Kleine Stilübungen

Korrektur und Hilfestellungen bei Übersetzungen für die Schule und das Leben sowie deutsch-lateinische Übersetzungen für Nichtlateiner

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Kleine Stilübungen

Beitragvon ergee » Mo 3. Okt 2016, 18:21

Salvete emendatores!

Nach längerer Abwesenheit und eingehender Beschäftigung mit anderen Sprachen möchte ich meine eingerosteten Lateinkenntnisse (Wortschatz u. Grammatik) reaktivieren und mich dazu in lockerer Folge an einigen kleinen Stilübungen versuchen. :book:
Als Korrekturhinweis zu den folgenden Stilübungen sei gesagt, dass der Wortschatz zumeist gegeben ist, d.h. auch wenn es bessere Wortübersetzungen geben sollte, so war dennoch aus dem sich langsam aufeinander aufbauenden Vocabularium auszuwählen; abgesehen natürlich von tatsächlichen Wortwahlfehlern, welche ich dann selbstverständlich mir zuzuschreiben habe und die ich bitte, als echte Fehler anzukreiden.
Entnommen sind die Stilübungen zumeist aus Ostermanns Lateinischen Übungsbüchern.

Gratias ago! :hail:

Aufgabe

  1. Griechenland ist das Vaterland der Dichter.
  2. Der Adler ist ein Bewohner des Waldes.
  3. Die Schiffer lieben das Wasser.
  4. Der Kranz schmückt die Königin.
  5. Die Habsucht bereitet den Landleuten oft Tränen.
  6. Die Bewohner der Insel sind Schiffer.
  7. Die Königin lobt nicht die Mißgunst und Habsucht, sondern die Gerechtigkeit und Unschuld der Bewohner.
  8. Der Zorn ist oft die Ursache der Tränen.
  9. Jähzorn bereitet oft Traurigkeit.
  10. Die Geschichte des Vaterlandes ergötzt auch die Mädchen.
  11. Die Tätigkeit und die Sparsamkeit war die Ursache des Reichtums.
  12. Minerva war die Göttin der Klugheit, der Weisheit (und) der Gelehrsamkeit.
  13. Diana, die Tochter der Latona, war die Göttin der Wälder.
  14. Die Gnade der Königin erfreut die Bewohner der Insel.
  15. Die Beschimpfung des Vaterlandes war die Ursache der Schlacht.
  16. Das Vaterland hat Standbilder der Dichter.
  17. In den Truppen der Perser war nicht Eintracht, sondern Zwietracht.
  18. Die Bewachung des Vaterlandes bereitet den Truppen Freude.
  19. Die Einwohner Italiens lieben die Sprache Griechenlands.
  20. Die Standbilder der Dichter schmücken das Vaterland und bereiten dem Vaterlande Ruhm.

Lösungsvorschlag

  1. Graecia est patria poetarum.
  2. Aquila est incola silvae.
  3. Nautae aquam amant.
  4. Corona reginam ornat.
  5. Avaritia saepe parat lacrimas agricolis.
  6. Incolae insulae nautae sunt.
  7. Regina non laudat invidiam et avaritiam, sed iustitiam et innocentiam incolarum.
  8. Ira saepe est causa lacrimarum.
  9. Iracundia saepe tristitiam parat.
  10. Historia patriae etiam puellas delectat.
  11. Industria et parsimonia erat causa divitiarum.
  12. Minvera erat dea prudentiae, sapentiae, doctrinae.
  13. Diana, filia Latonae, dea silvarum erat.
  14. Clementia reginae incolas insulae delectat.
  15. Contumelia patriae erat causa pugnae.
  16. Patria statuas poetarum habet.
  17. In copiis Persarum non erat concordia, sed discordia.
  18. Custodia patriae copiis laetitiam parat.
  19. Incolae Italiae linguam Graeciae amant.
  20. Statuae poetarum patriam ornant et patriae gloriam parant.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon marcus03 » Mo 3. Okt 2016, 18:55

Avaritia agricolis saepe lacrimis est. (Dat. finalis)
Regina nec invidiam nec avaritiam laudat, sed iustitiam et innocentiam incolarum.
Iracundia saepe tristitiae est. (dat. fin. s.o.)
Patria statuas poetarum habet./ Patriae sunt statuae poetarum.
Inter copias Persarum non erat concordia, sed discordia.
Custodia patriae copiis laetitiae est. s.o.
Statuae poetarum patriam ornant et patriae gloriae sunt.

