Musa

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Musa

Beitragvon medicus » Fr 5. Mai 2017, 18:52

Salvete amici doctissimi, ich habe eine Frage, warum man in Latein das Wort Musa groß schreibt. Es ist doch eher ein Gattungsbegriff wie nympha und deus, und es gibt ja nach verschiedenen Überlieferungen verschiedene Musen. :?
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Re: Musa

Beitragvon Prudentius » Sa 6. Mai 2017, 07:57

Es ist ein Eigenname, es gibt eine oder neun Musen; die Odyssee fängt an: "Nenne mir, Muse, den Mann, ..."

Vale!
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Re: Musa

Beitragvon medicus » Sa 6. Mai 2017, 10:29

Sorry, ich verstehe es immer noch nicht. die neun Musen haben doch nicht den gleichen Namen.


1.Klio (Κλειώ), die Rühmende, ist die Muse der Geschichtsschreibung (Attribute: Papierrolle und Schreibgriffel);
2.Melpomene (Μελπομένη), die Singende, ist die Muse der Tragödie (Attribut: ernste Theatermaske, Weinlaubkranz, wahrscheinlich auch ein Schwert oder eine Keule);
3.Terpsichore (Τερψιχόρη), die fröhlich im Reigen Tanzende, ist die Muse für Chorlyrik und Tanz (Attribut: Leier);
4.Thalia (Θάλεια), die Festliche, die Blühende, ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab, denn auch die heitere bukolische Poesie gehört zu ihr);
5.Euterpe (Ἐυτέρπη), die Erfreuende, ist die Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Attribut: Aulos, die Doppelflöte);
6.Erato (Ἐρατώ), die Liebevolle, Sehnsucht Weckende, ist die Muse der Liebesdichtung (Attribut: Saiteninstrument, Leier);
7.Urania (Οὐρανία), die Himmlische, ist die Muse der Astronomie (Attribut: Himmelskugel und Zeigestab);
8.Polyhymnia (Πολύμνια), die Hymnenreiche (Liederreiche). Sie ist die Muse des Gesangs mit der Leier (kein spezifisches Attribut, manchmal die Leier);
9.Kalliope (Καλλιόπη), die mit der schönen Stimme, ist die Muse der epischen Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft (Attribut: Schreibtafel und Schreibgriffel).[4]
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Re: Musa

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 6. Mai 2017, 10:45

Ist ein Überbegriff für die Gottheiten, eine oder mehrere. Im Griechischen ist es auch so. Im Grunde ist es egal, da man damals sowieso keine Unterscheidung traf.
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Re: Musa

Beitragvon medicus » Sa 6. Mai 2017, 11:03

Danke für eure Erklärungen, aber so ganz kann ich die Großschreibung immer noch nicht nachvollziehen. Kann es daran liegen, dass, als man anfing kleine und große Buchstaben zu verwenden, irgendjemand einfach die Großschreibung Musa festgelegt hat, weil meist von einer bestimmten Muse die Rede war?
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Re: Musa

Beitragvon Tiberis » So 7. Mai 2017, 00:54

medicus hat geschrieben:...warum man in Latein das Wort Musa groß schreibt. Es ist doch eher ein Gattungsbegriff wie nympha und deus

die Musen sind keine "Gattung" , sondern 9 Schwestern, Töchter des Zeus und der Mnemosyne, genauso wie die Moiren, jedenfalls nach Hesiod, Töchter des Zeus und der Themis sind. Der "Gattungsbegriff" ist also θεα ( vgl. Μηνιν αειδε θεα...) , und wird naturgemäß klein geschrieben, die jeweilige "Untergruppe" (in der Biologie würde man von "Art" sprechen) ist Musa/ Μουσα . bei diesen sogenannten Untergruppen handelt es sich in der Regel um Geschwister, ihre Großschreibung könnte man mit jener von Familiennamen vergleichen. So sind ja auch z.b. die Kyklopen keine Gattung, sondern eben - wiederum nach Hesiod - Söhne des Zeus und der Gaia. Bei Homer sind sie jedoch ein Volk - auch das rechtfertigt die Großschreibung des Namens. Ähnlich verhält es sich mit den Titanen, den Giganten, den Graien, den Sirenen usw.usw.
auch nympha ist, wenn man so will, ein Gattungsbegriff, aber alle "Untergruppen" werden bereits groß geschrieben: Δρυαδες, Ναιαδες, Λειμωνιαδες usw. (Zugehörigkeit zu ihrem Aufenthaltsort)
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Re: Musa

