Melanchthon

Korrektur und Hilfestellungen bei Übersetzungen für die Schule und das Leben sowie deutsch-lateinische Übersetzungen für Nichtlateiner

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Melanchthon

Beitragvon Romedius » Sa 3. Mär 2018, 14:44

Sehr geehrte Damen & Herren,

in einem Brief Melanchthons an Mithoff von 1542 kommt folgender Satz vor, der sich mir sinnhaft nicht erschließt:
„Homo Gallus maluit in Mysia vivere propter dialectum et fortasse quia Mysnicae gentis comitate delectatur“

Für eine Unterstützung wäre ich dankbar.

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Re: Melanchthon

Beitragvon Tiberis » Sa 3. Mär 2018, 15:01

du schreibst einerseits "Mysia", andererseits aber "Mysnicae gentis" : das passt nicht zusammen.
Mysia ist eine (ehem.) Gegend in Kleinasien, Mysnia hingegen bedeutet (die ehemalige Mark) Meißen in Sachsen. Ich vermute, dass letzteres gemeint ist.
Vorbehaltlich dieser Annahme ist zu übersetzen:
Als Franzose wollte er (oder: der Franzose wollte) lieber in Meißen leben wegen des Dialekts, und vielleicht, weil er Gefallen an der Freundlichkeit der Meißnerischen Bevölkerung findet.
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Re: Melanchthon

Beitragvon Zythophilus » Sa 3. Mär 2018, 15:10

Wenn man bei google - mit "Homo Gallus maluit in" - sucht, findet man allerdings nur Treffer mit gescannten Büchern, die Mysia haben. Natürlich ist es möglich, dass der Fehler überall derselbe ist, aber ist es vielleicht auch möglich, dass Mysia auch eine korrekte Bezeichnung für Meißen ist?
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Re: Melanchthon

Beitragvon Tiberis » Sa 3. Mär 2018, 15:26

Im Graesse (Orbis Latinus) findet man nur Misnia bzw. Mysnia für Meißen.
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Re: Melanchthon

Beitragvon medicus » Sa 3. Mär 2018, 15:43

In Wikipedia inveni:
Meißen (obersorbisch Mišno, lateinisch Misnia, Misena)
:book:

https://books.google.de/books?id=dvw3AQ ... um&f=false
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Re: Melanchthon

Beitragvon Zythophilus » Sa 3. Mär 2018, 18:03

Melanchthon saepius de Mysia scripsisse et hac forma usum esse uidetur: "Hierüber schreibt Melanchthon unter'm 26 Juni an Camerarius folgender Maßen: Mysia macht uns doppelte Arbeit (Er meint das von Heinrich vor Kurzem in Besitz genommene Meißen)." C. Ulenberg, Geschichte der lutherischen Reformatoren, Mainz 1857, p. 130 - uersionem Latinam non inueni.
In quadam epistula ad quendam senatorem Norimbergensem missa legimus:
"Noui nihil habemus praeter illa, quae in Mysia uicina aguntur." Eum de regione in Asia sita non locutum constat.
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Re: Melanchthon

Beitragvon Romedius » So 4. Mär 2018, 09:48

Vielen herzlichen Dank für die hilfreiche, differenzierte und umgehende Rückmeldung.
Der Übersetzungsvorschlag macht so tatsächlich Sinn.
Zum Hintergrund: Die von Melanchthon erwähnte Person war tatsächlich französischsprachig, stammte aus dem heutigen Mons (Belgien), hatte an der Universität in Wittenberg studiert und wurde schlussendlich in Meißnischen Landen Pfarrer.

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Re: Melanchthon

Beitragvon Zythophilus » So 4. Mär 2018, 10:14

Dass es um die Mark Meißen und nicht um die kleinasiatische Landschaft geht, ist ohnedies klar, nur scheint mir die Häufigkeit, mit der die Form Mysia in Melanchthons Schriften - zumindest in Drucken - auftaucht, es doch überlegenswert erscheinen, ob er sie nicht bewusst verwendete.
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Re: Melanchthon

Beitragvon Romedius » So 4. Mär 2018, 11:40

Ja, auch ich mutmaße dies inzwischen. Melanchthon hat über zwei Jahrzehnte immer wieder auch Mysia geschrieben und wohl Meißen gemeint.
Im "Wörterbuch der alten Geographie" (1794) ist auf der S. 421 Mysia a) als "ein Flecken zwischen Mycena und Argos" bezeicnet und b) "eine große Landschaft von Kleinasien". Hingegen findet sich auf der S. 9 in Friedrich Paulsens Veröffentlichung "Geschichte des gelehrten Unterrichts" (1885) der interessante Hinweis, "so wurde aus Meißen Mysia, aus Wittenberg Albioreia"; dies wird mit einer Phase der Antikisierung begründet.
Nochmals vielen Dank an alle Unterstützer.
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