Salveni

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Salveni

Beitragvon Willimox » Mi 11. Nov 2009, 12:39

Salute, sodales


In Johann Peter Hebels Kurzgeschichte/Kalendergeschichte Kannitverstan
findet sich das bildungssprachlich-humorige salveni


[...]
Gaß aus, Gaß ein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ei, oder auf deutsch: das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbaum an Mastbaum, und er wusste anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war und jetzt eben ausgeladen wurde. Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe. "Kannitverstan", war die Antwort. Da dacht er: Haha, schaut's da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben.
(....]

Die Internetrecherche (zeno org und andere) ergibt:

salveni = salva venia

Offensichtlich geht es um eine Art Entschuldigung für eine nicht ganz koschere Wortwahl.
Der Typus patre ignaro (ohne Wissen des Vaters) mag mit Phrasen wie salva venia verwandt sein. Der Referenzbereich salvatorische Klausel ist wohl auch nicht fern. Ebenso das geläufigere sit venia verbo.

Bei Übersetzungsversuchen dieses Abl. abs. taste ich noch herum:

bei heiler Nachsicht* ..... ohne die Nachsicht zu verletzen*
ohne Verletzung von Schicklichkeitsgrenzen
ohne die Grenzen des Verzeihlichen zu verletzen ...


Was meint ihr?
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Re: Salveni

Beitragvon consus » Mi 11. Nov 2009, 13:05

Mit Verlaub, optime Willimox: Warum nicht einfach "mit Verlaub"?
:book:
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Re: Salveni

Beitragvon Apollonios » Mi 11. Nov 2009, 13:12

Krünitz schlägt sehr frei vor:
Salva venia, mit Erlaubniß zu reden, oder es sey erlaubt.

Besser finde ich den Vorschlag aus Meyers Konversationslexikon:
Salva venia (lat.), mit Verlaub (zu sagen).


Vielleicht ginge es auch so:
- Verzeihung -,

Auf gar keinen Fall:
- sry -
וָאֹמַר מִי־יִתֶּן־לִּי אֵבֶר כַּיּוֹנָה אָעוּפָה וְאֶשְׁכֹּנָה ׃
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Re: Salveni

Beitragvon Willimox » Mi 11. Nov 2009, 13:17

ohne Zweifel eine/die passende Wendung, das mit Verlaub oder mit der Bitte um Verzeihung. .....

Trotzedem: wie lässt sich die sit venia duplicitati zugrundeliegende Grundbedeutung von salva venia
ohne allzuviel Geholper mittels solcher Elemente wie "Nachsicht" "Verzeihung" "unbeschadet" rekonstruieren?
Zuletzt geändert von Willimox am Mi 11. Nov 2009, 13:29, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Salveni

Beitragvon Willimox » Mi 11. Nov 2009, 13:27

Gott und seine Wunder

1621 am 28. Oktober ist in unsrer Nachbarschaft (auf Schloß Beuthen) ein Sohn geboren worden. Dieses Kind hat, salva venia, keinen podicem gehabt, so daß es seiner natürlichen Funktionen unfähig gewesen ist. Wonach Meister Hans Meißner, Bader zu Trebbin, mit dem Messer den podicem hat öffnen müssen. Und ist durch Gottes Segen gut geworden und hat einen podicem gehabt. Wie wunderbar handelt Gott mit uns Menschen! (Fontane Wanderungen)

vorbehaltlich der Verzeihung für ....... dieses unschickliche Wort

was mir an der Wendung lat und deutsch auffällt: die leicht paradoxe Konstruktion

unter dem Vorbehalt deiner Nachsicht/
vorausgesetzt, ich habe deine Nachsicht/
ich bitte jetzt schon zu verzeihen


und

ohne Verletzung (salva) von ..... Was wird da eigentlich nicht verletzt und bleibt heil?
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Re: Salveni

Beitragvon Apollonios » Mi 11. Nov 2009, 17:33

Willimox hat geschrieben:ohne Verletzung (salva) von ..... Was wird da eigentlich nicht verletzt und bleibt heil?

Vielleicht kann man salva hier mit ohne Überstrapazierung übertragen; also ohne eine sehr spezifische Form der Verletzung.
וָאֹמַר מִי־יִתֶּן־לִּי אֵבֶר כַּיּוֹנָה אָעוּפָה וְאֶשְׁכֹּנָה ׃
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Re: Salveni

Beitragvon Zythophilus » Mi 11. Nov 2009, 19:22

SALVETE
Immerhin ist dieses salva,-o als Rest eines Abl.abs. in die romansichen Sprachen übergegangen. Besonders schön die frz. Variante, wenn man z.B. unter einem Fahrverbotsschild den Zusatz "SAUF TAXI" findet und sich vorstellt, dass das jetzt deutsch wäre ...
Die normale ÜS ist meines Wissens "unbeschadet", was wiederum in den Medien normalerweise fälschlich für "unbeschädigt" verwendet wird.
VALETE
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Re: Salveni

Beitragvon Willimox » Mi 11. Nov 2009, 20:15

@ apo

also ohne überstrapazierung von verzeihen, besser verzeihensbereitschaft?

@zytho

das sauf taxi - eine urbane legende - enträtselt
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Re: Salveni

Beitragvon ille ego qui » Do 9. Feb 2017, 04:43

Heute hat mich einmal google hierher geführt ;-)
Ich frage mich: Hat Mausdreck auch eine bestimmte Bedeutung? Was ist gemeint? Einfach Dinge von geringerem Wert?

valete
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Re: Salveni

Beitragvon Willimox » Do 9. Feb 2017, 16:25

Bild

Die erzähltechnisch interessante Geschichte "Kannitverstand" erscheint im "Rhenländischen Hausfreund" von 1808, die Titelvignette lässt auf die Leserklientel schließen.

Zur Frage nach dem "Mausedreck";

Wahrscheinlich Mäusekot, von den Fressnagern hinterlassen, beim Explorieren und Schnabulieren und Retirieren, die Mehl-, Zucker- und sonstigen Lebensmittelladungen anreichernd. Oderrrr?

Bild

Das leicht Gruselige dürfte nicht so sehr das Wort "Mausedreck" sein, sondern vor allem die Vorstellung, dass das dann von Menschen als Zuladung verzehrt wird.
Das Publikum der Kalendergeschichten dürfte zwar durchaus Handfestes gewöhnt sein, aber vielleicht graust es die/den Mädchen und Frauen doch ein wenig, zarter besaitete zumindest.

Bild
Zuletzt geändert von Willimox am Fr 10. Feb 2017, 17:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Salveni

Beitragvon ille ego qui » Do 9. Feb 2017, 22:04

Danke für deine Antwort, Bilibalde!
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