierung der Wissenschaften an, der sich auch in der Emanzipation der Philologie zu einer eigenständigen Wissenschaft allmählich vollzogen hat. Diese Anekdote aber als Beleg dafür anzuführen, dass die Philologie keine konservative Wissenschaft sei, scheint mir nicht überzeugend zu sein. Denn die Etablierung der Philologie als eigenständige Wissenschaft hat nicht ihr Forschungsfeld verändert, welches traditionell in der Pflege und Bewahrung der antiken Kultur im kollektiven Gedächtnis der Menschheit besteht, was eine genuin konservative Wissenschaft bekanntlich auszeichnet.

Im Hinblick auf diese o.g. Anekdote spricht Schwindt von einem "Gründungsmythos des ältesten Faches der Geisteswissenschaften", welches sich nach der Philosophie und Theologie als Philologie an den Universitäten etabliert hat. Er führt dazu auch den Altphilologen und großen Philosophen Friedrich Wilhelm Nietzsche an, der immer wieder an die "Rebellion des alten jungen Wolf" erinnert habe und sich selbst auch in dieser "Tradition der Neuerer der Philologie" verstehe.

Doch es ist zu fragen, worum ging es Nietzsche als Neuerer der Philologie wirklich? Es scheint mir, dass Nietzsche sich gegen eine bis dato überzogene Verklärung der Antike durch den Humanismus und die Romantik wandte, die sich seit Erasmus nach dem so genannten "dunklen" Mittelalter eine kulturelle Erneuerung aus dem griechischen Geist der Antike erhoffte. Nietzsche jedoch entlarvt als diagnostischer Meister ein "humanistisch verfälschtes Altertum", welches von den Altertumswissenschaftlern unkritisch verkündet worden sei. Die griechisch-römische Antike war kein Utopia eines besseren Seins, worauf Nietzsche m.E. mit Recht hingewiesen hat. Die unzähligen Grausamkeiten, die sich in der Antike ereigneten hatten, können uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass in dieser Epoche nur wenig wahre Menschlichkeit im Sinne einer echten Humanitas herrschte, die doch den Menschen durch Humanismus, Bildung und Philologie veredeln sollte.

Sicherlich kann man sagen, dass die radikalen Ansichten Nietzsches über das Altertum in der Zunft der Altphilologen und Altertumsforscher keine große Resonanz erfuhr, weil man unbeirrt am hohen Ideal der humanistischen Bildung aus dem griechisch-römischen Geist der Antike festhalten wollte. Nietzsches Schicksal war es aber immer, dass er ein einsamer Rufer in der Wüste gewesen ist, der unverstanden und zeitlebens ein Außenseiter blieb.

Es gibt ein berühmtes Zitat von Nietzsche über die Klassische Philologie, welches die verehrten Altphilologen sicher kennen, welches pointiert die Altphilologie als eine "unzeitgemäße" Wissenschaft beschreibt:

"Denn ich wüsste nicht, was die classische Philologie in unserer Zeit für einen Sinn hätte, wenn nicht den, in ihr unzeitgemäss – das heisst gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden Zeit – zu wirken".

(Friedrich Nietzsche "Unzeitgemässe Betrachtungen" II, 247: 7-11)


Das "Unzeitgemäße" der Klassischen Philologie, die sich nicht nach den Moden des herrschenden Zeitgeist richtet, die sich quasi selbstvergessen vom Geist der Antike absorbieren lässt und aus diesem ihre Werte und Ideale schöpft, ohne sich dabei von den Erfordernissen der Gegenwart beirren zu lassen, scheint mir eine zutiefst konservative Einstellung zu sein, die als "antimodern" zu bezeichnen ist. Nicht umsonst scheinen mir die meisten Altphilologen konservative Menschen zu sein, die sich der Diktatur des Zeitgeistes verweigern, worin wohl Nietzsche ein konterrevolutionäres Potential erkannt hat, welches in einer historisch-philologischen Rückbesinnung auf die kulturellen Fundamente einer vergangenen Epoche, nämlich der Antike, besteht, die vielleicht auch etwas durch ihre sapientia maiorum für unsere Zeit heute zu sagen hat; wenn man es denn verstehe, lateinische und altgriechischen Texte vergangener Zeiten zu deuten.

Quid de hac re sentitis?

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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon mystica » Do 14. Nov 2019, 16:17

Salvete optimi sodales!

Hier ist nun meine dritte Replik zum Aufsatz "Schwarzer Humanismus. Brauchen wir eine neue Alte Philologie?" von Jürgen Paul Schwindt.

Nietzsche kritisiert die Philologie als "Ameisenarbeit, einfach Unsinn und überflüssig".Vor allem richtet er sich dabei gegen die altgriechische Partikellehre seiner Zeit, die unter den Altphilologen der Gräzistik akribisch gepflegt wurde. Diese Gräzisten scheinen nach der Auffassung von Nietzsche, den Sinn des Ganzen aus dem Auge verloren zu haben, so dass sie zu "Fachidioten" mutierten.

