Kernvokal wird seltsamerweise lang?

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Kernvokal wird seltsamerweise lang?

Beitragvon Laptop » Di 28. Jul 2020, 09:01

Normalerweise kann ich mich im Lateinischen darauf verlassen, daß ein Kernvokal seine Quantität beibehält, warum tut er das nicht bei sedere (sitzen), mir kurzem e, und sedare (Kausativ von sedere), mit langem e? Wie ist es zu erklären? Und, Zusatzfrage, ist das eine seltene Ausnahme, oder gibt es mehr Beispiele von so einer Kernvokal-Längung?
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Re: Kernvokal wird seltsamerweise lang?

Beitragvon Sapientius » Di 28. Jul 2020, 16:47

Du solltest dir den Kernvokal nicht so fixiert vorstellen, er variiert ja, bildet Spielarten; schon bei sedere hast du ja das Perf. sedi mit langem e.
Man unterscheidet Normalstufe oder Vollstufe des Vokals, gegenüber der Dehnstufe.

Beispiele von so einer Kernvokal-Längung?


Nimm die ganze Klasse der Verben mit "Dehnungsperfekt", so wie rumpere rupi!

Und als drittes gibt es auch noch die Schwundstufe des Kernvokals, z.B. bei gi - gn - ere, gegenüber genui und genus.
sinere steckt schwundstufig in ponere: po - sn- ere wird zu ponere.
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Re: Kernvokal wird seltsamerweise lang?

Beitragvon Laptop » Di 28. Jul 2020, 18:10

Sapientius, daß das Dehnungsperfekt diesen Effekt hat, ist mir klar. Mir geht es aber nicht um eine andere Zeitstufe, sondern Verben im Präsens mit derselben Wortwurzel, aber dann gelängtem Vokal (sĕdere, sēdare). Das kenne ich gar nicht und kann mir das nicht erklären.
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Re: Kernvokal wird seltsamerweise lang?

Beitragvon Sapientius » Mi 29. Jul 2020, 09:58

"Das kenne ich gar nicht und kann mir das nicht erklären."

Erklär es dir so: das sedare mit dem langen e hängt sich nicht an sedere mit dem kurzen e, sondern an sedisse mit dem langen e an, und bedenke auch, dass sedisse nicht nur das Perf. von sedere, sondern auch von sidere "sich setzen" ist; in diesem Sinne ist sedisse ein duratives Perfekt, ein andauernder Zustand; und das wird hier gebraucht, denn "besänftigen" bedeutet, in einen andauernden Zustand versetzen.

Aber auch deine Fragestellung ist zu eng: es geht nicht nur um langen oder kurzen Vokal, sondern auch um Vokalschwund (wie gesagt). Das haben wir gleich hier: "sidere", mit langem i; bei genauerem Hinsehen haben wir: si - sd - ere, mit si- als Reduplikationssilbe, wie bei si - stere; und dann schwindet das s von sd mit Ersatzdehnung, so dass "sidere" mit langem i erscheint. Von der Wurzel "sed" erscheint also nur noch das d an der Oberfläche; (ähnlich sieht es bei serere sevi aus).

Also befreunde dich mit dem Gedanken der Variabilität des Wurzelvokals!
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