Wo hat Caesar die Mauer gebaut?

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Wo hat Caesar die Mauer gebaut?

Beitragvon dideldum » So 11. Mär 2007, 17:55

Cari collegae,

es ist wahrscheinlich eine Schande, aber ich sitze hier mit Caesar-Text und Karte und versuche vergeblich zu verstehen, wo man sich eigentlich die Mauer aus BG I,8 vorzustellen hat.
In BG I,6 ist ja von den zwei möglichen Wegen der Helvetier die Rede, von denen ich bislang dachte, dass der längere, ungünstige nördlich und der kürzere, angenehmere südlich des Genfer Sees verlaufen. Es ist richtig, dass ich nie begriffen habe, in welcher Richtung eigentlich die Brücke bei Genf benutzt werden sollte, von der im selben Kapitel auch zu lesen ist.
Aber vollends unverständlich ist mir, wieso Caesar eine Mauer zwischen Rhone und Jura baut - das ist doch wieder nördlich?! Da hatte er doch wohl gar nichts zu suchen?!

Bitte, klärt mich auf!

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Beitragvon romane » So 11. Mär 2007, 18:10

meiner Meinung nach parallel zur Rhone, wobei auch die Rhone 'ein Teil der Mauer' war
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Beitragvon dideldum » So 11. Mär 2007, 18:27

Die Textstelle lautet "a lacu Lemanno ad montem Iuram" - ok, es ist der Genfer See und nicht die Rhone - aber jedenfalls kann ich mir da nur etwas vorstellen, was mehr oder weniger rechtwinklich vom Genfer See nach Norden geht.
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Beitragvon romane » So 11. Mär 2007, 19:13

aus dem Genfer See fließt die Rhone.

Die Rhone war Grenze, also befestigte Caesar sie. Dort, wo der Fluss unüberwindbar war, war die 'Mauer' unterbrochen.

Ich weiß nicht mehr die Quelle - aber Napoleon soll Teile davon ausgegraben haben
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Beitragvon dideldum » So 11. Mär 2007, 22:22

Danke!
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Beitragvon Tiberis » Mo 12. Mär 2007, 16:17

nach Caesars angaben läßt sich der verlauf der mauer ganz gut rekonstruieren:
1. die mauer ist 19 meilen lang, also ca.27-28 km. (I,8,1)
2. sie soll einen übertritt der helvetier auf römisches gebiet unterbinden
(I,8,2)
3. die rhonebrücke bei Genava wurde bereits abgerissen (I,7,2)
4. in weiterer folge versuchen die Helvetier,die Rhone zu überqueren, scheitern jedoch an der röm. befestigungsanlage (I,8,4)

daraus ergibt sich, dass die mauer unmittelbar am südufer der Rhone, und zwar, wie Romane schon sagte, parallel zu dieser, verlief.
vom SW-ende des Genfer Sees bis zur heutigen staatsgrenze sind es ca. 18-20 km, dann noch ca.4- 5 km bis zum beginn des rhonedurchbruchs durch den Jura. das entspricht in etwa der länge dieser mauer.

zur ansicht Romanes, dass die mauer unterbrochen gewesen wäre, gibt es keine belege.wäre sie unterbrochen gewesen, gäbe es schwierigkeiten, die gesamtlänge von 19 meilen "unterzubringen".
vor allem aber hätten sich die Helvetier dann wohl eine andere stelle für die flußüberquerung ausgesucht:
denn in I,8,4 heißt es ganz klar, dass sie versuchten,den fluß (mittels einer art pontonbrücke) zu überqueren, jedoch operis munitione..repulsi letztlich ihr vorhaben aufgaben.
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Beitragvon consus » Mi 14. Mär 2007, 11:40

Salvete, collegae optimi!
Da ich kein Spezialist im Festungsbau bin, habe ich mich bisher auf die Angaben im Kommentar von Kraner-Dittenberger-Meusel verlassen (Dublin/Zürich 1970, 1. Bd. S. 100f.):
a lacu Lemanno – murum perducit. Dabei ist weder an eine (steinerne) Mauer, noch an einen ununterbrochenen Erdwall zu denken. Vielmehr ist der Fluß auf dem bei weitem größten Teile der bezeichneten Strecke von unersteiglichen Abhängen eingefaßt, und nur die dazwischen liegenden zugänglichen Stellen ließ C. durch Wall und Graben befestigen.

Die Kommentatoren berufen sich auf Napoléon III, Histoire de Jules César II p. 49-55.
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Beitragvon Tiberis » Mi 14. Mär 2007, 15:41

salvete ! :)

ich habe mir jetzt den verlauf der Rhone einmal auf der Schweizerischen Landeskarte 1:25.000 genau angesehen:
richtig ist, dass die Rhone zwischen Genf und Chancy in mehreren in die flußterrasse eingetieften mäandern verläuft, wobei der niveauunterschied zwischen fluß und terrassenoberkante im durchschnitt etwa 40 meter beträgt.an den prallhängen erfolgt der anstieg unmittelbar am ufer in form eines steilhangs (also die "unersteiglichen abhänge" :D ), sonst in einiger entfernung vom ufer, entweder ebenfalls in form eines steilhangs (z.b. nördl. Cartigny) oder (seltener) allmählich.
d.h., die "unersteiglichen abhänge" am südufer der Rhone sind die norm; nur relativ wenige stellen können als "zugänglich" (= allmählich ansteigend) bezeichnet werden.
nimmt man nun an, dass die "mauer" bzw. befestigungsanlage Caesars nur an diesen wenigen stellen errichtet worden wäre, wie bitte ließe sich das mit den 19 meilen , von denen Caesar spricht, vereinbaren???
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Beitragvon dideldum » Mi 14. Mär 2007, 23:16

Schweizer Landeskarte ist natürlich eine gute Maßnahme, nur hatte ich eine solche nicht. Ein paar Schüler wollen sich nun daransetzen, bei Google earth die Verhältnis genauer zu betrachten; ich denke, das ist eine Dimension, bei denen die Luftbilder ganz gute Dienste tun könnten. Wenn es eine wertvolle Erkenntnis gibt, werde ich die selbstverständlich weitergeben.

Die 19 Meilen finde ich gar nicht so unlogisch: Wahrscheinlich hat Caesar einfach die Gegebenheiten der Natur für seine Leistung ausgegeben - wäre ja nicht das einzige Mal, dass er an der Wahrheit etwas gebogen hat!
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