" Lehrer in spe " mit Grundsatzproblem: LU damals

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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" Lehrer in spe " mit Grundsatzproblem: LU damals

Beitragvon Didymos » Fr 16. Mai 2008, 23:25

Saluete,

Ein Gedanke ( ich hatte den bei dem Schüler mit Hyperbaton-Problemen ), ich bitte Euch, besonders die etwas älteren Semester, um Eure Meinung.

Ich habe den Eindruck, daß man sich um den Unterricht Sorgen machen muß. Besonders, glaube ich, ist das am Lateinunterricht erkennbar. Ich mußte meinen Schülern im Alter von 14 bis 16 Jahren manchmal schon Begriffe wie Subjekt oder Konjugation erklären. Das sollte meiner Meinung Pflicht des frühen Deutsch- Unterrichts sein...

Auch das Thema Prosarhythmus : Wenn das laut Consus, der sicher Bescheid weiß, tabu ist, finde ich das sehr bedauerlich...

Irre ich mich : Vor 100 Jahren konnte jeder Lehrer ein Vielfaches von heute... Und die Schüler damals waren besser als Studenten heute. Ich habe einmal in die Stilistik des Nägelsbach gekuckt. Wenn Ihr die Einleitung lest, werdet Ihr sehen was ich meine...

Ich bemerke es an mir selbst : Wie froh wäre ich, wenn ich bereits im Schulunterricht eine intensivere Ausbildung erhalten hätte !
Jetzt studiere ich seit vielen Semestern und kann viel zu wenig.

Es könnte natürlich sein, daß mir die Begabung fehlt. Aber meine Kommilitonen können auch nicht viel mehr... Es fehlt meiner Meinung nach eine wirklich strenge und gründliche Ausbildung, die schon in der Schule beginnen müßte...
Aber mit uns ( natürlich LK !) wurden bis zum Abi immer wieder die grammatikalischen "Basics " ( AcI, Gerundium....)wiederholt, weil das viele immer noch nicht verstanden hatten...

Naja ich werde in einiger Zeit selbst Lehrer sein und Schüler unterrichten und als schwacher Lehrer werde ich aus meinen Schülern auch keine Leuchten machen können...

Hat derartiger Latein- Unterricht noch Sinn ? Was denkt Ihr ?

Grüße,
Didymos
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Beitragvon Medus » Sa 17. Mai 2008, 00:23

Ich als baldiger Abiturient (in zwei Wochen ist alles vorbei :D) habe während meiner Schullaufbahn genau die von dir angesprochene Tendenz festgestellt, Didymos. Lehrer werden inkompetenter. Das ist nicht nur im Lateinunterricht der Fall. Aber ich werde jetzt zunächst speziell auf diesen eingehen (bei dem ich übrigens am meisten Glück mit den Lehrern hatte): Ich habe im Fach Latein wohl die meisten Lehrerwechsel gehabt und die Unterschiede zwischen den einzelnen Lehrern waren nicht sonderlich groß - ich hatte meist ältere Lehrer, die mehr oder weniger den ganzen Caesar auswendig konnten oder aus Ovids Metamorphosen zitierten als hätten sie sie vor sich liegen. Diese Lehrer haben einen strengen, aber inhaltlich schön ausgefüllten Lateinunterricht gemacht (teilweise haben wir schon in der 8. Klasse sehr einfach Texte vom Deutschen ins Lateinische übertragen!). Man hat wirklich viel gelernt. Dann wiederum gab es aber auch in Latein Lehrer, die meisten von ihnen jung, frischgebackene Referendare, die selbst äußerst unsicher waren, teilweise sogar Probleme mit den Perfektstämmen mancher Verben hatten etc. Allerdings waren diese auf meiner Schule fast nicht vertreten. Von Schülern anderer Schulen habe ich da aber anderes gehört ...
Allerdings kann ich da in anderen Fächern nicht so Positives berichten. In Mathe habe ich schon katastrophale junge Lehrer erlebt bei denen ich mich sogar gefragt habe, wie die darauf gekommen sind, Mathematik zu studieren. Da mussten teilweise einige Schüler dem Lehrer auf die Sprünge helfen. Gleiches gilt für die Fächer Musik oder Chemie, wo ich ebenfalls unfassbar schlechte Referendare erlebt habe. Aber auch im Fach Deutsch geht's bergab. Es wäre nicht zu viel behauptet, wenn ich sagen würde, dass ich über manch einen bekannten deutschen Autor besser Bescheid weiß als so mancher Deutschlehrer. Wenn ich mir in allen angesprochenen Fächern die ältere Fraktion angucke, dann sieht das da ganz anders aus: Die alten Mathelehrer z. B. können Dinge im Kopf berechnen, da wird einem schwindlig; die älteren Chemiker machen die klassischen Experimente und erklären ausführlich und detailreich, da lernt man, was Chemie eigentlich ist.
Die Bergab-Tendenz lässt sich jedoch nicht nur bei Lehrern, sondern auch bei Schülern feststellen. Wenn ich mir die jüngeren Jahrgänge angucke, dann frage ich mich teilweise, wie die es auf’s Gymnasium geschafft haben. Da wird schlechtes Deutsch gesprochen, da hat man keinen Bock auf nichts, da sitzt man in der Freizeit nur vor dem PC, macht keine Hausaufgaben etc.
Somit mein Fazit: Die Lehrer sind nicht das, was sie mal waren. Die Schüler sind es aber auch nicht.

