" Lehrer in spe " mit Grundsatzproblem: LU damals

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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Beitragvon Tiberis » Sa 17. Mai 2008, 15:02

Ähnlich sehe ich es mit Latein, (...), es hat bis zu einem gewissen Grad seine Berechtigung in der schulischen Ausbildung, aber es gibt viele andere Dinge, die objektiv gesehen relevanter sind.


du sagst es : wenn man die gymnasien als ausbildungsanstalten ansieht, die das zu vermitteln haben, was im späteren berufsleben einmal verwertbar sein soll, dann gibt es in der tat zahlreiche andere "relevantere dinge". nur sollte man dann diese schulen redlicherweise nicht , wie es in Österreich geschieht, als "allgemeinbildende höhere schulen" bezeichnen. unsere sogenannten "allgemeinbildenden höheren schulen" verdienen diesen namen nicht, wie ja überhaupt keine schule eine solche im eigentlichen sinne des wortes (σχολη = muße) ist, also ein bereich, in dem , procul negotiis, bildung ohne rücksicht auf deren allfällige verwertbarkeit stattfindet, mit dem einzigen ziel der freien entfaltung des individuums.
gäbe es solche schulen, dann wäre ein gediegener lateinunterricht naturgemäß unverzichtbar, da kaum ein anderer unterrichtsgegenstand den anspruch erheben kann, in ähnlicher weise allgemeinbildend zu wirken.
gäbe es solche schulen, dann müßten die an ihnen unterrichtenden lehrer und lehrerinnen folgerichtig umfassend gebildete und freie (!) persönlichkeiten sein, exempla humanitatis, nicht gehetzte und gestreßte exekutivorgane in einer gigantischen disziplinierungsmaschinerie, die nichts mit bildung gemein hat, vieles jedoch mit legebatterien und massentierhaltung.
" die meisten unserer lehrer sind armselige kreaturen, deren lebensaufgabe darin zu bestehen scheint, den jungen menschen das leben zu verrammeln und schließlich und endlich zu einer fürchterlichen deprimation zu machen. in den lehrberuf drängen ja auch nur die sentimentalen und perversen kleinköpfe aus dem unteren mittelstand. die lehrer sind die handlanger des staates, und wo es sich wie bei diesem österreichischen staat heute um einen geistig und moralisch total verkrüppelten handelt, um einen, der nichts als die verrohung und verrottung und das gemeingefährliche chaos lehrt, sind naturgemäß auch die lehrer geistig und moralisch verkrüppelt und verroht und verrottet und chaotisch. (...) " (Thomas Bernhard, Alte Meister. Frankfurt a.M. Suhrkamp 1988, S.52f)

natürlich gibt es auch unter den heutigen tristen rahmenbedingungen hin und wieder noch lehrer, die , unbeeindruckt von medialen diffamierungen, obrigkeitlichen restriktionen und juristischen fallstricken, den widrigkeiten des schulischen alltags trotzend freude an ihrem beruf haben und den schülern einiges an "wissen" vermitteln . aber diese spezies wird zunehmend seltener und ist zudem akut burnout- gefährdet. in der regel stehen heute input und output , also einsatz und erfolg, in keinem vernünftigen verhältnis mehr zueinander. die gründe hierfür sind vielfältig, und ich habe jetzt keine lust, näher darauf einzugehen. aber dass die schwierigkeiten , wissen ( von bildung will ich gar nicht erst reden) zu vermitteln, in den letzten 30 jahren erheblich größer geworden sind, wird niemand, der in diesem zeitraum unterrichtet hat, ernsthaft in frage stellen.
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Beitragvon madeia perimadeia » Sa 17. Mai 2008, 15:14

Sorry, Dydimos, das war vorhin nicht direkt gegen dich gerichtet, sondern ich sprach allgemein von der Situation.
Ich bin ja noch Schülerin, kenn also nicht wirklich das "Unileben", sondern habe mir nur mein Bild von der Lage gemacht, durch das, was ich von anderen Studenten gehört und gelesen habe.
Es ist nur leider oft ein weit verbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft, dass man gerne die Schuld an der Misere auf die Lehrer und Dozenten schiebt. Ich glaube aber, dass die unzureichende Bildung vielleicht gerade damit zu tun hat, dass viele Unis allzu überlaufen sind und gerade mit Professorenstellen und Dozentenstellen gespart wird. Der einzelne geht dann in der Masse der Studenten einfach unter...und ist oft auf sich allein gestellt!
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Beitragvon Marcus » Sa 17. Mai 2008, 17:50

Jaja, die alte Frage, ob in der Schule 'Bildung' oder in späteren Berufen praktisch anwendbares Wissen vermittelt werden soll.

