Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 01:20

(Und gleich noch ein Fund hinterher:)

Etiamsi consulto testimonia contraria quaero ... :D
https://books.google.de/books?id=DS3uCy ... 22&f=false
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon Tiberis » Mi 15. Dez 2021, 12:18

Salve, Christiane!

Bei Gualtherus (Walter) liegt die Sache insofern anders, als sich die Endsilbe -(h)er von heri = Heer ableitet.
(Walter = der über das Heer Herrschende). Es gibt ja auch die Form Walthari, die m.W. zu Recht auf der Paenultima betont wird. Daraus aber abzuleiten, dass alle Namen auf -er auf der Paenultima zu betonen seien, halte ich jedoch für unzulässig.
Zurück zu Luther: Manche leiten diesen Namen her von luit (Leute) + heri (Heer). Sollte das stimmen, wäre die Betonung der Paenultima (Luthérus) tatsächlich gerechtfertigt. Andere denken jedoch an eine Herleitung von ελευθερος (was mir allerdings weniger plausibel erscheint): in diesem Fall wäre die Paenultima kurz und somit auch nicht betont.
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 12:52

Daraus aber abzuleiten, dass alle Namen auf -er auf der Paenultima zu betonen seien, halte ich jedoch für unzulässig.


Nein, so war das nicht unbedingt gemeint, aber die ursprüngliche These war ja mal, -êrus als Namensendung klinge allzu unlateinisch. Es hat sich gezeigt, dass zumindest die lateinische Neuzeit dies in weiten Teilen nicht so empfunden hat, eher im Gegenteil.

Dass die deutsche Endung -er auch zum großen Teil auf einen langen Vokal zurückgeht, hatte ich ja schon gezeigt. Dass sich Suffixe dann teilweise von ihren Ursprüngen lösen und einen weiteren Gebrauch finden, ist dann auch noch ein ganz normaler Vorgang. Auch bei der Latinisierung mag es hier einen gewissen Usus gegeben haben, der gar nicht mehr allzu pedantisch nach der Etymologie gefragt hat.

Aber ich hatte die Diskussion gar nicht erneut entzünden wollen :D


P.S.: Kurze germanistische Info: Das "her" hatte sowohl im Alt- als auch im Mittelhochdeutschen ein kurzes e :-)
(Gualterus scheint mir - auch aufgrund des Anlauts - auch eher eine "nachträgliche" Latinisierung der Form "Walter" zu sein. "Walthari" dürfte eher nicht der unmittelbare Ausgangspunkt gewesen zu sein. Sonst wäre man doch wohl bei -arius gelandet. Aber hier dilettiere ich natürlich wieder ein wenig ... ;-) )
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon consus » Mi 15. Dez 2021, 14:58

Obiter dictum:
Nuper quaedam uxori familiaris mulier verbum haushälterisch hoc modo pronuntiavit: haushältérisch. :hairy:
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 15:13

attat!
et ego nuper audivi nesquioquam dicentem "buchhaltérisch" :O

hem ... Latinissime ... :roll:
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 15:17

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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon Tiberis » Mi 15. Dez 2021, 17:16

@ buchhaltérisch
semper mirabar, cur plurimi homines id ita pronuntiarent. :? sed neminem adhuc audivi dicentem "die Luthérische Bibel" :D
ceterum haud minus obscurum mihi videtur, quod omnes fere homines dicere solent "esoté:risch", cum haec vox a verbo εσωτερος, cuius paenultimam brevem esse constat, originem trahat.
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 17:30

Unde apparet etymologiam nihil prorsus valere :D :D
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Mi 15. Dez 2021, 17:44

Ich glaube, eigentlich ist es so im Deutschen:
- érisch klingt nach Fremdwort
- ansonsten klingt es deutsch (Luther-isch)
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon Tiberis » Mi 15. Dez 2021, 22:30

Leider sind Wörter wie buchhaltérisch, esotérisch usw. nicht die einzigen Beispiele seltsamer und kaum begründbarer Aussprachen. Das neuerdings häufig genannte Element Lithium, dessen Name bekanntlich auf griech. λιθος (Stein) zurückgeht, wird heute i.d.R. "litsium" ausgesprochen, was mir vollkommen unverständlich ist. Gnädigerweise lässt der Duden auch die ursprüngliche und jedenfalls korrekte Aussprache "lit(h)ium" noch zu.
Unausrottbar erscheint auch die verbreitete, aber falsche Betonung von tinnitus auf der ersten (statt auf der zweiten) Silbe. Selbst mein Hausarzt war überrascht, als ich ihm erklärte, wie das Wort richtig zu betonen sei. Ähnliches gilt für vagina.
Besonders schlimm wird die Sache, wenn es um die Aussprache fremdsprachiger Eigennamen geht, etwa der Namen diverser Fußballspieler. Da stellen sich bei mir regelmäßig die Nackenhaare auf, wenn ich hören muss, mit welcher Ignoranz die (deutschen und österreichischen) Kommentatoren zu Werke gehen. Es hat Jahre gedauert, bis der eine oder andere Kommentator schließlich draufgekommen ist, dass der Name eines gewissen Tormanns (Gulácsi) nichts mit Gulasch zu tun hat, und es wird wohl noch jahre dauern, bis sich herumgesprochen hat, dass der Name des Spielers Mbappé nicht "Embappé" gesprochen wird. :cry:
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon Veterinaria » Do 16. Dez 2021, 11:11