PS:
Sind Gegenstände oder Abstracta Subjekt eines Satzes nimmt man im Lat. gewöhnlich das Passiv.
z.B. Patria statuis poetarum ornatur.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon Tiberis » Di 4. Okt 2016, 00:28

marcus03 hat geschrieben:Avaritia agricolis saepe lacrimis est. (Dat. finalis)

in diesem beispiel, optime marce, ist der dat. finalis nicht nur kein stilistischer gewinn, sondern geradezu falsch. denn im dat. fin. steht niemals ein wort im plural (KSt II,1,342), auch sind diese wörter fast immer abstracta. im übrigen ließen sich tränen wohl kaum als zweck der habsucht interpretieren.
aber abgesehen davon glaube ich, dass konstruktionen wie dat. fin. in diesem stadium des spracherwerbs ohnehin noch keine rolle spielen.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon marcus03 » Di 4. Okt 2016, 06:29

Ich hatte auch zuerst gezögert. Dann musste ich an "gereichen zu, einbringen" denken,Übersetzungsmöglichkeiten für den dat. fin., die uns einst "eingebläut"wurden, obwohl mir auch dabei noch nicht ganz wohl war. Ich hatte noch an "afferre" gedacht, was sicher möglich und passend wäre.
Ich danke dir für die Korrektur.Mit etwas genauerem Nachdenken hätte ich diesen auch logisch dummen Fehler vermeiden können.

Tiberis hat geschrieben:aber abgesehen davon glaube ich, dass konstruktionen wie dat. fin. in diesem stadium des spracherwerbs ohnehin noch keine rolle spielen.

Auch daran hatte ich gedacht. Ich habe mich v.a an "parare" gestört,was man wohl auch nicht unbedingt sagen kann. Aber diese Vokabel lernt man oft in diesem Stadium.

Tamen spero me tibi illo errore turpissimo lecto nimium dolorem non attulisse nec somnum iucundum abstulisse, quem nobis omnibus maxime cordi esse scio. Si tibi perterrito tamen pilis somniferis opus erat,
libenter paratus sum ad pretium pilarum compensandum.
Zythophilo nostro hoc in casu cistam cervisiae plenam offerrem "ad noctem servandam". ;-)
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon Tiberis » Di 4. Okt 2016, 13:35

pilulis istis minime mihi umquam opus erat, ut suaviter obdormiscerem. :D ceterum te non ignorare puto me usque ad multam noctem vigilare solere.
sed redeamus ad enuntiatum ipsum:
Die Habsucht bereitet den Landleuten oft Tränen.
1) avaritia agricolis/ ruricolis saepe lacrimas fert.
2) avaritia agricolis/ ruricolis saepe lacrimosa est.
3) avaritia agricolis/ruricolis saepe causa est lacrimarum.
eqs.
:)
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon Sokrates » Di 4. Okt 2016, 16:50

Salvete,

1. Generell ist die Stellung Subjekt Copula Prädikatsnomen natürlich richtig, man sollte sich aber bewusst machen, dass sie vielleicht nicht so häufig ist wie die mit "est" am Ende, weshalb man durchaus wechseln kann. Wichtig ist nur, dass man nicht glaubte, die deutsche Stellung sei ohne Bedeutungsveränderung zu übernehmen (gilt immer).
2. saepe, in mehreren Sätzen: Es ist ein Unterschied, ob man sagen möchte Der Schüler zeigt oft auf (in einem konkreten Zusammenhang, vielleicht kurz vor Ende der Notenvergabe, aber durchaus auch über einen längeren Zeitraum, dann kann man saepe verwenden) oder Schüler als solche zeigen oft (für gewöhnlich) auf. Hier wird die Frequenz eher paraphrasiert, mit solere etc. und Inf.
3. Nummer 16: wenn wirklich haben, halten gemeint ist, stimmt habet, sonst vielleicht eher possessive Dative/Genitive geeignet (Betonung des Besitzes/Besitzers).

