Das Lateinstudium

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Laptop » Do 18. Apr 2013, 22:05

Das Argument “die gewinnen Motivation, wenn sie einen Satz erfolgreich übersetzen können” sagt nichts über die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit selbst aus. Setzt man den letzten Bierdeckel auf einen 2 Meter hohen Bierdeckelturms stellt sich auch stolze Freude ein. Insofern sehe ich hier für dieses Argument keine Relevanz.

Wir wollen im Grunde das gleiche: wir wollen unseren Aufwand an Zeit und Mühe, und den unserer Mitmenschen reduzieren. Laßt uns den Konsens bilden, daß Übersetzungdidaktik eine sehr langsame Mühle ist, und so langsam, daß es legitim ist nach Alternativen zu suchen.
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Zythophilus » Do 18. Apr 2013, 22:26

Oft ist es in solchen Zusammenhängen durchaus auch wichtig, relativ leicht erreichbare Ziele zu haben, deren Erreichung eine gewisse Zufriedenheit verschafft. Einem Dreizehnjährigen Latein schmackhaft machen zu wollen, indem man ihm von der Aeneis vorschwärmt, die er nach drei oder vier Lernjahren einmal lesen wird, wird in den meisten Fällen scheitern. Für einige ist es sicher schon ein Erfolgserlebnis einen banalen Satz, der für den Wissensstand des Lernenden einen relativ hohen Schwierigkeitsgrad aufweist, korrekt übersetzt zu haben. Sollte dieser Satz noch eine interessante inhaltliche Komponente besitzen, ist das natürlich besser, aber nicht immer nötig. Das motivierende Erfolgserlebnis, das natürlich eigener Anstrengung bedarf, sollte relativ nahe liegen, und das ist zunächst einmal der nächste Satz im Elemen´tarlernbuch oder auch die Deklinationsübung.
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Medicus domesticus » Do 18. Apr 2013, 22:31

Einfach ist es einfach Kinder zu haben, die Latein lernen und die dir sagen....der Lateinlehrer ist das Problem oder nicht.. ;-)
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Pyrrha » Fr 19. Apr 2013, 02:51

Die Bedenken bez. des Lateinstudiums kann ich gut nachvollziehen.
Ich habe mich während meiner ersten Studienjahre (in Göttingen) aus Interesse ab und zu bei den Lateinern in ein Seminar gesetzt, habe mich aber sehr schnell zu den Mittel-und Neulateinern orientiert. Das war immer noch sprachlich fokussiert, was mich aber in dem Fall nicht gestört hat - ich wollte ja interessante neue Texte kennen lernen! - aber das Niveau war höher und es gab weniger Arbeitsvermeidungsstrategien. Bei den klassischen Lateinern ist mir noch sehr gut eine Studentin im Hauptstudium in Erinnerung geblieben, die sich beschwert hat, dass Senecas Phaedra so schwer sei, weil es davon keine deutsche, sondern nur eine englische Übersetzung in der Bibliothek gebe (!!!). Bei den Mittel- und Neulateinern hingegen kann man ja froh sein, wenn es überhaupt eine Übersetzung gibt; ich war da im wesentlichen die letzte, die beim Italienischlernen nachgezogen ist. Überhaupt hat es mich an dem Fach fasziniert, dass so wenig erschlossen ist und man viel mehr auf sich allein gestellt ist, ohne sich auf große Vorarbeiten verlassen zu können, während ich im klassischen Latein wenig Sinn darin sehe, den eine Million und ersten Kommentar zu Horaz zu schreiben. Es gab mehr offene Fragen, weniger fertige Antworten auf alles. Gereizt hat mich aber auch, dass man am Ende so viel wissen muss: die antike Literatur, aber auch Geschichte inklusive Militär- und Kirchengeschichte, gute Lateinkenntnisse (natürlich), aber auch Englisch, Französisch, Italienisch, außerdem Paläographie. Ganz im Gegensatz zu den klassischen Lateinern, wo halbwegs gutes Latein und rudimentäre Geschichtskenntnisse auszureichen schienen. In unserem kleinen Seminar hat sich sehr bald eine Aufgabenverteilung bezüglich der jeweiligen Spezialgebiete herauskristallisiert, eine Kommilitonin hatte die katholische Kirche und Walther von Châtillon, ein anderer Italien/Italienisch und klassische Philologie, also klassische Literatur und Grammatik, ein Dritter Frühmittelalter und Militär; mir als Mathematikerin wurde die Astronomie übertragen, mit eher mäßigem Erfolg.
Später hat es sich dann ergeben, dass ich einer Historikerin einige lateinische Quellen übersetzt habe, und ich bin mir ziemlich sicher, dass der so mancher Latein-Lehrämtler damit größere Schwierigkeiten gehabt hätte als ich als Fachfremde, weil eben mehr als nur Textarbeit nötig war - ein paar Mitglieder hier erinnern sich ja vielleicht noch an die Anfragen, die ich desbezüglich in diesem Forum gestellt habe.

