Ad Atticum

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Re: Ad Atticum

Beitragvon Prudentius » Fr 25. Nov 2016, 21:10

marcus03 hat geschrieben: ... sagte Helmut schmidt einmal: Wer Visionen hat,sollte zum Arzt gehen.


Das ist nur in einer relativ stabilen Situation richtig, wenn es darauf ankommt, die Stellung zu halten, das war damals so; ein Wahlslogan Adenauers lautete: "Keine Experimente!"; aber normalerweise sind Visionen nötig, um irgendetwas voranzubringen. Nur Visionen allein bewirken nichts, aber Visionen lassen sich mit Tatkraft verlinken, dazu gibt es z.B. Parteien.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon marcus03 » Sa 26. Nov 2016, 10:52

Prudentius hat geschrieben:aber normalerweise sind Visionen nötig, um irgendetwas voranzubringen.


Stimmt, solange sie nicht bar jeder (v.a) ökonomischen) Restvernunft sind.

Prudentius hat geschrieben:aber Visionen lassen sich mit Tatkraft verlinken, dazu gibt es z.B. Parteien.


Gerade in der Politik muss man sich vor Visionären besonders in Acht nehmen Politiker wollen sich primär profilieren wohlwissend, dass sie für die Folgen nicht haften müssen, wenns daneben geht.
Auch die tolle Vision EUROPA ist zu einem finanziellen Debakel geworden, an dem noch Generationen zu beißen haben werden. Europa steht mittlerweise nur noch für ineffiziente, überbordende, sündteuere, reformresistente Bürokratie, Lobbyismus, Nepotismus,...
Die Vision des freien Wettbewerbs ist degeniert zum knallharten Preiskrieg und Konkurrenzkampf mit z.T. kriminellen Methoden, in dem nur die Großen und Starken am Ende überleben, an dem die wirklich entscheidenden Visionen wie die einer sauberen Umwelt, humaner Arbeitsplätze weltweit, eines globalen ,verantwortungsvollen Ressourcen-Gebrauchs etc. zu scheitern drohen.
Auf die richtigen und realistischen Visionen kämr es an. Doch was ist heutzutage noch realistisch und richtig? Die Politiker scheinen es am allerwenigsten zu wissen. Kein Wunder: Die meisten sind Theoretiker und Bürokraten, die die Alltagswirklichkeit nur vom Hörensagen und aus den Medien zu kennen scheinen.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 26. Nov 2016, 11:45

marcus03 hat geschrieben:Die meisten sind Theoretiker und Bürokraten, die die Alltagswirklichkeit nur vom Hörensagen und aus den Medien zu kennen scheinen.

Das stimmt häufig. Um auf die Studiensituation zurückzukommen: Bei Demos zur Verbesserung der Studienbedingungen merkte man damals oft, dass die Verantwortlichen keine Ahnung hatten.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Zythophilus » Sa 26. Nov 2016, 11:55

Das Wort "Vision" ist nicht so eindeutig, und Brandt spielt mit diesen Bedeutungen. Dabei scheint er allerdings bewusst die negative Bedeutung vorauszusetzen.
Als Fremdwort im Deutschen meint es zunächst das, was ein Seher, Prophet oder eine ähnliche Person in der Form einer übernatürlichen Offenbarung sieht bzw. zu sehen glaubt. Die Lehnübersetzung "Gesicht" kann man heutzutage dafür nicht mehr verwenden, auch wenn man in älteren Texten noch auf "Nachtgesicht" stößt.
In einem übertragenen Sinn ist eine Vision eine meist positive Zukunftsprognose, die ein vielleicht unrealistisches, aber nicht unmögliches Szenario beschreibt. Dazu gehört das Adjektiv "visionär" bzw. das gleich lautende Substantiv.
Schließlich kann man "Vision" gelegentlich noch als "Wahnvorstellung" übersetzen. Wenn die Vision einer friedlichen Zukunft nicht Wirklichkeit wird, dann ist sie nur ein eitler Wahn.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Zythophilus » Sa 26. Nov 2016, 12:03

In diesem Sinn sind sich "Traum" und "Vision" sehr ähnlich. Als Martin Luther King 1963 davon sprach, dass er "einen Traum habe", hielten ihn viele für einen Spinner und seine Wunschvorstellung für unmöglich.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon marcus03 » Sa 26. Nov 2016, 12:37

Zythophilus hat geschrieben: was ein Seher, Prophet oder eine ähnliche Person in der Form einer übernatürlichen Offenbarung sieht bzw. zu sehen glaubt.


"Der Seher erhält pro Vision nichts."

https://www.aphorismen.de/suche?f_thema=Vision&seite=2


PS:
Visionen haben oft Leute, die mit ihrem Latein an Ende sind oder ständig an der Realität scheitern oder andere für etwas begeistern wollen, wofür sie aber aus Angst vor dem Risiko selber nie einen müden Euro investieren würden. Maximale Risikoabwälzung ist das Gebot der Stunde in Zeiten, in den langfristige Planung nicht mehr möglich ist. Sicher ist nur, dass nichts mehr sicher ist. Morgen kann alles schon wieder ganz anders sein. Daher müssen ständig neue Visionen her. Visio moritur ultima.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon LaniusCollurio » Mo 28. Nov 2016, 21:12

Medicus domesticus hat geschrieben:Einen LK Latein gibt es ja im neuem Q11/12 System nicht mehr ;-) Leider. Man kann Latein noch wählen auf einem großen Zettel mit Strich drunter, Stunden werden gezählt, Seminare usw. Ein kompliziertes System. Mein ältester Sohn macht nä Jahr Abitur...
So schlimm wäre es nicht. Man könnte die Leute schon einsetzen und verteilen in ganz Bayern. Der Reformwille muß halt da sein.


Wer sich über die bildungspolitischen Auswüchse in Schulen und Universitäten wundert, dem empfehle ich einen Unterrichtsbesuch in den 1- 4 Klassen. Ohne mich als besonders belesen bezeichnen zu wollen, muss ich darauf hinweisen, dass das Dilemma bereits in den unteren Klassen beginnt, eigentlich schon während der Erziehung. Manch einer dürfte sich wohl wundern, was Kinder alles nicht mehr können/wissen.
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Re: Ad Atticum

Beitragvon medicus » Mo 28. Nov 2016, 22:45

Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates)
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Re: Ad Atticum

Beitragvon Zythophilus » Mo 28. Nov 2016, 23:00

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Re: Ad Atticum

Beitragvon Prudentius » Di 29. Nov 2016, 16:39

Das steht wohl in Platons Politeia, wo Sokrates die Mängel der (direkten) Demokratie beklagt, sie hatte ja während des Peloponnesischen Krieges zu dem Unwesen der Demagogen geführt.
Diese Diskussionen führten dann zu der Theorie der "Gemischten Verfassung" bis hin zum 18. Jh. mit der "Parlamentarischen Demokratie", womit wir ja die endgültige Antwort auf die Frage nach dem besten Staat gefunden zu haben meinen.
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