femina = gering im Glauben

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femina = gering im Glauben

Beitragvon zackboing » So 16. Mai 2010, 10:24

Hallo! Ich bin neu hier, hoffe aber im richtigen Forum gelandet zu sein. Meine Frage:
Ich les grad für meine Examensarbeit den Hexenhammer (Malleus maleficarum), und der gute Verfasser Heinrich Kramer rückt mit der behauptung an, dass das Wort "femina" schon die Frau als minderwertig darstelle, denn:
er leitet "fe" von "fides", also Glaube, ab und betrachtet "mina" als Form von "minus" - gering, wenig.
Ich meine zu wissen, dass "fe" im spanischen "Glauben" bedeutet, aber ich bin mir ebenfalls fast sicher, dass im klassischen latein das präfix oder die einzelne form "fe" nicht existiert. Vielleicht aber im nachklassischen?
Da ich mir aber nur fast sicher bin, dachte ich mir hier Hilfe zu holen, vielleicht auch mit dem einen oder anderen Literaturhinweis, um diese Deutung ordentlich widerlegen zu können.
Ich freu mich auf Antworten und sag jetzt schon mal Danke!
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Medicus domesticus » So 16. Mai 2010, 11:19

Salve,
Also diese Herleitung scheint mir etwas weit hergeholt.
Der Georges (Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch) schreibt folgendes unter femina :

[2714] fÄ“mina, ae, f. (eig. die »Säugende«, zu Wurzel *dhÄ“(i) –, säugen), dah. jedes Geschöpf weiblichen Geschlechts (Ggstz. mas), I) eig.: a) v. Menschen, das Weib, die Frau (in bezug auf das Geschlecht, während mulier die Frau, insofern sie das ständige Alter erreicht hat, mannbar ist, gleichviel ob verheiratet od. nicht),....

:book:

Vergleiche auch hier: Seite 1 unten:
http://www.vns.at/zusatzmaterial/fixlin ... g6_ab3.pdf
Femina: fe = fides, Glaube, minus = weniger, also femina = die weniger Glauben hat; falsche Etymologie; femina gehört vielmehr zu einer sprachlichen Wurzel, die soviel bedeutet wie "fruchtbar", so dass femina ursprünglich wohl "die Säugende" heißt.


Vale.
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon zackboing » So 16. Mai 2010, 12:57

Gratias ago. Dann werd ich mal den Georges auftreiben und dem Herrn Kramer mutig entgegentreten.
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Clemens » So 16. Mai 2010, 13:08

In der Examensarbeit besser zu zitieren wäre wohl eines der etymologischen Wörterbücher, beispielsweise Walde-Hofmann.
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Medicus domesticus » So 16. Mai 2010, 13:31

Da hat Clemens sicher recht. Den "Walde - Hofmann" gibt´s in einer Auflage von 1938 auch online zur Vorinformation für dich:
Seite 476 Band I:
http://www.archive.org/stream/walde/Wal ... 8/mode/1up
:book:
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Willimox » So 16. Mai 2010, 14:04

Servus,

gucken wir noch mal die Stelle

Ihr von Natur aus geringer Glauben wird [schon] bei der ersten Frau offenbar, da sie der Schlange auf ihre Frage, warum sie nicht von jedem Baum des Paradieses essen würden, sagte: »Von jedem [essen wir], nur nicht etc., damit wir nicht etwa sterben.«371, wobei sie zeigt, daß sie zweifle und an die Worte Gottes nicht glaube, was alles auch die Etymologie des Namens demonstriert: es heißt nämlich femina [Frau] von fe und minus, weil sie immer geringeren Glauben hat und wahrt, und zwar von Natur aus bezüglich des [der geringeren] Glaubens [stärke], mag auch infolge der Gnade und der Natur der Glaube in der seligsten Jungfrau niemals gewankt haben, da er doch in allen Männern zur Zeit des Leidens Christi gewankt hatte.
Schlecht also ist die Frau von Natur aus, da sie schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben ableugnet. Das ist die Grundlage für die Hexen.
[ (vgl. Hexenhammer, S. 231)]

fe gilt hier als 'Abkürzung" von fides - keine spanischen oder Walde-Hoffmann Bezüge sind da ins Feld zu führen. Schlicht, weil der malleus nicht etymologisch in unserem modernen sinne operiert.


Die Originalstelle des letzten Abschnittes fast das alles zusammen:

Mala ergo mulier ex natura,
cum citius in fide dubitat etiam citius fidem abnegat,
quod est fundamentum in maleficis.

[(vgl. Hexenhammer, S. 343)]

Man sieht: Hier geht es nicht um wissenschaftliche Etymologie,
sondern wir haben ma kakophones Denken vor uns.
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Willimox » So 16. Mai 2010, 14:14

Risum teneatis

Ein Beispiel für die spottenden Aufklärung

Vid. Malleus malefic. parte I. qu. 6. p. 91.-104. Ut praegustum de huius auctoribus lector habeat, sequentia inde excerpimus. Primaria ratio, quam adferunt, haec est: dicunt, tria esse in rerum natura, linguam, malitiam ecclesiasticorum, et feminam, quae medium in bonitate et malitia tenere nesciant. Unde post locos communes contra malitiam ecclesiasticorum absque iudicio allatos, quos utique in honorem ordinis ecclesiastici referre abstinemus, multa deblaterant contra mulieres, quod mulier sit necessarium malum, naturalis tentatio caet. quod muliebrium vitiorum fundamentum sit avaritia, quod mulieres sint incontinentis linguae, quod minus valeant intelligendo bona, quam viri, quod Eva formata fuerit de costa curva et torta pectoris, quasi contraria viro; quod femina dicta sit a fe et minus (risum teneatis amici), quia semper minorem habeat et servet fidem, quod mulieres sint proclives ad odia, aemulationem, impatientiam, vindictam, inobedientiam;

[(vgl. Christian Thomasius-De crimine magiae 1701, S. 114), auch in der Bibliotheca Augustana schnell zu finden, internet]

Vale
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Willimox » So 16. Mai 2010, 14:29

Ein anderer Beleg für den krausen Etymologismus

Daß aber unter ihnen auch eine Ordnung bezüglich der äußeren Verpflichtungen zu Anfechtungen bestehe, das zeigen ihre Namen.

