Epikurs klassischer Hamburger

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

Moderator: e-latein: Team

Epikurs klassischer Hamburger

Beitragvon Willimox » So 9. Jun 2013, 18:36

Salvete, sodales!

Hier eine klassische Schnittstelle von Praxisausbildung im referendariat, Textdeutung eines Gedichtes, Interaktion neuerer Lyrik mit einem antiken Philosophen.

Ulla Hahn, promoviert, altphilologisch fundiert, Romanautorin (z.B. Das verborgene Wort), von RR geschätzt, oft auch als altbacken angefeindet - von ihr findet sich ein Gedicht "Epikurs Garten"

Epikurs Garten

Beim Ysop stand er wünschte mir Freude
wie man Guten Tag sagt.
Nicht hungern nicht dürsten nicht frieren.
Das alles ist dir gegeben du darfst
dich selbst messen mit Zeus. Ich notiert es.
Beim Akanthus ließ er sich nieder ich bot ihm Käse
Wein Feigen wir machten es uns glückselig. Der Tod
ist für uns ein Nichts. Keine Empfindung besitzt,
was der Auflösung zufiel. Was aber
keine Empfindung mehr hat — ich notiert es —
das kümmert uns nicht. Wir lauschten dem Ahorn.
Ohne Wissen von der Natur kann man keine Freude
vollkommen genießen. Notiert ich. Wem genug zu wenig ist
dem ist gar nichts genug. Ein griechisch Himmelblau
durchspielte die Reden. Wie notieren? Grün sagte er ist gut
für die Augen Grün ist Leben.
Aber der Sinn fragte ich der Sinn der Sinn des Lebens ist
das Leben sagte er. Ich notiert es.
Wir tranken noch einen Klaren. Lebe verborgen
empfahl er wie man Lebe wohl sagt und verschwand
Madison Ecke 78th wo es die klassischen hamburger gibt. Der
Inopos rauschte vorüber.


Ulla Hahn: Epikurs Garten. Gedichte. dva Stuttgart 1995, s. 40

Für den Altphilologen ein "gmahtes Wieserl", auch für den Neuphilologen, so sollte man meinen.

Caroline Heinrich, jetzt Juniorprofessorin für Didaktik der Philosophie in Paderborn, hat 2004 - 2007 das Referendariat für das Gymnasium abgeleistet. Dabei kam es mit ihrem Seminarlehrer zum Streit, nicht zuletzt auch wegen Hahns Gedicht und seiner Auslegung. Vorgeworfen wurde ihr unter anderem, sie habe Segebrechts Deutung/Wertung arrogant missachtet. Man vergleiche hier einige Aspekte des Falls:

http://www.sueddeutsche.de/bildung/referendare-der-willkuer-der-ausbilder-ausgeliefert-1.1664818-2
Querelen

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-kennst-du-das-beet-wo-die-zitate-bluehn-1332538.html
Segebrecht

http://www.ebe-online.de/home/mhotz/archiv198.html#Strunz
Forum

http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/institut-fuer-humanwissenschaften/philosophie/personal/heinrich/
Heinrich Paderborn

Unabhängig von den Querelen des Referendariats, aber doch auch diese mitbedenkend:
Und weit entfernt von Lehrer-Klatsche - wie interpretiert der kompetente Leser das Gedicht?
Welche Verstehensmöglichkeiten liefert die vorvorletzte, die vorletzte (und die letzte) Zeile?

...... Lebe verborgen
empfahl er wie man Lebe wohl sagt und verschwand
Madison Ecke 78th wo es die klassischen hamburger gibt. Der
Inopos rauschte vorüber.


Bild
Valete
Zuletzt geändert von Willimox am So 9. Jun 2013, 20:24, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
Willimox
Dictator
 
Beiträge: 1970
Registriert: Sa 5. Nov 2005, 21:56
Wohnort: Miltenberg & München & Augsburg

Re: Epikurs klassischer Hamburger

Beitragvon RM » So 9. Jun 2013, 18:51

Epikur in New York zu treffen wäre sicher reizvoll. Wahrscheinlich würde er dort niemandem besonders auffallen.

