Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büchern?

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 17. Aug 2013, 18:21

Das ist sehr stark vom Bundesland abhängig, was man wirklich mitbringt (ich rede für Bayern).
Natürlich lernst du einen schriftlichen Stil Ciceros oder Caesars, aber nicht ein wirklich gesprochenes Latein. Das ist auch immer das Witzige: Die Leute damals haben nicht so gesprochen, nämlich nicht in Buchform, genauso wie wir heute nicht. Gesprochenes Latein lernst du eher von Petronius. Meine Kritik der Überlastigkeit Ciceros ist diese, dass es einfach auch andere interessante Autoren gibt, die genauso gut sind und oft unterschätzt werden. Das ist auch die Aufgabe der Schulen, diese Autoren zu fördern. Kein Schüler muß auf die Eintönigkeit eines nur ciceronianischen Stils trainiert werden (das könnt ihr in der klassischen Philologie persönlich machen, wenn es euch gefällt), warum denn? Sie sollen doch Latein viel breiter kennenlernen. Gerade, weil es bis in die Neuzeit da viele interessante Texte zur Auswahl gibt. Ich bin da viel offener geworden, weil ich weiß, was man in Bibliotheken und sonstigen Quellen so findet. Kreativität ist gefragt und nicht nur "verstaubte Talaren". Mich wundert auch immer wieder, dass Lateinstudenten nicht mal auch den Aufstand proben und sich immer unterordnen. Bei uns Mediziner damals wäre so etwas in dieser Art nicht möglich gewesen. Die Lehrerausbildung in Latein sollte vielmehr nicht nur in der klassischen Philologie als Monopol liegen, sondern auch eine mehr allgemeinere Lateinausbildung erfassen, wie das auch in anderen Fächern üblich ist.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Longipes » Mo 19. Aug 2013, 13:38

Cicero oder nicht Cicero - das ist hier die Frage. Und die wird schon seit Jahrhunderten heftigst debattiert. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich auch ohne Cicerolektüre in der Schule (wir haben Ovid, Seneca, Plinius und Vergil gelesen) gut mit der lateinischen Sprache zurechtgekommen bin. Wer nur Cicero und Caesar liest, da gebe ich Medicus Recht, der wird sich bei der Lektüre von Apuleius wie ein Norddeutscher fühlen, den es in ein schwäbisches Dorf verschlagen hat. Die Breite der Lektüre ist besonders wichtig - erst wer verschiedene Autoren kennt, kann Vorlieben entwickeln und sich vielleicht eingehender mit diesem oder jenem auseinandersetzen.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon ataraxia » Mo 19. Aug 2013, 19:27

Longipes hat geschrieben:Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich auch ohne Cicerolektüre in der Schule (wir haben Ovid, Seneca, Plinius und Vergil gelesen) gut mit der lateinischen Sprache zurechtgekommen bin.





Da kann ich leider kaum mitreden. Andere Autoren außer Plinius und Ovid lernte ich leider höchstens in kleineren Texten kennen:sad:
Daher versuche ich im Moment, mir vieles selber anzueignen was nicht ganz einfach ist :?
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Longipes » Di 20. Aug 2013, 06:42

Ich empfehle dir dazu Schulausgaben zu bestimmten Themen, wie beispielsweise Philosophie, in denen kurze Texte verschiedener Autoren zusammengestellt sind. Durch die bekommst du einen guten Überblick.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Zythophilus » Di 20. Aug 2013, 08:31

Finde zunächst einmal heraus, wie dein Studium aufgebaut ist und wo die Schwerpunkte liegen. Caesar und Cicero sagen nicht jedem zu und sind auch wahrscheinlich manchmal im Schulunterricht zu stark vertreten. Dennoch werden sie gewissermaßen als Norm herangezogen, wenn es darum geht, auch vom Deutschen ins Lateinische zu übersetzen. Dass dieser Aspekt gar nicht mehr vorhanden ist, glaube ich nicht.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Prudentius » Di 20. Aug 2013, 10:56

Hallo Medice,

Meine Kritik der Überlastigkeit Ciceros ist diese, ...