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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon ergee » Di 4. Okt 2016, 18:31

Herzlichen Dank euch allen für die Korrekturen und Anmerkungen, die allesamt sehr hilfreich sind.

Das Ganze mit "Kleine Stilübungen" zu überschreiben, war vielleicht der falsche Ansatz, doch erschien mir keine andere Überschrift passender, um den Thread nicht mit einer eventuellen Anfrage nach Tatoo-Übersetzungen ("Übersetzung D->L") zu verwechseln. Zu meiner Schulzeit war die Übersetzung aus dem Deutschen ins Lateinische bereits lange nicht mehr gefordert und wurde daher wenn überhaupt nur stiefmütterlich behandelt, obgleich ich gerade diese Art der Übung für ausgezeichnet halte.
Zu diesem Zweck habe ich mir die alten "Lateinischen Übungsbücher" von Dr. Christian Ostermann (s.u.) besorgt, die den meisten sattsam bekannt sein dürften. Begonnen habe ich hier mit dem Übungsbuch für Sexta, um mich vollständig auf das Lehr- und Lernkonzept einzulassen, welches ich bis jetzt für recht gut halte. Einerseits ist die Fülle der zu präparierenden Vokabeln ungleich größer als in den heutigen Lehrwerken (über 160 Vokabeln für den ersten Abschnitt), andererseits allerdings die Hinübersetzung ins Lateinische gerade in den ersten Abschnitten noch relativ eng umrissen gehalten, da von der Grammatik verständlicherweise noch nicht allzu viel behandelt wurde. Dies bedeutet, dass man stets lediglich mit dem bis dorthin gelernten Wort- und Grammatikmaterial zu konstruieren versuchen muss.
Nichtsdestotrotz sind eure über die derzeitige Stufe hinausgehenden Hinweise und Alternativvorschläge äußerst lehrreich und besonders willkommen, da ich all das zu Schulzeiten bereits gelernt und mangels praktischer Anwendung teilweise wieder vergessen habe. So kann ich sowohl mit dem bis dorthin aus dem Ostermann gelernten Material konstruieren, als auch bereits über den Teller-/Bücherrand hinausschauen und zukünftige Grammatikthemen repetieren, welche im Ostermann erst in späteren Lektionen behandelt werden. Gleichzeitig soll es ja auch als Übung des Stils dienen, so dass es zu "grammatikalisch korrekt" auch immer noch ein besseres "stilistisch korrekt" gibt. – Aus diesem Grunde werde ich bei manchen Verbesserungen sicherlich nachfragen, ob meine Lösung grammatikalisch falsch oder lediglich stilistisch schmerzvoll war.

Die von mir verwendeten Ausgaben finden sich je nach Zugriffsmöglichkeit bei Google Books oder bei archive.org:

  • Dr. Christian Ostermann: Lateinisches Übungsbuch, für Sexta, 16. Aufl., 1878 und dazugehörig
  • Dr. Christian Ostermann: Lateinisches Vocabularium, für Sexta, 9. Aufl., 1872

Für den ersten Abschnitt waren lediglich folgende Verbformen als bekannt gegeben, was, vom eigenen Unvermögen abgsehen, in Folge zu den stilistisch nicht optimalen Konstruktionen führt: est, sunt; erat, erant; fuit, fuerunt; deest, desunt; habet, habent; amat, amant; delectat, delectant; laudat, laudant; ornat, ornant; parat, parant; servat, servant; sowie: et, etiam, non, saepe, sed, in (+ Abl).

Regina nec invidiam nec avaritiam laudat, sed iustitiam et innocentiam incolarum.


nec… nec z.B. war bis zu dieser Übung noch nicht gelernt, jedoch sind genau das willkommene Hinweise, die ich für spätere Lektionen schon einmal jetzt mitlernen kann.

Patria statuas poetarum habet. / Patriae sunt statuae poetarum.


Gibt es hier einen stilistischen Unterschied zwischen habere + Acc. und esse + Dat.? (dativus possessoris?)
Wann wird eher das eine und wann das andere verwendet?

