Konditionale Vergleichssätze

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Re: Konditionale Vergleichssätze

Beitragvon ille ego qui » Do 17. Mär 2022, 07:12

Velleius (?!) Paterculus laudandus est!
:D :) :)
Ille ego, qui quondam gracili modulatus avena
carmen et egressus silvis vicina coegi,
ut quamvis avido parerent arva colono,
gratum opus agricolis, at nunc horrentia Martis
arma virumque cano ...
ille ego qui
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Re: Konditionale Vergleichssätze

Beitragvon Willimox » Fr 18. Mär 2022, 17:24

Oh, wie schön, V. Patercule,

einmal das Hadriwudrigequalle und Gewaffel von Odinus Thorus verblassen zu sehen.

Vorab, ich selber liebe es, den Konjunktiv I und Konjunktiv II zu nutzen, aber ille ego qui ist im Recht mit seiner Beobachtung, dass "würde-Formen" in der Praxis sehr oft keinerlei Anstoß erregen bei Latein- und Deutschlehrern. Mehr noch, das lässt sich auch durchaus gut begründen und muss man nicht als Weichei-Performance abtun. Auch focht ich hierzu manchen Strauß mit Tiberis, dem Großen, aus. Ich darf also halbwegs kompetent den Advocatus Diaboli spielen und meine das auch durchaus ein bisschen in real earnest, was jetzt kommt:

(1) würde-Formen

Soweit ich sehe, ist die Konjunktivumschreibung mit „würde“ inzwischen gar nicht mehr obsolet und wird linguistisch-dudenmäßig seit 15 Jahren akzeptiert, auch für die Schriftsprache. Warum diese Akzeptanz?

Beim Konjunktiv Präteritum ist zu berücksichtigen, dass zum einen bei den schwachen Verben ein vollständiger Formensynkretismus mit dem Indikativ vorliegt, zum anderen der Konjunktiv vieler starker Verben auch schriftsprachlich ungebräuchlich ist. Man denke an Formen wie beföhle/befähle, börste, flöchte, kröche, lüde, verdürbe usw.

Bereits in der geschriebenen Sprache gibt es somit die Tendenz, den Konjunktiv Präteritum nur bei bestimmten gebräuchlicheren Verben zu verwenden und in allen anderen Fällen die würde-Form.

Die Zeugen sagten, sie würden den Fahrer des weißen Kleinbusses nicht kennen
(statt: kennten).
Von entfernten Völkerschaften hieß es, sie würden Schildkröten essen (statt: äßen).
Wenn es dort schöner wäre, würden sie jetzt dort wohnen. (wohnten sie)
Ich würde mich freuen, wenn er schon morgen kommen würde. (statt: wenn er schon
morgen käme)


(2) Ein starkes Sonett mit schwachen Verben

Anonym

Der Unverbesserliche

Man fragte mich: »Heißt's fragte oder frug?«
Ich sagte drauf: »Ich wähle immer fragte,
da man ja auch statt sagte nicht spräch sug,
was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte.«

Der andre sprach: »Ich werde draus nicht klug,
man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte?«
Ich sprach: »Ausnahmen sind nur schlug und trug;
doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte.

Nun, wird der Zweifel, der bisher Sie nagte
und plagte - und nicht etwa gar nug und plug –
behoben sein, ob richtig frug, ob fragte?«

Der andre sprach: »Sie haben recht« und schlug
sich an die Stirn, als ob ihm Licht nun tagte,
»verzeihen Sie, daß ich so töricht frug.«

https://www.korrekturen.de/kurz_erklaer ... frug.shtml


Kein Mensch würde heute mehr darauf insistieren, dass man die einst korrekte Form "frug" anwenden müsse/muss und den Wandel zur schwachen Form verdammen müsse.

N.B.
"tagte" (tagen im Sinn von klar werden) kann hier durchaus Indikativ sein, das "als ob" genügt als Irrealitätssignal und braucht keinen Konjunktivhammer.

Mehr noch. Auch "als ob" muss kein Irrealitätssignal sein:

"O Gott, Du siehst blass und bleich und fiebrig aus, als ob Du gleich speien müsstest/musst und einen Arzt brauchst."
"Sein Gegenüber sah so aus, als ob er sich ein Lachen verbiss, verbeißen würde" (Eine Proposition, die durchaus zutreffen kann, aber nicht muss.)


Hier im Sonett macht`s wie auch sonst oft der Kontext, dass der Fragende keinerlei Erhellung erfahren hat. Oder doch?

(3) Stultissimum est in luctu capillum sibi evellere, quasi calvitio maeror levetur. (Tusc. 3,62)

Es ist überaus dumm, sich in der Trauer die Haare auszureißen
- als ob durch Kahlköpfigkeit der Schmerz gelindert würde/wird.
sich verringerte/sich verringere/sich verringert -
nachlasse/nachließe/nachlassen würde/nachlässt
abnehme/abnähme/abnimmt/abnehmen würde.


Man mag dazu stehen, wie man will: Setzt ein Schüler in den sogenannten irrealen Vergleichs/Konditionalsätzen einen Konjunktiv I oder II oder gar den Indikativ, wird auch der
Sprachpurist, in den allermeisten Fällen nicht umhin können, allenfalls zu unterringeln.

Rechnete er hier einen notenträchtigen Fehler, dann möge ihn Gott Hermes vor einem linguistisch beleckten Elternteil (genderneutral) und vor dessen argumentierendem Protest bewahren.
Er hat wenig Chancen.
Er dürfte wenig Chancen haben.
Er hätte wenig Chancen.
Er würde den Kürzeren ziehen.
Er zöge, nein.
Ach.