Stilübungen habe ich einmal mitgemacht, weil ich mein aktives Latein mal einer Nagelprobe unterziehen wollte, aber statt der Herausforderungen, die ich mir erhofft hatte (à la FAZ-Artikel übersetzen ) gab es nur Caesar-Rückübersetzungen, und Sprachgefühl schien nicht erwartet zu werden, alle Fragen wurden mit RH und Menge erschlagen.

All dies bedeutet natürlich nicht, dass es nicht trotzdem einige exzellente Lateiner bei den klassischen Philologen gab. Leider waren aber auch einige darunter, die nach mehreren Jahren Studium weniger beschlagen waren als ich nach dem Abi. Und über Wissenschaftlichkeit im engeren Sinne spreche ich ja bisher noch gar nicht.


Dass Übersetzungen eine nicht zu vernachlässigende Leistung darstellen, will ich nicht bestreiten, Prudentius - hast du schon versucht, Shakespeare in gutes und gepflegtes Deutsch zu übertragen? - aber den ersten und wichtigsten Sinn des Sprachenlernens sehe ich nicht darin, Übersetzungen anzufertigen, sondern sich in der Sprache sicher und souverän zu bewegen, und im Fall des Lateinischen bedeutet das heutzutage nun einmal in erster Linie das flüssige Lesen. In den modernen Fremdsprachen ist das nicht anderes, und wer Übersetzen lernen will, studiert Übersetzen und nicht Anglistik. Ich kann mich übrigens nicht erinnern, im Schulunterricht Übersetzungsübungen aus dem Englischen oder Französischen gesehen zu haben. Man zäumt das Pferd von hinten auf, wenn man zuerst das Übersetzen und danach das Lesen vermittelt, und genau da liegt ja zu einem beträchtlichen Teil das Problem, dass viele Schüler übersetzen, ohne auch nur den blassesten Schimmer zu haben, worum es in dem Text eigentlich geht.

Was das Aha-Erlebnis beim Lateinübersetzen betrifft, ist es ja leider so, dass Latein nicht als Sprache, sondern als Puzzlespiel gelehrt und auch aktiv als solches beworben wird ("wenn das Kind gut in Mathe ist, wird ihm Latein leicht fallen"), und somit richtig übersetzte Sätze einen ähnlichen Effekt haben wie Sudokus. Ich finde es auch augenfällig, dass Lateinschüler sich deutlich mehr über das Vokabellernen zu beschweren scheinen als das im modernen Fremdsprachenunterricht geschieht, aber ich glaube irgendwie nicht, dass im Lateinunterricht mehr Vokabeln gelernt werden, sondern eher, dass diese wegen der fehlenden aktiven Nutzung schlechter hängenbleiben.

