Ovid

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Re: Ovid

Beitragvon Zythophilus » So 2. Jun 2019, 23:12

Der Inhalt der Stelle sollte das erste Kriterium sein. Es ist für den Fortgang der Geschichte wichtig, dass Arethusa an das Ufer steigt, an dem sie ihre Kleider nicht gelassen hat. Dem propriori ripae seht altera ripa eindeutig gegenüber. Die theoretisch mögliche Enallage (das Adjektiv wäre sinngemäß ripae zuzuordnen) ist bei der Gegenüberstellung nicht plausibel. Das Bald im Fluss erklärt, warum Arethusa an das "falsche" Ufer kommt. In der Situation ist es ihr zuerst wichtig, an ein Ufer zu kommen, um die Lage zu klären. Da nimmt sie klarerweise das nähere.

Ich vertraue darauf, dass es stimmt, dass Ovid den Abl. des Komparativs nicht mit i bildet. Er schafft es sicher, einen Vers so zu bilden, dass die Form propriore, falls sie nötig ist, Platz findet.
Das Verb insistere funktioniert auch mit Dativ. Ich tendiere mittlerweile dazu, die Version propriori … ripae als Dativ zu belassen, wobei margine den Komparativ näher bestimmt. Das mag zwar etwas überflüssig wirken, aber kommt mitrvertretbar vor.

Ovids Werke sind natürlich ein von Philologen intensiv beackertes Feld, aber der Universitätsprofessor, der natürlich mehr Zeit für solche Tätigkeiten aufwenden kann, ist nicht zwangsläufig immer besser als "irgendein Lateinlehrer". Auch wenn ich Tiberis' Meinung in dem konkreten Fall nicht teile, heißt das noch lange nicht, dass er automatisch schweigen muss, sobald ein Philologe einer Universität etwas dazu veröffentlicht. Er geht mit viel philologischer Sachkenntnis an das Problem heran und zeigt mögliche Aspekte auf.
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Re: Ovid

Beitragvon Medicus domesticus » Mo 3. Jun 2019, 18:32

Zythophilus hat geschrieben:dass er automatisch schweigen muss, sobald ein Philologe einer Universität etwas dazu veröffentlicht.

Das habe ich nie behauptet. Tiberis´ Vorschlag mit dem Vergleich zu priori caede wurde auch schon von Hugo Magnus veröffentlicht:
Magnus, Hugo. “Ovids Metamorphosen in Doppelter Fassung? II.” Hermes, vol. 60, no. 2, 1925, pp. 113–143. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/4473954.
Meine Kritik ist die, dass die Quellen erst mal durchsucht werden sollten und dann eine Art Conclusio praesentiert werden sollte. Einzelne Meinungen alleine zählen wenig. Ich schaue mir dies auch an. Das wäre eine seriöse Vorgehensweise.
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Re: Ovid

Beitragvon Tiberis » Sa 8. Jun 2019, 19:21

Medicus domesticus hat geschrieben:Meine Kritik ist die, dass die Quellen erst mal durchsucht werden sollten und dann eine Art Conclusio praesentiert werden sollte.

Von welchen "Quellen" redest du? Von den Handschriften? Das hieße dann, mehrere Tage quer durch Europa zu fahren und alle relevanten Codices in Augenschein zu nehmen. Ein bisschen viel Aufwand, um in einem Internetforum einen Beitrag zu erstellen :hairy: . Aber vermutlich meinst du die einschlägige Sekundärliteratur, die man jedoch, wie der Name schon besagt, wohl kaum als "Quellen" bezeichnen kann.
Und ja, die Sekundärliteratur müsste man "durchsuchen" bzw. berücksichtigen, wenn es gälte, eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen, wovon hier im Forum naturgemäß nicht die Rede sein kann. Aber selbst dann wäre meine Herangehensweise die, sich zuerst unvoreingenommen (!) mit dem Text auseinanderzusetzen, nachzudenken , sich eine Meinung zu bilden, und dann erst nachzulesen, zu welchen Ergebnissen andere gekommen sind, auch auf die Gefahr hin, unökonomisch zu arbeiten und vielleicht feststellen zu müssen, dass andere schon längst zum gleichen Ergebnis gekommen sind wie man selbst. Der bequemere Weg ist freilich, gar nicht erst nachzudenken , sondern (in einer wortreichen "Conclusio") das nachzuplappern, was sogenannte Autoritäten, denen man "vertraut", bereits zu Papier gebracht haben. :roll:
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