Übrigens: Natürlich gibt es Ausnahmen (, die die Regel bestätigen). So habe ich schon so manchen jungen Lehrer erlebt, der mir viel beigebracht hat und der mit Elan seine Lehrtätigkeit ausübte. So machte der Unterricht dann auch Spaß!

Gruß
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Beitragvon Apollonios » Sa 17. Mai 2008, 07:52

Auch wenn es leider inkompetente Lehrer zuhauf gibt (nicht vergessen: dazwischen auch einige hervorragende), und auch wenn tatsächlich die Menge an in der Schule (theoretisch, d.h. laut Lehrplan) vermitteltem Wissen abgenommen hat: Natürlich hat Unterricht Sinn, und natürlich könnte er besser sein, aber das sollte eher Ansporn sein als resignieren lassen.
Zu der generellen Aussage, daß Unterricht (wie das meiste überhaupt) früher besser war, fällt mir die Aussage einer 78jährigen Altphilologin ein: Eigentlich habe ich auf der Schule gar nichts gerlernt. Um den Genuß noch älterer Schulsysteme richtig zu würdigen, empfehle ich die Lektüre von Büchern wie Friedrich Torbergs Schüler Gerber, Emil Strauß' Freund Hein. Mir ist aus eigener Erfahrung bekannt, daß es schlechte Lehrer und schlechten Unterricht gibt, aber das ist nichts Neues:

"Schon das vorige Mal habe ich erwähnt, daß unser Lateinunterricht nicht immer sonderlich gut war. Er lief meist darauf hinaus, daß man pauken sollte, Vokabeln pauken, Grammatik pauken, Übersetzungen pauken, - und ich hatte schon als Junge eine so gesunde Abneigung gegen alles stumpfsinnige Lernen, daß wohl die meiste Zeit, die ich die Schulbank gedrückt habe, nutzlos vertan war. … Es ist seitdem viel über Reform des Unterrichts geredet und geschrieben, man hat versucht, Methoden zu entwickeln, dem Stumpfsinn des Paukens abzuhelfen. Viel ist da wohl auch gebessert, - aber die Gefahr ist immer, daß man das Kind mit dem Bade ausschüttet und meint, das Lernen als solches sei vom Übel, während es darauf ankäme, das Lernen selbst lebendig und vergnüglich zu machen. Aber dazu gehört ein Lehrer, der zugleich klug und munter ist, der in der Wissenschaft zu Haus ist und sich seine Frische auch über vierzig Jahre täglicher Schularbeit bewahren kann. … Für gewöhnlich wird man schon zufrieden sein müssen, wenn jeder Schüler einmal in seiner Schulzeit einen einzigen Lehrer hat, der ihm seinen geistigen Motor in Gang bringen kann."
Bruno Snell (1896-1986), in: Neun Tage Latein, Vandenhoek & Ruprecht, 1955
וָאֹמַר מִי־יִתֶּן־לִּי אֵבֶר כַּיּוֹנָה אָעוּפָה וְאֶשְׁכֹּנָה ׃
et dixi quis dabit mihi pinnas columbae ut volem et requiescam
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Beitragvon romane » Sa 17. Mai 2008, 09:31

so gar schon vor fast 2000 Jahren:

Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus. Vale. (Seneca)
Die Freiheit ist ein seltsames Wesen - wenn man es gefangen hat, ist es verschwunden

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Beitragvon consus » Sa 17. Mai 2008, 10:04

Salvete, amici!
Altmeister Bruno Snell, dankenswerterweise von Apollonius zitiert, hat die Sache auf den Punkt gebracht.
Ein kleines addendum: Vielleicht sollte man die Anzahl der für den Lateinunterricht zur Verfügung stehenden Wochenstunden und Schuljahre mit bei der Diskussion berücksichtigen.
Im Übrigen gibt es Klagen vergleichbarer Art über die Schule, die Lehrer und Schüler seit eh und je. Erfreuen wir uns doch einmal an folgendem Gedicht des Georg Bersmann (1537-1611):

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De calamitate et miseria docentium in ludis litterariis

Desinat Augiae stabulum memorare vetustas,
   Herculei quondam grande laboris onus.
Maius opus tenerae sordes purgare iuventae,
   Maius opus mores emaculare rudes.
Elaei non hos amnis purgamina tollunt,
   Non Siculum Alpheo si mare iungat opes.
Sed disciplina vigili, curaque perenni,
   Moribus et docta quaeritur arte nitor.
Ars bona, sed postquam cepit vecordia mentes,
   Heu mihi quam paucis reppulit ista famem.
Gratia rara, labor certus, cum pulvere paedor,
   Praemia sunt homines certa magisterii.

Felicissimum vobis exopto septimanae exitum.
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Re: " Lehrer in spe " mit Grundsatzproblem: LU dam

Beitragvon nighean_neonach » Sa 17. Mai 2008, 10:09

Didymos hat geschrieben:Irre ich mich : Vor 100 Jahren konnte jeder Lehrer ein Vielfaches von heute... Und die Schüler damals waren besser als Studenten heute.


Blödsinn. Die Schüler und Lehrer vor 100 Jahren lebten in einer völlig anderen Welt. Erstens: wer ging damals zum Gymnasium und lernte Latein? Eine Elite, die vielleicht 5% der heutigen Gymnasiasten entspricht. Zweitens: heutige Schüler können und wissen eine ganze Menge Dinge, die damals noch nicht existierten bzw. niemanden interessierten. Die Schwerpunkte und Perspektiven sind einfach nicht vergleichbar.
Als zukünftiger Lehrer solltest du dir derlei nostalgische Attitüden besser abgewöhnen...

Medus hat geschrieben:Die Bergab-Tendenz lässt sich jedoch nicht nur bei Lehrern, sondern auch bei Schülern feststellen. Wenn ich mir die jüngeren Jahrgänge angucke, dann frage ich mich teilweise, wie die es auf’s Gymnasium geschafft haben. Da wird schlechtes Deutsch gesprochen, da hat man keinen Bock auf nichts, da sitzt man in der Freizeit nur vor dem PC, macht keine Hausaufgaben etc.


Lustig, sowas haben wir zu meiner Schulzeit auch schon über die jüngeren Schüler gesagt... also in Bezug auf Leute, die wohl noch ein paar Jährchen älter sind als du... und die wiederum werden über deine Generation so geredet haben... :lol:
Zuletzt geändert von nighean_neonach am Sa 17. Mai 2008, 10:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Merkur » Sa 17. Mai 2008, 10:11

Nicht ganz absurd scheint mir des Weiteren die Vermutung zu sein, dass der Anteil der "schlechten" Lehrer an unseren Gymnasien deswegen steigt, weil der Beruf des Lehrers bzw. der Lehrerin zunehmend unattraktiv wird.
Die Bezahlung scheint nicht mehr besonders üppig zu sein, von der Wertschätzung seitens der Gesellschaft ganz zu schweigen.
Außerdem nimmt den Lehrer heute - dies ist wenigstens meine bescheidene Sicht der Dinge - seine Lehrtätigkeit mit all ihren unangenehmen Aufgaben (Korrekturen! Sitzungen!) derart in Anspruch, dass eine Beschäftigung mit seinem Steckenpferd (als solches darf wohl das jeweils zu unterrichtende Fach bei einem Gymnasiallehrer angesehen werden) nur in recht moderatem Rahmen möglich ist.
Manns Professor Raat konnte sich in seiner Freizeit noch mit den Partikeln bei Homer beschäftigen, während heutzutage eine (an und für sich sehr kompetente) Lehrkraft bis in die späten Nachmittagsstunden in der Schule sitzt, um irgendwelchen Sitzungen beizuwohnen.