Ich persönlich finde die Idee des humanistischen Gymnasiums ja sehr gut.

Alle weitere Wissensvermittlung in Spezialgebieten sollte meiner Meinung nach in Ausbildung oder Studium verlegt werden. Zumal dort nach der bereits angesprochenen oberflächlichen Behandlung in der heutigen Schule meistens sowieso bei Null angefangen werden muss.

Die Diskussion lässt mich auch an die ersten Seiten aus Schillers "Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" denken.

Schamschi :)
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Beitragvon juergen » Sa 17. Mai 2008, 19:32

Schamschi Adad V hat geschrieben:Jaja, die alte Frage, ob in der Schule 'Bildung' oder in späteren Berufen praktisch anwendbares Wissen vermittelt werden soll.

Ich persönlich finde die Idee des humanistischen Gymnasiums ja sehr gut.

Alle weitere Wissensvermittlung in Spezialgebieten sollte meiner Meinung nach in Ausbildung oder Studium verlegt werden. Zumal dort nach der bereits angesprochenen oberflächlichen Behandlung in der heutigen Schule meistens sowieso bei Null angefangen werden muss.

Das seht sicher auch schon in dem berühmten und weit beachteten Buch: Die Gerechtigkeit des Lehrers unter besonderer Berücksichtigung der höheren Lehranstalten von Prof. Schnautz.

:lol: :lol:
Gruß Jürgen

Achja: meine Übersetzungen sind alle mit großer Vorsicht zu genießen
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Beitragvon Marcus » Sa 17. Mai 2008, 19:47

:lol:
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Beitragvon nighean_neonach » Sa 17. Mai 2008, 22:15

Natürlich ist die Schule nicht dazu da, neue Manager zu züchten. Das humanistische Bildungsideal ist eine ganz feine Sache, allerdings sollte man nicht die Augen vor der aktuellen Realität verschließen. Was ich ganz enorm wichtig finde, sind solche Dinge wie Medienkompetenz, politische Bildung, Anleitung zum selbständigen, kritischen Denken, Wissen um weltwirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge - all sowas kommt immer noch viel zu kurz in der Schule, auch wenn es sich so langsam einschleicht. Solche Themen haben meiner Ansicht nach dringend Vorrang vor allem Faktenwissen, egal ob Mathematik, Latein oder sonstwas. Wer gelernt hat, wie man lernt, und wer verstanden hat, wie wichtig das Lernen ist, kann sich Faktenwissen zu speziellen Themen jederzeit selbständig aneignen. Umgekehrt funktioniert es nicht.
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Beitragvon Tiberis » Sa 17. Mai 2008, 23:43

liebe Mona,
ich glaube nicht, dass humanistische bildung und "aktuelle realität" im widerspruch zu einander stehen. mein ideal ist keineswegs der weltfremde gelehrte im elfenbeinturm. und es gibt sehr viele beispiele höchst erfolgreicher menschen , die jederzeit bestätigen würden, wie sehr ihre humanistische bildung ihrer karriere förderlich war.
Was ich ganz enorm wichtig finde, sind solche Dinge wie Medienkompetenz, politische Bildung, Anleitung zum selbständigen, kritischen Denken (...) Solche Themen haben meiner Ansicht nach dringend Vorrang vor allem Faktenwissen, egal ob Mathematik, Latein oder sonstwas.

dass "medienkompetenz, politische bildung, anleitung zum selbständigen, kritischen denken" wichtige bildungsinhalte sind, steht außer diskussion. aber kann nicht gerade der lateinunterricht in ebendiesen bereichen hervorragendes leisten?
dass du ausgerechnet mathematik und latein, allgemeinbildende fächer par excellence, unter "faktenwissen" einstufst, verstehe ich nicht. in nahezu jedem anderen fach ( sprachen ausgenommen) wird man sich vermutlich mehr an "faktenwissen" aneignen müssen. und auch hier gilt: faktenwissen an sich ist erst dann nutzlos, wenn man es nicht anzuwenden versteht.
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Beitragvon Apollonios » So 18. Mai 2008, 07:54

nighean_neonach hat geschrieben:… solche Dinge wie Medienkompetenz, politische Bildung, Anleitung zum selbständigen, kritischen Denken, Wissen um weltwirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge - all sowas kommt immer noch viel zu kurz in der Schule, auch wenn es sich so langsam einschleicht. Solche Themen haben meiner Ansicht nach dringend Vorrang vor allem Faktenwissen, egal ob Mathematik, Latein oder sonstwas.