Zur Übung habe ich sämtliche Sätze, welche in der Vorbereitung im lateinisch-deutschen Textteil vorkamen und mit habere + Acc. konstruiert wurden, in Dativkonstruktionen umgewandelt:

  • 1.I.2) Scythae sagittas habent. -> Sythis sunt sagittae.
  • 1.I.4) Incolae insulae divitias habent. -> Incolis insulae sunt divitiae.
  • 1.I.6) Aquila alas habet. -> Aquilae sunt alae.
  • 1.I.7) Aquilae alas habent. -> Aquilis sunt alae.
  • 1.I.23) Regina filiam habet. -> Reginae est filia.
  • 1.II.3) Copiae Persarum hastas et sagittas habent. -> Copiis Persarum sunt hastae et sagittae.
  • 1.II.11) Filiae agricolarum columbas et gallinas habent. -> Filiis (besser: Filiabus) agricolarum sunt columbae et sagittae.
  • 1.II.13) Silvae Germaniae copiam herbarum habent. -> Silvis Germaniae est copia herbarum.
  • 1.II.15) Reginae saepe villas habent. -> Reginis saepe sunt villae.

Sind Gegenstände oder Abstracta Subjekt eines Satzes nimmt man im Lat. gewöhnlich das Passiv.
z.B. Patria statuis poetarum ornatur.


Zur Übung habe ich sämtliche Sätze, welche in der Vorbereitung im lateinisch-deutschen Textteil in dieser Konstruktion vorkamen, ins Passiv umgewandelt:

  • 1.I.13) Amicitia vitam ornat. -> Vita amicitia ornatur.
  • 1.I.14) Filias reginae vita agricolarum non delectat. -> Filiae reginae vita agricolarum non delectantur.
  • 1.I.16) Divitiae incolas insulae delectant. -> Incolae insulae divitiis delectantur.
  • 1.I.18) Statuae patriam ornant. -> Patria statuis ornatur. (vgl. oben)
  • 1.II.9) Puellas agricolarum uvae delectant. -> Puellae agricolarum uvis delectantur.
  • 1.II.12) Patriam constantia incolarum ornat. -> Patria constantia incolarum ornatur.
  • 1.II.18) Reginam villae delectant. -> Regina villis delectatur.
  • 1.III.8 ) Parsimonia, industria, iustitia vitam agricolarum ornat. -> Vita agricolarum parsimonia, industria, iustitia ornatur.
  • 1.III.10) Dianam, deam silvarum, silvae delectant. -> Diana, dea silvarum, silvis delectatur.
  • 1.III.13) Puellas poena non delectat. -> Puellae poena non delectantur.
  • 1.III.17) Copia herbarum feminas agricolarum delectat. -> Feminae agricolarum copia herbarum delectantur.

Bei der Umwandlung wird ja der Nominativ des Satzes im Aktiv zum Ablativ im Passivsatz. Ist das in jedem der obigen Sätze ein ablativus instrumentalis oder ein ablativus causae oder ein instrumentalis bei "ornare" und ein causae bei "delectare" oder etwas ganz anderes?

Inter copias Persarum non erat concordia, sed discordia.


Ist dies nur eine stilistische Verbesserung (inter + Acc.) oder funktioniert "In copiis" (in + Abl.) in diesem Zusammenhang nicht? Falls beides möglich ist: Gibt es einen Bedeutungsunterschied?
Im Speziellen denke ich da an: "in civibus"

(Avaritia agricolis saepe lacrimis est. (Dat. finalis))
Iracundia saepe tristitiae est. (dat. fin. s.o.)
Custodia patriae copiis laetitiae est. s.o.
Statuae poetarum patriam ornant et patriae gloriae sunt.


Den Dativus finalis und seine Konstruktion bzw. Anwendung hebe ich mir für den späteren Abend auf und komme dann mit neuerlichen Fragen u. Versuchen darauf zurück. :wink:

EDIT: Ersten Satz der Dativus finalis-Beispiele von marcus03 auch im Zitat als bereits unrichtig in rot markiert. – Gibt es hier keine Möglichkeit, Dinge durchzustreichen?
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon marcus03 » Di 4. Okt 2016, 18:43

In deinen Sätzen sehe ich keine Fehler. :D

Dein reaktiviertes Latein ist auf bestem Wege. :klatsch:
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon Prudentius » Mi 5. Okt 2016, 09:46

ergee hat geschrieben:Bei der Umwandlung wird ja der Nominativ des Satzes im Aktiv zum Ablativ im Passivsatz.