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon RM » Fr 19. Apr 2013, 08:17

Pyrrha, ich bin voll Deiner Meinung. Interessant, dass auch aus Dir offensichtlich keine klassische Philologin geworden ist, sondern Du etwas ganz anderes machst. Leider werden Leute wie wir von den Philologen erst wahrgenommen, nachdem sie das dritte Buch über ein philologisches Thema veröffentlicht haben. Ist aber o.k. - das kriegen wir auch noch hin ... :) Ich beschäftige mich ebenfalls lieber mit Gebieten, wo es wirklich noch etwas zu forschen gibt und bin dadurch einerseits natürlich im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, auf der anderen Seite in den Digital Humanities gelandet. Letzteres ist auch in der Altphilologie der einzige richtig große Boomsektor. Und offensichtlich sind wir uns einig, dass es mit der Altphilologie im gewohnten Trott nicht weitergehen kann, wenn sie noch einen wissenschaftlichen Anspruch erfüllen will.

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Medicus domesticus » Fr 19. Apr 2013, 08:43

Sehr interessant, was du geschrieben hast, Pyrrha. Du hast in vielen Dingen den Punkt getroffen. Den klassischen Lateinern hier wird das in einigen Punkten vielleicht weniger gefallen. Ich beschäftige mich auch viel mit lateinischen Texten, die noch nicht übersetzt wurden (gerade auch im medizinischen Bereich). Wichtig ist da tatsächlich ein schnelles Leseverständnis. Latein hat auch viel mit Interesse zu tun: Ich war am WE mal mit meinem ältesten Sohn, der Latein lernt, im Kreuzgang unserer Kirche und wir haben uns die lateinischen Inschriften angeschaut. Es hat ihm viel Spaß gemacht, das zu übersetzen und im Zusammenhang zu verstehen. Aber ich muß immer wieder sagen, dass der oder die Lehrer, die man in Latein gehabt hat, ausschlaggebend sind, ob das Interesse an Latein weiter besteht oder nicht. Bei mir war es auch so bis zum LK Latein mit damals 11 Leuten bei 38 Abiturienten! "Fachfremd" Latein zu betreiben ist m.E. viel gewinnbringender. Man versteigt sich nicht so leicht in die üblichen grammatisch/sprachlichen Probleme der klassischen Philologen und man hat viel mehr Neugierde, was verschiedenste lateinische Texte betrifft. Was mir gar nicht gefällt, ist oft die Borniertheit der klassischen Philologen, die außer Cicero/Caesar nichts zulassen.
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Re: Methusalem

Beitragvon Prudentius » Fr 19. Apr 2013, 15:58

Ich möchte mal ein paar Punkte vorbringen, seid aber nachsichtig mit mir wegen Borniertheit; wir überblicken alle nur Teilbereiche, keiner kann auf zwei Pferden gleichzeitg reiten, ihr auch nicht. Ich will auch keine Übelstände beschönigen, nur verständlich machen.

- Wir Lateiner sind nicht gewohnt, in der Grammatik nach draußen zu blicken. Umgekehrt, es richten sich ja alle anderen nach uns, die chinesische und die arabische Grammatik verwenden lat. Terminologie, es werden sogar Erscheinungen, die es im L gar nicht gibt, lateinisch bezeichnet: "status constructus", "Mater lectionis" in den semitischen Sprachen. Da fällt es uns schwer anzuerkennen, dass wir von den Neusprachlern zu lernen haben.

- Wir sehen uns als in jahrhundertelanger Tradition stehende Hüter klassischer Kulturwerte, das Klassische strahlt und erhebt, da braucht es keine Erklärungen, man muss nur den Schüler vor die Texte setzen. Daher die Neigung mancher, es nur beim Übersetzen zu belassen.