In diesem Zusammenhang sei auf die Flugblätter der Geschwister Scholl aufmerksam gemacht. Es scheint da einen gewissen Zusammenhang zwischen humanistischer Bildung und kritischem Denken zu geben.
http://kalliopevorleserin.wordpress.com ... mit=Suchen
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Beitragvon nighean_neonach » So 18. Mai 2008, 11:58

Tiberis hat geschrieben:dass du ausgerechnet mathematik und latein, allgemeinbildende fächer par excellence, unter "faktenwissen" einstufst, verstehe ich nicht.


Ja gut, meine Lateinnachhilfeschüler lernen gerade Medienkompetenz und kritisches Denken, indem ich ihnen zeige, dass nicht jede Lateinübersetzung, die sie sich irgendwo aus dem Internet ziehen, gut und brauchbar ist ;)

Im Mathematikunterricht habe ich nach der 7. Klasse nichts mehr gelernt, was ich jetzt als Erwachsene im Alltag anwenden würde (weder direkt noch indirekt).
In Bezug auf Latein versuche ich hier in dieser Diskussion gerade bewusst ganz stark zu trennen zwischen meiner persönlichen Wertschätzung dieser Sprache und Literatur und der einigermaßen objektiven Frage, welchen Nutzen dieses Fach im heutigen Schulunterricht hat. Die meisten Schüler lernen ab der 6. oder 7. Klasse 4-5 Jahre lang lateinische Grammatik. Das ist reines Faktenwissen, nichts weiter. Die o-Deklination oder ein paar Verbstämme aufsagen zu können ist weit weit von kritischer Auseinandersetzung mit Texten entfernt - das wäre ja erst der Punkt, wo der allgemeinbildende Effekt anfängt. Ich bezweifle nicht, dass der Lateinunterricht hier, wie du sagst, Hervorragendes leisten könnte - er tut es jedoch allermeistens nicht, behaupte ich einfach mal, da ich ja täglich die Schüler vor mir sitzen habe, bei denen es nicht funktioniert.
Ob das nun am Unterrichtsgegenstand liegt, an der Methode, an den Lehrern, an deren Ausbildung, an den Schülern... das will ich gar nicht beurteilen. Ich denke nur, gerade einem angehenden Lehrer sollte bewusst sein, wie die Situation ausschaut. Ich selber studiere kein Latein, sowieso gar nichts auf Lehramt, aber ich kann nur jedem Lehramtsstudenten dringend empfehlen, in seinem Fach Nachhilfe oder Förderunterricht zu geben, eine AG an einer Schule zu betreuen oder ähnliches, um einen realistischen Einblick in seine zukünftige Arbeitswelt zu bekommen. Es soll ja Leute geben, die als Referendare zum ersten Mal vor einem Schüler stehen - das sind dann wahrscheinlich diejenigen, die weiter oben kritisiert wurden.
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Beitragvon Latein-Fan » So 18. Mai 2008, 14:38

Ich bin draufgekommen, dass Leute, die ein geisteswissenschaftliches Studium betreiben oder abgeschlossen haben (vorzugsweise klaPhilologie) ein breites Interesse an nahezu allen Dingen des Lebens zeigen und die flexibelsten Leute in einem anderen Beruf wären, müssten sie aus irgendwelchen Gründen auch immer den Job wechseln. Das ist mir neulich in einem Kurs aufgefallen, als wir gerade Euklid gelesen hatten - da wurde für mich Mathematik, die ich aus meiner Schulzeit noch nur in sehr schlechter Erinnerung hatte, plötzlich lebendig, da der Professor quasi "selbst mitgelernt" hat um mal zu schauen, was Euklid hier eigentlich beschreibt ohne damit zu drohen, wenn mans nicht kapiert, das Abitur nicht zu schaffen => ANGSTFREIES (!) Lernen ist also mal besonders wichtig!