Er "wird" nicht einfach, sondern der gesamte Satz wird umkonstruiert, du musst das Prädikat (P) als Hauptakteur im Auge haben, es steht in Wechselbeziehung zum Subjekt (S); S bestimmt P in Person, Numerus und Genus, P bestimmt S im Kasus, Nominativ, überprüfe es einmal an den Beispielen, ich nenne mal noch dieses:
"Tu ltteras amavisti" - "Litterae a te amatae sunt", da sieht man es.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon ergee » Sa 8. Okt 2016, 16:06

Untenstehend habe ich zu den bisherigen Aufgaben weitere Änderungen oder Fragen in blauer Farbe hinzugefügt; teilweise auf Grund des Hinweis, dass bei Abstracta und unbelebten Concreta als Subjekt eines Satzes eine Passivkonstruktion vorzuziehen ist:

  1. Graecia est patria poetarum.
  2. Aquila est incola silvae.
  3. Nautae aquam amant.
  4. Corona reginam ornat.
    Regina corona ornatur.
  5. Avaritia saepe parat lacrimas agricolis.
    Agricolis lacrimae saepe parantur avaritia.
    Avaritia agricolis (oder: ruricolis) saepe lacrimas fert.
    Avaritia agricolis (oder: ruricolis) saepe lacrimosa est.
    Avaritia agricolis (oder: ruricolis) saepe causa est lacrimarum.
  6. Incolae insulae nautae sunt.
  7. Regina non laudat invidiam et avaritiam, sed iustitiam et innocentiam incolarum.
    Regina nec invidiam nec avaritiam laudat, sed iustitiam et innocentiam incolarum.
  8. Ira saepe est causa lacrimarum.
  9. Iracundia saepe tristitiam parat.
    Iracundia saepe tristitiae est. (dat. fin.)
    Müsste man sich bei der Dativ-Konstruktion die Frage gefallen lassen, ob in einem Kontext der Jähzorn zielgerichtet gesteuert ist, um in einer Situation oder jemandem in Traurigkeit zu versetzen, ob also in einem konkreten Textzusammenhang von der jähzornigen Person gesagt werden soll, dass diese ihren Jähzorn zu diesem Zweck einsetzt?
    p.e. "Iracundia tyranni saepe tristitiae est." wohingegen die allgemeingültige Aussage "Iracundiā saepe tristitia paratur." wäre?
  10. Historia patriae etiam puellas delectat.
    Etiam puellae historia patriae delectantur.
  11. Industria et parsimonia erat causa divitiarum.
  12. Minvera erat dea prudentiae, sapentiae, doctrinae.
  13. Diana, filia Latonae, dea silvarum erat.
    Diana, Latonae filia, dea silvarum erat.
    Welche Wortstellung ist hier besser, "Diana, filia Latonae…" oder "Diana, Latonae filia…"? Letztere ist mir zumindest aus der seinerzeitigen Nepos-Lektüre noch im Gedächtnis.
    Steht diese im Gegensatz zu: Diana, dea silvarum, filia Latonae fuit?
  14. Clementia reginae incolas insulae delectat.
    Incolae insulae clementia reginae delectantur.
  15. Contumelia patriae erat causa pugnae.
  16. Patria statuas poetarum habet.
    Patriae sunt statuae poetarum sunt. (dat. + esse)
  17. Inter copias Persarum non erat concordia, sed discordia.
    In copiis Persarum non erat concordia, sed discordia.
    Ist "in copiis" grammatikalisch und/oder stilistisch falsch (s. Frage in früherem Beitrag)? Wie wäre es bei "in hominibus Romae…"?
  18. Custodia patriae copiis laetitiam parat.
    Copiis custodia patriae laetitia paratur.
    Custodia patriae copiis laetitiae est. (dat. fin.)
  19. Incolae Italiae linguam Graeciae amant.
  20. Statuae poetarum patriam ornant et patriae gloriam parant.
    Statuae poetarum patriam ornant et patriae gloriae (dat. fin.) sunt.
    Patria statuis poetarum ornatur et eaedem patriae gloriae sunt.