- Für das humanistische Weltbild ist das "imperium Romanum" Ideal und Muster, Augustus ist (neben Christus) die Leitfigur, auf die sich alle Blicke richten; noch bis vor hundert Jahren konnten wir uns als Erben und Mitglieder dieses Reiches empfinden. Erst mit dem Bruch nach dem 1. Weltkrieg sehen wir uns überhaupt erst in der Situation, unsere Berechtigung nachweisen zu müssen (allerdings ging schon im 19. Jh. mit dem Aufstieg der Naturwissenschaften der Rückgang des Lateins los).

dem sollte man empfehlen, sich einen Job zu suchen, von dem er mehr versteht ... :roll:


Gott sei Dank, brauche mir keinen Job mehr zu suchen, ich glaube ich hätte mich lieber Methusalem statt Prudentius nennen sollen :-D ,

Gruß P. :)
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Pyrrha » Fr 19. Apr 2013, 17:14

Deine Punkte, Prudenti, kann ich vom psychologischen Standpunkt her nachvollziehen. Die Argumente beziehen sich ja auf den didaktischen und allgemeinbildenden Aspekt des Lateinichen, der meiner Meinung nach vom streng wissenschaftlichen zu trennen ist - das Gymnasium hat ja keinen wissenschaftlichen, sondern einen bildenden Anspruch. Allerdings sollte die klassische Philologie einen Anspruch haben, der ueber das Gymnasium hinausgeht.
Interpretiert man das Ganze aber von der wissenschaftlichen Seite her, scheinen mir deine Punkte ein Symptom dafuer zu sein, dass die heutigen klassischen Philologen sich vom Selbstverstaendnis her historisch am ehesten mit der Artistenfakultaet identifizieren, die natuerlich eine zentrale Rolle in der akademischen Welt spielte, die aber, wahrscheinlich im Gegensatz zu der Auffassung der Professoren, fuer den Grossteil der Studenten nur die Vorstufe der weiterfuehrenden Studien in Recht, Medizin oder Theologie war und keinen Selbstzweck darstellte. Heutzutage ist es aber nun einmal so, dass die Faecher des Quadrivium nicht mehr das Trivium voraussetzen, und eine Wissenschaft, um anerkannt zu werden, einen wissenschaftlichen Mehrwert vorzuweisen hat, und wenn sich die Lateiner auf ihre Rolle als Hueter und Vermittler des kulturellen Erbes beschraenken, ohne zu versuchen, die menschliche Erkenntnis zu erweitern, dann sind sie eben keine Wissenschaftler im modernen Sinne.
Dieses Bild ist natuerlich ueberzeichnet, und es gibt viele Philologen, die sich ihres wissenschaftlichen Auftrags durchaus bewusst sind, aber es hat vielleicht einen wahren Kern, genau wie deine ueberzeichneten Punkte einen wahren Kern haben.

Ueber das Lateinstudium kann ich natuerlich nur als Aussenstehende sprechen und uebersehe sicherlich auch einiges; ich glaube aber, ein grosser Teil des Problems liegt darin, dass das Lateinstudium dieser Tage zu sehr auf die Lehrerausbildung fokussiert ist. In diesem Zusammenhang waere es mal interessant, Zahlen zu haben, wie viel Prozent eines Jahrgangs auf Lehramt studieren und wie viele das anpeilen, was bis vor kurzem ein Magister war (heute heisst ja beides Master). Mittel-und Neulatein war jedenfalls gerade deswegen so attraktiv, weil die Studenten ein echtes und tiefergehendes wissenschaftliches Interesse hatten, waehrend ein Teil der Lehraemtler das Studium als reine Ausbildung betrachten und damit leider das generelle Niveau senken. Ich weiss nicht, wie das in anderen Geisteswissenschaften aussieht, aber in den Naturwissenschaften ist es so, dass die Lehraemtler ab etwa dem dritten oder vierten Semester getrennte Wege gehen. Fuer kuenftige Lateinlehrer ist natuerlich die Sprachbeherrschung das A und O, und insofern ist es sinnvoll, weiterhin sprachpraktische Uebungen fuer sie anzubieten, aber fuer wissenschaftlich interessierte Studenten hat es eigentlich keinen Sinn, sich im Hauptstudium noch auf Uebersetzungen zu konzentrieren; spaetestens hier sollte die Literaturtheorie einsetzen. Wer wissenschaftlich interessiert ist, sollte aus eigenem Interesse die sprachlichen Voraussetzungen mitbringen. Vielleicht muesste in den ersten Semestern mehr gesiebt werden, eine saftige Stilklausur im ersten Studienjahr oder so... Wenn es anderen Geisteswissenschaftlern zuzumuten ist, innerhalb eines Semesters Latein bis zum kleinen Latinum nachzuholen, dann muesste so etwas auch vertretbar sein.
In den fortgeschrittenen Seminaren koennte man sich vielleicht an den Theologen orientieren, die scheinen es ja halbwegs zu schaffen, auf der Grundlage eines eher beschraenkten, aber gut erschlossenen Textkorpus und seiner Rezeptionsgeschichte trotzdem tiefgruendig zu forschen. Die neueren Sprachen sind da wahrscheinlich kein gutes Vergleichsobjekt, weil sie auf ein viel groesseres und staendig wachsendes Textkorpus zurueckgreifen koennen.