Es ist m.E. somit kein Wunder, dass diejenigen, denen das Fach wirklich am Herzen liegt, es nicht zum Gegenstand eines Lehramtsstudium machen; wer sehr gut ist, möge sich der Wissenschaft (doch auch hier scheint der Bürokratismus zu grassieren) verschreiben; wer sich dies nicht zutraut, sollte sich einen Brotberuf suchen, sich mit dem Lateinischen in seiner Freizeit beschäftigen. Da hätte er dann mehr Zeit für sein Hobby denn als Lehrer.

----------------------------------------------------------------------------------

Die Absurdität des Faches Latein ist mir in meiner (jetzt hinter mir liegenden) Leistungskurszeit deutlich vor Augen getreten.
Die Gestaltung des Abiturs trug das Ihrige dazu bei.
O tempora, o mores! Heutzutage muss man lat. Texte in Schulbüchern suchen, Latein wird als Kadaver behandelt, der nur zaghaft seziert wird, Latein gilt im Lateinunterricht als Fremdkörper, das einzige Ziel (in sprachlicher Hinsicht) ist das Verstehen (wie abartig! man stelle sich Gleiches im Englisch-Unterricht vor!); es wird nicht einmal ein Mindestvokabular benötigt, da es ja die zwei(!)-sprachigen Lexika gibt (mit Recht lacht man hier über die Lateiner).
Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten.
Schauen wir zurück in frühere, bessere Jahre!
Erasmus zeigt, wie geplegt sich auszudrücken die Schüler lernen mussten, Schiller bekam noch lateinischen Dichtunterricht, Dr. Georges schreibt im Vorwort seines kleinen Deutsch-Lateinischen Handwörterbuchs (3. Aufl., 1875):
Mein grösseres deutsch-lateinisches Handwörterbuch hat im Laufe der Zeite einen solchen Umfang gewonnen, dass ein kleineres, lediglich für den Schulgebrauch, namentlich für lateinische Mittelschulen und Realschulen, bestimmtes Wörterbuch schon seit mehreren Jahren von mir verlangt worden ist.


Hermann Peter rät im Vorwort seiner "neue[n] Ausgabe von Ovid's Fasten" (1874) zu einer "doppelte[n] Auswahl" für den Schulgebrauch. "Die eine umfasst etwa 3200 Verse, schliesst sich an den Gang der Fasten an und soll zugleich von dem Ganzen der Dichtung eine Anschauung geben; die zweite (aus ca. 1600 Versen bestehend) hebt nur einzelne Bruchstücke aus und zwar die auf römische Geschichte bezüglichen in chronologischer Reihenfolge". Zum Vergleich: Der bayer. Lehrplan schlägt für die 2 (!) Leistungskursjahre für die Dichtung Ausschnitte vom Umfang von etwa 370 Versen vor. Meiner frischen Erfahrung nach ist jedoch sogar dieser Umfang utopisch.

Weiter. Der "Menge" war Schulbuch, ebenso "der Rubenbauer-Hofmann".
Erheiternd geradezu folgender Satz aus dem ausführlichen Lateinisch-Deutschen Handwörterbuch von Georges (1913):
Möge auch diese neue Auflage nicht bloß den Schülern höherer Gymnasialklassen, sondern auch den Studierenden und selbst den Gelehrten vom Fache als brauchbares Handbuch gute Dienste leisten.


In Englmanns "Übungsbuch zum Übersetze ins Lateinische für die dritte Klasse der Lateinschule (Quarta)" (10. Aufl., 1886) müssen Sätze ins Lateinische gebracht werden, mit deren Übertragung aus dem Lateinischen ins Deutsche so mancher Leistungskursler seine Probleme hätte (ohne Wörterbuch zumal).

Genug gejammert.

Gruß,
M.
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Beitragvon Didymos » Sa 17. Mai 2008, 11:20

Blödsinn. Die Schüler und Lehrer vor 100 Jahren lebten in einer völlig anderen Welt. Erstens: wer ging damals zum Gymnasium und lernte Latein? Eine Elite, die vielleicht 5% der heutigen Gymnasiasten entspricht. Zweitens: heutige Schüler können und wissen eine ganze Menge Dinge, die damals noch nicht existierten bzw. niemanden interessierten. Die Schwerpunkte und Perspektiven sind einfach nicht vergleichbar.
Als zukünftiger Lehrer solltest du dir derlei nostalgische Attitüden besser abgewöhnen...

