Cic. amic. 20 - haud scio an + nihil ?

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Cic. amic. 20 - haud scio an + nihil ?

Beitragvon Honigdachs » Di 22. Nov 2016, 13:44

Liebe Freunde des Altertums,

in Ciceros Laelius de amicitia bin ich in §20 auf eine Konstruktion gestoßen, die mich verwundert hat. Laelius stellt gerade eine Definition der Freundschaft auf und schließt:

Est enim amicitia nihil aliud nisi omnium divinarum humanarumque rerum cum benevolentia et caritate consensio;

(Mein Übersetzungsvorschlag:) Die Freundschaft ist nämlich nichts anderes als die Übereinstimmung aller göttlichen und menschlichen Dinge mit dem Wohlwollen und der Liebe;

qua quidem haud scio an excepta sapientia nihil melius homini sit a dis immortalibus datum.

(Direkt übersetzt:) Ich weiß nicht, ob - mit Ausnahme der Weisheit - dem Menschen etwas besser als sie (qua quidem -> als die Freundschaft) von den Göttern gegeben wurde.
Gemeint ist natürlich: Mit Ausnahme der Weisheit wurde dem Menschen nichts besseres als die Freundschaft von den Göttern geschenkt.

Ich störe mich an dem haud scio an ... nihil -- das wirkt auf mich wie eine doppelte Verneinung. Ich selber hätte eher etwas erwartet wie haud scio an quicquam homini datum sit

Meine Fragen:

- Wie ist diese doppelte Verneinung zu erklären? Muss man sich "haud scio an" weniger als wörtlich zu nehmende Einleitung einer indirekten Frage als vielmehr als eine Art erstarrte Phrase vorstellen, die eigentlich so viel heißt wie "fortasse" und auch damit ersetzt werden könnte?

- Ist diese Konstruktion (doppelte Verneinung mit haud scio an) so üblich? Finden sich dafür noch andere Stellen?

RHH führt die Konstruktion unter (aus dem Gedächtnis glaube ich) §133, 3 auf, macht aber keine näheren Angaben im Hinblick auf meine Frage
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Re: Cic. amic. 20 - haud scio an + nihil ?

Beitragvon marcus03 » Di 22. Nov 2016, 14:05

Honigdachs hat geschrieben: die Übereinstimmung aller göttlichen und menschlichen Dinge mit dem Wohlwollen und der Liebe;


Nicht eher:

die Ü. in allen/ im Bereich aller ... in Wohlwollen und Liebe ?


Honigdachs hat geschrieben:Muss man sich "haud scio an" weniger als wörtlich zu nehmende Einleitung einer indirekten Frage als vielmehr als eine Art erstarrte Phrase vorstellen, die eigentlich so viel heißt wie "fortasse" und auch damit ersetzt werden könnte?


So ist es.

http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/lat ... /haud+scio
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Re: Cic. amic. 20 - haud scio an + nihil ?

Beitragvon Honigdachs » Di 22. Nov 2016, 20:48

marcus03 hat geschrieben:Nicht eher:

die Ü. in allen/ im Bereich aller ... in Wohlwollen und Liebe ?


Ja, kann man auch so formulieren. Das klingt etwas besser. Den ersten Teil habe ich nur des Verständnisses halber mit hinzugefügt.

Danke für den Hinweis, bzw. die Bestätigung. Hab jetzt auch im Georges die entsprechende Stelle dazu gefunden:

die Formel haud scio an od. nescio an, als höflicher, bescheidener Ausdruck der subjektiven Überzeugung, wie unser: ich bezweifle, ich weiß nicht recht, ob nicht, d.i. ich glaube fast, ich vermute, daß usw.

(...)

Von selbst ergibt sich [ :prof2: !!!], daß die Verneinung des von dubito an u. haud scio an od. nescio an abhängigen Satzes durch non u. (nach den beiden letztern) durch ne... quidem, nullus, nemo, nihil, numquam, minus etc. ausgedrückt werden muß
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Re: "Erstarrte Phrase"

Beitragvon Prudentius » Mi 23. Nov 2016, 20:35

Honigdachs hat geschrieben: ...als vielmehr als eine Art erstarrte Phrase vorstellen ...


Die "erstarrte Phrase" klingt denn doch ein wenig wunderlich, vllt. kann man einmal in die Wunderwelt des Wechselspiels von Negation und Quantoren (Quantoren sind die beiden "alle" und "es gibt") hineinschauen, es gibt eine ganze Tabelle von Entsprechungen, paarweise "äquivalente Formulierungen", wie man sagt:

"alle" ~ "es gibt niemanden, der nicht ...",
"es gibt einen" ~ "nicht alle nicht",
"nicht alle" ~ "es gibt jemanden, der nicht",
"alle nicht" ~ "es gibt niemanden, der".

Es ist uns doch geläufig, denkt an "nonnulli", nicht-niemand ~ einige; nonnumquam.
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