Dativus finalis

Inzwischen habe ich mir nochmals einiges zum Dativus finalis durchgelesen und mir drängt sich der Eindruck auf, dass dieser zum einen in eng umrissenen, mehr oder minder festen idiomatischen Phrasen steht, wie z.B. "auxilio venire", mit einigen speziellen Verben häufiger gebraucht wird und mit "esse" zusammen in der Bedeutung "gereichen zu" (als etw. dienen -> etw. bezwecken) angewendet wird.
In diesen Zusammenhängen wird, soweit zumindest mein Eindruck, zumeist ein weiterer Dativ (dat. comm./incomm.) gesetzt oder zumindest aus dem größeren Kontext hinzugedacht. Aus diesem Grunde wäre bei den untenstehenden Beispielen in 1.I.9 ohne den Zusatz "agricolis" (dat. comm.) eher eine Passivkonstruktion vorzuziehen, in 1.I.10 mit dem Zusatz von "agricolis" ist der Zweck des Waldes, den die Bauern vielleicht angelegt haben, um darin Schatten und Kühle zu finden, durch einen dat. fin. besser ausgedrückt?

Folgende lateinischen Sätze waren im lateinisch-deutschen Teil gegeben. Aus diesem habe ich die Konstruktionen mit "parare" herausgesucht, welche ich in einem früheren Beitrag teilweise schon in Passivkonstruktionen umgewandelt hatte, und diese auf eine Konstruktionsmöglichkeit mit einem Dativus finalis hin untersucht:

  • 1.I.9) Silva umbram parat.
    Silva umbrae est.
  • 1.I.10) Silvae agricolis umbram parat.
    Silvae agricolis umbrae sunt.
  • 1.I.19) Copiae patriae victoriam parant.
    Copiae patriae victoriae sunt.
  • 1.I.21) Dementia saepe lacrimas parat.
    Konstruktion mit dat. fin. funktioniert hier nicht, da nach dem Hinweis Tiberius' im dat. fin. kein Plural stehen darf, jedoch dem Sinne nach "lacrimae" stehen müsste.
  • 1.II.7) Constantia incolarum saepe fortunam patriae parat.
    Constantia incolarum saepe fortuna est patriae.
  • 1.II.19) Agricolae cenam parant.
    Eine Konstruktion mit dat. fin. wäre dem Sinn nach nicht richtig, da hier ein direktes, manuelles Vorbereiten des Essens gemeint ist.
  • 1.III.3) Victoria copiarum incolis laetitiam parat.
    Victoria copiarum incolis laetitiae est.
  • 1.III.6) Divitiae saepe curas et tristitiam parant.
    Konstruktion mit dat. fin. funktioniert hier nicht, da "cura" im Pl. (curas -> curae) stehen müsste. (s. Anm. zu 1.I.21 oben)
  • 1.III.9) Victoria patriae perfugis laetitiam non parat.
    Victoria patriae perfugis laetitiae non est.
  • 1.III.14) Amicitia laetitiam parat et vitam ornat.
    Amicitia laetitiae est et vitam ornat. / …et vita eadem ornatur.
  • 1.III.20) Concordia laetitiam, discordia tristitiam parat.
    Concordia laetitiae, discordia tristitiae est.

Über jegliche Ideen, Kritik, Verbesserungsvorschläge freue ich mich. In der Zwischenzeit werde ich mich an die Ausarbeitung der zweiten deutsch-lateinischen Übung machen und versuchen, dabei die bisherigen Hinweise zu verarbeiten.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon ergee » So 9. Okt 2016, 00:54

