De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

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De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Willimox » Mo 23. Aug 2021, 15:57

Bild
Ein Sitz ohne Wasser - der des Bischofs

Der Erzbischof

Als kleiner Junge besuchte ich mit meinen Eltern das Wasserschloss Hellbrunn nahe Salzburg. Meine Mutter hatte mir erzählt, wie sie als junges Mädchen mit ihrem Bruder Otto auf seiner Jawa von Prag nach Österreich gefahren waren. Zum Schloss des barocken Fürstbischofs. Und was das für eine Riesenfreude war. Keine Kulturlangweile, keine Erhabenheit. Kein Highbrow. Otto, der Automechaniker, war entzückt. Meine Mutter war entzückt.

Mutter wusste noch, wo ungefähr der Bischof Marcus Sitticus, ein „komischer Vogel“, die Besucher mit Wasserfallen überraschen würde. Steinsitze mit Wasserventilen, Wasserfontänen im Spalier, sich neigend nach vorne und nach hinten. Jetzt sah ich es alles vor mir.

Ringsum jauchzender Schrecken und Getöse. Und mein Vater murmelte mehrfach mit geschlossenen Augen, dass er den Erzbischof gerade habe lachen hören. Ich glaubte es ihm gerne. Ein Kirchenmann und dieser Jux, das war einfach zu schön und zu selten. Das musste wahr sein.

Bild
Marcus Sitticus vor dem Plan von Hellbrunn (Hintergrund).
In der linken Hand der Domneubau im Zustand von 1618.

Älter geworden begegnete mir der Bischof wieder. Auf einer Grabplatte im Boden des Salzburger Doms - Sitticus hatte den Dombau begonnen, starb aber vor der Fertigstellung - konnte man lesen, was er dem Besucher-Wanderer sagen wollte. Hier lag Sitticus tief unter der Grabplatte und ihrer Inschrift.

Bild
Des Erzbischofs lateinische Botschaft für den Wanderer.

    Mit wenigem halte ich Dich auf.
    Lies es durch, o Wanderer.
    Auf einer kurzen Grabplatte darf man nicht langatmig sein.
    (Langes Geschreibsel passt nicht auf eine kurze Grabplatte.)

    Hierher runter habe ich
    Marcus Sitticus
    Graf von Hohenems, Erzbischof und
    Fürst zu Salzburg
    meine Knochen und meine Haut verbringen lassen.
    Mein Herz ist bei dem Heiligen Carl Borromäus, meinem Onkel.

    Diesen Dom, den ich nun bewohne,
    habe ich für die Schutzheiligen
    der Heimat, für Rupert und Virgilius zu bauen begonnen.

    Kaum komme ich zu den Dächern, schon bin ich gezwungen,
    in den Boden zurückzukehren.
    Der Tod befiehlt es.
    Was wundert´s? Die Patroni des Vaterlandes erwarteten im neuen Gotteshaus
    des Apostolischen Stuhls Gesandten.

    Nun gehe. Und lerne zu sterben.

Das war ein Erzbischof katholischer Provenienz und in seinem Leben alles andere als tolerant, diese Grabplatte hatte Format. Und bewies Humor. Und lässt den Besucher lächeln.

Bitte um Verbesserungen:

Die Übersetzung ist gewiss an mancher Stelle holprig, das Sprachspiel mit "kurz vs lang(atmig)" (Referenz zu paucis, brevis, longum) gefällt mir in meiner Übersetzung auch nicht so recht.
Bin daher für Anregungen und Verbesserungen dankbar.

Valete

p.s.

Auf seine Weise auch ganz schön knapp. Oderr?

Bild
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Nunc abi, viator et vale.
Zuletzt geändert von Willimox am Mi 15. Sep 2021, 13:30, insgesamt 7-mal geändert.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon ClaudiaK » Mo 23. Aug 2021, 19:42

Das Schloß mit den Wasserspielen ist ja ein großartiges Ausflugsziel, besonders wenn es heiß ist :lol: !

Eine Kleinigkeit:
in nova aede fehlt in der Übersetzung.
Das scheint mir nicht unwichtig, wenn er darauf hinaus will, dass er bei der "Einweihungsparty" für den Dom bei den "Hausherren" eingeladen ist und auf der Gästeliste steht. :wink:
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Willimox » Mo 23. Aug 2021, 20:20

Gratias tibi, supplevi, quod recte admonuisti.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Medicus domesticus » Mo 23. Aug 2021, 21:29

Schloss Hellbrunn kenne ich sehr gut, von uns über die Grenze nur 15-20 min entfernt. Meine Kinder hatten dort immer viel Spaß, weil es dort einen Spielplatz gibt. Erwähnenswert ist auch der große Garten. Der Zoo Salzburg ist gleich angrenzend. :-D
Auf der Fahrt zur Arbeit fahre ich jeden Tag auf der Alpenstrasse nur knapp vorbei.
Der Weihnachtsmarkt dort ist auch immer schön.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Willimox » Di 24. Aug 2021, 10:26

Sei gegrüßt, Medice Domestice,

fällt mir grad ein: In der ersten Führung des Tages, das weiss der Eingweihte, gibt es noch keine verräterischen Wasserspuren und so wird er die erste Führung meiden.

p.s.
Bei "paucis, brevi, longum" rätsel ich noch immer rum, wie man das pfiffiger übersetzen könnte.

