Warum Konjunktiv Präsens

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Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Sinatra » Di 21. Jul 2020, 16:50

Bei folgendem Satz grüble ich, warum bei der Übersetzung ins Lateinsche der Konjunktiv Präsens adiuvet verwendet wird:

Irgendein Dichter hat ein Gedicht geschrieben, in dem Aeneas die Königin Dido zurücklasst, obwohl sie ihn gebeten hatte ihr zu helfen // Quidam poeta carmen condidit, in quo Aenas Didonem reginam relinquit, cum eum rogaverit, ut se adiuvet
Da rogaverit ja Nebentempus ist müsste die Gleichzeitgkeit doch durch das Imperfekt ausgedrückt werden?
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon marcus03 » Di 21. Jul 2020, 17:48

Meine Erklärung/ Überlegung dazu:
Der Relativsatz, von dem das Folgende abhängt, steht im historischen Präsens (relinquit).
Dieses Tempus wird als Hauptzeit oder Nebenzeit gewertet.
Dieses Präsens wirkt hier m.E. nach bzw, "färbt ab". Präsens macht den Sachverhalt lebendiger
für den Leser als Imperfekt, da es ihn ins Geschehen mit einbezieht, so als ob es in der Gegenwart geschähe.
Doch auch adiuvaret wäre wohl nicht falsch.

PS:
Vlt. findet sich etwas dazu im MBS, den ich nicht besitze.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Tiberis » Mi 22. Jul 2020, 00:25

marcus03 hat geschrieben:Doch auch adiuvaret wäre wohl nicht falsch.

es ist nicht nur nicht falsch, sondern die einzig richtige Option, da der ut-Satz ja von rogaverit abhängt, welches als perfektisches tempus naturgemäß (bei Gleichzeitigkeit) einen Konj. Imperfekt nach sich zieht. Da färbt also gar nichts ab, adiuvet ist schlicht falsch.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon marcus03 » Mi 22. Jul 2020, 05:40

@Sinatra:
Woher hast du diesen Satz? Von wem wurde er so übersetzt? Kontext? Stilübung?

@Tiberis:
Ich glaube, dass es sich hier um einen besonderen Sachverhalt handelt.
Es ist eine komprimierte Inhaltsangabe eines Gedichtes zu einer Stelle aus der Äneis, die
z.B. in einem Fragespiel vorkommen könnte, in der anschließend nach dem Namen des Dichters gefragt wird.
Statt rogaverit könnte m.E. genauso gut roget stehen.
Man könnte rogaverit vlt. auch als resultatives Perfekt auffassen mit Betonung des
Gegenwartsbezugs in einer "lebendigen" Schilderung.

Daher denke ich, dass es sich um einen besonderen Satz bzw. Sonderfall handelt,
bei dem Aspekte im Spiel - unterbewusste oder psychologische ??, sind,
die einen Verstoß gegen die Regelgrammatik erklären bzw. rechtfertigen könnten.

Ich betone, dass sind nur Versuche, dieses Präsens irgendwie zu erklären.
Damit will ich natürlich nicht ausschließen, dass es sich schlicht um einen (Flüchtigkeits)Fehler
oder Druckfehler handelt.
Drum wäre wichtig zu erfahren, wer diesen Satz so übersetzt hat bzw. wo genau er herstammt.
Möge Sinatra uns dazu noch Näheres sagen!
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Sinatra » Mi 22. Jul 2020, 08:25

Hallo Marcus,

dieser - deutsche- Satz war Teil der REP II Klausur im Sommersemester 2019 an der Uni Köln.

Als Vorbereitung für die diesjährige Klausur hat der Dozent die letztjährige Klausur mit den Musterübersetzungen ausgegeben, bei der Durchsicht gestern kam die Verwendung des Präsens etwas komisch vor.



Gruß
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Tiberis » Mi 22. Jul 2020, 12:24

marcus03 hat geschrieben:Statt rogaverit könnte m.E. genauso gut roget stehen.