Man beschäftigt sich in der Schule leider nicht mit der "Substanz".
Id est die Dinge begreiflich machen, anschaulich darstellen, definieren etc. (vor allen Dingen Grundlagen wie Kopfrechnen, fehlerfrei Geschichtsdaten aufzählen, Bundeshymne, Deklinationen, etc. etc.)
Dafür beschäftigt man sich mit der Ableitung x-ten Grades einer Integralfunktion ohne 2 + 2, übertrieben gesagt, addieren zu können - Vorbeten von Fakten nützt gar nichts, wenn man nicht "von selbst" draufkommt. Man könnte ja zb. das Gelernte (besonders bei so abstrakten Dingen) irgendwo mal versuchen zu verwerten (bsp. mal eine Kosten - Nutzen Rechnung durchführen lassen, etc.), im Lateinunterricht Rhetorik trainieren (wie muss man eine Rede aufbauen), Überlieferungsproblematik bewusst machen, versuchen, einen Papyrus zu lesen um sich dieser Probl. bewusst zu werden. Keine Problemstellung bringt etwas, wenn man nicht nach der Lösung derselben strebt und über kein Basiswissen verfügt, von dem man bei der Lösung des Problems zehren kann (wie oben erwähnt z.B. das mangelnde Nachdenken über ganz banale Definitionen).

zu meinem Lateinunterricht: es wurden, ut exemplo utar, ein paar Stunden mit Sallust "geplant". Völlig chaotisch, ohne ordentliche, systematische Einführung, hastendem Übersetzen, Diskutieren über alle möglichen und unmöglichen Dinge der Welt und dann die Schüler privat das Schulbuch vorbeten oder durchlesen lassen sind meine schlechten Erfahrungen aus der Schulzeit.

Nun wäre Folgendes vl. sinnvoller: nicht nur die Fakten runterbeten und exemplarisch lesen (anders gehts jedoch fast nicht mehr) sondern SYSTEMATISCH GEORDNET in den Text eintauchen, sprich flüssiges Lesen, "angreifen" der Inhalte durch SYSTEMATISCHE ÜBUNGEN bzw. LERNBEHELFE (nicht nur mal dies oder das aufgeben, oder jenen Zettel oder das austeilen, sondern zb. ALLE Stilmittel mit Beispielsatz auswendig lernen lassen, ein Verbum in allen Zeiten durchkonjugieren lassen, ein komplettes Skript zur Verfügung stellen, die Grammatik von A - Z genau durchgehen etc. etc. - FERTIGKEITEN!!), ausgezeichnete Sachkenntnis des Lehrers (ohne Unsicherheit, die Lücken und somit Langatmigkeit erzeugt) damit man als Schüler mal weiß, warum der Lehrer auf das kommt, worüber er da spricht. Dann bleibt meiner Meinung nach das Gelernte besser im Gedächtnis haften als das sture Vorbeten von Seiten des Lehrers.

Verglichen mit dem Schulunterricht ist der Unterricht an der Universität um vieles (in jeder Hinsicht) besser - > freies Lernen, angstfreies Lernen,
interessante Gestaltung, ausgezeichnete Sachkenntnis der Lehrenden,
Anregung zum Nachdenken auf Grund des bisher Gelernten OHNE, wie oben kritisiert, ins Plaudern abzuschweifen.

Sicherlich würde mir dazu noch viel viel mehr einfallen....

es grüßt

Fautor
Multo maxumum bonum patriae, civibus, tibi, liberis, postremo humanae genti pepereris, si studium pecuniae aut sustuleris aut, quoad res feret, minueris. (Sallust in seinem 2. Brief)
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Beitragvon Apollonios » So 18. Mai 2008, 15:51

Latein-Fan hat geschrieben:Dafür beschäftigt man sich mit der Ableitung x-ten Grades einer Integralfunktion ohne 2 + 2, übertrieben gesagt, addieren zu können -

Wie wahr! Zwei eigene Erfahrungen aus dem humanistischen Gymnasium, das ich wenige Jahre ertrug:
1. Kunstunterricht: eingehende Beschäftigung mit der Technik der Kupferstiches - ohne auch nur einmal das fußläufig 20 min. entfernte Kupferstichkabinett zu besuchen.
2. Biologieunterricht: monatelanges Anöden mit Einzellern, aber außer mir konnte kein Schüler fünf einheimische Bäume zweifelsfrei erkennen.
Die anderen Fächer spare ich mir (und Euch), es war nicht anders.
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Beitragvon nighean_neonach » So 18. Mai 2008, 17:08

Apollonios hat geschrieben:aber außer mir konnte kein Schüler fünf einheimische Bäume zweifelsfrei erkennen.