Warum so erregt? " Blödsinn"?
Zum Ersten: Wenn wir nur die "Elite " betrachten wollen, so wurde ein Gymnasiast von damals sicher profunder unterrichtet als ein LKler heute... Wenn Du Dir wie gesagt die Einleitung des Nägelsbach durchliest ( oder Dir Merkurs viele Beispiele ansiehst, die das illustrieren, was ich meine : Menge oder Rubenbauer- Hofmann in der Schule? Undenkbar !), dann wirst Du auch den Eindruck gewinnen, daß Schüler damals besser Deutsch-Latein geübt haben als wir Studenten das heute im Stilkurs müssen...!

Zum zweiten: Naja Schüler wissen heute sicher alles über Computer... Nur sollten diese nicht die Allgemeinbildung ersetzen, die Schülern heute viel zu wenig vermittelt wird...
Und als Lehrer muß ich mir natürlich Gedanken machen über den Sinn meiner Arbeit. Ich will ein Lehrer sein, der seine Schüler intensiv fordert, und nicht römische Kochrezepte testet ( es gibt Lehrer, die die wenigen Stunden ihres Unterrichts auf diese Weise verwenden : nichts gegen römische Kochrezepte, aber das ist Freizeit und das kann man meinetwegen privat machen ) und auch nicht Klausurtexte vorab verrät...

Die Frage ist, ob das möglich ist, wenn ich als Lateinlehrer zuerst das ersetzen muß, was der Deutschunterricht heute nicht mehr leisten kann oder will und wenn ich aufgrund der mangelnden Motivation der Schüler, die keinen " Leistungsdruck" gewöhnt sind, auch wenn ich mir Mühe gebe, nicht weit über die Basisgrammatik hinauskomme...

Medus hat meiner Meinung nach recht wenn er den Eindruck hat, daß alte Lehrer noch viel besser sind. Irre ich mich oder liegt das daran, daß noch vor 30 - 50 Jahren der Lateinunterricht viel mehr erzielt hat als heute, durch mehr Wochenstunden und durch kompetentere ( und strengere!) Lehrer? Das Studium haben dann Leute begonnen, die bereits in der Schule gut Latein gelernt haben.
Danach könnte man sich dann im Studium auch größeren philologischen Problemen widmen für die ich mich nicht reif fühle.
Die Juvenal- Überlieferung (siehe anderes Forum ) verstehe ich einfach bis heute nicht und das Problem ist : im Studium wird das auch nicht genügend gefordert... Wenn ich die 2 (oder waren es 3) Juvenal-Satiren im Lektürekanon gelesen habe, dann langt das...
Ich und meine Kommilitonen haben in der Schule nichts gelernt und auch das Latein-Studium beschränkt sich auf ein Minimum und man muß erst einmal aufholen, was die Schule verabsäumt hat...

Die Absurdität des Faches Latein ist mir in meiner (jetzt hinter mir liegenden) Leistungskurszeit deutlich vor Augen getreten.

Kann ich Dir nachempfinden Merkur...

Grüße,
Didymos
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Beitragvon Medus » Sa 17. Mai 2008, 12:31

Didymos hat geschrieben: Ich will ein Lehrer sein, der seine Schüler intensiv fordert ...


Intensive Forderung kann meines Erachtens nur als Resultat der Faszination wirken - dabei fordern sich die Schüler fast von alleine. Ich erinnere mich gut an meinen jungen Deutschlehrer aus der 11. Klasse - wir haben Sigmund Freud und die Psychoanalyse behandelt. Nun gut, das schneidet man vielleicht mal im Deutschunterricht an, allerdings: Wir haben dieses Thema ausführlich behandelt. Mit Traumdeutung und allem drum und dran. Der ganze Kurs war fasziniert und mit Elan dabei. Danach habe ich nie wieder solch einen fleißigen Deutschkurs erlebt. Anschließend haben wird uns mit Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" befasst und versucht, sie mit traumdeuterischen Ansätzen zu analysieren, dabei einen interessanten Brief Freuds an Schnitzler zu Hilfe nehmend. Zu guter Letzt haben wir uns noch den Film "Eyes Wide Shut" (Verfilmung der Traumnovelle) angeguckt, analysiert und bewertet. Was für ein Spaß war das für die ganze Klasse!