Das sehe ich nicht so, denn "gebeten hatte" ist ganz klar vorzeitig gegenüber "zurücklässt".
Aber wie auch immer: ich könnte deine Versuche, einen Konj. Präsens zu rechtfertigen, allenfalls dann nachvollziehen, wenn es sich um den Satz eines antiken Verfassers handelte. Aber hier geht es ja, wie wir mittlerweile wissen, um eine Stilübungsklausur, und da kann wohl nicht eine schwer erklärbare Abweichung von der Norm die "Musterübersetzung" darstellen.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon marcus03 » Mi 22. Jul 2020, 12:36

Die Uni Köln gilt als sehr streng und anspruchsvoll.(hohe Durchfallquote, soweit ich weiß)
Dass einem dortigen Dozenten so ein Fauxpas unterläuft, ist zumindest ungewöhnlich. :-o
Indes, auch die sind nur Menschen. Peccare humanumst. ;-)
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Sinatra » Mi 22. Jul 2020, 16:15

Vielen Dank für die Rückmeldungen, werde den Dozenten zeitnah ansprechen und dann berichten.

LG
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 22. Jul 2020, 17:57

Salve Sinatra,
Tiberis hat alles perfekt, wie immer, beantwortet. Im MBS kannst du dir ja noch den Paragraphen 461 anschauen.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Zythophilus » Mi 22. Jul 2020, 21:34

Antike Autoren sind tatsächlich nicht immer ganz so streng bei der Zeitenfolge, aber hier muss man sich eindeutig daran orientieren, dass rogauerit Nebentempus ist und der gleichzeitige, davon abhängige GS den Imperfekt Konjunktiv haben muss. Die Anfangsüberlegung stimmt.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon marcus03 » Do 23. Jul 2020, 05:38

Ergänzung:
Sinatra hat geschrieben:Dichter hat ein Gedicht geschrieben, in dem Aeneas die Königin Dido zurücklasst, obwohl sie ihn gebeten hatte ihr zu helfen

Streng genommen müsste es lauten: gebeten hat
Vorzeitigkeit zum Präsens wird im Dt. durch Perfekt ausgedrückt.
Insofern ist die Vorlage schon nicht fehlerfrei.

Frage:
Da das historische Präsens als Hauptzeit oder Nebenzeit gilt, könnte es auch rogavissset lauten.
Gibt es bei diesem Tempus eine Präferenz?
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Sinatra » Do 30. Jul 2020, 10:05

So, habe gerade mit dem Dozenten gesprochen, die Lösung ist ganz einfach, er hat sich schlicht und ergreifend vertan.
Und die Klausur habe ich übrigens bestanden.... :klatsch:
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Tiberis » Do 30. Jul 2020, 10:56

Sinatra hat geschrieben:So, habe gerade mit dem Dozenten gesprochen, die Lösung ist ganz einfach, er hat sich schlicht und ergreifend vertan.

so habe ich es mir ja gedacht. :D
Sinatra hat geschrieben:Und die Klausur habe ich übrigens bestanden....

tibi bene merenti gratulor! :)
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon Zythophilus » Fr 31. Jul 2020, 07:04

Solche Fehler passieren. Man stellt einen Satz zusammen, ändert ein oder zwei Elemente, vergisst aber in einem abhängigen GS das Prädikat auch zu ändern.
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Re: Warum Konjunktiv Präsens

Beitragvon ille ego qui » So 16. Aug 2020, 16:48

marcus03 hat geschrieben:Die Uni Köln gilt als sehr streng und anspruchsvoll.(hohe Durchfallquote, soweit ich weiß)
Dass einem dortigen Dozenten so ein Fauxpas unterläuft, ist zumindest ungewöhnlich. :-o
Indes, auch die sind nur Menschen. Peccare humanumst. ;-)


Für eine hohe Durchfallrate braucht man keine kompetenten Dozenten, sondern lediglich einen entsprechend strengen Fehlerschlüssel ;-)
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