Ist Cicero ein Philosoph gewesen?

Diskussionen zu den antiken Philosophen, ihren Ideen und ihrer Rezeption

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Re: Ist Cicero ein Philosoph gewesen?

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 15. Jun 2022, 21:31

Die Beurteilung einer Epoche hängt von vielen Dingen ab und nicht nur weil man allein die Sprache Ciceros vielleicht mag (ich bin da oft skeptisch, wenn ich auf die Geschichte schaue). Eine alleinige Besinnung auf die Sprache hilft kaum weiter.
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Re: Ist Cicero ein Philosoph gewesen?

Beitragvon mystica » Do 16. Jun 2022, 09:11

Medicus domesticus hat geschrieben:Cicero hat oft, weil er im politischen Leben nichts zu sagen hatte, gerade unter Caesar, die Philosophie als zweites Standbein gesehen.


Ich stimme Dir zu, lieber Medicus domesticus, dass Cicero in Zeiten persönlicher und staatlicher Krisen des römischen Imperiums Zuflucht zur Philosophie genommen hatte. Dennoch würde ich sagen, dass er auch durch seine philosophischen Schriften versuchte, die Philosophie in Rom fest zu etablieren. Er selbst mag wohl zwischen dem altrömischen Anspruch, ein guter Römer sein zu wollen und sich mit ganzer Kraft für das Wohl und den Nutzen der Rei Publicae einzusetzen und sich dennoch den Studien griechischer Weisheit zu widmen, soweit ihm dies in den Zeiten der Muße möglich war, innerlich zerrissen worden zu sein. Denn immer wieder meinte er, dass er sich wegen seiner philosophischen Studien vor einem römischen Publikum rechtfertigen müsse, wovon seine philosophischen Schriften ein beredtes Zeugnis ablegen.

Medicus domesticus hat geschrieben:Ich würde nicht viel daraus machen: Es war eine Übersetzung, mehr nicht. Die Bevölkerung hat das nicht mal wahrgenommen.


Es ist wohl wahr, dass die antike Philosophie eine Sache nur für elitäre Kreise gewesen ist. Seine Übersetzung philosophischer Lehren griechischer Denker ins Lateinische war aber m. E. der Versuch, Philosophie überhaupt in Rom gesellschaftsfähig zu machen, indem er das griechische Denken auch fernstehenden altrömischen Kreisen bekannt machte. Letztlich wollte er wohl mit seinen philosophischen Schriften die altrömischen Ressentiments gegen die Philosophie beseitigen, damit die römische Kultur der griechischen in nichts nachstehe. Auch wollte er mit seinen philosophischen Schriften ein Fundament für eine römische Philosophie legen.
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Re: Ist Cicero ein Philosoph gewesen?

Beitragvon Sapientius » Do 16. Jun 2022, 09:59

Es ist wohl wahr, dass die antike Philosophie eine Sache nur für elitäre Kreise gewesen ist.


Das stimmt gar nicht, denkt nur an Sokrates, er brachte den Tag zu mit Gesprächen auf dem Markt, mit den Menschen aller Stände; wohl war die platonische Akademie elitär, aber das Schriftwerk Platons, die Dialoge, sind an das breite Publikum gerichtet. Es gab die Popularphilosophie, bei Horaz wird sie noch greifbar.
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Re: Ist Cicero ein Philosoph gewesen?

Beitragvon mystica » Do 16. Jun 2022, 12:12

Bei der Interpretation der berühmten sokratischen Dialoge Platons wäre es wichtig, diese sorgfältig zu studieren, lieber Sapientius! Denn diese Dialoge Platons sind doch meist nur literarische Fiktionen über die Gestalt eines obskuren Sokrates und perfekt inszeniert, um philosophische Einsichten an die philosophisch interessierte Leserschaft leichter vermitteln zu können. Es handelt sich bekanntlich nicht um irgendwelche historisch nachweisbaren Tatsachenberichte aus dem Leben des Sokrates, sondern Platon versucht vielmehr mit der schillernden Figur des Sokrates philosophische Diskurse zu eröffnen, um Probleme der Philosophie wirkungsvoll zu diskutieren. Aber auch das dialogische Denken Platons scheint mir sehr einseitig zu sein, weil die Kontrahenten oft sehr wortkarg erscheinen und dem Sokrates meistens die Gesprächsführung überlassen, sodass sich die Teilnehmer in den Dialogen darauf beschränken, die bohrenden Fragen des Sokrates mit einem lapidaren Nein oder Ja kurz zu beantworten. In Wahrheit nämlich findet kein Dialog bei Platon statt, sondern das Denken sei das einsame Gespräch der Seele mit sich selbst "Λόγον ὃν αὐτὴ πρὸς αὑτὴν ἡ ψυχὴν" [Πλάτων, Θεαίτητος 189 E]), das sich in der fiktiven Figur eines Sokrates nur bei seinen Gesprächspartnern zu vergewissern sucht. Aus diesem Grund scheint es mir auch eine literarische Fiktion zu sein, wenn Platon erzählte, dass Sokrates auf die ἀγορά gegangen sei, um mit den Menschen zu philosophieren. So bleibt doch zu konstatieren, dass die Philosophie nicht Sache des einfachen Volkes sei, das aufgrund seiner Bildungsdefizite mit philosophischen Fragestellungen wenig oder fast gar nichts anzufangen weiß. Jedoch gelingt es der Kunstfigur des platonischen Sokrates mit seiner mäeutischen Kunst des bohrenden Fragens, die bloßen Meinungen und Überzeugungen (δόξα) zu erschüttern, um seine Gesprächspartner zum wahren Wissen (ἐπιστήμη) anzuleiten. Natürlich gibt es bei Platons Werk Μένων auch das berühmte Beispiel des Sklaven, der durch die μαιευτική μέθοδος Σωκράτη den Satz des Pythagoras herleiten kann, weil des Sklaven Seele diese Idee schon geschaut habe, bevor sie sich in einem Körper inkarnierte. Dieses einfache Beispiel will uns mit dem ἀνάμνησις - μῦθος Πλάτωνος suggerieren, dass dem Denken keine Grenzen gesetzt seien. Doch nicht jedes folgerichtige Denken ist deshalb schon Philosophie! Sokrates war als Philosophierender ein einsamer Außenseiter unter den Menschen, was ihm dann auch noch das Todesurteil in Athen einbrachte. Philosophie sei eben die "verkehrte Welt", wie der große Philosoph Hegel sie pointiert bezeichnete, die die alltäglichen Meinungen und Überzeugungen der profanen Menschen auf den Kopf stelle und im Falle des Sokrates sogar tödlich endete. Es gab darum auch keine Popularphilosophie in der Antike, weil das einfache Volk weder Bildung noch Muße hatte, um sich über philosophische Probleme, Gedanken zu machen. Primum vivere deinde philosophari! Philosophie war in der Antike einer elitären Bildungsschicht vorbehalten, die genügend Muße hatte, um sich mit philosophischen Problemen gründlich auseinanderzusetzen. Im Übrigen spricht man erst im 18. Jahrhundert von einer sogenannten Popularphilosophie, die sich mit ihren aufklärerischen Ideen an eine breitere Öffentlichkeit wendet, indem sie eine verständliche Aufklärungsphilosophie für die allgemeine Bevölkerung darzulegen versuchte.
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