Parmenides - Sein und Nichtsein

Diskussionen zu den antiken Philosophen, ihren Ideen und ihrer Rezeption

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Parmenides - Sein und Nichtsein

Beitragvon professorchen » So 26. Aug 2007, 19:25

Hallo zusammen,
ich beschäftige mich gerade mit der Frage: Gibt es das Nichts? Ich habe mal in den Quellen nachgeguckt. Parmenides schreibt:
Dies ist nötig zu sagen und zu denken, dass nur das Seiende existiert. Denn seine Existenz ist möglich, die des Nichtseienden dagegen nicht. (frg. 6)

Lukrez hingegen behauptet bei I.419-444 und I.334-390 das Gegenteil. Ebenso Sextus Empiricus bei "Adversus mathematicos" 7.211-216. Philodemus (De signis 11.32-12.31) schließt sich diesem Urteil ebenfalls an.
Bei dem Buch "Nachgefragt - Philosophie" (loewe-Verlag) S. 33 steht aber:
Also gibt es, wenn ich an dieses Nichts denke, dieses Nichts doch. Dass das Nichts nicht sein soll, war für ihn nur eine Sinnestäuschung.

Also, was stimmt denn nun? Gab es für Parmenides dieses Nichts jetzt oder nicht?
In Hoffnung auf Antworten verbleibt mit freundlichen Grüßen,
das Professorchen
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Beitragvon Soral » Mo 27. Aug 2007, 00:42

Hi!

Um mal Kirk-Raven-Schofield (Die vorsokratischen Philosophen, S. 270) zu zitieren:

Sogleich in 296,10* freilich fährt Parmenides damit fort, auf das, was nicht existiert, - natürlich hypothetisch - als auf "das Nichts" Bezug zu nehmen (vgl. 293, 2*). Das läßt vermuten, daß er Nichtexistenz als >überhaupt nichts sein< versteht, d. h. als >keinerlei Eigenschaften haben<, und daß zu existieren für ihn daher in Wirklichkeit >dieses oder jenes sein< heißt.


Kannst du dein Sinnestäuschungs-zitat mal noch ausbauen? Sehr schlüssig ist mir das so nämlich nicht.

*Die haben ihre eigene Zählung: 296, 10 = frg. 8. 10; 293, 2= frg. 6.2 (Also gleich an dein Zitiertes anschließend)
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Beitragvon professorchen » Mo 27. Aug 2007, 08:30

Salve Soral,
vielen Dank für die schnelle Antwort. Allerdings verstehe ich deinen Text aus dem Kirk-Raven-Schofield noch nicht so ganz; der ist mir irgendwie zu hoch. :smile: Aber vielleicht wird ja mit dem Weiterzitieren von "Nachgefragt - Philosophie" (loewe-Verlag) S. 33 alles klar:
Dieser Philosoph aus dem italienischen Elea [Parmenides] hat einfach festgestellt: "Es ist!" und damit die Schule der Eleaten begründet. Parmenides (er lebte von 515 bis 480 v. Chr.) zerbrach sich den Kopf darüber, ob es Nichts geben könne. Und er kam zu dem Schluss: Worüber ich spreche, das muss es auch geben. Das Gleiche gilt für das, worüber ich nachdenke: Wenn es das nicht gäbe, könnte ich auch nicht daran denken. Also gibt es, wenn ich an Nichts denke, dieses Nichts doch. Dass das Nichts nicht sein soll, war für ihn nur eine Sinnestäuschung. Er glaubte nicht an ein Sein und Werden. Alles, selbst Nichts, ist immer schon da. Parmenides wird auch der erste Rationalist genannt, weil er dies alles mit Vernunft und Logik erklärte. [...]

Also, gab es nun für Parmenides das Nichts oder nicht?

In Hoffnung auf Antworten verbleibt mit freundlichen Grüßen
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Zuletzt geändert von professorchen am Di 28. Aug 2007, 22:01, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon th3o » Di 9. Okt 2007, 13:17

ich weiß nicht ob die frage noch aktuell ist aber ich kann einen versuch der beantwortung liefern.
das nichts gibt es schon einmal deswegen, weil du davon sprechen kannst. du bennenst es und damit verleihst du existenz, sei es auch nur im ontologischen sinne. (das ist die relativ unbefriedigende erklärung)

dann weiter muss das "nichts" notwendig existieren, denn es ist das komplement zum "sein".
Alles was ist, ist deshalb weil es sich von dem abgrenzt und gleichzeitig das in sich aufnimmt was es nicht ist.

Banales Beispiel: Ein Tisch ist kein Stuhl. Das nicht-sein des Tisches ist im Begriff vom Tisch "aufgehoben".

oder nochmal anders: alles Seiende ist. Aber Sein selbst ist nicht irgendetwas Seiendes oder ein sinnliches Ding, somit ist es nicht. Was aber nicht ist, ist folglich Nichts. Also ist Sein "die reine Unbestimmtheit und Leere" (Hegel, Wiss. d. Logik Bd1)
Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles. (Theodor W. Adorno)
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Beitragvon professorchen » Fr 23. Nov 2007, 18:05

Salve,
vielen Dank noch mal für die Antwort. Das ist ja alles sehr kompliziert, mit dem Sein und Nichts.
Vielen Dank für die Aufklärung.
Gruß,
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