Roberte, ich habe mich fuer die Mathematik u.a. deswegen entschieden, weil es viel leichter ist, Latein als Hobby zu betreiben als Mathematik. Und das mit dem frischen Wind, was du beschreibst, Medice, stelle ich auch immer wieder fest. Ohne uns Fachfremde waeren die Philologen schon arm dran, was? :D
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon RM » Fr 19. Apr 2013, 18:02

Mathematik als Hobby eines Lateiners, das wäre ja mal was! Mathematik ginge ja fast noch, aber z.B. Medizin oder Physik als Hobby halte ich für ziemlich aussichtslos. Daher also die Naturwissenschaftler, die geisteswissenschaftliche Hobbys haben, und von den Philologen argwöhnisch angeschaut werden, weil sie nicht vom Fach sind, sich aber trotzdem anmaßen, immer mal wieder eine gute Idee zu haben!
Ich halte das Übergewicht der Lehrerausbildung für sehr gefährlich, da es längerfristig durch geistigen Stillstand (es werden immer dieselben und immer weniger Dinge gemacht) ein existenzielles Risiko für das ganze Fachgebiet darstellt. Noch - oder wieder - geht es den Altphilologen ganz gut, aber in ein paar Jahren werden sinkende Schülerzahlen wieder zu Panikattacken führen.

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Laptop » Sa 20. Apr 2013, 11:19

Diesen Satz möchte ich mal herausheben, weil er den wunden Punkt der Leistungspflicht trifft
eine Wissenschaft, um anerkannt zu werden, einen wissenschaftlichen Mehrwert vorzuweisen hat, und wenn sich die Lateiner auf ihre Rolle als Hueter und Vermittler des kulturellen Erbes beschraenken, ohne zu versuchen, die menschliche Erkenntnis zu erweitern, dann sind sie eben keine Wissenschaftler im modernen Sinne.

Um ein Beispiel zu nennen, die Arbeit um Thesaurus Linguae Latinae ist ein solcher echter wissenschaftlicher Mehrwert, mit so einem Projekt können Altphilogen den Ruf des “bloßen Museumswächters” entkräften. Scheinbar halten das viele nicht für nötig – und das Klischee der Hybris im Elfenbeinturm wird nur untermauert. “Theoretisch und praxisfern” muß nicht heißen unproduktiv. Die Mathematik z. B. produziert viele neue Erkenntnisse, deren Anwendung noch nicht klar ist und vielleicht auch nie stattfinden wird. Die Produkte der Altphilologie sind im Verhältnis zu anderen Fakultäten eher spärlich, und die Forschung tröpfelt vor sich hin, oder seht ihr das anders?
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon RM » Sa 20. Apr 2013, 11:56

Laptop hat geschrieben:Die Produkte der Altphilologie sind im Verhältnis zu anderen Fakultäten eher spärlich, und die Forschung tröpfelt vor sich hin, sehe ich das richtig?

