Ad Atticum

Das Forum für professionelle Latinisten und Studenten der Lateinischen Philologie

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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 23. Nov 2016, 15:52

Sokrates, ich möchte nur einen Anstoß geben. Um dir nicht zu nahe zu treten, da ich dich hier schätze, aber das sind die bekannten Phrasen, die ich kenne. Die bringen nicht weiter.
Sokrates hat geschrieben:aber in die Schulen hat eine solche Meinung kaum Einzug gehalten, wie kann Latein da noch attraktiv sein?

Es geht los. Gerade bei uns, Hochburg, was Latein betraf, bröckelt es gewaltig. Es entscheiden sich immer mehr gegen Latein.
Gerade die angehenden Lehrer vermissen ja und äußern die mangelnde Praxisnähe.
Wir als Med.studenten haben uns gegen viele Dinge, die uns nicht passten, geäußert und Veränderungen bewirkt, einschließlich Demos damals. Das vermisse ich oft in anderen Fachrichtungen. Vieles wird einfach hingenommen und dann wundert man sich.
@marcus03: Gegen Praxisnähe spricht nichts. Es ist oft eine Bereicherung. Ich denke nur daran als wir gegen Großgruppen im Praktikum der Inneren Medizin waren: Wir waren nicht einverstanden, haben uns dagegen gewehrt .. und die Gruppengröße wurde auf 3 pro Station reduziert.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Sokrates » Mi 23. Nov 2016, 16:25

Lieber Medicus domesticus (sic!),

deine Sorge ist ganz unbegründet, mir kann man gerne nahe treten, dann debattiert es sich auch besser! :lol:
Allen meinen Äußerungen sei vorausgeschickt, dass ich mich nicht allzu gut auskenne und mir in vielen Teilen eine professionelle Einschätzung eigentlich nicht erlauben kann, aber das ändert wenig an den Tatsachen.
In Zeiten von wirren Schulreformen bleibt Griechisch, sogar unser Latein manchmal auf der Strecke, aber noch erfreuen sich beide ja großer Beliebtheit (im Gegensatz zu echten Randfächern wie Recht oder Astronomie).
Es besteht wahrscheinlich ein großes Missverständnis der alten Sprachen sowohl seitens der Lehrenden wie Lernenden.
Zum einen sehen wir doch eben keine Bereitschaft zu Reformen etwa in Latein, denn obwohl der Übersetzungsprozess so zentral ist, gibt es nicht etwa zu Beginn der Schulzeit eine verständliche Einführung in die Übersetzungwissenschaftund laufend immer wieder methodische Unterweisungen, es gibt keine Deutsch-Latein-Klausuren in der Schule, es gibt keine Referenzen auf die historische Formenlehre, es gibt keine Einigung auf ein angewandtes Syntaxmodell. Wie sollen denn die Neulinge Spaß an Latein entwickeln, wenn sie keinen Erfolg ihres langen Lernens sehen, indem sie auf einmal die Zusammenhänge etwas bessern durchblicken?
Wenn ich persönlich werden darf, ich empfand beide Sprachen immer als sehr anstrengend und wenig gewinnbringend. Man denkt sehr lange über eine Form und einen Satz nach, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Dann erfährt man, dass auch andere einander uneinig sind und sich
widersprechen. Die Klassische Philologie bleibt also in weiten Teilen ein Aporie. Ich denke, dieses Bewusstsein und die Kultur der Aporie ist heute unerwünscht.
Freilich stellt ein Medizinstudium ganz andere Anforderungen, denn es ist ein praktisches und mit vielen anderen Fächern unvergleichbar. Wenn bei euch in der Histologie nicht genügend Mikroskope vorhanden waren oder zu wenig Betreuer in der Chirurgie, dann hattet ihr jedes Recht, zu protestieren.
Wenn die Hälfte der Ärzte fehlte, wäre das nicht gut. Wenn die Hälfte der Philologen fehlte, was würde sich denn ändern?
Übrigens soll damit keiner der Lehrer oder Hochschullehrer kritisiert werden, solange sich einer mit Latein befasst, steht es doch nicht so schlecht um uns :)
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Re: Ad Atticum

Beitragvon marcus03 » Mi 23. Nov 2016, 16:48

Medicus domesticus hat geschrieben:@marcus03: Gegen Praxisnähe spricht nichts. Es ist oft eine Bereicherung.

Das sehe ich ja auch so. Aber wie soll man das im großen Stil praktizieren? Das Problem liegt in der Praxis der Praxis?Im Extremfall sitzen dann im LK-Latein mehr Praktikanten im Klassenzimmer als Schüler und Lehrer zusammen. ;-)

PS:
Für eine Praktikantin der Typs "Monica Lewinski" fände sich indes wohl immer eine Betreuungsmöglichkeit v.a.
extra conclave scholare. :lol:
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 23. Nov 2016, 17:18

Einen LK Latein gibt es ja im neuem Q11/12 System nicht mehr ;-) Leider. Man kann Latein noch wählen auf einem großen Zettel mit Strich drunter, Stunden werden gezählt, Seminare usw. Ein kompliziertes System. Mein ältester Sohn macht nä Jahr Abitur...
So schlimm wäre es nicht. Man könnte die Leute schon einsetzen und verteilen in ganz Bayern. Der Reformwille muß halt da sein.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon LaniusCollurio » Mi 23. Nov 2016, 19:42

Salvete,

das wird schon mit der Hausarbeit. Literatur gibt es reichlich. Kommentare ebenso. Und alles, was falsch gemacht worden ist, wird eben das nächste Mal besser gemacht.

Zum Thema Latein Unterricht/Studium etc. könnte ich eine Menge, eine große Menge erzählen.
Leider würde das meinen zeitlichen Rahmen sprengen und die hier anwesenden Personen nicht erfreuen.

Ich kann aber zumindest in eine Richtung für Beruhigung sorgen. Nicht nur im Fach Latein oder Altgriechisch - naja, da sitzen eh kaum mehr als 3 Studenten in der Vorlesung - sieht es katastrophal in Bezug auf werdende Lehrer und deren Kompetenzen aus. :lol:

Valete
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Re: Ad Atticum

Beitragvon marcus03 » Mi 23. Nov 2016, 19:47

Medicus domesticus hat geschrieben:Der Reformwille muß halt da sein.


Wenn der aus der Politik kommt, gehts meist in die Hose. Das G8 hat das wieder einmal eindrucksvoll bestätigt.
Was vom grünen Tisch und von Volltheoretikern kommt, kann in der Praxis fast nur scheitern.
Wie sagte Helmut schmidt einmal: Wer Visionen hat,sollte zum Arzt gehen.
Vision tun v.a. eines: Sie verschlingen Unsummen und hinterlassen oft ein Desaster (Flughafen BB,EU, dt. Bank, VW, Elbharmonie, Stuttgart 21...)
Visionen ohne Realitätsorientierung gibt es ohne (finanziell) absehbares Ende leider überall.
Motto: Der Steuerzahler wirds schon richten/ blechen, wenns daneben geht.
Mal sehen, was aus Trumps Visionen wird. America first = reason last?
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Do 24. Nov 2016, 15:24

Ja, damit hast du Recht. Sitzen im KUM nicht auch hauptsächlich Lehrer? Von Theorie zur Theorie ;-)
Lanius will uns mit seinen Berichten schonen, aber ich kenn das System ja.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon marcus03 » Do 24. Nov 2016, 19:50

Medicus domesticus hat geschrieben: Sitzen im KUM nicht auch hauptsächlich Lehrer?


vor dem Schuldienst geflüchtete,gescheiterte Lehrer?? ;-)
Das erinnert irgendwie an Strukturvertriebe: Alle wollen ganz oben sitzen, weil keiner unten verkaufen möchte.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon cultor linguarum antiquarum » Do 24. Nov 2016, 20:28

Medicus domesticus hat geschrieben:Einen LK Latein gibt es ja im neuem Q11/12 System nicht mehr ;-) Leider. Man kann Latein noch wählen auf einem großen Zettel mit Strich drunter, Stunden werden gezählt, Seminare usw. Ein kompliziertes System. Mein ältester Sohn macht nä Jahr Abitur...
So schlimm wäre es nicht. Man könnte die Leute schon einsetzen und verteilen in ganz Bayern. Der Reformwille muß halt da sein.


Zum Glück gibt es bei mir in Wangen noch Latein als reguläres Hauptfach in der Oberstufe wählen. Gut, viele Schüler wählen es, weil sie Englisch noch weniger mögen. Aber immerhin sind es noch ungefähr zwanzig von hundertzehn Schülern der elften Klasse.

Gibt es in Bayern generell kein Hauptfach/Abiturfach/Leistungskurs/wie auch immer mehr, das voll zählt, also wie Englisch oder Französisch?
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Do 24. Nov 2016, 20:33

Mal ohne Kommentar:
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Re: Ad Atticum

Beitragvon cultor linguarum antiquarum » Do 24. Nov 2016, 20:44

Latein gibt es also doch noch als Abiturhauptfach?
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Do 24. Nov 2016, 20:47

Ja, nur als fortgeführte Fremdsprache. Ist natürlich überhaupt nicht mehr mit LK Latein vergleichbar (wir hatten 6 Stunden pro Woche konzentriert)
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Re: Ad Atticum

Beitragvon cultor linguarum antiquarum » Do 24. Nov 2016, 20:56

Achso, ich kenne nur das neu G8-System ohne Leistungskurse, das System scheint in Baden-Württemberg recht ähnlich wie in Bayern zu sein. Besser vier Stunden als null.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Do 24. Nov 2016, 21:05

cultor linguarum antiquarum hat geschrieben:Besser vier Stunden als null.

Klar, mein Sohn macht das ja. Aber nicht mehr vergleichbar. Ich hatte LK Latein und LK Mathematik (also jeweils 6 Stunden). Dies waren auch zwei der 4 Abiturfächer. Unser Lateinlehrer war damals Mitte 50. Lehrer für Latein, Griechisch und Geschichte. Eine unheimlich interessante Zeit, einschließlich Exkursionen nach Rom und Trient usw.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon cultor linguarum antiquarum » Do 24. Nov 2016, 21:13

Mathematik habe ich gewissermaßen sechs Stunden, dank des Vertiefungskurses. Mathematik als normales Hauptfach ist ziemlich einfach, dafür letzterer umso anspruchsvoller.
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