§5

  1. Klugheit und Weisheit ist oft der Grund des Ruhmes gewesen.
    Prudentia et sapientia saepe fuit causa gloriae.
  2. Die Schiffer lieben den Mond und die Sterne.
    Nautae lunam et stellas amant.
  3. Die Mädchen der Landleute erfreuen die Weintrauben.
    Puellas agricolarum uvae delectant.
    Puellae agricolarum uvis delectantur. (pass.)
  4. Der Mond und die Sterne ergötzen die Dichter.
    Poetas luna et stella delectant.
    Poetae luna et stellis delectantur. (pass.)
  5. Das Leben der Landleute ergötzt die Töchter der Königin.
    Vita agricolarum filias reginae delectat.
    Filiae reginae vita agricolarum delectantur. (pass.)
  6. Die Hochzeit der Königin war eine Freude der Einwohner.
    Nuptiae reginae laetitiae incolarum erant.
    Nuptiae reginae incolis laetitiae erant. (dat. fin.)
    Nuptiae reginae erant causa laetitiae incolarum.
  7. Die Tätigkeit der Mädchen bereitet den Landleuten Freude.
    Industria puellarum agricolis laetitiam parat.
    Agricolis industria puellarum laetitia paratur. (pass.)
    Industria puellarum agricolis laetitiae est. (dat. fin.)
  8. Die Landleute Italiens schmücken die Altäre der Göttinnen.
    Agricolae Italiae aras dearum ornant.
  9. Die Flucht der Perser bereitet dem Vaterland nicht Traurigkeit, sondern Freude.
    Fuga Persarum patriae non parat tristitiam, sed laetitiam.
    Fuga Persarum patriae non paratur tristitia, sed laetitia. (pass.)
    Fuga Persarum patriae non est tristitiae, sed laetitiae. (dat. fin.)
  10. Die Trompete verkündigt (nuntiat) den Sieg und den Waffenstillstand.
    Tuba victoriam et indutias nuntiat.
    Victoria et indutiae tuba nuntiantur. (pass.)
  11. Tauben sind eine Beute der Adler gewesen.
    Columbae praeda aquilarum fuerunt.
  12. Bescheidenheit schmückt die Mädchen.
    Modestia puellas ornat.
    Puellae modestia ornantur.
  13. Die Königin lobt das Mitleid und die Geduld der Einwohner.
    Regina misericordiam et patentiam incolarum laudat.
  14. Die Mißgunst und die Habsucht bereitet den Bewohnen der Insel Feindschaften und Beschwerden.
    Invidia et avaritia incolis insulae inimicitiis et molestias parat.
    Incolis insulae invidia et avaritia inimicitiae et molestiae parantur. (pass.)
    Konstruktion mit dat. fin. nicht in genauer Übersetzung des deutschen Satzes möglich, da inimicitiae (= Feindschaften; im Lateinischen ohnehin nur im Plural existent) und molestiae (= Beschwerden) im Plural stehen. Man könnte demnach aber statt inimicitiae odium wählen und den Satz umkonstruieren:
    Invidia et avaritia incolis insulae odio est et molestias affert. :?
  15. Die Siege Germaniens bereiten dem Vaterlande Ruhm und Freude.
    Victoriae Germaniae patriae gloriam et laetitiam parant.
    Victoriis Germaniae patriae gloria et laetitia paratur. (pass.)
    Victoriae (Nom.) Germaniae (Gen.) patriae (Dat. comm.) gloriae et laetitiae sunt. (dat. fin.)
  16. Die Schiffer lieben die Stürme nicht.
    Nautae procellas non amant.
  17. Die Wachsamkeit der Bewohner rettet das Vaterland.
    Vigilantia incolarum patriam servat.
    Patria vigilantia incolarum servatur. (pass.)
  18. Der Mond verscheucht (fugat) die Finsternis und erleuchtet (illustrat) die Erde.
    Luna fugat tenebras et terram illustrat.
    Tenebrae fugantur luna et terra illustratur. (pass.)
  19. Der Schreiber der Königin lobt die Aussprüche der Dichter.
    Scriba reginae sententias poetarum laudat.
  20. Die Tauben ergötzen die Töchter der Königin.
    Columbae filias reginae delectant.
    Filiae reginae a columbis delectantur. (pass.)

