Didaktisches Problem.

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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Didaktisches Problem.

Beitragvon Laptop » So 4. Nov 2012, 06:44

Mir ist folgende didaktische Schwachstelle aufgefallen. Oft wird eine grammat. Regel genannt, samt einer Aufzählung von Ausnahmen.

Wenn ich bspw. in einem Lehrbuch sage: Spinnenbisse sind selbst für Kinder i. d. R. ungefährlich, ausgenommen der Bisse der Schwarzen Witwe, der Taranteln, der Kammspinnen, … Was prägt sich dem Leser ein? die Ausnahmen hat er vor Augen, nicht die Regel. D. h. man erreicht didaktisch genau das Gegenteil von dem was man erreichen möchte.
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Re: Didaktisches Problem.

Beitragvon RM » So 4. Nov 2012, 10:21

Wie würdest Du es denn machen? Bei den Spinnen ist es vielleicht lebenswichtig, die Ausnahmen zu kennen, nicht aber die Regel. Wie meinst Du, ist das in der Grammatik?

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Re: Didaktisches Problem.

Beitragvon Laptop » Mo 5. Nov 2012, 01:46

Ich würde es machen indem ich die tatsächlichen Mengenverhältnisse einigermaßen realistisch auf die Anzahl der Beispiele übertrage. Nicht einen Regelfall und 5 Ausnahmen anführen, sondern 50 Beispiele nach der Regel und 5 Ausnahmefälle. Das Bestreben “im Druckwerk Platz sparen” wirkt sich mnemotechnisch nachteilig auf den Leser aus.
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Re: Didaktisches Problem.

Beitragvon RM » Mo 5. Nov 2012, 08:25

Laptop hat geschrieben:... die tatsächlichen Mengenverhältnisse ...

Ausnahmen treten relativ häufig auf. Die prominentesten Beispiele sind die Formen von esse. Aber die Ausnahmen gründlicher zu lernen, hat Sinn, denn der Regel wird man häufig genug begegnen, um sie zu üben.

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Re: Ausnahmen

Beitragvon Prudentius » Mi 7. Nov 2012, 17:44

Ausnahmen von Regeln gibt es nicht - vorausgesetzt der Geltungsbereich der Regel ist eindeutig abgegrenzt. Die Regel "Jede Zahl hat einen Vorgänger" gilt ohne Ausnahmen nur für natürliche Zahlen > 1 und ganze Zahlen, aber nicht für Brüche.
In der Grammatik gibt es so viele Ausnahmen, weil die Regeln nur aus Beobachtung von Beispielen gewonnen sind, also induktiv, und damit den Fehlschluss der unvollständigen Induktion ermöglichen.

Für die Ausnahmen haben wir die Satzform "Konzessivsatz": "Obwohl es nach der Regel so und so heißen müsste, heißt es hier anders", leider bringen die Grammatiken das nicht.

Gruß P. :)
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Re: Didaktisches Problem.

Beitragvon RM » Mi 7. Nov 2012, 21:55

Regeln sind weder Naturgesetze noch Axiome. Insofern dürfen sie auch Ausnahmen zulassen.
Ansonsten freue ich mich immer wieder, wenn Beweise durch vollständige Induktion geführt werden. :wink:

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Re: Didaktisches Problem.

Beitragvon Prudentius » Fr 9. Nov 2012, 16:45

Regeln sind weder Naturgesetze noch Axiome.


Du sagst ja nur, was sie nicht sind; sie sind: All-Aussagen, generelle Konditionale, "Wenn etwas A ist, dann ist es B", A ist Teilmenge von B. Ausnahmen kann es nicht geben.

Beweis durch "vollständige Induktion" (um dir eine Freude zu machen): Regel: "Alle einstelligen Zahlen sind kleiner als 13". Beweis in einzelnen Schritten: 1 < 13, 2 < 13, ... bis 9 < 13.
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