Schwindt jedoch wendet dagegen ein, dass "Nietzsche irrte, wenn er die Philologie für die mancherlei Fehlbildungen seiner Zeit verantwortlich machte. Die griechische Partikellehre liegt in einem gewissen Sinne sogar am Grunde dessen, was wir seit Nietzsche als die urtümliche, spannungsvolle Vitalität des Altertums bewundern". Diese Aussage Schwindts scheint mir aber nicht überzeugend zu sein, weil sie die Fehlentwicklungen in der Philologie verkennt. Denn wer, wie Schwindt, die altgriechische Partikellehre lobt, weil diese ja eine zu bewundernde "spannungsvolle Vitalität des Altertums" habe, hat m. E. eine selektive Wahrnehmung und scheint betriebsblind zu sein. Was Schwindt nämlich als "Vitalität des Altertums" bezeichnet, scheint mir hingegen vielmehr geisttötend zu sein. Denn nicht der Buchstabe eines Textes oder irgendwelche Partikel eines Wortes vermitteln uns den Geist, der in einem Text zu uns sprechen will, sondern der Kontext, der erst den Worten ihre richtige semantische Funktion zuweist.

Es scheint mir darum wahr zu sein, dass es durch die Emanzipation der Philologie aus der Philosophie, die die mater omnium litterarum ist, zu einer narzisstischen Fehlentwicklung der Philologie in der Profilierung als Einzelwissenschaft wie bei vielen anderen Einzelwissenschaften gekommen sei, die Nietzsche m. E. völlig zu Recht als begnadeter Psychologe diagnostizierte. Denn Pedanterie und Sprachpurismus sind die Folgen solcher selbstzentrierter Fehlentwicklungen in der Philologie, die bis heute noch bei machen Gelehrten der Altphilologie im Besonderen und der Philologie im Allgemeinen zu beobachten sind.

Schwindt thematisiert nun den Bildungsbegriff, der eine wesentliche Rolle auch für die Philologie spielt. Seine Beobachtung, dass der Bildungsbegriff eher etwas Konservatives beinhalte "als dem kühnen Neuern und Experimentieren" scheint mir nicht ganz richtig zu sein. Denn der Begriff der Bildung per se ist ein dynamischer, der etwas mit Entwicklung/Reifung zu tun hat, indem sich der Mensch durch Wissen, Sprache und Kultur zu seiner wahren "Humanitas" entfaltet. Das Bildungsbürgertum sah in der humanistischen Bildung den "Königsweg", weil der junge Mensch durch das Studium der alten Sprachen zur kritischen Reflexion über Sprache, Philosophie, Geschichte und Kultur angeregt wird und auf diese Weise sein "In-der-Welt-sein" (Heidegger) besser zu verstehen lernt.

In diesem Zusammenhang betont nun Schwindt die unverbrüchliche Einheit von Philologie, Bildung und Humanitas, die nur in dieser dreifachen Konstellation erfolgsversprechend sei. Dies ist nun ein hohes Ideal, welches aber an den Schulen und Universitäten in praxi schon seit langem nicht zu bewerkstelligen ist, weil der altsprachliche Unterricht seit ca. 1970 eine viel zu geringen Stundenzahl aufweist. Aus diesem Grund scheint mir die Frage berechtigt zu sein, ob überhaupt noch ein Studium der alten Sprachen an den Schulen Sinn mache, wenn diese Ideal nicht mehr in den Schulen praktikabel ist?

So macht auch Schwindt mit Recht darauf aufmerksam, dass die Gefährdung oder Diskreditierung auch nur eines dieser drei o.g. Begriffe (Philologie, Bildung und Humanitas) von dieser konzeptionellen Einheit unweigerlich eine folgenschwere Beschädigung nach sich ziehen würde. Nun ist aber schon lange die Altphilologie in Verruf geraten, dass sie nur noch eine "archivarische Größe" vergangener Zeiten zu sein scheint und auch die bürgerliche Bildung hat sich im Laufe der Zeit drastisch gewandelt, so dass heutzutage mehr Wertschätzung den revolutionären Erkenntnissen der Naturwissenschaften (Neurobiologie etc.) und der Informatik im digitalen Zeitalter entgegengebracht wird als den humanistischen Studien der Geisteswissenschaften. Auch der Begriff der "Humanitas" ist schon seit langem höchst umstritten, weil dieses Konzept nicht mehr als zukunftsweisend und somit als obsolet gelte.

Quid vos de hac re sentitis?

Valete! Mystica ;-)
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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon Willimox » Do 14. Nov 2019, 17:42

Salute, Mystica,
mir scheint, dass die hier eingestellten Erörterungen auf leicht verlorenem Posten stehen. Das hat mit einer gewissen Beliebigkeit und einem Aufpicken von "Häppchen" aus der Schwindt-Rhetorik zu tun. Und mit der Tendenz der Rezesentin, in der "wahren" Philologie "eine veredelnde" Wirkungsweise zu markieren, fern von Studienratspfründen und anderem Modernismus.
Diese Rhetorik Schwindts gilt es aber so aufzuhellen, dass ihre Argumentation und Gedankenführung deutlich, möglichst deutlich wird.