Beitragvon medicus » So 7. Mai 2017, 07:09

Danke für deine ausführlichen Erklärungen. :book:
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Re: Musa

Beitragvon Medicus domesticus » So 7. Mai 2017, 09:41

Dasselbe gilt auch für die Furien = Furiae. Wird auch groß geschrieben. Gute Erklärung und die Abstammungsverhältnisse bietet "Richard Buxton - Das große Buch der griechischen Mythologie; Theiss-Verlag. Die Musen S.85/86"
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Re: Musa

Beitragvon Zythophilus » So 7. Mai 2017, 16:52

Die diversen Untergruppen der Nymphen werden immer wieder klein geschrieben, aber das hängt vermutlich von der Ausgabe ab, die man in Händen hält. In der Antike stellte sich die Frage nicht, wie schon weiter oben erwähnt, und vielleicht ist es eine Art psychologisches Moment, solche Gattungsnamen eher groß zu schreiben, wenn sie aus dem Griechischen stammen. Wenn aber Musa als Eigenname behandelt wird, wäre es konsequent, auch das von diesem Namen abgeleitete museum groß zu schreiben, was aber, so weit ich es sehe, nicht geschieht.
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Re: Musa

Beitragvon medicus » So 7. Mai 2017, 17:51

Das ist ja ein interessantes Thema. Könnte Abt Leutchar bei der Erfindung der karolingschen Minuskelschrift nicht einfach beschlossen haben, die Muse groß zu schreiben?
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Re: Musa

Beitragvon Tiberis » Mo 8. Mai 2017, 00:06

Zythophilus hat geschrieben:Die diversen Untergruppen der Nymphen werden immer wieder klein geschrieben, aber das hängt vermutlich von der Ausgabe ab, die man in Händen hält

mag sein. Aber die Nereiden beispielsweise, die ja tatsächlich auch Nymphen sind, werden generell groß geschrieben (wie alle Patronymika) , während etwa die Naiaden , jedenfalls in Teubnerausgaben, klein geschrieben werden, ebenso wie die Oreaden, Dryaden usw. Deren Kleinschreibung lässt sich begründen durch den geringen Individualisierungsgrad jener stets als Teil der Natur (Wasser, Berg, Baum...) verstandenen Wesen, d.h., ihre Benennung als Dryade, Oreade usw. ist kein Name i.e.s., sondern bezeichnet die bloße Zugehörigkeit zu einem Naturbereich. Dort aber, wo es sich um tatsächliche Namen handelt, werden diese selbstverständlich groß geschrieben.
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Re: Musa

Beitragvon Zythophilus » Mo 8. Mai 2017, 06:38

Ich vermute, dass die karolingische Minuskelschrift nicht darauf ausgelegt war, spezielle Wörter, also vor allem Eigenamen, durch größere Anfangsbuchstaben, seien das nun bloß vergrößerte Normalbuchstaben oder anders aussehende, eigens zu kennzeichnen. Ich habe allerdings keine Belege zur Hand.
Generell ist es eine relativ willkürliche Entscheidung, wann diese Hervorhebung (großer Anfangsbuchstube mit folgenden Kleinbuchstaben) gesetzt werden soll. Latein in seiner heutzutage meist üblichen Schreibweise ist so wie das moderne Englisch, auch von Eigennamen abgeleitete Adjektive werden groß geschrieben, was im Deutschen nur in relativ wenigen Fällen, in den romanischen Sprachen normalerweise nicht der Fall ist.
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