Gegenerde Pythagoras Erfindung

Diskussionen zu den antiken Philosophen, ihren Ideen und ihrer Rezeption

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Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon sinemetu » Fr 3. Okt 2014, 08:59

Hall,

der Mathematiker Harro Heuser schreibt in seinem Buch "als die Götter lachen lernten" im Kapitel über die Pythagoräer S. 130:


"also erfanden die Pythagoräer kurzerhand einen zehnten (Planeten): die Gegenerde, die sie zur Verhinderung der Beweislast klugerweise so platzierten, daß niemand sie je sehen würde können."


Worauf spielt H.H. an? Das mir bekannte System der Gegenerde setzt das heliozentrische WB voraus. Pythagoras hat's ja wohl noch nicht gehabt. Aber auf wen der späteren Pythagoräer bezieht H.H. sich hier?
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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon Medicus domesticus » Fr 3. Okt 2014, 09:31

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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon sinemetu » Fr 3. Okt 2014, 10:03

Schönen Dank ...
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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon Prudentius » So 5. Okt 2014, 09:34

also erfanden die Pythagoräer kurzerhand einen zehnten (Planeten): die Gegenerde, die sie zur Verhinderung der Beweislast klugerweise so platzierten, daß niemand sie je sehen würde können."


Das ist ein populärwissenschaftlicher Text, der Autor muss also seine Leser unterhalten...

Ähnliche Erfindungen gibt es ja heute auch: "Schwarzes Loch", Urknall, Antimaterie, Gottesteilchen...

Das heliozentrische Weltbild war durchaus in der Diskussion, aber es fehlte der Beweis; eine Weichenstellung war vllt. seine Ablehnung durch Aristoteles: er urteilte nach der Empirie, also wissenschaftlch im modernen Sinn: wir sehen die Sonne aufgehen, die Erfahrung spricht für das geozentrische Weltbild.

Galilei hat mit der Aussage "Und sie bewegt sich doch" die Sache nicht richtig getroffen: Bewegung ist relativ, wie man erst später eingesehen hat; ein Gegenstand bewegt sich oder bewegt sich nicht, je nachdem welchen Standort der Beobachter einnimmt.

Für das Verständnis der Bewegung des Sonnensystems war der moderne Begriff der Kraft nötig, und besonders der Schwerkraft, Gravitation; das fehlte bei Galilei noch, kam erst mit Newton oder später auf.
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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon RM » So 5. Okt 2014, 19:34

Salve Prudenti!

Ich würde mich jetzt nicht zu weit und ohne fremde Hilfe auf das Glatteis der modernen Physik wagen.
Schwarze Löcher, Urknall, Antimaterie und Gottesteilchen sind keine "Erfindungen", sondern aus fundierten Theorien abgeleitet und teilweise empirisch belegt.
Ob Galilei das, was ihm da in den Mund gelegt wird, tatsächlich gesagt hat, steht gar nicht fest. Dennoch gibt es untrügliche Beweise dafür, dass sich die Erde bewegt. Man kann nämlich ohne fremdes Zutun ihre tägliche Drehung auch auf der Erde experimentell nachweisen (Foucaultsches Pendel). Aber in der Auseinandersetzung von Galilei mit der Kirche ging es eigentlich um etwas ganz Anderes, nicht um die reine Physik. Galilei hat beim Verkünden der neue Botschaften andere Fehler gemacht, die mit der Physik selbst nicht so viel zu tun hatten.

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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon Prudentius » Di 7. Okt 2014, 16:15

Wegen des Glatteises: da rechne ich auf eure helfende Hand, aber für uns als die Freunde der Antike ist ja diese ganze Thematik und die Zeit (Renaissance) von besonderer Bedeutung, vllt. kann man einige Punkte herausstellen, die doch nicht so allgemein der Öffentlichkeit vor Augen stehen: wie sich genau welche antiken Vorstellungen zu dieser Zeit verändert, gehalten haben oder aufgegeben wurden. Galilei interessiert uns dabei nicht besonders.

Die Antike unterschied seit Platon Ruhe und Bewegung als absolute Gegensätze; das klingt noch nach bei Galilei: Ruht die Erde oder bewegt sie sich; in der Moderne wurde man sich darüber klar, dass der Bewegungszustand eines Systems nur in bezug auf einen bestimmten Standort erkennbar ist; Bsp. zur Illustration: die parallelen Eisenbahnzüge. Ich meinte, die Frage nach der Bewegung der Erde sei als solche gegenstandslos; also mit Bewegung ist reine Ortsveränderung gemeint, ohne Berücksichtigung von Kräften; beim Pendel aber sind Kräfte am Werk, deshalb können wir hier von dem Pendelversuch absehen.

Der moderne Begriff der Kraft kam ja erst durch Newton auf, das war ca. 50 Jahre nach Galilei; für die Zeit G. ging der Kampf also um die Frage: ruht die Erde oder bewegt sie sich? Es ging entscheidend um die Berechnung der Planetenbahnen: diese war eindeutig einfacher mit dem heliozentrischen System und der bewegten Erde.
Ein Beweis war das nicht, nur eine Plausibiltätsabschätzung; diese Beweislücke war die Voraussetzung, dass das Inquisitionsgericht von G. die Unterlassung oder den Widerruf seiner Äußerungen zu der Frage beschließen konnte.

Anders war die Situation etwas später bei Newton: mit seiner Entdeckung der Gravitation und des modernen Kraftbegriffes (Beschleunigung, Trägheitsbewegung): die Sonne stand im Mittelpunkt eines Kraftfeldes, das die Bewegung sämtlicher Planeten bestimmte.
Damit war die Frage entschieden: es war nicht nur das Dass, sondern auch das Warum beantwortet.
Für die Inquisition gab es da keinen Spielraum mehr, zumal ja auch der Engländer außerhalb ihres Bereiches war.
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Re: Gegenerde Pythagoras Erfindung

Beitragvon sinemetu » Mi 8. Okt 2014, 18:10

Danke Prudentius ...
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