Und wieviele Schüler, selbst in den höheren Klassen, wissen nicht, wo Frankreich oder Finnland auf der Europakarte liegt, geschweige denn, was die jeweiligen Hauptstädte sind, oder auch wie bei ihnen zu Hause der örtliche Bürgermeister heißt oder welche Partei gerade in der Landesregierung an der Macht ist... und das sind eigentlich alles Dinge, die ich meiner Erinnerung nach nicht in der Schule gelernt habe, sondern zu Hause oder irgendwo so zwischendurch aufgeschnappt habe, aber bei den meisten Leuten scheint das nicht zu passieren. Das sind also leider Dinge, für die die Schule zuständig ist - und leider sind solche Dinge erst mal wichtiger, bevor man zu den höheren geistigen Themen kommt.
Zuletzt geändert von nighean_neonach am So 18. Mai 2008, 19:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon juergen » So 18. Mai 2008, 19:11

Latein-Fan hat geschrieben:Verglichen mit dem Schulunterricht ist der Unterricht an der Universität um vieles (in jeder Hinsicht) besser - > freies Lernen, angstfreies Lernen,
interessante Gestaltung, ausgezeichnete Sachkenntnis der Lehrenden,
Anregung zum Nachdenken auf Grund des bisher Gelernten OHNE, wie oben kritisiert, ins Plaudern abzuschweifen.

Naja......

Als ich mein Diplom gemacht habe, war es so. Man konnte völlig frei lernen, auch mal eine ganze Vorlesung nicht besuchen und sich den Stoff anders aneignen - Hauptsache, man hatte ihn zur Prüfung parat - egal wo man ihn her hatte. Ich habe in Fächern, die mich interessierten 4 Seminarscheine gemacht, obwohl nur einer Pflicht war etc. etc.
SO stelle ich mir ein Studium vor und auch sog. "studentische Freiheit".
Und JA, ich bin in der normalen Regelstudienzeit fertig geworden.
Das ganze war ein einer kleinen Hochschule mit insgesamt 150 Studenten, verteilt auf 8 bzw. 10 Semester mit etwa 15 Professoren nebst einigen wiss. Mitarbeitern.


ABER dann....
...dann habe ich ein Zweitstudium (Lehramt) an der Uni begonnen...
- 150 Studenten in einem Seminar (nicht Vorlesung) waren keine Seltenheit. Jeder sollte natürlich eine Hausarbeit schreiben. Aber es gab nur 20 Theman, also sollte man sowas in Teamarbeit machen :shock: - Völliger Unsinn ist sowas!
- Anwesenheitslisten auch in Vorlesungen
- "Deutschtests" zu Beginn eines Seminars in Geschichte, um so die Teilnehmerzahl drücken zu können (Wer 2 Fehler in einer schriftl. Hausarbeit von 2 Seiten hatte, mußte das Seminar verlassen.)
- Seminare, die 4stündig waren, wovon 2 Stunden der Prof. übernahm und die anderen 2 Stunden sog. "Tutoren" - also Studenten (ab dem 5. Semester), die selbst kaum eine Ahnung hatte.
- total "verschultes" System, in dem man gleichsam gezwungen war, bestimmte Seminare in bestimmten Semestern zu belegen.
- etc. etc. etc.

Man kann sich sicher leicht vorstellen, daß ich es in so einem System, nachdem ich anderes gewohnt war, nicht lange ausgehalten habe.


Thema "Plaudern"
Ich habe sehr gute Vorlesungen besucht in denen der Prof. tatsächlich "plauderte". Er nannte das selbst so. Es war im (Unter)fach "christliche Archäologie" und der Prof. zeigte Photos, Dias etc. und erzählte frei von der Leber weg, was es damit auf sich hatte.
Es war eine der besten Vorlesungen, die er machte, wo auch inhaltlich unheimlich viel "rüberkam", einfach, weil der Prof. wirklich in der Materie drin steckte und er diese Fach selbst sehr gerne machte. Andere Vorlesungen - insbesondere mittelalterlicher Stoff - waren bei ihm eher zäh.
Zuletzt geändert von juergen am So 18. Mai 2008, 19:15, insgesamt 1-mal geändert.
Gruß Jürgen

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Beitragvon romane » So 18. Mai 2008, 19:15

[quote="juergenetwa 15 Professoren nebst einigen wiss. Mitarbeitern.
...

