Päpstliche Litotes

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Päpstliche Litotes

Beitragvon Sapientius » Mi 15. Jan 2020, 09:15

"Silere non possum", sagt Papst emeritus Benedikt, und wenn wir die doppelte Verneinung auflösen, haben wir ungefähr "Loqui/dicere debeo", aber das trifft wohl kaum das Gemeinte; eher: "Contra dicere debeo", oder "Repugnare debeo", usw. Die Litotes ist also eine Art Verschlüsselung der Botschaft, sie nimmt die Spitze, bleibt formal im Verbindlichen, verschleiert den Affront; so würde ich es sehen.
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon marcus03 » Mi 15. Jan 2020, 09:24

Sapientius hat geschrieben:"Silere non possum", sagt Papst emeritus Benedikt, und wenn wir die doppelte Verneinung auflösen,

Wo siehst du da eine doppelte Negation? :?

Kontext (falls nicht bekannt):
https://www.zuercher-presse.com/ex-paps ... -zoelibat/
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Willimox » Mi 15. Jan 2020, 10:55

Salute,
In "silere" kann man ein Negationselement ansetzen. Insofern kann man bei der Phrase recht gut von einer "Litotes" sprechen.
Fraglich ist allerdings der Intensivitätsgrad, der sich bei der Auflösung ergibt: Ich muss unbedingt reden, ein Bruch des Schweigegebots ist unumgänglich...
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon mystica » Mi 15. Jan 2020, 12:39

Willimox hat geschrieben:Salute,
In "silere" kann man ein Negationselement ansetzen. Insofern kann man bei der Phrase recht gut von einer "Litotes" sprechen.
Fraglich ist allerdings der Intensivitätsgrad, der sich bei der Auflösung ergibt: Ich muss unbedingt reden, ein Bruch des Schweigegebots ist unumgänglich...


Salve optime Thrasybulle!

Vielleicht könnte man auch von einem performativen Selbstwiderspruch sprechen? Weil das vom Sprecher selbst verordnete Schweigen durch den eigens vollzogenen Sprechakt aufgehoben wird bzw. im Widerspruch zu diesem steht.

Quid de hac re sentis?

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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Willimox » Mi 15. Jan 2020, 13:31

Salve Mystica!

In Eile:
Behauptet jemand, es gebe keine Wahrheit und will, dass der Gesprächspartner dies als verbindlich versteht, so ist ein Widerspruch vorhanden: Die implizite Aussage "Ich sage hier etwas Wahres" steht in Widerspruch zu der expliziten Aussage "Nichts ist wahr".

In diesem illokutionären Akt ist also das Tätigen der Aussage (Performanz) und die Ausage selbst so, dass sie sich widersprechen. Über den Grad des Widerspruchs lässt sich diskutieren.

Die Aussage Benedikts steht nun nicht im Widerspruch zu dem, was er - bei allen nunmehrigen Rückzugsversuchen - im Buche sagt. Insofern liegt eher kein performativer Selbstwiderspruch vor.

Nimmt man als Referenzraum zusätzlich das Abstinenzversprechen des "Papa emeritus", so ist nicht einmal von einem Widerspruch zu reden, jedenfalls nicht einem der kontradiktorischen Art.

Das selbstauferlegte Schweigegebot muss keinesfalls als totales Schweigen verstanden werden. Selbstverständlich kann ein Emeritus beanspruchen, in Fragen der Moral und ähnlichem seine Meinung zu äußern.

Allenfalls in der mehr oder weniger expliziten Kritik an einer ex cathedra Entscheidung könnte man dem Emeritus den Vorwurf machen, er habe gegen sein Versprechen verstoßen.

Zusätzlich schwierig, einen Affront anzusetzen: Die viri probati- Regelung gab es unter Benedikt. Aktuelle Tendenzen bei Franciscus lassen sich noch dieser Lizenz zuordnen. Insofern liegt bei Benedikt eher auf der politisch-theologischen Ebene eine Art Plädoyer vor, das seine Gegenplädoyers zeitigt und voraussetzt.

Nun ist die Litotes gewiss kein Selbstwiderspruch, weil sie sich ja im Verstehensprozess selbst auflöst. Und der Klartext "Ich muss reden" seht nun eben nicht - siehe oben - im Widerspruch zur Aussage: "Ich bin unbedingt dafür, den Zölibat beizubehalten."
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon mystica » Mi 15. Jan 2020, 16:55

Salve optime Thrasybule, mi amice carissime!

