Marsfeld-Frage

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Marsfeld-Frage

Beitragvon sinemetu » Do 16. Jan 2020, 23:10

Augustus hat zu irgendeiner Säkularfeier auf dem Marsfeld vor der Ara pacis eine Sonnenuhr mit echtem ägyptischen Obelisken aufstellen lassen.

1. Welcher Schriftsteller überliefert das und Wo? Bitte die Stelle angeben.
2. Wo steht der Obelisk heute?
Zuletzt geändert von sinemetu am Di 4. Feb 2020, 18:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Longipes » Fr 17. Jan 2020, 00:26

sinemetu hat geschrieben:Augustus hat zu irgendeiner Säkularfeier auf dem Marsfeld vor der Ara pacis eine Sonnenuhr mit echtem ägyptischen Obelisken aufstellen lassen.

Vermutlich keine Sonnenuhr (das war die frühere Theorie von Edmund Buchner), sondern ein Meridianinstrument.

sinemetu hat geschrieben:1. Welcher Schriftsteller überliefert das und Wo? Bitte stelle angeben.
2. Wo steht der Obelisk heute?

ad 1) Plinius, Naturalis historia 36,72–73.
Plinius der Ältere hat geschrieben:Ei, qui est in campo, divus Augustus addidit mirabilem usum ad deprendendas solis umbras dierumque ac noctium ita magnitudines, strato lapide ad longitudinem obelisci, cui par fieret umbra brumae confectae die sexta hora paulatimque per regulas, quae sunt ex aere inclusae, singulis diebus decresceret ac rursus augeresceret, digna cognitu res, ingenio Facundi Novi mathematici. is apici auratam pilam addidit, cuius vertice umbra colligeretur in se ipsam, alias enormiter iaculante apice, ratione, ut ferunt, a capite hominis intellecta.
haec observatio XXX iam fere annis non congruit, sive solis ipsius dissono cursu et caeli aliqua ratione mutato sive universa tellure a centro suo aliquid emota (ut deprehendi et aliis in locis accipio) sive urbis tremoribus ibi tantum gnomone intorto sive inunda­tionibus Tiberis sedimento molis facto, quamquam ad altitudinem inpositi oneris in terram quoque dicuntur acta fundamenta.

ad 2) Vor dem italienischen Parlament auf der Piazza di Montecitorio.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon sinemetu » Sa 18. Jan 2020, 11:58

Danke, Langfuss ...:-)

ad 2) Vor dem italienischen Parlament auf der Piazza di Montecitorio.


Der ist aber keine 35 Meter hoch...
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon medicus » Sa 18. Jan 2020, 14:35

sinemetu hat geschrieben:Danke, Langfuss

--Fuß :prof2:
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Longipes » Sa 18. Jan 2020, 16:28

sinemetu hat geschrieben:Danke, Langfuss ...:-)

ad 2) Vor dem italienischen Parlament auf der Piazza di Montecitorio.


Der ist aber keine 35 Meter hoch...

Du musst Basis und Kugel hinzurechnen, dann kommst du auf 33.97 Meter.

Hier findest du aktuelle Forschungsergebnisse zu der ganzen Anlage.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Laptop » Di 4. Feb 2020, 17:21

Sehr interessant was ich noch alles dazulerne. Frage dazu, Wikipedia schreibt
bei der Marke 15° Stier befindet sich die Inschrift THEROUS ARCHE (Sommeranfang)

Wie kann man berechnen welcher Tag "15° Stier" ist? Mit andern Worten, wann dürfen wir den echt-römischen Sommeranfang feiern?

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Solarium_Augusti
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon sinemetu » Di 4. Feb 2020, 17:39

Heute sagt man 20 April 0 Grad Stier, dann wären 15 Grad Stier ungefähr 5. Mai. Jetzt wegen der Präzession 2000 Jahre = 1 Sternzeichen zurückrechnen, dann wäre der Sommeranfang in Rom im Jahre 20 unserer Zeit um den 5. April gewesen. Wie haben die Sommer definiert? War das die Blütezeit, oder schon die Erntezeit...?

Und warum haben die in Rom Sommeranfang auf Griechisch geschrieben? Konnte denn der normale Römer zu Zeiten Augusti verstehen?
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Laptop » Di 4. Feb 2020, 18:12

Der normale Römer konnte das nicht verstehen. Aber ich glaube der Zweck war nicht bloss ein Anheben der Sprachebene, sondern einfach der, daß das Bauwerk aus dem griechisch-sprachigen Ägypten der Ptolemäer stammt.

Was den Sommeranfang betrifft bin ich nicht sicher, vielleicht melden sich noch andre aus dem Forum hier zu Wort.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Sapientius » Sa 8. Feb 2020, 17:53

sinemetu hat geschrieben: zu irgendeiner Säkularfeier


Es gab nur eine einzige erwähnenswerte Säkularfeier, nämlich die von Augustus 17 v.Chr. veranstaltete, sie hat ja auch in der Literatur ihren Niederschlag gefunden, nämlich in dem von Horaz verfassten Kultlied.