In Latein habe ich ab und zu Ähnliches erlebt. Da sprach der Lehrer dann begeistert von bestimmten Mythen oder bestimmten Stationen der Geschichte, dass man nicht anders konnte, als sie sich auch ohne extra Aufforderung des Lehrers zu Hause selbst anzuschauen und ein paar Texte diesbezüglich zu übersetzen.

Wenn man es schafft, seine Schüler zu faszinieren, dann arbeiten sie auch alle mit.

Gruß
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Beitragvon nighean_neonach » Sa 17. Mai 2008, 12:35

Didymos hat geschrieben:Warum so erregt? " Blödsinn"?


Erregt? Nein, eher nicht, lohnt nicht :)

Jo, also... wenn du heute nur diejenigen Schüler im Gymnasium hättest, die man vor 100 Jahren dort gehabt hätte, und wenn man sich am damaligen Lehrplan/Stundenplan orientiert, dann könnte man sicher einige anspruchsvollere Dinge im Lateinunterricht machen.
Die Frage ist bloß: wollen wir das? Wozu ist das gut? Vor 100 Jahren stand Latein und Altgriechisch in der gutbürgerlichen Bildung ziemlich im Mittelpunkt. Aber wie sah es gleichzeitig mit Englisch und anderen modernen Fremdsprachen aus? Heutzutage sind nun mal für den beruflichen Werdegang der allermeisten Gymnasiasten andere Dinge wesentlich wichtiger als Latein. Das ist einfach so, das wertet auch meiner Meinung nach die lateinische Sprache nicht ab, und man sollte nicht versuchen, künstlich ein nostalgisches Bildungsideal am Leben zu erhalten bzw. wiederzuerwecken. Informatik, Wirtschaftswissenschaften und verhandlungssicheres Englisch gehören nun mal heute auch zum Allgemeinwissen, und zwar weit eher als Ciceros Prosarhythmus.

Weißt du, ich persönlich fände es auch toll, wenn Schüler sich mit alt- und mittelhochdeutschen Texten beschäftigen würden, wenn sie mehr über Geschichte und Archäologie lernen würden, und ich bin auch völlig überzeugt davon, dass es Schüler gibt, die das mit Begeisterung tun würden... ich würde auch gern deutschen Schülern etwas mehr Bildung und Informationen über europäische Minderheitenkulturen und -sprachen gönnen, ich finde, dass das ein sehr wichtiges soziopolitisches Thema ist - und gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass das eine recht spezielle Perspektive von mir ist, und dass es für die Ausbildung der Mehrheit der Jugendlichen wenig relevant ist. Ähnlich sehe ich es mit Latein, das ist eben eher ein Liebhaberthema, es hat bis zu einem gewissen Grad seine Berechtigung in der schulischen Ausbildung, aber es gibt viele andere Dinge, die objektiv gesehen relevanter sind.
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Beitragvon juergen » Sa 17. Mai 2008, 12:55

Ich bin zwar kein Lehrer, aber ich arbeite häufiger mit Schulklassen (Jahrgangsstufen 10 bis 13).

Wenn die Schüler was aufschreiben sollen, oder ein Plakat erstellen sollen, kommt häufig, selbst bei ganz geläufigen Wörtern, die Frage: "Wie schreibt man das?"
Da wundere ich mich dann doch manchmal über die Deutschkenntnisse.


Man kann freilich daraus nicht ableiten, daß die Schüler heute weniger können und wissen als früher. Sie wissen viel, viel mehr, da sie viele Bereiche gelehrt bekommen, die es früher nicht gab. Leider kann nicht alles umfassend gelehrt werden, so daß die Schüler oft nur oberflächliches Wissen haben.
In der Schulzeit steht aber nur eine begrenzte Zahl an Unterrichtsstunden zur Verfügung. Jeder neue Stoff und jedes neu hinzugekommene Fach geht auf Kosten anderer Fächer, in denen Stunden gekürzt werden. Da verschieben sich die Prioritäten.
Früher bestand der größte Teil des Unterrichts der sog. Volksschule, die bis Klasse 8 ging, aus: lesen, rechnen, schreiben. Hinzu kamen wenige Stunden in Naturwissenschaften, die dann in einem Fach "Sachkunde" abgehandelt wurden. Zusätzlich noch ein paar wenige Stunden Sport, Religion, Musik etc.