Salve lieber Tiberis,

Tiberis hat geschrieben:Besonders schlimm wird die Sache, wenn es um die Aussprache fremdsprachiger Eigennamen geht


hierzu noch eine Anekdote aus meinem Berufsleben:

Lange Jahre habe ich bei Springprüfungen an mehreren Anlässen im Jahr den sogenannten "Platzdienst" versehen - das Reglement bestimmt, dass für den Fall von Verletzungen der Pferde ein Tierarzt vor Ort sein muss.
Seit den siebziger Jahren kam es immer mehr in Mode, dass Pferde mit englischen Namen "getauft" wurden, selbst Tiere aus deutschen Zuchten wie Hannover oder Holstein. Die heissen dann z.B. "Black Pearl" oder "Steel Power" etc. Die Speaker werden bei ländlichen Prüfungen aus den Reihen des veranstaltenden Vereins rekrutiert und die sprechen die Namen nicht selten so aus, wie sie sie lesen. Bei den Bernern (ich gehöre auch dazu) wird die Aussprache durch unseren Dialekt noch besonders breit und behäbig.
An einem schönen Sonntag Morgen beobachtete ich vom Rand des Parcours das Geschehen. Vor mir standen zwei vierschrötige ältere Männer, mit Hut und Stumpen. Den Parcours hatten bis da eine Reihe Pferde mit englischen Namen absolviert, als der Speaker das nächste Paar ankündigte: "Jetzt haben wir im Parcours "Max", geritten von Liseli Meier". Sagt der eine der Männer, ohne den Stumpen aus dem Mund zu nehmen, zum anderen: "Ändlech ä Name wo me verschteit, nid do das neumodische Zügs". Deutsch: "Endlich einen Namen, den man versteht, nicht da das neumodische Zeugs". :)

Salve
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon cometes » Sa 18. Dez 2021, 15:47

Tiberis hat geschrieben:Unausrottbar erscheint auch die verbreitete, aber falsche Betonung von tinnitus auf der ersten (statt auf der zweiten) Silbe. Selbst mein Hausarzt war überrascht, als ich ihm erklärte, wie das Wort richtig zu betonen sei... :


Phonetische und prosodische Adaption an die Nehmersprache ist nun einmal üblich. Da vergleichbare Latinismen, also dreisilbige deverbale Derivationsbildungen auf das nicht akzentfähige -tus wie Habitus oder Spiritus in den verbleibenden Silben das dominante trochäische Schema des deutschen Kernwortschatzes bedienen, gibt der Tinnitus darin wohl nach.
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Sa 18. Dez 2021, 17:20

Korrekt allerdings Prurítus :)
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon ille ego qui » Sa 18. Dez 2021, 17:29

Detrítus konnte ich hier noch finden:
https://link.springer.com/content/pdf/1 ... 8015-1.pdf
;)
tinnitus wird mit explizit falschem Akzent versehen.
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Re: Lútherus oder Luthérus - alter "Streit" mit Tiberis

Beitragvon cometes » Sa 18. Dez 2021, 20:17

Bei Detritus ist die Anpassung meines Erachtens dadurch blockiert, dass das Fremdpräfix im Deutschen den Hauptakzent nicht tragen kann. Jambisches Betonungsschema ist im Kernwortschatz überhaupt stark mit Präfigierung assoziiert. Bei Pruritus mag es auf den ersten Blick keine hindernden Faktoren geben, aber das Wort hat anders als Habitus oder Tinnitus den engen Bezirk der Fachsprache nicht verlassen, das DWDS-Zeitungskorpus beispielsweise zeigt ein entsprechend deutliches Verhältnis der Frequenz in den letzten Jahrzehnten: https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpu ... 2=Pruritus
Man könnte sich einmal Fachwörterbücher der Medizin vornehmen, vielleicht zeigen sie vor Aufstieg des Tinnitus zur auch außerhalb der Fachliteratur vielbesprochenen Volkskrankheit noch eine am Lateinischen orientierte Betonungsempfehlung, ehe sie wie der Begriff selbst dem Adaptionsdruck nachgeben und schließlich die 'falsche' aufführen. Dabei muss man natürlich auch den Wandel der Aufnahmekriterien in puncto Aussprache berücksichtigen.
Zuletzt geändert von cometes am Sa 18. Dez 2021, 20:43, insgesamt 1-mal geändert.
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