Naja, punktuell werden ja neue Wege eröffnet wie z.B. im Bereich der Digital Humanities an der Universität Leipzig. Auf diesem Gebiet könnte man einiges an Wichtigem leisten. Ich sehe aber (noch) nicht, dass dafür überhaupt ein breites Interesse seitens der Dozierenden oder der Studenten vorhanden ist. Die Professoren alter Schule - also diejenigen, die ihren Homer oder Vergil noch auswendig können - meinen, das nicht zu benötigen und die "normalen" Altphilologen arbeiten nicht gerne mit so großen Textmengen.
Ich persönlich meine, dass die unproduktive Phase des reinen Spracherwerbs im Studium zu lange dauert. 2 Semester lang Lateinisch sprechen zu lernen würde es gewaltig abkürzen - man sieht das z. B. an den Ergebnissen von Luigi Miraglias Accademia. Schon in einer einzigen Lateinwoche kann die Basis für ein besseres Sprachverständnis gelegt werden. Wir haben regelmäßig Schüler dabei, die sich am Anfang kaum trauen, ein Wort zu sagen, am Ende aber ganz flüssig reden. Um wissenschaftlich zu arbeiten, wäre es notwendig, viel Text in kurzer Zeit zu verstehen, ohne übersetzen zu müssen. Dazu muss man nicht unbedingt den Menge auswendig lernen (auch von den römischen Schriftsteller halten sich nicht alle dran). Was aber in der Ausbildung künftiger Lateinlehrer trotz allem zu kurz kommt, ist das aktive Beherrschen der Sprache. Wozu braucht man das? Z. B. zum Erstellen von Texten für die Schulaufgaben und Klassenarbeiten. Ich habe da schon einige üble Stilblüten und Fehler erlebt, von denen sich auch in Schulbüchern etliche finden.
Daher meine Meinung: Lateinisch Sprechen und Schreiben ins Studium einbauen, die Arroganz gegenüber lateinischen Schriftstellern des 2.-19. Jhdt. abbauen und schon geht's auch mit dem wissenschaftlichen Anspruch wieder voran.

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Pyrrha » So 21. Apr 2013, 00:16

Was du zur zu langen Spracherwerbsphase sagst, Roberte, lässt sich nicht leugnen, vor allem weil Latein ja eigentlich mitgebracht wird. Ok, Griechisch oft nicht, aber in verschiedenen anderen sprachlichen Fächern muss mehr als nur eine neue Fremdsprache von Grund auf gelernt und zur Praxisreife gebracht werden, und die Sprachen, um die es da geht, sind nicht weniger komplex als Latein und Griechisch.


Im Übrigen ...
Pyrrha hat geschrieben:...dass das Lateinstudium dieser Tage zu sehr auf die Lehrerausbildung fokussiert ist. In diesem Zusammenhang waere es mal interessant, Zahlen zu haben, wie viel Prozent eines Jahrgangs auf Lehramt studieren und wie viele das anpeilen, was bis vor kurzem ein Magister war (heute heisst ja beides Master).

... habe ich mal ein paar Zahlen gefunden (Uni Bamberg, 2007; fehlende Prozente sind Doktoranden):

Germanistik: Diplom 31 : Magister 14 : Lehramt 55
Anglistik: Magister 25 : Lehramt 75
Romanistik: Diplom 18 : Magister 26 : Lehramt 55
Klassische Philologie: Magister 9 : Lehramt 87
Slavistik: Magister 96 : Lehramt 2
Komm.wiss.: Diplom 54 : Magister 46
Orientalistik: Diplom 17 : Magister 77


Also keine 10% der Studenten studieren mit wissenschaftlicher Ausrichtung, und selbst beim am zweitverschultesten Fach ist das immerhin jeder Vierte. Das ist ganz schön deutlich, aber irgendwie nicht unerwartet.


