Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon Tiberis » So 17. Dez 2017, 22:58

Prudentius hat geschrieben:unser Ziel ist in erster Linie, an die großen Klassiker der Literatur heranzuführen, wenn auch in bescheidenem Umfang.

genau das ist das Problem. Die Lücke zwischen diesem hehren Anspruch und der tristen Realität ist unübersehbar, von Jahr zu Jahr entfernen wir uns weiter von diesem Ziel. Welcher Schüler ist denn wirklich in der Lage, nachdem er jahrelang mit Grammatik vollgestopft wurde, tatsächlich einen Text von Cicero, geschweige ein Gedicht von Horaz, zu LESEN ? In Wahrheit werden die "großen Klassiker" ja missbraucht, indem Heerscharen unwilliger und unbegabter Schüler gezwungen werden, sich an deren wehrlosen Texten zu vergreifen. Es ist ungefähr so, wie wenn man im Instrumentalunterricht zwei Jahre lang Fingerübungen durchführen ließe und dann von den Schülern verlangte, eine Schubertsonate oder eine Lisztrhapsodie zu spielen.
Dabei fällt selbst dieser Vergleich zuungunsten des Lateinunterrichts aus. Zwei Jahre Fingerübungen würden immerhin eine gewisse Geläufigkeit garantieren, durch die man befähigt wäre, zumindest einfachere Stücke zu spielen. Fingerübungen wirken nämlich einigermaßen nachhaltig, während die meisten Grammatikregeln rasch wieder vergessen werden, wenn man die Sprache nicht aktiv gebraucht.
Wenn wir haben wollen, dass auch in mittlerer Zukunft Latein noch an Schulen unterrichtet wird, sollten wir uns also schleunigst vom vollkommen unrealistischen Anspruch verabschieden, mehr oder weniger schwierige antike Texte "lesen und übersetzen" können zu sollen. An diesem Anspruch scheitert man bereits jetzt und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich die Situation in Zukunft verbessert.
Wenn wir haben wollen, dass Latein an den Schulen nicht endgültig verschwindet, sollten wir dem Irrglauben abschwören, dass eine Sprache erlernt (oder gar beherrscht) werden könne, ohne sie aktiv zu gebrauchen. Aktiver Sprachgebrauch würde jedenfalls die Nachhaltigkeit des Erlernten sowie die Motivation der Lernenden fördern und vielleicht sogar die schwache Hoffnung aufkeimen lassen, dass die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache nicht automatisch mit dem Verlassen des Gymnasiums zu Ende geht.
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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon ille ego qui » So 17. Dez 2017, 23:12

Ja, Geschmacksache, sagte die Affe und biss in die Seife.
Ich kann mir kein sinnloseres Interesse vorstellen.


Suspicor te numquam saponem gustavisse, mi amice litteratissime. Nihil supra! ;-) Sed ioco remoto:

Es kann sich auch manch einer kein sinnloseres Interesse als Latein vorstellen - und auch von denen erwarten wir (zu Recht?) mindestens Toleranz ... die fände ich mithin auch innerhalb der Altphilologie denjenigen gegenüber angebracht, die gänzlich andere Interessensschwerpunkte verfolgen als man selbst.
(Darüber, dass man in Schule und Universität auch den lebendigen Gebrauch der lateinischen Sprache nicht vernachlässigen, ja möglichst stark einbeziehen sollte - und zwar mit dem Ziel, auf diese Weise besser in die Texte hineinzufinden -, darüber besteht ja zwischen uns beiden grundsätzlich gar kein Dissens ... ich bin nur für etwas mehr Toleranz und gegen Dogmatik - zumal ich auch glaube, dass man auf dem Wege letzterer nur schlecht Leute erreicht ... ;-) )

Vale!
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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon ille ego qui » So 17. Dez 2017, 23:22

Deiner traurigen Diagnose, optime Tiberis, ist wohl leider ganz und gar zuzustimmen - über die grenzen der österreichischen "Nation" :-D hinaus. :( :(
Wenn wir haben wollen, dass Latein an den Schulen nicht endgültig verschwindet, sollten wir dem Irrglauben abschwören, dass eine Sprache erlernt (oder gar beherrscht) werden könne, ohne sie aktiv zu gebrauchen. Aktiver Sprachgebrauch würde jedenfalls die Nachhaltigkeit des Erlernten sowie die Motivation der Lernenden fördern und vielleicht sogar die schwache Hoffnung aufkeimen lassen, dass die Beschäftigung mit der lateinischen Sprache nicht automatisch mit dem Verlassen des Gymnasiums zu Ende geht.

Ich hatte in Erinnerung, dass du zumindest gegenüber dem Lateinsprechen im Unterricht einmal skeptischer warst. Trügt mich da meine Erinnerung?
Jedenfalls sehe ich auch das ähnlich. Aber ob sich Latein auf die Weise "retten" ließe - auch da bin ich mir nicht mehr ganz so sicher ... :roll: Einen (energischen) Versuch wäre es allemal wert!
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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon Tiberis » Mo 18. Dez 2017, 00:49

ille ego qui hat geschrieben:Ich hatte in Erinnerung, dass du zumindest gegenüber dem Lateinsprechen im Unterricht einmal skeptischer warst. Trügt mich da meine Erinnerung?


Ich kann mich nicht erinnern, jemals gegen das Lateinsprechen im Unterricht aufgetreten zu sein. Aber es ist möglich, dass ich vielleicht einmal die Machbarkeit dieses Vorhabens angezweifelt habe, da Lateinsprechen (zumindest in Österreich) vom Lehrplan her nicht vorgesehen ist. Würde man darauf bestehen und die diesbezüglichen Leistungen der Schüler in die Benotung einbeziehen, hätte man wohl bald Schwierigkeiten zu erwarten.. :( :( Unsere Schulbehörde tut eben alles, damit Latein auch tatsächlich eine tote Sprache bleibt. :cry:
umso tröstlicher ist es, dass es doch hin und wieder engagierte und hervorragend qualifizierte junge Lehrer wie dich gibt, die sich mit aller Kraft dem endgültigen Untergang dieser schönen und wichtigen Sprache entgegenstemmen.
:klatsch:
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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon ille ego qui » Mo 18. Dez 2017, 02:05

Heureka :D

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Re: Explikatives ut? (ohne hinweisendes Pronomen?)

Beitragvon Prudentius » Mo 18. Dez 2017, 11:46

Tiberis hat geschrieben: Die Lücke zwischen diesem hehren Anspruch und der tristen Realität ist unübersehbar, ...


Ihr macht zuviel lamentatio, da ist keine Lücke; oder so gesagt: wir als Lehrer haben die Chance und die Aufgabe, diese Lücke auszufüllen, wir treten als Repräsentanten der Kulturgüter auf; wir können eine integrale Haltung einnehmen, d.h. wenn wir eine l. Vokabel oder eine Flexionsform in den Mund nehmen, dann ist gleich die ganze Antike gegenwärtig, das liegt an uns.
Die Misere ist das abgekapselte Bewusstsein der Lehrer; es ist die Rede von "Fingerübungen" oder von "Einpauken" der Formenlehre; man sollte ständig den Blick auf das Ganze richten; Deklination nahebringen als integralen Bestandteil der Satzkonstruktion und damit als Träger von Gedanken und Ideen.
Wenn wir durch geringe Stundenzahl nicht zu extensiver Lektüre kommen, dann können wir den Schülern auch die Übersetzung angeben und sie in Textauswertung auf vielfältige Weise fördern und fordern.
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