M in Inschriften + Aussprache

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M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon ille ego qui » Fr 14. Jan 2022, 23:27

Salvete,

kennt sich jemand von euch gut mit Inschriften aus? Leider bin ich in der CIL-Recherche nicht geübt…

Mein Thema:

Es heißt ja oft - und ich habe das auch schon gesehen -, in Inschriften falle mitunter m am Wortende (vor Vokal) aus (entsprechend der Tatsache, dass dieses m in der Metrik „nicht zählt“ und wahrscheinlich bloß als Nasalierung des Vokals realisiert wurde)?

Meine Frage ist, ob das wirklich nur am Wortende oder auch im Wortinneren (meine Hypothese wäre: generell am Silbenende) in Inschriften beobachtet werden kann? Enthielt also das Wort „templum“ gleich zwei nasalierte Vokale?

Sollte auch an solchen Stellen im Wortinnern das m ausfallen (und Nasalierung auftreten), würde das zwangsläufig bedeuten, dass der vorangehende Vokal nicht nur wahrscheinlich nasaliert, sondern immer auch gelängt wird - sonst wäre ja die metrische Behandlung nicht mehr erklärlich. Das schiene mir aber auch aus mehreren Gründen plausibel, nicht zuletzt: Wie sonst sollte in einer Verbindung wie „cum puero“ das „cum“ lang werden (oder wird hier plötzlich nicht mehr nasaliert…??).

(Die Existenz des Nasalstriches in Inschriften (ab wann eigentlich?) - der ja m.W. auch beim (wohl kaum je stummen) Buchstaben n zum Einsatz kommt (nicht wahr?), macht die Sache wohl nicht gerade leichter … ;-) )

Ich bin gespannt, ob jemandem dazu was einfällt. :)

Valete!
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon iurisconsultus » Sa 15. Jan 2022, 12:31

Hallo, ich kenne nur
1. Entfall von m am Wortende bzw vor Enklitika und in Komposita (duu(m)viru(m))
2. Entfall von n vor s (cesor, cosol, libes …)
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon Tiberis » Sa 15. Jan 2022, 15:18

ille ego qui hat geschrieben:Es heißt ja oft - und ich habe das auch schon gesehen -, in Inschriften falle mitunter m am Wortende (vor Vokal) aus (entsprechend der Tatsache, dass dieses m in der Metrik „nicht zählt“ und wahrscheinlich bloß als Nasalierung des Vokals realisiert wurde)?


es fällt mitunter (wenn auch selten!) aus, aber nicht nur vor Vokal, vgl. die bekannte Inschrift des L. Scipio Barbatus:
[L(ucius)] Cornelio(s) Cn(aei) f(ilius) Scipio // Cornelius Lucius Scipio Barbatus, Gnaiuod patre prognatus, fortis vir sapiensque, / quoius forma uirtutei parisuma fuit, / consol censor aidilis quei fuit apud vos, / Taurasia Cisauna Samnio cepit / subigit omne Loucanam opsidesque abdoucit.

ille ego qui hat geschrieben:Meine Frage ist, ob das wirklich nur am Wortende oder auch im Wortinneren (meine Hypothese wäre: generell am Silbenende) in Inschriften beobachtet werden kann?

In den mir bekannten Inschriften (ich denke, das sind ein paar hundert) habe ich das noch nie beobachtet. Sehr wohl jedoch ist der Ausfall des n vor s relativ häufig (z.B. mesis statt mensis)
ille ego qui hat geschrieben:(Die Existenz des Nasalstriches in Inschriften (ab wann eigentlich?)

wohl erst ab dem frühen Mittelalter
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon ille ego qui » Sa 15. Jan 2022, 17:24

Danke euch!!