Cum magno gaudio responsum tuum legi. Maximas gratias tibi ago pro interpretationibus bonis tuis quae me valde adiuvant.

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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Sapientius » Do 16. Jan 2020, 10:02

Die Queen ist "not amused", eine prachtvolle Litotes, wenn man "amused" als "unzornig" versteht, also prosaisch übersetzt, sie ist "erbost".

"Schwarz" ist die Negation von "weiß"; wenn etwas "nicht schwarz" ist, dann kann es also das gesamte Farbspektrum annehmen; man sieht, welche Nüancierungsmöglichkeiten für die Sprache in der Litotes enthalten sind.

Die Litotes ermöglicht eine doppelbödige Sprechweise ("double-talk"), grenzt bedenklich an Doppelzüngigkeit, bietet aber auch positive Möglichkeiten, etwa in der Diplomatensprache: "offener Meinungsaustausch" :-D , diese Sprechweise ermöglicht überhaupt erst das Entschärfen von Konflikten durch Verhandlungen; "das Gesicht wahren", dazu verhilft die Litotes.
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon mystica » Do 16. Jan 2020, 13:23

Salve optime Sapienti, mi amice care!

Videtur mihi in foro Latino melius esse, ut exemplis Latinis utamur:

"Inexperti non sumus",

"Non ineleganti",

"Non indoneus",

et cetera.

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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Zythophilus » Do 16. Jan 2020, 18:38

Die - wenn man so will - simple Litotes ist tatsächlich die doppelte Verneinung. Die etwas diffizilere Variante ist, wenn die Verneinung des Begriffs sein Gegenteil meint, obwohl das nicht so sein müsste. Wenn die englische Königin "not amused" ist, dann ist sie de facto verärgert, wenngleich "not amused" prinzipiell auch neutral einen Zustand dazwischen meinen könnte. Da braucht man keine gedachte verneinte Verneinung. "Nicht schlecht" wird oft synonym mit "gut" verwendet, aber prinzipiell kann es auch weder schlecht noch gut sein.
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon medicus » Do 16. Jan 2020, 19:28

Salvete collegae ( m/f/d) :roll:
Und hier ein lateinisches Beispiel:
"Salve mi amice non malevolens!"
Frgae:" ist das ein gutwilliger oder böswilliger Freund?
:help: Aber kann ein Freund überhaupt böswillig sein?
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Willimox » Do 16. Jan 2020, 20:00

Nun, ja, ein Freund kann in bestimmten Situationen über eine ganze Bandbreite von Verhaltensweusen verfügen.

Die fragliche Passage kann so ziemlich alles bedeuten:

Du bist ein außerordentlich wohlwollender Freund, dein wohlwollender..., ein ziemlich wohlwollender, ein Freund, der durchaus auch Tendenzen zu nicht wohlwollendem Verhalten hat.

Unser Bradtke sieht in seinem Reclambändchen vor allem die sehr positive Seite der semantischen Skala. Allerdings fällt aufgeweckten Schülern etwa auf, dass "nonnumquam" nicht "immer" heißt, sondern "manchmal.".
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Sapientius » Fr 17. Jan 2020, 11:46

Willimox hat geschrieben:Allerdings fällt aufgeweckten Schülern etwa auf, dass "nonnumquam" nicht "immer" heißt, sondern "manchmal.".


Tipp für die aufgeweckten Schüler: Aber "numquam non" heißt "immer"! Man muss "vordere" und "hintere Negation" unterscheiden: Bei "Ich kann nicht zustimmen" kann sich das nicht auf das eine oder das andere Verb beziehen, ich unterscheide einmal durch Klammersetzung,

- "Ich (kann nicht) zustimmen, oder

- "Ich kann (nicht zustimmen)",

im ersten Fall heißt es soviel wie: "Ich muss ablehnen", im zweiten aber "ich kann ablehnen";

und die ganz aufgeweckten Schüler sollten noch erkennen: dann können auch beide Verben negiert sein, also

- "Ich (kann nicht) (nicht zustimmen)", also "Ich muss zustimmen" oder "Ich kann nicht ablehnen".