ABER dann....
...dann habe ich ein Zweitstudium (Lehramt) an der Uni begonnen...
- 150 Studenten in einem Seminar (nicht Vorlesung) waren keine Seltenheit. Jeder sollte natürlich eine Hausarbeit schreiben. Aber es gab nur 20 Theman, also sollte man sowas in Teamarbeit machen :shock: - Völliger Unsinn ist sowas!
- Anwesenheitslisten auch in Vorlesungen
- "Deutschtests" zu Beginn eines Seminars in Geschichte, um so die Teilnehmerzahl drücken zu können (Wer 2 Fehler in einer schriftl. Hausarbeit von 2 Seiten hatte, mußte das Seminar verlassen.)
- Seminare, die 4stündig waren, wovon 2 Stunden der Prof. übernahm und die anderen 2 Stunden sog. "Tutoren" - also Studenten (ab dem 5. Semester), die selbst kaum eine Ahnung hatte.
- total "verschultes" System, in dem man gleichsam gezwungen war, bestimmte Seminare in bestimmten Semestern zu belegen.
- etc. etc. etc.
[/quote]

Allein aus diesem Grunde halte ich persönlich die Studiengebühren für wichtig; die Universitäten werden sich dann an ihrem Niveau messen lassen müssen, denn ansonsten vergraulen sie ihre Kunden.
Die Freiheit ist ein seltsames Wesen - wenn man es gefangen hat, ist es verschwunden

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Beitragvon juergen » So 18. Mai 2008, 19:35

romane hat geschrieben:Allein aus diesem Grunde halte ich persönlich die Studiengebühren für wichtig; die Universitäten werden sich dann an ihrem Niveau messen lassen müssen, denn ansonsten vergraulen sie ihre Kunden.

Das Niveau sollte man aber nicht am Einkommen der Eltern festmachen. Ich bin für einen freien Zugang zu allen Hochschulen, sofern die schulischen Leistungen stimmen.

Da sollten aber schon in den Schulen der Sekundarstufe die Lehrer die Möglichkeit haben, einen Schüler mal sitzenbleiben zu lassen, ohne daß es gleich irgendwelche Elternabende und ähnliches gibt. Das Niveau wird doch schon dort - man verzeihe mir das Wort - "versaut".

Ferner habe ich den Eindruck, daß sowohl an den Schulen als auch bei vielen Studenten nur deswegen "gelernt" wird, um eine gute Note zu bekommen oder eine Prüfung zu bestehen.
Zwei Tage vor der Prüfung den Stoff ins Kurzzeitgedächtnis gepaukt und zwei Tage nach der Prüfung wieder vergessen...

Und mir sage keiner, daß das nicht möglich ist. Mit dem System habe ich vor zig Jahren - ich glaube 1986 - mal eine Prüfung für ein Seefunkzeugnis bei der Post abgelegt: Samstag und Sonntag gab es einen Crash-Kurs und montags war Prüfung bei der Post. Bis zum Ende der Woche hatte man zwar das meiste vergessen, aber man hatte das amtlich bestätigte sog. "Beschränkt gültige Sprechfunkzeugnis für Ultrakurzwellen" in der Tasche. (Dieses Zeugnis gibt es heute in der Form nicht mehr, ist aber noch gültig)

Insgesamt scheint mir, daß vielfach gar nicht der Wunsch da ist, "für das Leben" (oder den Beruf) zu lernen, sondern nur für die Prüfung.
Selbst absolut notwendiges "Handwerkszeug" ist teils nicht vorhanden. Ich habe Studenten erlebt, die Religion auf Lehramt studierten und im 2. Semester noch nichtmals eine Bibel besaßen... Ich war da mal in eine Stunde in eine Veranstaltung im Fach Neues Testament an die Uni gegangen, weil der Prof. an der theol. Fakultät neuer NT-Ordinarius werden sollte und ich ihn mal hören wollte, und neben mir saß so ein Student, der sich erst wunderte, daß ich neben einer dt. Bibel auch ein Novum Testamentum Graece auspackte und mich dann fragte, ob er mit in meine (dt.) Bibel gucken dürfe, da er sowas nicht besitze.
Die griechische Version hat er keines Blickes gewürdigt :lol: Möglicherweise hat er auch gedacht, daß da ein "Spinner" neben ihm sitzt. :roll:
Gruß Jürgen

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