Was meint S. mit "schwarzer Humanismus"? Man vergleiche S.s. Kontrastierung von Ciceros ethisch-moralischen, auch eher universalen Wertüberzeugungen in "de oratore" mit dem nationalrömischen und individuell-caesarischem Anspruch auf Situationsmächtigkeit, Expansion und Machtzementierung plus Machtgewinn im Proömion ("Gallia omnis divisa in partes tres"). Dehumanisierung und geopolitisches Spielfeld für Gewinner, so Schwindt. Und als anthropologische Verhaltens-Konstante zu akzeptieren und in ihrer wilden Schönheit und rationalen Disposition staunend und genau auszuloten.

Was ist das (angeblich) Besondere an einer hyperphilologischen Nahlektüre des Caesartextes samt der dazu notwendigen Voraussetzung einer exquisiten Sprachbeherrschung? Was bedeutet der geforderte Verzicht auf vorauseilende "Verständnisinnigkeit" einer rosaroten Brillenlektüre? Ist also die genaue Makro- und Mikroanalyde gefordert. Kombiniert mit dem vorurteilslosen Blick auf vernunft- und emotionsgesteuerte Vorteilsnahme als eine Basistegorie menschlichen Verhaltens: Resourcengewinn, Kooperation und Aggression, Interessenabgleich, reziproker Altruismus bestenfalls und durchaus kühle Machtentfaltung, wo eine Gegenwehr vorliegt, die man überwinden kann? Wie aufschlussreich für diese Texdeutung ist die Kategorie der "effeminatio" im Caesar-Proömion... als Kontrast-Folie zur "männlich posiitiv" konnotierten Unberührtheit durch römische Kultur und genauso positiv konnotiert die humanitasfremde Kampfmoral und Ertüchtigung, die sich laut Caesar im Kampf mit den Germanen ergibt..

Was kann das für eine praktikable schulische Begegnung mit ausgewählten Caesarpassagen bedeuten? Z.B. das Proömion, die Reden indirekter, konjunktivischer Art und die direkten Reden (Ariovist, Critognatus, Caesars Rede an sein Militär, das von Germanenfurcht gebeutelt wird usw).

In welcher Klassenstufe lässt sich mit welchem unterstützenden Material auf diese Weise halbwegs erfolgsversprechend arbeiten?

Wie sehen die von Schwindt gerühmten Schülerfragen an bass erstaunte englische Jungprofessoren aus?

Was bedeutet die Foucault- und Derridabegeisterung von S. für eine plausible Strategie in einer Lektüre, die das Kleinste und das Sonderbare favorisiert und beachtet?

Nietzsches Blick auf anthropologische Konstanten des Verhaltens und seine Skepsis gegenüber Glöttungen mag da bei Schwindt im Methodischen Besteck eine intressante Position einnehmen.

Vale
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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon mystica » Fr 15. Nov 2019, 12:01

Salute optime Willimox!

Es freut mich sehr, von Dir einen Beitrag zu Schwindts "Schwarzen Humanismus" zu lesen, dem hoffentlich noch viele weitere folgen werden.

Ich denke, dass Schwindts Text für das Selbstverständnis der heutigen Altphilologie sehr wichtig sei und es sich wirklich lohnt, sich intensiv mit diesem gedankenreich Text kritisch auseinanderzusetzen. Deine berechtigten kritischen Fragen an den Text kann ich darum nur voll und ganz unterstützen. Du hast die Kernfragen zu Schwindts "Schwarzen Humanismus" genannt und bist damit auch gleich in medias res gegangen...

Jedoch bevorzuge ich mich am Text sukzessive abzuarbeiten und dasjenige, kritisch zu kommentieren, was mir dabei, wichtig zu sein scheint. Sicherlich ist darum auch meine Deutung des Textes, von subjektiven Präferenzen geprägt, aber dies soll ja auch keine streng wissenschaftliche Auseinandersetzung sein, sondern eine erste Diskussionsgrundlage darstellen, um sich mit Schwindts "Schwarzen Humanismus" im Forum auseinanderzusetzen.

Vale! Mystica ;-)
Zuletzt geändert von mystica am So 17. Nov 2019, 11:43, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Schwarzer Humanismus

Beitragvon Willimox » Fr 15. Nov 2019, 12:39

Salve!

Nun ja, auch im vorwissenschaftlichen Bereich hat es sehr viel Sinn, sich befristet in das Argumentatiosgebäude eines Texters kognitiv und emotional zu begeben und sich dort genau umzuschauen. Über die Einrichtung und deren mehr oder weniger tragende Elemente kann man gewiss small talken. Jou.
Aber diskutieren ist hier wohl gefragt.
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