:)
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Willimox » Fr 17. Jan 2020, 14:17

Das ist gewiss richtig, was Du über diese Positionsstruktur sagst, optime!
Immerhin kann man doch die Bandbreitenthese recht gut halten:

Die Negationsstruktur der Litotes zielt auf eine unnegierte, "positive" Denotation. Man vergleiche etwa im klassischen Griechisch diese Charakteristik von Achilles durch Zeus:
"οὔτε γάρ ἐστ’ ἄφρων οὔτ’ ἄσκοπος οὔτ’ ἀλιτήμων,
ἀλλὰ μάλ’ ἐνδυκέως ἱκέτεω πεφιδήσεται ἀνδρός." (Buch 24, 156).
(Er ist ja nicht vernunftlos, noch unbedacht, noch ein Frevler.)

Oder hier klassisch-lateinische Belege bei Michael Bradtke, der allerdings die negativen und elativen Valenzen kaum berücksichtigt:
Catull. 13,3 f.: si tecum attuleris bonam atque magnam / cenam, non sine candida puella – wenn du ein gutes und üppiges Mahl nicht ohne ein schönes Mädchen mitbringst. Statt: cum. Cic. S. Rosc. 154: vestrum nemo est, quin intellegat populum Romanum … hoc tempore domestica crudelitate laborare – Es gibt niemanden bei euch, der nicht einsieht, dass das römische Volk … jetzt an Grausamkeit gegenüber seinen eigenen Bürgern krankt. Statt: vestrum quisque intellegat. Mart. 12,88,1: Tongilianus habet nasum: scio, non nego – Tongilianus hat eine Nase: Ich weiß, ich leugne es nicht.

Die Interpretation der Negation kann jedoch vom aktuellen Kontext im Text abhängen, zusätzlich spielt hier auch oft der kulturelle Kontext herein. Auch Intonation und Betonung steuern das Verstehen; so kann beispielsweise das Syntagma "nicht schlecht" unterschiedlich intoniert werden, so dass er entweder "mittelmäßig" oder "ausgezeichnet" bedeutet.

In ähnlicher Weise können Negationskomplexe als Euphemismus verwendet werden, um die Härte einer Beobachtung zu verringern; "Er ist nicht die ordentlichste Person, die ich kenne" könnte als Mittel benutzt werden, um anzuzeigen, dass jemand eine (ziemlich) chaotische Person ist.

Vale
Thras.
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon Tiberis » Fr 17. Jan 2020, 14:37

Sapientius hat geschrieben:Willimox hat geschrieben:Allerdings fällt aufgeweckten Schülern etwa auf, dass "nonnumquam" nicht "immer" heißt, sondern "manchmal.".
Tipp für die aufgeweckten Schüler: Aber "numquam non" heißt "immer"! Man muss "vordere" und "hintere Negation" unterscheiden


Richtig! Übrigens ein schönes Beispiel für Wortnegationen, über die wir hier schon des Öfteren diskutiert haben und deren Existenz du stets bestritten hast. :D

nonnumquam (Wortnegation, die bereits durch die Schreibweise ausgedrückt wird!) te visitavi = nicht niemals (= manchmal) habe ich dich besucht.
numquam te non visitavi (Satznegation!) = niemals habe ich dich nicht besucht (= immer habe ich dich besucht)
ego sum medio quem flumine cernis,
stringentem ripas et pinguia culta secantem,
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Re: Päpstliche Litotes

Beitragvon cometes » Fr 17. Jan 2020, 14:55

Ich würde hier eher die semantische Funktion der durch die inhärent negative Bedeutung von schweigen, das mit reden ein Gegensatzpaar bildet, sich ergebenden doppelten Negation in Bezug auf das Modalverb analysieren, die typisch ist für eine Dringlichkeits- bzw. Unvermeidlichkeitsrhetorik (von Hieronymus' mori possum, tacere non possum, Luthers Hier stehe ich, ich kann nicht anders bis zu Watzlawicks berühmtem Axiom Man kann nicht nicht kommunizieren), und untersuchen, ob und unter welchen zusätzlichen Bedingungen wirklich ein Mitigationseffekt sich z.B. im Unterschied zur Formulierung Ich muss reden einstellt, der es rechtfertigte von einer Litotes im weitesten Sinne zu sprechen.
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