Für das tägliche Leben war die Schüler mit "Lesen, Rechnen, Schreiben" gut gerüstet. Bei anderen Fächern fehlte einiges an Wissen, doch mit dem Grundgerüst "Lesen, Rechnen, Schreiben" war nahezu jeder Beruf, der kein Studium voraussetze, zu erlernen.
Nebenbei: Meine Mutter hat nur die Volksschule bis Klasse 8 besucht. Die rechnet noch heute manche Dinge schneller im Kopf, als ich sie in den Taschenrechner tippen kann... Insbesondere, wenn es um Prozentrechnung, Dreisatz oder ähnliches geht.


Die Schüler sind heute sicher nicht "dümmer" als früher, aber in manchen Fächern werden Themen eher oberflächlich behandelt. -- Leider betrifft es auch wirkliche Grundfertigkeiten.

Ich vermag nicht zu sagen, wie lange diese Entwicklung so weitergehen kann, aber manche Äußerungen von Bildungspolitikern lassen vermuten, daß die "Schule der Zukunft" eher dazu da sein soll, den Schülern zu vermitteln, wie sie selbst an wichtige Informationen kommen, statt ihnen die Informationen zu vermitteln.

Warum soll man Schülern auch in langen Unterrichtsreihen erklären, wie dies oder jenes funktioniert, wenn man ihnen in einer Stunden beibringen kann die Wikipedia zu benutzen..... :shock:
Gruß Jürgen

Achja: meine Übersetzungen sind alle mit großer Vorsicht zu genießen
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Beitragvon madeia perimadeia » Sa 17. Mai 2008, 12:59

Bei mir ist auch in 2 Wochen das Abi zu Ende und ich stehe auch vor der großen Frage nach dem Studienwusch: Mein größter Traum war es immer Latein zu studieren, und das schon seit der 5. Klasse.
Aber langsam kommen mir auch Zweifel: Ich frage mich oft, ob das Lehrerdasein vielleicht doch nicht das richtige für mich ist: Muss man sich doch oft mit widerwilligen Schülern und wütenden Eltern, die einen für Das Versagen der Kinder verantwortlich machen, herumschlagen, wie man mir oft sagt. Auch ist die Frage, ob man sich wirklich immer auf das Beibringen der "Basics" beschränken möchte oder nicht lieber höher hinaus will.
Der Lehrerberuf ist leider- meiner Meinung auch völlig zu Unrecht- denn die Lehrer leisten wunderbaresan den jungen Leuten!- in unserer Gesellschaft allzu wenig angesehen. Dabei waren es gerade die begeisterten Lehrer voller Elan, die bei mir meinen Studienwusch geweckt haben. Traurig sind auch häufige feedbacks, die mir doch anraten, lieber etwas sinnvolleres zu studieren, wie Medizin, wo man dann nicht mit den "3,5"-Abileuten im Studium sitzt. Das kann doch wohl nicht sein!! Dass der Lehrerberuf so weit am Boden liegt, dass Leute meinen, dass nur die, die die Numerus Clausus Hürde in anderer Fächern nicht schaffen, dort hingehen!!!! Ist ja klar, dass auch gute Schüler von dem Beruf oft abgeschreckt werden und sich den "Prestigejobs" widmen, wie Medizin.

Aber ehrlich gesagt kann ich es auch nicht verstehen, warum sich angehende Lehrer beklagen, dass sie an der Uni zu wenig gelernt haben. Man muss sich eben auch selber am Riemen reissen und selber für sein Vorankommen sorgen. Soll man denn erwarten, dass die Professoren einem alles auf dem Serviertablett anbieten? Dann tut man es ja den Schülern gleich, die die Meinung vertreten: "Ich bin schlecht in der Schule, weil mein Lehrer schlecht ist"

lg
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Beitragvon Merkur » Sa 17. Mai 2008, 13:11

nighean_neonach hat geschrieben: Das ist einfach so, das wertet auch meiner Meinung nach die lateinische Sprache nicht ab, und man sollte nicht versuchen, künstlich ein nostalgisches Bildungsideal am Leben zu erhalten bzw. wiederzuerwecken. Informatik, Wirtschaftswissenschaften und verhandlungssicheres Englisch gehören nun mal heute auch zum Allgemeinwissen, und zwar weit eher als Ciceros Prosarhythmus.