8) RM
RM
Augustus
 
Beiträge: 4522
Registriert: So 22. Sep 2002, 22:08
Wohnort: Bayern

Re: Epikur verramscht

Beitragvon Prudentius » Sa 15. Jun 2013, 09:59

Hallo,

"Das mag nun konservative Altphilologen irritieren", Segebrecht


Das ist übertrieben, wir sind ja inzwischen von Seiten der modernen Kunst auf alles gefasst :-D !
Aber die Dichterin bekommt Epikur nicht in den Griff, so macht sie ihn zu einer Art geistigem Frührentner, und nachdem sie sich einige Zitate notiert hat, kommt sie auf seine Kost zu sprechen.
Epikur war eine bedeutende Figur, ich versuche mal, ein paar Andeutungen zu geben; er war der Gründer einer der beiden maßgeblichen Schulen des Hellenismus, sein Programm war eine eigenständige Synthese des griechischen Denkens vor ihm, seine Ausstrahlung war enorm, wir sehen es ja sogar bei den Römern, Lukrez preist ihn als Heilsbringer, seine Schule bestand noch Jahrhunderte nach ihm fort; Vergil und Horaz waren von ihm inspiriert, Cicero setzt sich mit ihm in den philosophischen Kernbereichen auseinander (de off., de nat. de.), der Epikureismus wurde zum Schlagwort, fälschlich als Hedonismus verstanden.
Übrigens, seine Lebensführung soll nicht so lustbetont gewesen sein, es heißt (wenn ich mich recht erinnere), er habe unter Gallenkoliken gelitten.
Zu Horaz, dem "Schwein aus der Herde des Epikur", es ist zu bedenken, dass das Bekenntnis in einer Satire steht; das "Carpe diem" ist von Todesgedanken eingerahmt; die fröhliche Aufforderung zu Wein- und Liebesfreuden fügt sich in den Rahmen der dichterischen Konventionen (griech. Symposiendichtung). Horaz hat ein starkes Gefühl für das Maß, im Leben und in der Dichtung ("Est modus in rebus...").

Zu Segebrecht: Mich wundert es, dass ein Zeitungsartikel solche Bedeutung im Referendariat haben kann.

Gruß P. :)
Prudentius
Senator
 
Beiträge: 3191
Registriert: Di 24. Mai 2011, 17:01

Re: Epikurs klassischer Hamburger

Beitragvon Prudentius » Mo 24. Jun 2013, 10:11

Hallo Willimox,

ich kann das Gedicht auch anders wahrnehmen, Überschrift "Gescheiterter Kontaktversuch" zwischen der modernen Dichterin und dem antiken Weisen, Begegnungsfrust mit anschließender Flucht voreinander; um hinten anzufangen: er macht sich am Ende davon, mit demonstrativer Nicht-Einladung der Dame zum Mittagessen. Und sie schließt mit zynischer Zusammenfassung der epikureischen Lehre in der Kurzfassung: "Gut essen, aber es muss bezahlbar bleiben". Sarkastisch der Ausklang: Es rauscht nicht nur der Inopos vorüber, sondern zwei Leute aneinander.
Der Frust des Weisen ist so verständlich: Da kommt eine Tagesbesucherin mit dem Notizblock daher und möchte die tiefsten Einsichten diktiert bekommen. Er fragt sich: weiß sie denn nicht, dass wir ein Kreis von Suchenden sind, die sich auf einem langen Inneren Weg befinden; das Ziel muss man sich selbst erarbeiten. So bleibt ihm nichts anderes übrig als sie mit den Standard-Zitaten zu bedienen.

Der Frust der Dichterin: Epikur bietet statt des erwarteten Tiefsinns nur Allerweltssprüche. Sie drückt ihre Enttäuschung nicht direkt aus, aber sie ist erkennbar an der wiederkehrenden Floskel: Ich notierte es. Sie sagt nicht, aha, darüber will ich nachdenken, das könnte für mich wichtig sein, das ist eine Anregung, das ist eine neuartige Sicht; sie sagt nur: ich notierte es, d.h. ich lege es zu Haus beiseite.

Was die Dichterin nicht gesehen hat: Epikur verstand seine Schule als Freundschaftsbund; dass er allein zum Essen ging, passt da nicht hinein. Epikur war ja ein Sonderfall unter den Schulhäuptern, er hat seine ganze Lehre unter pädagogischem oder pastoralem Gesichtspunkt geschaffen, er wollte nicht die Ontologie erforschen, sondern den Menschen helfen, das sieht man deutlich an seiner Lehre vom Sterben, er wollte nicht in erster Linie die Frage der Unsterblichkeit klären, sondern den Menschen die Todesangst nehmen. Er war eine Art Papst Franziskus unter den Schulhäuptern :-D .

Gruß P. :)
Prudentius
Senator
 
Beiträge: 3191
Registriert: Di 24. Mai 2011, 17:01


Zurück zu Schule, Studium und Beruf



Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste