Ataraxie vs. Apathie

Diskussionen zu den antiken Philosophen, ihren Ideen und ihrer Rezeption

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Ataraxie vs. Apathie

Beitragvon Merkur » Di 22. Apr 2008, 21:05

Hallo!

Ich habe in ein paar Sätzen versucht, deutlich zu machen, was Ataraxie von der Apathie unterscheidet. Da meine philos. Kenntnisse jedoch relativ beschränkt sind, bin ich mir nicht sicher, ob mein Versuch wirklich korrekt ist.
Für etwaige Kommentare wäre ich sehr dankbar.
Apathie ist ein stoischer Begriff: ἀ-πάθεια bezeichnet das Freisein von Leidenschaften. Leidenschaften stören die Gemütsruhe (tranquillitas animi) und hindern den Menschen daran, glücklich = tugendhaft = gemäß der Natur = gemäß der Weltvernunft (=λόγος) = secundum naturam zu leben. Ein Weiser muss sein ganzes Handeln durch Gebrauch der Vernunft prüfen und für vernünftig befinden; Voraussetzung ist, dass er weiß, was gut und schlecht ist. Für diejenigen, die es (noch) nicht wissen, gibt es die Tugenden, die - ohne tieferes Verständis - zum selben Ziel - zur vita beata führen.


Der stoische Weise lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er versteht, wie die Welt funktioniert, weiß, dass alles vom Logos vorherbestimmt ist; er sieht ein, dass es besser ist, sich dem Logos zu fügen als sich ihm zu widersetzen. Es lässt keine Leidenschaften in sich aufkommen, denn sie stören nur die Seelenruhe; Leidenschaften streben nach unvernünftigen (= nicht der Natur gemäßen) Dingen. Dies wäre selbstverständlich dem Glück abträglich.

Für den Epikureer ist die Ataraxie wichtig: Ataraxie ist, wie es scheint, eine Verbindung von Apathie und Aponie (Schmerzfreiheit): Wer frei von (körperlichem) Schmerz und frei von Unruhe, von Leidenschaften lebt, hat Ataraxie erreicht.

Summa summarum scheinen Ataraxie und Apathie beinahe dasselbe zu bedeuten. In der Ataraxie ist vielleicht eher noch die Schmerzfreiheit enthalten; Schmerzen nämlich müsste ein Stoiker als Adiaphora = Indifferentia = dem Glück weder zuträgliche noch abträgliche Dinge ansehen.

Ein Stoiker in Ataraxie wäre demnach glücklich, ein Epikureer in Apathie nicht unbedingt. Er könnte ja Schmerz verspüren.


Danke.
M.
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Beitragvon consus » Mi 23. Apr 2008, 20:33

Salve, Mercuri!
Eine Stellungnahme wäre einfacher, wenn insbesondere die verwendeten Begriffe zunächst mit Hilfe der Quellen (nachprüfbar) definiert würden: Ioannes ab Arnim, Stoicorum veterum fragmenta; Usener, Epicurea; Cic. fin., Tusc.; Seneca u.v.a.m. Im Ganzen aber zum Nachdenken anregende Ausführungen.
:book:
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Beitragvon Merkur » Mi 23. Apr 2008, 22:07

Mi conse, quid dicam? Quae recensenda vobis proposui quaeque perbenigne abs te recensa sunt, nullis ferme libris perlectis nihilque scrutatus scribebam.
Interdum adhibui libellum maxime (propter brevitatem praesertim atque exilitatem) utilem qui typis excussus est sumptibus domus editoriae "dtv" cuique titulus inscriptus est "dtv Atlas Philosophie".

Noli autem me vituperare quod nugis minore cura exaratis , nullo libro consulto, vobis molestus sim; breviter, non multum abest quin dicam, obiter, haec pauca conscripsi rogatus ab amico ut explicarem quid interesset inter ataraxiam et apathiam.
Nolebam quicquam falsi de hac re docere; qua de causa vestra doctrina humanitate sapientia uti animus tulit.