Wohl wahr. Meiner Ansicht nach ist es jedoch Verschwendung von Zeit, Geld und Energie, dem Lateinunterricht in der Form, wie er sich uns heutzutage präsentiert, beizuwohnen.
Nach 9 Jahren (ja, 9 Jahren!) Lateinunterricht kann ein Großteil der Lkler aus einem kurzen Textchen die Hauptaussage nicht herauslesen ohne lange darüber zu brüten - ohne Wb wohl garnicht. Zu welchem Ende also wird Latein gelernt und gelehrt? Um Inschriften lesen zu können? Können wir nicht! Um in späteren Musestunden Ovid oder Cicero im Original zu lesen? Vermessen! Um unsere Kultur von ihren Wurzeln her verstehen zu können? Wir kennen doch die Wurzeln nicht! Dieses Spielchen ließe sich noch weiterführen.
M.E. hat der Lateinunterricht heute ein gewaltiges Problem, da er sich selbst ad absurdum führt, und somit sich seine Existenzgrundlage entzieht.
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Beitragvon Didymos » Sa 17. Mai 2008, 13:40

Informatik, Wirtschaftswissenschaften und verhandlungssicheres Englisch gehören nun mal heute auch zum Allgemeinwissen, und zwar weit eher als Ciceros Prosarhythmus.

Ja Du sagst es... Business- English, EDV und Wirtschaftswissenschaft sind die ideale Basis für angehende Manager, jene Menschen die heute gesucht werden und hoch bezahlte Arbeitsplätze bekommen...
Als zumindest Pseudo- "Geisteswissenschaftler " ist es vielleicht eine Berufskrankheit, daß mir das nicht gefällt...

Aber ehrlich gesagt kann ich es auch nicht verstehen, warum sich angehende Lehrer beklagen, dass sie an der Uni zu wenig gelernt haben. Man muss sich eben auch selber am Riemen reissen und selber für sein Vorankommen sorgen. Soll man denn erwarten, dass die Professoren einem alles auf dem Serviertablett anbieten?

Wenn das auf mich bezogen ist : Ich bemühe mich wirklich selbstständig zu arbeiten. Die Fragen, die ich in diesem Forum stelle, beruhen auf meinem eigenen Interesse und sind einige der vielen Lücken meiner schulischen und universitären Ausbildung.
Natürlich ist selbständige Arbeit notwendig und ich leiste sie auch, aber man braucht Lehrer/ Dozenten, die einem den Weg weisen, die schwierigere philologische Fragen beantworten können, die Methoden vermitteln können und so eine gute Ausbildung sicherstellen... Das ist aber eher utopisch...

Wenn mir jemand erklärt hätte, was z. B. vindiciae in dem angesprochenen Kontext bedeutet, hätte ich hier nicht fragen müssen. Und an Eigeninitiative fehlt es nicht weil ich alle mir bekannten Recherchen betrieben habe. Und ein Handbuch dazu gibt es anscheinend nicht. Also würde man einen Dozenten brauchen, der einem das erklärt. Das hat nichts mit einem Serviertablett zu tun.

Ich vermag nicht zu sagen, wie lange diese Entwicklung so weitergehen kann, aber manche Äußerungen von Bildungspolitikern lassen vermuten, daß die "Schule der Zukunft" eher dazu da sein soll, den Schülern zu vermitteln, wie sie selbst an wichtige Informationen kommen, statt ihnen die Informationen zu vermitteln.

Warum soll man Schülern auch in langen Unterrichtsreihen erklären, wie dies oder jenes funktioniert, wenn man ihnen in einer Stunden beibringen kann die Wikipedia zu benutzen....

Ja das bemerke ich auch... Ihr müßt nichts wissen, wenn Ihr wißt wie man "googelt "... :-o

Grüße,
Didymos
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Beitragvon romane » Sa 17. Mai 2008, 14:27

wenn man NUR nach einem praktischen Nutzen schaut, ist Mathematik spätestens nach dem 3-Satz und der 5-Rechnung überflüssig.
Für alles andere gibt es Software.

Meiner Meinung nach geht es um BILDUNG
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