Damals lag das Gefühl einer Wendezeit in der Luft, dazu gehört auch Vergils 4. Ekloge, auch Jesus (der "vorösterliche", sagt man), der vom hereinbrechenden Gottesreich kündete. Es gab den Mythos von den vier Weltaltern, vom goldenen bis um jetzigen eisernen, und vom Umschlag des eisernen zurück zum goldenen.

Die Antike hatte ja eine zyklische Zeitvorstellung, am Tages-, Monats- und Jahreszyklus orientiert, "revolutio" in allen Bedeutungen. In der Moderne haben wir dagegen eine lineare Zeitvorstellung, die Physiker stellen die Zeit durch einen gerichteten Strahl dar.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Longipes » So 9. Feb 2020, 13:10

Sapientius hat geschrieben:In der Moderne haben wir dagegen eine lineare Zeitvorstellung, die Physiker stellen die Zeit durch einen gerichteten Strahl dar.

In der Geschichtswissenschaft hat im Laufe des 20. Jahrhunderts die zyklische Zeitvorstellung wieder an Bedeutung gewonnen, vor allem wenn es um oral history, also die Gschichtsvermittlung durch Zeitzeugenberichte geht. Denn auch wenn wir heute an eine lineare Zeitvorstellung gewöhnt werden, so ist unser individuelles Zeitverständnis tatsächlich viel stärker zyklisch geprägt, was sich vor allem in der Erwartung der Wiederkehr bestimmter Ereignisse (Geburtstage, Feiertage, Jahreszeiten etc.) niederschlägt. Ein Zeitzeuge erzählt in der Regel nur dann linear, wenn es sich um einschneidende, einmalige Ereignisse handelt, die den zyklischen Zeitlauf unterbrochen haben.

Daher sind wir den antiken Menschen in der Zeitvorstellung tatsächlich gar nicht so unähnlich.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Sapientius » Di 18. Feb 2020, 16:40

An dem Gegensatz Kreis und Gerade hängt viel dran, die ganze Weltsicht ist verschieden; die Kreisvorstellung ist verbunden mit der Idee des Abgerundeten, Abgeschlossenen, Vollkommenen; alle einzelnen Punkte sind auf einen einzigen hingeordnet, den Mittelpunkt, nach dem sie sich bemessen. Es tritt das Weltganze in den Blick ("Kosmos"), die Philosophen suchen nach dem einen Grund des Ganzen (arché); es gibt eine Sonne, einen Gott, einen Kaiser, eine Religion (man denkt an Kaiser Karl V.), eine Wahrheit (im Mittelalter entrüstete man sich, dass arabische Gelehrte den Begriff "doppelte Wahrheit" aufgebracht haben sollen).

Dagegen besteht die Linie aus einer Reihe gleichbedeutender Einzelpunkte, es gibt nichts Vorrangiges, das Denken verliert sich im Einzelnen und Endlosen, wir haben ungeahnte Einsichten in das Entlegenste gewonnen, Marslandschaften, Monde von Jupiter oder Saturn, Galaxienhaufen; und umgekehrt die Bestandteile des Atomkerns; der Beobachter, d.h. der Mensch gerät ins Abseits, verfällt in Frustration und Depression, und so geht das bekannte Lied ...
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon iurisconsultus » Di 18. Feb 2020, 19:37

Laptop hat geschrieben:Sehr interessant was ich noch alles dazulerne. Frage dazu, Wikipedia schreibt
bei der Marke 15° Stier befindet sich die Inschrift THEROUS ARCHE (Sommeranfang)

Wie kann man berechnen welcher Tag "15° Stier" ist? Mit andern Worten, wann dürfen wir den echt-römischen Sommeranfang feiern?

In Nat. Hist. 2, 123 schreibt Plinius über die Winde und sagt:
dat aestatem exortus vergiliarum in totidem (= 25.) partibus tauri VI diebus ante Maias idus (= 10.5.), quod tempus austrinum est, huic vento septentrione contrario. ardentissimo autem aestatis tempore exoritur caniculae sidus sole primam partem leonis ingrediente, qui dies XV ante Augustas kalendas est.

Ich kenn michnicht aus, aber vielleicht hilft's ja etwas. :? :lol:
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aequum licet statuerit, haud aequus fuit.
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Re: Marsfeld-Frage

Beitragvon Laptop » Do 20. Feb 2020, 04:29

@iurisconsultus sehr schöner Fund! Habe jetzt auch die wesentliche Stelle bei Varro gefunden, er spricht vom 9. Mai:
qui nunc sunt, primi verni temporis ex a. d. VII id. Febr., aestivi ex a. d. VII id. Mai., autumnalis ex a. d. III id. Sextil., hiberni ex a. d. IV id. Nov.


Auch von Herrn Ginzel gibt es sehr ausführliche Details zu dem Thema, wobei die Interpretation der Tabellen mein fehlendes Astro-Wissen schmerzlich offenbart :roll:

Wie kam es dazu, daß wir heute den Sommeranfang grob gesehen einen Monat später haben? Der 20. Juni habe ich regelmäßig den Eindruck der halbe Sommer sei schon vorüber, wohingegen mir der römische 9. Mai geradezu "passend" erscheint ... auch wenn das natürlich völlig subjektiv ist.
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