Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

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Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Laptop » Do 10. Nov 2022, 17:08

Eingebürgerte Lehnwörter oder Fremdwörter, ganz egal wie falsch sie ausgesprochen werden, seien nicht 'falsch', denn die normative Kraft des Faktischen mache alles Falsche zu Richtigem. Das ist so die allgemeine Meinung, womit ich mich immer schwer tue, aber nungut, dazu mag ja jeder seine eigene Meinung haben. Und genau darum geht es mir: Wo endet Eure Toleranz? Sprecht ihr 'Libido' als deutsches Wort so wie die Mehrheit der Deutschen mit Ton auf der ersten Silbe und zwei kurzen i (oder zumindest einem kurzem i in der zweiten Silbe)? Oder ist euch das dann doch zu krass unlateinisch und ihr überrascht eure Mitmenschen mit dem Ton auf der zweiten Silbe, weil sie im Lateinischen ein langes i hat? Das klingt dann aber schon sehr anders, und der Arzt oder wer auch immer Euch zuhört wird dann etwas irritiert sein.
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Zythophilus » Fr 11. Nov 2022, 09:01

Ähnlich - nur umgekehrt - ergeht es dem als Tínnitus augesprochenen tinnítus. Prof. Primmer an der Universität Wien bewarf vor Jahrzehnten einen Studenten wegen Líbdio mit Kreide und zitierte als Merkvers ein Wort von Karl Kraus: Der do und die do die ham a Libido.
Ähnlich verhält es sich mit dem unsäglichen Gendern, das so häufig vorkommt, dass man es fast schon als normal annimmt. Im ORF reicht es ordentlich zu gendern, da werden häufige Fall- und sonstige Grammatikfehler toleriert, denn so etwas scheint man nicht mehr zu benötigen, um dort als Sprecher tätig zu sein. Ob sich ein Genderer traut, seine Partnerin als "Liebling" anzusprechen, weiß ich allerdings nicht, weil damit ja nicht nur etwas mitgemeint wäre, sondern eine weibliche Person explizit mit einem maskulinen Wort angesprochen wird, wobei nicht einmal das ohnedies schwer verpönte generische Maskulinum Anwendung findet. Das darf ja gemäß der Genderei nicht sein!
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Laptop » Fr 11. Nov 2022, 15:52

Gendern ist wieder ein andres Thema, mit dem ich nicht viel Berührung habe, vielleicht auch da ich mich in Gesellschaft befinde wo es - zum Glück - nicht als nötig erachtet wird (*). Ja, Tinnitus ist ein weiteres Beispiel für das Auseinanderklaffen zw. Ursprungssprache und Sprachgebrauch. Auch da habe ich mich gefragt, ob ich den HNO-Arzt irritieren soll, habe mich dann dagegen entschieden. Deshalb ja meine Frage, wie haltet Ihr es damit? Ich nehme an, Zytho, Du implizierst, dass Du dich grundsätzlich für das Latein und gg. den Sprachgebrauch entscheidest.

* Gerade sehe ich den Nachruf zu Wolf Schneider, er nannte das Gendern "Wichtigtuerei von Leuten, die von Sprache keine Ahnung haben".
Zuletzt geändert von Laptop am Fr 11. Nov 2022, 16:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Zythophilus » Fr 11. Nov 2022, 16:20

Ich versuche normalerweise die originale Betonung beizubehalten, wiewohl es manchmal gar nicht so einfach ist, sich nicht vom allgemeinen Sprachgebrauch mitreißen zu lassen. Gendern ist zumindest ähnlich: Das ist ja zumeist nicht mehr eine bewusste Entscheidung für eine (falsche) Ausdrucksweise, sondern passiert schon unreflektiert, wie man z.B. "Líbido" ohne nachzudenken sagt.
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Laptop » Fr 11. Nov 2022, 16:33

War es nicht ... Karl Valentin, der einmal das Publikum begrüßte mit 'Sehr geehrte Herrlichkeiten und Dämlichkeiten ... äh, nein, andersherum! Sehr geehrte Damen und Herren!'
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Laptop » Di 22. Nov 2022, 21:59

Übrigens -- und hier wird es noch 'ne Ecke merkwürdiger -- müßte man wohl, wenn man schon Libido und Tinnitus betont (was ich durchaus befürworte), auch Superlativ sagen, oder? Und das habe ich noch nie gehört, auch nicht von Lateinlehrern. Was man so hört im Deutschen ist entweder der Ton auf su.. oder ..per.
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon ille ego qui » Di 22. Nov 2022, 23:53

Nein, man müsste wohl sagen Superlatív (-us), Datív (-us), Passív (-um). (vgl. bis heute Korrektív u.ä.)
An dem humanistischen Gymnasium, wo ich aktuell unterrichte, gibt es ein echtes Lehrer- und Humanistenurgestein (fast 80, sehr beredt im Lateinischen, hochgebildet, trotz Ruhestand aktiv im Schulleben und mitunter sogar noch als Lehrkraft), das diese Termini auch noch so betont. Ich vermute ganz stark: So war das üblich!
:-)

P.S.: Meine Großmutter erzählte mir von einem kuriosen Lehrer aus ihrer eigenen Schulzeit, der immer Ne-utrum (dreisilbig!) sagte. Mittlerweile weiß ich natürlich: Der Mann hatte Recht. Und vor ein paar Generationen war diese korrekte Aussprache vllt auch noch viel verbreiteter.

P.P.S.: Sprichst du denn auch minus mit kurzem i und plus mit langem u, Laptop? :D
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon Laptop » Mi 23. Nov 2022, 00:29

Bei Dativ und Korrektiv gebe ich Dir Recht, und auch bei Superlativ betonen wir ja die Endsilbe leicht. Aber gibt es bei Superlativ nicht eine zweite Etappenbetonung weil es zuviele Silben hat? Und wo wäre die dann?

Dt.-lt. minus, dt.-lt. plus, und dt.-lt. super sind weitere solche Extremfälle, weil eine korrekte Aussprache als extrem abseitig bzw. auffällig empfunden würde. Ich spreche sie bisher unlateinisch aus um nicht als Querkopf wahrgenommen zu werden. Aber festgelegt bin ich nicht darauf und ich bin mit meinem Verhalten auch nicht so recht zufrieden. Man bewegt sich eben in einem Dilemma zw. unerhörter Korrektheit und sozialverträglicher Inkorrektheit.
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Re: Beugt Ihr euch dem allg. Sprachgebrauch?

Beitragvon ille ego qui » Mi 23. Nov 2022, 04:29

Aber gibt es bei Superlativ nicht eine zweite Etappenbetonung weil es zuviele Silben hat? Und wo wäre die dann?


gute Frage. Schon jetzt konkurrieren ja im Alltag Súperlativ und Supérlativ.
Ich weiß nicht, ob die Sprachwissenschaft etwas sagt zur „Etappenbetonung“ im Lateinischen (vllt greift für vorangehende Bestandteile des Wortes wieder irgendwie das Pänultima-Gesetz …).
Ich tippe mal auf eine sekundäre Betonung auf der zweiten (positionslamgen!) Silbe. :D
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