Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

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Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Ioscius » Mi 5. Sep 2018, 16:19

Hallo,

ich bereite mich derzeit auf mein Griechischexamen vor, und würde gerne von euch wissen, was ihr von meinen Erläuterungen haltet - mit der Bitte um Berichtungen und Ergänzungen. Wahrscheinlich werde ich dazu befragt (Odyssee, Bücher 13-24 sind mein Poesiepensum).

Die ursprüngliche, bereits in der Antike gestellte den Autoren betreffende Frage war, ob der Autor der Ilias und Odysse derselbe war oder nicht ("Chorizonten"). Ab Wolfs Prolegomena ad Homerum wurde die eigentliche homerische Frage gestellt, nämlich ob die Werke aus verschiedenen Schichten/ Einzelerzählungen besteht (Analytiker) oder ob es sich um eine einheitliche Komzeption/ ein Gesamtwerk handelt (Unitarier).

Seit der Mitte des 20. Jh. wurde im Rahmen der sogenannten oral-poetry-Forschung (Parry/Lord) eine zusätzliche homerische Frage gestellt, nämlich ob die beiden Epen ursprüglich mündliche oder schriftlich-fixierte Dichtung sind.

Nun konstatiere ich, dass die Formelverse und Wiederholungen eine mündliche Tradition nahelegen, während die einmalige Komposition (Spannungsaufbau, Parallelhandlung (Telemachie) und Rückblick (Apologie) sowohl eine Schriftlichkeit, als auch eine Gesamtkomposition suggerieren..

Vermische ich da mit Unrecht die beiden Fragen oder klingt das plausibel?

Ich freue mich über eure Ergänzungen und Korrekturen.
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Prudentius » Do 6. Sep 2018, 16:54

In der Prüfung wird nicht von dir erwartet, dass du die homerischen Fragen beantwortest, sondern dass du imstande bist, die Problemlage zu erfassen und Argumente pro und contra gegeneinander abzuwägen, auf die gestellten Fragen begründend einzugehen; mach keinen verdatterten Eindruck, sagt nicht "Das weiß ich nicht", sondern: "Darüber hat die Wissenschaft noch nicht das letzte Wort gesagt", ... Versuche, das Prüfungsgespräch zu einem fruchtbaren Gedankenaustausch zu machen!

Die homerischen Rhapsoden bildeten ja eine Art Gilde, sie hatten ein Standardrepertoire, eine Organisation, vllt. gab es einen Souffleur, auf jeden Fall hatte jeder einen Assistenten dabei, der den Packen mit den Textblättern parat hatte, so kann man es sich vorstellen.
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Ioscius » Sa 8. Sep 2018, 18:04

Ist in Ordnung, Prudentius, danke!

Hast du mir denn noch ein paar Argumente dafür und dagegen?
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Prudentius » Mo 10. Sep 2018, 19:34

Das kann man so nicht sagen, Seneca spricht ja eine Parteimeinung aus, die offizielle Version der Stoa, die amtliche Lehrmeinung, nach der die Außenstehenden in Torheit und Blindheit befangen sind. Auf dieser Linie liegt ja auch das bekanntere Zitat: Non vitae, sed scholae discimus.
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Prudentius » Mi 12. Sep 2018, 09:49

Deine Begeisterung für das Leben ist sehr lobenswert, aber bei Seneca musst du beachten, was er mit "Leben" meint: die Tugend ist das einzige erstrebenswerte Ziel im Leben, die Affekte müssen bekämpft werden. Vllt. solltest du zu Seneca noch Horaz hinzunehmen, "Carpe diem ...".

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Du musst beides verbinden, das vergnügliche Leben erfüllt nicht, es bleiben Tausende Synapsen in unserem Hirn unbesetzt, du musst aus der Musenquelle trinken!
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Ioscius » Mo 17. Sep 2018, 18:59

Danke für eure Antworten! :)
Aber ich verstehe schon, was Stomachatus meint: Diese ewigen Diskussionen zur Entstehung der Werke führen zu nichts und erinnern an seitenlange Diskussionen zu irgendwelchen möglichen Detailfragen eines kleinen Verses.

Ich selbst würde mich mit diese Frage auch nicht freiwillig befassen, komme aber aufgrund des Examens nicht umhin ;)
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Re: Die homerischen Fragen und ihre Beantwortung

Beitragvon Prudentius » Mi 19. Sep 2018, 09:41

Es ist verkehrt, so abfällig über die Erforschung der Entstehungsgeschichte zu urteilen, wir verdanken ihr ja unendlich viele Einsichten, wir haben durch sie überhaupt erst ein einigermaßen abgerundetes Bild von Homer gewonnen; es stimmt aber, es ist übertrieben worden; man hat allen Klassikern ein Dreierschema verpasst: Frühwerk, Reifezeit, Spätwerk.
Die Frage "Woher?" kann nicht die Frage "Was?" beantworten.
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