@Tiberis:
„Samnio“ ist laut dieser Übersetzung wohl Ablativ:
https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de ... 091109.pdf
Stimmt das so?
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 15. Jan 2022, 18:25

Die Scipio-Inschrift ist natürlich Altlatein, wo es einige andere lautliche und orthographische Veränderungen gab.
-m am Ende fiel gar nicht so selten aus:
Taurasia(m) Cisauna(m) (in) Samnio cepit / subigit omne(m) Loucanam opsidesque abdou(ou > ū)cit.
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon iurisconsultus » Sa 15. Jan 2022, 18:35

Vereinzelt findet die Auslassung von m auch im Wortinneren statt. Ob das Fehler sind oder ob es der Aussprache entsprach, weiß ich aber nicht:

Ny(m)p(h)e Crispini anc(il)la ne(q)uissima


Amianthus, Epaphra, Tertius ludant cum Hedysto, Iucundus Nolanus petat, nu(m)eret Citus et Acus Amiantho


K(alendas) Sep(tembres) ma(n)simus Po(m)peis


Omn[i]bus co(m)potoribus bene


Minimum malum fit conte(m)nendo maxumum
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon ille ego qui » Sa 15. Jan 2022, 20:51

gratias vobis maximas ago!!

@iurisconsultus
wie/wo hast du gesucht bzw. die stellen her? :-)
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon Tiberis » Sa 15. Jan 2022, 22:33

das sind offenbar pompeianische Graffiti. Daraus ergeben sich zumindest zwei Fragen:
1) Inwieweit entsprach die Aussprache des Vulgärlateins jener des (klassischen) Hochlateins?
2) Welche Gültigkeit haben die Zeugnisse aus Pompei für andere Regionen Italiens oder des römischen Reiches?

ille ego qui hat geschrieben:„Samnio“ ist laut dieser Übersetzung wohl Ablativ:

oder Dativ ;-)
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon Medicus domesticus » So 16. Jan 2022, 09:19

Tiberis hat geschrieben:ille ego qui hat geschrieben:
„Samnio“ ist laut dieser Übersetzung wohl Ablativ:

oder Dativ


Dazu gibt es von G. Radke einen Artikel, der die Inschrift genauer untersucht hat:
http://www.rhm.uni-koeln.de/134/Radke.pdf
In der pdf auf Seite 5 ff.
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon iurisconsultus » So 16. Jan 2022, 09:49

Ich habe mir die Mühe gemacht, meine einschlägigen Bücher dazu durchzusehen (ich war gestern allein zuhause), die mir allesamt meine Frau zu verschiedenen Anlässen geschenkt hat. :-D Es sind - wie Tiberis richtig erkannt hat - pompejanische Wandinschriften (die vierte ist eine Grabinschrift).
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon ille ego qui » So 16. Jan 2022, 11:36

@iurisconsultus
Dann danke ich dir noch mal sehr für deine Mühe!

@Tiberis
Den Fragen muss man nachgehen!
In jedem Fall scheint es mir linguistisch sehr plausibel, dass Ausfall von m / Nasalierung ein allgemeines Silbenphänomen ist - phonetische Effekte werden m.W. meist von Silbenstrukturen geregelt -, sodass ich mich auch über kleine Indizien schon freue ;) .
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon iurisconsultus » So 16. Jan 2022, 12:22

Das Standartwerk zu sprachlichen Phänomenen der pompeijanischen Inschriften soll bis heute sein:
Väänänen, Veikko, Le latin vulgaire dans les inscriptions pompéiennes (1937, Helsinki)

Vielleicht existiert eine englische/deutsche Übersetzung
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon cometes » So 16. Jan 2022, 15:09

Die erweiterte Suche der EDH bietet die Berücksichtigung der Auslassungen anzeigenden Klammerausdrücke in Transkriptionen, so findet man z.B. Ca(m)pestr(um) oder Se(m)proniae et cetera.
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon Zythophilus » So 16. Jan 2022, 18:02

Väänänen ist sicher sehr wichtig, doch ich kann nicht sagen, ob es Neueres gibt. Ansonsten muss man eben auch als klassischer Philologie die Sprachen der Wissenschaft so weit beherrschen, dass man einfachere Texte, bei denen man zudem ungefähr den Inhalt kennt, versteht. Immerhin war der Autor so weit, dass er nicht auf Finnisch schrieb ;-)
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Re: M in Inschriften + Aussprache

Beitragvon ille ego qui » Mo 17. Jan 2022, 11:02

Danke für den tollen Tipp, Cometes!

So ganz korrekt scheine ich noch nicht zu suchen (ich habe einfach "(m)" eingegeben):

https://edh.ub.uni-heidelberg.de/inschr ... &anzahl=20

Es kommen auch Belege ohne ausgelassenes m, wenn ich richtig sehe.

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