Quarum virtutum, spectatissime conse, praestans dedisti exemplum cum responsisti.
Legens responsum animoque volutans non videris putare, id quod scripsi, maxime a vero abhorrere.
Haec summa est: oportet ita sit "verum" ut in maturitatis periculis de re ethica subeundis (quae haud ita procul absunt) non falsum censeatur.

Nihilominus post maturitatem impetratam conabor plura sciscitare hicque scribam.

Cura(te) ut valea(ti)s!
M.
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Beitragvon consus » Mi 23. Apr 2008, 22:44

Propediem responsum a me feres, optime Mercuri. Quod ad res a te diligenter propositas attinet, magna ex parte tecum consentio. Bonam noctem...
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Beitragvon consus » Do 24. Apr 2008, 19:10

Salve, Mercuri.
Nur ein paar wirklich kurze Anm. Alles ist sonst im Wesentlichen brauchbar.

Anm. zum 1. Absatz:
Für diejenigen, die es (noch) nicht wissen] Das sind die Menschen, die auf dem Wege zur Weisheit sind, die sog. prokóptontes (προκόπτων / prokópton = der Fortschritte Machende.) Drei Menschentypen also: der Unvernünftige - der Prokopton - der Sophós.
vita beata] ευδαιμονία / eudaimonía / Glückseligkeit.

Anm. zum 2. Abs.:
alles vom Logos vorherbestimmt ist] Schicksal, ειμαρμένη, heimarméne/ fatum.
nach unvernünftigen Dingen] Das sind die sog. αδιάφορα / adiáphora, indifferentia, die gleichgültigen Dinge wie das physische Leben, Ansehen, gesellschaftlicher Status, Ehre, Gesundheit, Reichtum u.dgl. Man ist davon nicht abhängig und erreicht so αυτάρκεια / autárkeia, Autarkie, Selbstgenügsamkeit, garantiert allein durch die Tugend, die in dem secundum naturam vivere, wie im Abs. 1 gesagt, besteht.
Krasse Veranschaulichung: Der Stoiker ist, selbst wenn er im berühmten ehernen Stier des Phálaris, des grausamen Tyrannen von Agrigent, bei lebendigem Leibe geröstet wird, unerschütterlich glücklich, denn der Schmerz betrifft ja nur den körperlichen Zustand.

Erg. zur Stoa:
Der Stoiker ist Kosmopolit / Weltbürger. Alle Menschen haben Anteil am Logos (Weltvernunft) und sind auf diese Weise miteinander verbunden, ob sie nun Freie sind oder Sklaven, Griechen, Römer oder Barbaren usw. Weiterentwickelt in der Moderne zum Gedanken der Menschenwürde.

Anm. und Erg. zu Epikur:
Sein höchstes Gut ist die ηδονή / hedoné, die Lust, nicht misszuverstehen als nur rein sinnliche Lust, wie es z. T. geschah (Horaz spricht von einem Epicuri de grege porcus / einem Schwein aus der Herde Epikurs, um einen Schlemmer zu bezeichnen), die Lust ist vielmehr als umfassende Glückseligkeit zu sehen, basierend auf Ataraxia.
Noch etwas: Epikur ist Atomist. Die gesamte Wirklichkeit besteht aus Zusammensetzungen von Atomen; daher verliert der Tod seinen Schrecken, da er nur die Auflösung der Atomverbindung Mensch darstellt: ho thánatos oudèn pròs hemás = der Tod geht uns nichts an, ein Gedanke, der wieder im Hinblick auf die ataraxía bedeutsam ist.

Zum Schluss ein schönes Bild:
Der Zustand, den der vollkommene Weise erreichen will, wird mit der „heiteren Meeresstille“ verglichen, griech. γαλήνη / galéne (neugr. galíni); heute noch Name eines von Touristen gerne besuchten Ortes auf Kreta: Hagia Galini = Heilige Meeresstille! (Ob's wohl stimmt?)

Wünsche gutes Gelingen der Prüfung!
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Beitragvon Merkur » Do 24. Apr 2008, 19:40

Attatae, quot verba, quantus labor, quam dulcis comitas. Gratias tibi, conse, pro verbis fuse necnon docte abs te prolatis.

Vale!
M.
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