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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Medicus domesticus » Di 24. Aug 2021, 12:27

Unbenannt.PNG

Aus einem alten Buch über die Grabinschriften im Salzburger Dom:
https://www.zobodat.at/pdf/MGSL_32_0055-0133.pdf
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Willimox » Di 24. Aug 2021, 14:04

Intressant: Der Übersetzer wählt "enges Grab" und "sich nicht breit machen", er macht den Sprung weg von der Platte mit der Schrift und geht ganz aufs enge Grab der "tumba" ... Auf diese Weise tritt die Opposition "kurz-lang" zurück.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Tiberis » Di 24. Aug 2021, 17:37

Ich sehe es wie der Verfasser der obigen Übersetzung (zumal tumba ja nicht die Grabplatte, sondern das Grab an sich bezeichnet).

in einem engen Grab kann ich nicht weitschweifig sein (Gegensatz eng - weit!)
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Willimox » Di 24. Aug 2021, 18:44

Grüsse dich, Tiberis,

Mein voriger Kommentar war unsauber formuliert, also jetzt:

Das mit Grab/tumba ist mir klar. Mir schien/ scheint, wir brauchen bei der Übersetzung den Referenzrahmen "wenig-viel, kurz-lang". Im Deutschen scheint man einen Raum nicht als "kurz" bezeichnen zu können, Ausnahme "Gang". Zusätzlich: Man braucht die Opposition "lang-kurz", um die Pointe des Gedichtes, der Lesevorgang wird thematisiert, zu erfassen.

Insofern ist die Metonymie Grab/Grabplatte vielleicht zu rechtfertigen.

Sie scheint mir ähnlich plausibel wie der Sprung von "brevis vs longus zu (angustus)eng vs weit.

Was meinst du?
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon ClaudiaK » Di 24. Aug 2021, 19:10

Gerne unterbreite ich auch noch einen Vorschlag:
weit ausholen : Das kann man mit sowohl mit Gesten machen (außer in einem engen Grab),
wie auch rhetorisch mit vielen Worten.

Was ich bei solchen Setzungen nie verstehe ist die Logik der Zeilenlänge.
Gibt es da eine? Soll man da gar eine Sanduhr sehen? Oder einen Kirchenmann mit Hut?
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon medicus » Di 24. Aug 2021, 19:28

Vorschlag:
"Es ist eng im Grab - Weit ausholen kann ich nicht"
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Medicus domesticus » Di 24. Aug 2021, 20:15

Vorschlag:
Für mich bedeutet es, dass Sitticus nur mit wenigen Worten (paucis verbis) den Wanderer aufhalten will. In einem engen Grab kann man sich ja auch nicht breit machen. Man ist im Vergleich limitiert.

Übrigens im oberen Stockwerk des Keltenmuseums Hallein sind alle Erzbischöfe von Salzburg repräsentiert. Sitticus hatte anscheinend einen gewissen Witz. Denk immer daran, wenn draußen an den Sitzplätzen und am Hirschgeweih das Wasser losgeht :-D

Salzburg hat eine ganz besondere Atmosphäre. Ich arbeite gern dort. Es gibt geschichtlich immer etwas zu entdecken.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon Tiberis » Mi 25. Aug 2021, 00:03

Willimox hat geschrieben:Man braucht die Opposition "lang-kurz", um die Pointe des Gedichtes, der Lesevorgang wird thematisiert, zu erfassen.


das ist grundsätzlich richtig, nur kommen wir nicht weiter, wenn wir brevis hier einfach mit "kurz" übersetzen, da man ja nicht von einem kurzen Grab sprechen kann. Ich bin nach längerem Überlegen mittlerweile zwar auch der Ansicht, dass mit tumba wohl der Grabstein selbst (als Träger der inschrift) gemeint ist, dennoch wäre die Formulierung "auf einem kurzen Grabstein" bzw. "auf einer kurzen Grabplatte" schon ein wenig seltsam.
Aber brevis bedeutet ja nicht ausschließlich "kurz", sondern eben auch - in räumlicher Hinsicht, und nur darum geht es hier - "klein", "schmal", "eng" usw.
Was gemeint ist, ist evident: Der Verstorbene beschränkt sich auf wenige Worte (paucis), da das kleine Grab(= der kleine Grabstein) ihm nicht erlaubt (non licet), einen ausführlichen Text zu verfassen.
Für "klein" wurde nicht parvus gewählt, sondern brevis, um den Gegensatz zu longus (weitschweifig, ausführlich, langatmig usw) klar hervorzuheben.
Ein entsprechendes Gegensatzpaar, das die Pointe perfekt wiedergibt, ist im Deutschen allerdings schwer zu finden.
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon marcus03 » Mi 25. Aug 2021, 07:07

Modern prosaisch:

Weil die Grabplatte (tumba = Metonymie) klein ausfällt, muss ich mich (leider) kurz fassen. :)
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Re: De Marci Sittici archiepiscopi hilaritate et ioculando.

Beitragvon medicus » Mi 25. Aug 2021, 09:12

Lange Worte passen nicht auf eine kurze Platte.
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