Denn mag auch ein und derselbe Name, nämlich diabolus, in der Schrift vieles zum Ausdruck bringen, und zwar wegen verschiedener Besonderheiten, so wird doch in der Schrift überliefert, daß diesen unsauberen Werken und [bestimmten] anderen Lastern [nur] einer vorstehe.

Es ist nämlich in Schrift und Rede üblich, jeden beliebigen unreinen Geist diabolus zu nennen, von dya, d.h. duo und bolus, d.h. morsellus, weil er zweierlei tötet, nämlich Leib und Seele.

Und auch wenn es nach der Etymologie griechisch mit »der im Gefängnis eingeschlossene Teufel« übersetzt wird, stimmt das auch damit überein, denn es wird ihm nicht erlaubt zu schaden, so viel er möchte.

Oder diabolus gleich defluens, weil er herabgesunken, d.h. gestürzt ist, der Art nach und dem Orte nach.

[ (vgl. Hexenhammer, I,4 Die vierte Frage, S. 197)]
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Willimox » Mo 17. Mai 2010, 06:05

Noch ein Beispiel für Etymologismus in einer Zeit, als es Etymologie im heutigen Sinne
nur begrenzt gab: Isidorus: Etymologiae - Man vergleiche vor allem den Abschnitt 4 und die Erklärung für fides

De religione et fide. Dogma a putando philosophi nominaverunt, id est, 'hoc puto esse bonum,' 'hoc puto esse verum.'

2 Religio appellata, quod per eam uni Deo religamus animas nostras ad cultum divinum vinculo serviendi. Quod verbum conpositum est a relegendo, id est eligendo, ut ita Latinum videatur religio sicut eligio.
3 Tria sunt autem quae in religionis cultu ad colendum Deum in hominibus perquiruntur, id est fides, spes, caritas. In fide, quid credendum; in spe, quid sperandum; in caritate, quid sit amandum.

4 Fides est qua veraciter credimus id quod nequaquam videre valemus. Nam credere iam non possumus quod videmus.

Proprie autem nomen fidei inde est dictum, si omnino fiat quod dictum est aut promissum.

Et inde fides vocata, ab eo quod fit illud quod inter utrosque placitum est,
quasi inter Deum et hominem; hinc et foedus.

5 Spes vocata quod sit pes progrediendi, quasi 'est pes.' Unde et e contrario desperatio. Deest enim ibi pes, nullaque progrediendi facultas est; quia dum quisque peccatum amat, futuram gloriam non sperat.

6 Caritas Graece, Latine dilectio interpretatur, quod duos in se liget. Nam dilectio a duobus incipit, quod est amor Dei et proximi; de qua Apostolus (Rom. 13, 10) 'Plenitudo', inquit, 'legis dilectio.'

7 Maior est autem haec omnibus, quia qui diligit et credit et sperat. Qui autem non diligit, quamvis multa bona faciat, frustra laborat. Omnis autem dilectio carnalis non dilectio, sed magis amor dici solet. Dilectionis autem nomen tantum in melioribus rebus accipi solet.

http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/R ... /8*.html#2


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Re: femina = gering im Glauben Vorläufiges Fazit

Beitragvon Willimox » Mo 17. Mai 2010, 15:56

Da ich mir aber nur fast sicher bin, dachte ich mir hier Hilfe zu holen, vielleicht auch mit dem einen oder anderen Literaturhinweis, um diese Deutung ordentlich widerlegen zu können.


Meiner vielen und langen Postings kurzer Sinn:

Die Malleus-Passage lässt sich klassisch-etymologisch nicht widerlegen,
sofern man akzeptiiert, dass zur malleus-Zeit andere Sprachspiele laufen.

Den Widersinn kann man über absurde Analogieschlüsse systemimmanent
belegen. z B
a) Maria ist JUngfrau und schwankt nicht im Glauben (siehe die Passage)
b) femina = fidei ministra
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon Laptop » Fr 26. Nov 2010, 07:08

Wenn bei Kramer „kakophones Denken“ vorliegt, dann übertrifft Isidor ihn an „gedanklichen Mißklängen“ noch bei weitem. Man kann ja keine Etymologie von Isidor mehr Ernst nehmen.
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Re: femina = gering im Glauben

Beitragvon philistion » Fr 26. Nov 2010, 17:13

Kramer hat geschrieben:Und auch wenn es nach der Etymologie griechisch mit »der im Gefängnis eingeschlossene Teufel« übersetzt wird, stimmt das auch damit überein, denn es wird ihm nicht erlaubt zu schaden, so viel er möchte.
Graeca non leguntur?

Schrecklich, dieses Machwerk. Zur Aufmunterung hier übrigens eine nette Projektarbeit zur Cautio Criminalis: http://de.oocities.com/wunstorpium/spee.htm

Friedrich Spee hat geschrieben:"So hat sich neulich der Inquisitor eines mächtigen Fürsten beim Trunk mit vollem Recht zu rühmen gewagt, und wenn der Papst selbst ihm unter seine Hände und olterwerkzeuge geriete, so würde er auch am Ende gestehen, ein Hexenmeister zu sein“
ἓν οἶδα ὅτι οὐδὲν οἶδα
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