EDIT: Nochmals durchgesehen und einige Ver(schlimm-?)besserungen nach spätereren Hinweisen eingebaut.
Zuletzt geändert von ergee am So 9. Okt 2016, 19:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon Tiberis » So 9. Okt 2016, 00:59

ergee hat geschrieben:1.I.9) Silva umbram parat.
Silva umbrae est.
1.I.10) Silvae agricolis umbram parat.
Silvae agricolis umbrae sunt.


hier einen dat.fin. zu setzen, ist mit sicherheit kein gutes latein. unter hinweis auf Kühner-Stegmann schrieb ich ja bereits, dass im dat. fin. fast immer nur abstrakta stehen. die wälder können jemandem zur erholung dienen, sie mögen für jemd. einen vorteil/gewinn darstellen usw. - das alles ließe sich mit dat. fin. ausdrücken. aber sie können nicht "schatten bedeuten" oder "zum schatten gereichen", sie können höchstens schatten bieten. jedenfalls ist der schatten nicht der zweck des waldes.
ergee hat geschrieben:Constantia incolarum saepe fortuna est patriae.

abgesehen davon, dass fortuna hier völlig unpassend ist, sehe ich hier gar keinen dat.fin.
(außer, du wolltest eigentlich schreiben : patriae fortunae est). richtig wäre: constantia incolarum patriae saluti est. (doppelter dativ)
ergee hat geschrieben:Victoria copiarum incolis laetitiae est.

richtig, denn laetitia ist abstraktum, und der sieg "dient" dazu, dass sich die einwohner freuen.
ergee hat geschrieben:1.III.6) Divitiae saepe curas et tristitiam parant.
Konstruktion mit dat. fin. funktioniert hier nicht, da "cura" im Pl. (curas -> curae) stehen müsste

warum? an der aussage ändert sich nichts, wenn es im sing. steht. das wäre nicht das problem. aber: gerade bei esse steht so gut wie immer der doppelte dativ (dat. comm. + dat. fin). wenn also ein dat. commodi dabei wäre, könnte man z.b. sagen: divitiae hominibus saepe curae tristitiaeque sunt.
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon ille ego qui » So 9. Okt 2016, 08:33

Tiberis hat geschrieben:Die Habsucht bereitet den Landleuten oft Tränen.
1) avaritia agricolis/ ruricolis saepe lacrimas fert.
2) avaritia agricolis/ ruricolis saepe lacrimosa est.
3) avaritia agricolis/ruricolis saepe causa est lacrimarum.
eqs.
:)


Das Verb, das wohl am häufigsten mit "lacrimas" verbunden wird, um deren Auslösung zu bezeichnen, ist ja "movere", wobei ich selbst nicht ganz sicher bin, ob "lacrimas movere" in diesem Kontext ideal ist.

Tiberis hat geschrieben: im übrigen ließen sich tränen wohl kaum als zweck der habsucht interpretieren.


Der Dativus finalis ist hier natürlich unpassend. Dennoch glaube ich nicht, dass man ihn so eng interpretieren darf. Ja, die Benennung "Dativ des Zwecks" kommt mir bei Verbindungen mit "esse" manchmal geradezu irreführend vor.

Haec fabula mihi delectationi est.

Ist da wirklich der Begriff "Zweck" passend? Von Ausdrücken wie "auxilio venire" u.ä. vielleicht abgesehen, fände ich sogar die Bezeichnung Dativus consecutivus passender :D
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Re: Kleine Stilübungen

Beitragvon ille ego qui » So 9. Okt 2016, 08:37

Mir ist gerade aufgefallen, dass die in Schulbüchern so häufige Wendung "gaudio esse" zumindest unklassisch ist (was mir der neue Menge bestätigt). Aber auch darüber hinaus finde ich keinerlei Belege für diese Verbindung.

:? :? :?
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gaudio esse

Beitragvon consus » So 9. Okt 2016, 09:21

Salve, Ille!
Im Andreas Fritschs Index sententiarum ac locutionum (Saarbrücken 1996, S. 175) finde ich zwei Stellen für "gaudio esse". Plaut. Poen. 1217: Hanno sagt zu Adelphasium: Gaudio ero vobeis. Das Mädchen antwortet: At edepol nos voluptati tibi: gaudio in Antithese zu voluptati (dies in der Liste BS S. 419). Dann Sall. Iug. 9, 2: quam rem tibi certo scio gaudio esse. In der Tat Fehlanzeige, was unsere klassischen stilistischen Vorbilder Caes. und Cic. angeht.
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