Vale
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Re: Konditionale Vergleichssätze

Beitragvon ValeriusPaterculus » Sa 19. Mär 2022, 13:28

Willimox hat geschrieben:Oh, wie schön, V. Patercule,

einmal das Hadriwudrigequalle und Gewaffel von Odinus Thorus verblassen zu sehen.

Vorab, ich selber liebe es, den Konjunktiv I und Konjunktiv II zu nutzen, aber ille ego qui ist im Recht mit seiner Beobachtung, dass "würde-Formen" in der Praxis sehr oft keinerlei Anstoß erregen bei Latein- und Deutschlehrern. Mehr noch, das lässt sich auch durchaus gut begründen und muss man nicht als Weichei-Performance abtun. Auch focht ich hierzu manchen Strauß mit Tiberis, dem Großen, aus. Ich darf also halbwegs kompetent den Advocatus Diaboli spielen und meine das auch durchaus ein bisschen in real earnest, was jetzt kommt:

(1) würde-Formen

Soweit ich sehe, ist die Konjunktivumschreibung mit „würde“ inzwischen gar nicht mehr obsolet und wird linguistisch-dudenmäßig seit 15 Jahren akzeptiert, auch für die Schriftsprache. Warum diese Akzeptanz?

Beim Konjunktiv Präteritum ist zu berücksichtigen, dass zum einen bei den schwachen Verben ein vollständiger Formensynkretismus mit dem Indikativ vorliegt, zum anderen der Konjunktiv vieler starker Verben auch schriftsprachlich ungebräuchlich ist. Man denke an Formen wie beföhle/befähle, börste, flöchte, kröche, lüde, verdürbe usw.

Bereits in der geschriebenen Sprache gibt es somit die Tendenz, den Konjunktiv Präteritum nur bei bestimmten gebräuchlicheren Verben zu verwenden und in allen anderen Fällen die würde-Form.

Die Zeugen sagten, sie würden den Fahrer des weißen Kleinbusses nicht kennen
(statt: kennten).
Von entfernten Völkerschaften hieß es, sie würden Schildkröten essen (statt: äßen).
Wenn es dort schöner wäre, würden sie jetzt dort wohnen. (wohnten sie)
Ich würde mich freuen, wenn er schon morgen kommen würde. (statt: wenn er schon
morgen käme)


(2) Ein starkes Sonett mit schwachen Verben

Anonym

Der Unverbesserliche

Man fragte mich: »Heißt's fragte oder frug?«
Ich sagte drauf: »Ich wähle immer fragte,
da man ja auch statt sagte nicht spräch sug,
was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte.«

Der andre sprach: »Ich werde draus nicht klug,
man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte?«
Ich sprach: »Ausnahmen sind nur schlug und trug;
doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte.

Nun, wird der Zweifel, der bisher Sie nagte
und plagte - und nicht etwa gar nug und plug –
behoben sein, ob richtig frug, ob fragte?«

Der andre sprach: »Sie haben recht« und schlug
sich an die Stirn, als ob ihm Licht nun tagte,
»verzeihen Sie, daß ich so töricht frug.«

https://www.korrekturen.de/kurz_erklaer ... frug.shtml


Kein Mensch würde heute mehr darauf insistieren, dass man die einst korrekte Form "frug" anwenden müsse/muss und den Wandel zur schwachen Form verdammen müsse.

N.B.
"tagte" (tagen im Sinn von klar werden) kann hier durchaus Indikativ sein, das "als ob" genügt als Irrealitätssignal und braucht keinen Konjunktivhammer.

Mehr noch. Auch "als ob" muss kein Irrealitätssignal sein:

"O Gott, Du siehst blass und bleich und fiebrig aus, als ob Du gleich speien müsstest/musst und einen Arzt brauchst."
"Sein Gegenüber sah so aus, als ob er sich ein Lachen verbiss, verbeißen würde" (Eine Proposition, die durchaus zutreffen kann, aber nicht muss.)


Hier im Sonett macht`s wie auch sonst oft der Kontext, dass der Fragende keinerlei Erhellung erfahren hat. Oder doch?

(3) Stultissimum est in luctu capillum sibi evellere, quasi calvitio maeror levetur. (Tusc. 3,62)

Es ist überaus dumm, sich in der Trauer die Haare auszureißen
- als ob durch Kahlköpfigkeit der Schmerz gelindert würde/wird.
sich verringerte/sich verringere/sich verringert -
nachlasse/nachließe/nachlassen würde/nachlässt
abnehme/abnähme/abnimmt/abnehmen würde.


Man mag dazu stehen, wie man will: Setzt ein Schüler in den sogenannten irrealen Vergleichs/Konditionalsätzen einen Konjunktiv I oder II oder gar den Indikativ, wird auch der
Sprachpurist, in den allermeisten Fällen nicht umhin können, allenfalls zu unterringeln.

Rechnete er hier einen notenträchtigen Fehler, dann möge ihn Gott Hermes vor einem linguistisch beleckten Elternteil (genderneutral) und vor dessen argumentierendem Protest bewahren.
Er hat wenig Chancen.
Er dürfte wenig Chancen haben.
Er hätte wenig Chancen.
Er würde den Kürzeren ziehen.
Er zöge, nein.
Ach.

Vale

Danke für diesen großartigen Beitrag!!!
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