Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Korrektur und Hilfestellungen bei Übersetzungen für die Schule und das Leben sowie deutsch-lateinische Übersetzungen für Nichtlateiner

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Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » Mo 29. Aug 2016, 15:35

Salvete,

Bei der Übersetzung der Annales stellen sich mir einige Fragen:

1)
In Kapitel 16 heißt es:

at Agrippinae is pavor, ea consternatio mentis, quamvis vultu premeretur, emicuit ut perinde ignaram fuisse <atque> Octaviam sororem Britannici constiterit:

Wie würdet ihr den Nebensatz ganz wortwörtlich übrsetzen? Ich verstehe zwar, was vom Sinn her gemeint ist, aber eine wörtliche Übersetzung fällt mir schwer. Oder handelt es sich vielmehr um einen feststehenden Ausdruck?

2) Kapitel 18:
alii necessitatem adhibitam credebant a principe sceleris sibi conscio et veniam sperante, si largitionibus validissimum quemque obstrinxisset.

Wie würdet ihr den Konjunktiv begründen? Meiner Meinung nach wird hier die Meinung der "alii" wiedergegeben.

Danke im Voraus :)
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Willimox » Mo 29. Aug 2016, 16:21

a) wie sehr auch die Fassungslosigkeit durch ihren Gesichtsausdruck unterdrückt wurde/zu unterdrücken versucht wurde.
b) wohl annähernd doppelt geschichtet: das meinen die "alii" sei die von Nero gemeinte günstige Folge eines schenkungsbasierten "Fesselungsversuchs". Der ist in dieser Perspektive von Nero erst einmal intendiert, und in der Realität zunächst noch nicht abgeschlossen . Wäre er aber abgeschlossen, so könnte er sein Umfeld still halten. In der Perspektive der Nerodeuter ist aber wohl dieser Versuch einer Bindung real durchgeführt und das mit Erfolg. Der Autor Tacitus hat wohl für diese Gemengelage den schillernden Konjunktiv hinziseliert.
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Prudentius » Mo 29. Aug 2016, 16:35

Salve,

1)
"wie sehr sie sich auch verstellte; obwohl sie sich nichts anmerken ließ; obwohl sie (die Betroffenheit) in ihrer Miene unterdrückt wurde".

Tac. ist hier als Stilist und Psychologe zu bewundern, wie er mit knappen Worten diese labile Stimmungslage ausdrückt.

2)
Ganz klar, indirekte Rede.
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » Mi 12. Okt 2016, 21:23

Salvete :-)

Welche Funktion hat der Genitiv (nehme ich zumindest an) Agrippinae? Ist es ein Genitivus possessivus? Wie wäre der Hauptsatz wörtlich zu übersetzen?

Grüße
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon medicus » Mi 12. Okt 2016, 22:14

Pavor Agrippinae= genitivus subiectivus
wörtlich: Aber dieser Schrecken der Agrippina und diese Bestürzung des Geistes leuchteten auf
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » Mi 19. Okt 2016, 18:33

Guten Abend, liebe Tacitus-Freunde,

ich beschäftige mich wieder mit einem Auszug aus den Annalen.

in campo tamen Martis sepultus est adeo turbidis imbribus
Welches ist die Kasusfunktion von turbidis imbribus? Könnte man den Ablativ als Ablativus Temporis bezeichnen?

festinationem exequiarum edicto Caesar defendit, ita maioribus institutum referens, subtrahere oculis acerba funera neque laudationibus aut pompa detinere.

Hir muss zweifelsfrei esse ergänzt werden. Seht ihr institutum hier als Nomen oder als PPP von instituere? Handelt es sich bei den Infinitiven subtrahere detinere um Appositionen zu id?

Gruß
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon marcus03 » Mi 19. Okt 2016, 19:01

Sternenkind hat geschrieben:adeo turbidis imbribus


nominaler abl. abs. : bei so (sehr) stürmischen Regengüssen/ wobei es stürmisch regnete
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Prudentius » Mi 19. Okt 2016, 20:25

Ich würde lieber sagen, einfache Umstandsbestimmung, modaler Abl.
Abl. temp. nur bei Zeitbegriffen, wie der Name sagt: hoc anno.

Wo willst du esse ergänzen? id steht gar nicht da, wie soll es dann eine Apposition haben?
institutum, vom PPP. abgeleitet, (verpflichtende) Verfahrensweise.

"festinationem exequiarum edicto Caesar defendit, ita maioribus institutum referens, subtrahere oculis acerba funera neque laudationibus aut pompa detinere."

Hier ist auch eine Stileigenheit des Tacitus erkennbar, die "Schleppe", eine Weiterführung des Satzes nach dem gewöhnlichen Satzschluss, dem Hauptverb, hier "defendit"; der Rest wird hinterhergezogen. Auch der vorher zitierte Satz hat nach "sepultus est" eine solche Schleppe.
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » Mi 19. Okt 2016, 22:33

Ah, ich hab dann wohl zu viel überlegt:

ita maioribus institutum referens. In meiner Ausgabe steht außerdem ein id statt eines ita:


id a maioribus institutum referens -> für mich handelte es sich hier um eine Ellipse von esse:

.... und er berichtete, es sei von den Vorfahren so eingerichtet worden -> es gebe einen von den Vorfahren überlieferten Brauch, ....


Dann wohl eher:

er berichtete von einem Brauch ...
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Prudentius » Do 20. Okt 2016, 19:39

Der Kaiser berichtet nicht von alten Gebräuchen, du musst dich besser in die Situation hineinversetzen, er war in eine peinliche Lage geraten wegen der überhasteten Beerdigung, er musste irgendwie das Verfahren rechtfertigen: "... indem er sich auf einen althergebrachten Brauch berief, indem er verwies ..., indem er sich darauf bezog, dass von den Alten der Brauch eingeführt worden war, ...", in diesem Sinne; institutum eher Inf. Perf. Pass., mit esse; oder Substantiv.

" und er berichtete, ...": nicht die "Schleppe" zum Hauptsatz machen! Sie ist ja ein nachgeschobener Anhang, wie oben gesagt.
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » Mo 24. Okt 2016, 22:33

Prudentius hat geschrieben:Salve,

1)
"wie sehr sie sich auch verstellte; obwohl sie sich nichts anmerken ließ; obwohl sie (die Betroffenheit) in ihrer Miene unterdrückt wurde".

Tac. ist hier als Stilist und Psychologe zu bewundern, wie er mit knappen Worten diese labile Stimmungslage ausdrückt.

2)
Ganz klar, indirekte Rede.


Um noch einmal auf diesen Satz zurückzukommen:

alii necessitatem adhibitam credebant a principe sceleris sibi conscio et veniam sperante, si largitionibus validissimum quemque obstrinxisset.

....... "wenn er verpflichtet habe / verpflichte"

Wird durch den Konjunktiv Plusquamperfekt nicht eine Vorzeitigkeit ausgedrückt? Also müsste doch erstere Übersetzung korrekt sein, oder?
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon marcus03 » Di 25. Okt 2016, 06:35

Sternenkind hat geschrieben:Wird durch den Konjunktiv Plusquamperfekt nicht eine Vorzeitigkeit ausgedrückt? A


Hier nicht,sondern Nachzeitigkeit. sperante richtet sich auf die Zukunft ( wenn er ...verpflichtet habe werde).
Der Konj. Plqupf. vertritt den Konjunktiv Futur II, der wegen der indir. Rede unter Einhaltung der cons.temp. stehen muss.
Die Übersetzung mit Präsens im Dt. ist völlig korrekt und stilistisch dem Fut II vorzuziehen. :D
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » So 8. Okt 2017, 15:04

Guten Tag,

bei meiner Lektüre von Plinius bin ich, meiner Meinung nach, auf ein ähnliches Beispiel gestoßen:

... sarcinas contulerat naves, ..., si contrarius ventus resedisset."

Steht hier ebenfalls Konj. Plusquamperfekt, weil es sich um eine indirekte Rede handelt und weil in der direkten Rede ein Futur 2 stehen würde?

Bin auf eure Antworten gespannt :)
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Prudentius » So 8. Okt 2017, 18:54

Ja, es ist ja eine Erklärung des Onkels; "wenn der widrige Wind sich gelegt habe".

... weil in der direkten Rede ein Futur 2 stehen würde?


Ich würde lieber sagen: weil es vorzeitig ist: erst muss der Wind sich legen, dann können sie mit dem Gepäck abfahren.
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Re: Fragen zu Tacitus, Annales, XIII

Beitragvon Sternenkind » So 8. Okt 2017, 22:30

Genau.

In der direkten Rede würde er wohl sagen: "Wir werden aufbrechen, wenn sich der Wind gelegt haben wird."

Oder? :)
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