(Quelle: http://kodeks.uni-bamberg.de/slavling/downloads/SK_Split-Magister.pdf)
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon RM » So 21. Apr 2013, 12:06

Pyrrha hat geschrieben:Also keine 10% der Studenten studieren mit wissenschaftlicher Ausrichtung, und selbst beim am zweitverschultesten Fach ist das immerhin jeder Vierte. Das ist ganz schön deutlich, aber irgendwie nicht unerwartet.

Vielleicht sollte man diese abstruse Konstruktion des "Lehramtsstudiums" für Gymnasiallehrer ganz abschaffen - gibt's in anderen Ländern auch nicht. Dann müsste man sich zwar überlegen, ob und wie Kombinationen wie Mathe + Latein, Mathe + Deutsch etc. noch machbar wären, aber die Studenten wären nicht so auf die Schule fixiert und darauf angewiesen, dort einen Job zu bekommen - und die Magisterstudenten könnten trotzdem direkt an die Schulen. Die vielbeschworene "Pädagogik" ließe sich als Nebenfach oder Aufbaustudium machen. Die Staatsexamina könnten bestehen bleiben. Gedient wäre durch diese Vereinheitlichung wahrscheinlich beiden, der Wissenschaft ebenso wie den Schulen.

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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Pyrrha » So 21. Apr 2013, 20:35

Ich glaube, die reformierte Bachelor-Master-Studienordnung ist ein Schritt in die von dir vorgeschlagene Richtung: die Idee ist, sich im Bachelor auf Spracherwerb und Lektüreerweiterung zu konzentrieren und im Masterstudiengang entweder einen erziehungswissenschaftlichen oder einen literaturwissenschaftlichen Abschluss anzustreben. So ist es, glaube ich, gedacht, und das klingt auch sehr sinnvoll, so es denn entsprechend umgesetzt wird (obwohl es mir - rein intuitiv - lieber wäre, die Grenze nach dem zweiten Studienjahr bei der alten Zwischenprüfung zu ziehen, aber das geht nach Bologna wohl nicht). Wie sind da die Erfahrungen? Gibt es hier jemanden, der einen M.A. statt des M.Ed. anstrebt?
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Re: Das Lateinstudium

Beitragvon Prudentius » Di 28. Mai 2013, 20:25

dann sind sie eben keine Wissenschaftler im modernen Sinne


Da zeigt sich der alte, tiefe Dissens zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, die heutige positivistische Wissenschaft hätte uns wohl schon längst am liebsten entsorgt, mitsamt der Theologie und der Philosophie, aber auch ihre wissenschaftlichen Bäume wachsen nicht in den Himmel, ich würde diese Streitereien nicht so ernst nehmen, nicht grollen oder verbittert werden, wir haben auch heute unsere Chancen; an Borniertheit ist jeder selber schuld, die Altphilologie hat jedenfalls Fenster nach allen Seiten hinaus.

Hallo RM, dein LECTOR ist eigentlich ein wunderbares Werkzeug, mit dem man viel Neuartiges machen könnte, hast du nicht eine Idee, wie man ihn für die lat. Grammatik einsetzen könnte? Ich stell mir vor, man könnte mit "*nd* die sämtlichen nd-Formen herbekommen, den gesamten Bestand überschauen, auswerten, nutzbar machen für Übungen, Grammatikbehandlung, feststellen, was am häufigsten vorkommt; interessant wäre auch: welche Rolle spielen diese Formen in der Lyrik des Horaz, z.B. Ich weiß natürlich nicht, was bei euch für Projekte laufen, und was für einen Mitarbeiterstab du zur Verfügung hast. Ich glaube, da kann man noch viel erwarten, vllt. kannst du uns ins Bild setzen,

lgr. P. :)
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