Meine Cicero-Stunden als Lateinlehrer liegen zwar schon lange zurück, aber ich möchte doch sagen, wenn du die Verhältnisse in Bayern kanntest, man konnte gar nicht anders, man musste ja die Schüler auf die Abitur-Klausur hinführen, und man war als Lehrer dafür verantwortlich, dass die Schüler gut geübt in diese hineingehen konnten.
Die Kollegstufe bot ein buntes Spektrum ganz unterschiedlicher Autoren, also eine solche Überlastigkeit Ciceros habe ich nie empfunden. Man sollte schon kennen "Quousque tandem..." und "O tempora, o mores!", De re publica ist vom Gehalt her gut geeignet, die Tuskulanen stellen den "Plato Latinus" dar, ersetzen die Apologie und geben eine Ahnung von platonischer Dialog-Philosophie.
Die Hochschätzung Ciceros ist nicht eine moderne Erfindung, sie geht ja auf die Lateiner selbst zurück,

Gruß P. :)
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Longipes » Di 20. Aug 2013, 17:24

Die Lehrpläne bieten da tatsächlich ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten. Die Überlast wird vielleicht deshalb von vielen so empfunden, da Cicero vom inhaltlichen Zugang her ein wesentlich anspruchsvollerer Autor ist als etwa Plinius, Seneca oder Ovid. Eine Kollegin von mir meinte kürzlich, ihr Grundkurs, der gerade die Sestiana behandelte, lese Texte, die er nicht versteht, in einer Sprache, die er nicht versteht. Daher ist für viele Schüler die Cicerolektüre eine Qual und wird als ätzend lang empfunden.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon ataraxia » Fr 23. Aug 2013, 17:39

Es gibt da ja diese Grund und Aufbauwortschätze von Klett.Ich habe hier eine Ausgabe von 1975.Ist es theoretisch möglich,sich für das Studium einen gewissen Wortschatz anzueignen,indem man dieses Büchlein auswendig lernt?
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon romane » Fr 23. Aug 2013, 18:13

Longipes hat geschrieben:Eine Kollegin von mir meinte kürzlich, ihr Grundkurs, der gerade die Sestiana behandelte, lese Texte, die er nicht versteht, in einer Sprache, die er nicht versteht. Daher ist für viele Schüler die Cicerolektüre eine Qual und wird als ätzend lang empfunden.


Häufig fehlt es zum Verständnis besonders an den Grundsatzinformationen - man müsste wohl auch eine Hinführung zum Autor und zum Werk lesen.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 24. Aug 2013, 10:20

romane hat geschrieben:
Longipes hat geschrieben:Eine Kollegin von mir meinte kürzlich, ihr Grundkurs, der gerade die Sestiana behandelte, lese Texte, die er nicht versteht, in einer Sprache, die er nicht versteht. Daher ist für viele Schüler die Cicerolektüre eine Qual und wird als ätzend lang empfunden.


Häufig fehlt es zum Verständnis besonders an den Grundsatzinformationen - man müsste wohl auch eine Hinführung zum Autor und zum Werk lesen.

Romane spricht da einen guten Punkt an. Das Problem bei Cicero in der Lektürephase war - und wir haben ja viel Cicero übersetzt - , dass oft der Background fehlte. Dann natürlich der Stil Ciceros mit ellenlangen, verschachtelten Sätzen, die nicht wenige von uns zur Verzweiflung brachten. Mich hat z.B. bei DE IMPERIO CN. POMPEI AD QVIRITES ORATIO besonders dieser übertriebene, überschwängliche Stil angeödet. Wir hatten eigentlich erst im LK Latein den Wert Ciceros besser erkannt, da da das Übersetzen, das Vokabular und die Grammatik selbst nicht mehr das Problem waren. Wir konnten uns da mehr um das Verständnis kümmern.

@Prudentius: Um deinen Gedächtnis, was den LK Latein und dessen Cicerolastigkeit in Bayern in meiner Zeit betraf, auf die Sprünge zu helfen.. ;-) :

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1. Kurshalbjahr:Satire und Lyrik:
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2. Kurshalbjahr:Rede und Recht:
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K13 Leistungskurs Latein:
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2. Kurshalbjahr: Philosophie und Lebenspraxis:
Cicero (Tusculanae Disputationes)
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Zythophilus » Sa 24. Aug 2013, 10:48

Licetne te Medicum Ciceronianum uocare? :D
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Medicus domesticus » Sa 24. Aug 2013, 11:01

Licet, o Zythophile... ;-)
Wobei man sich noch vorstellen muß, dass wir 6 Stunden Latein pro Woche im LK hatten..
Das wäre sicher eine gute Vorbereitung auf ein Latinistik-Studium.. ;-)
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon ataraxia » Sa 24. Aug 2013, 15:25

@ Medicus domesticus :

Das denke ich auch -ja !


Beneidenswert-bei uns gab es nämlich nichtmal einen LK. :(
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon GurkenPaule » So 25. Aug 2013, 09:41

So wichtig Originallektüre auch ist, ohne ein ausgeprägtes Grammatikwissen kann die auch zur Tortur werden. Es kommt darauf an wie gut der Lateinunterricht in der Schule war, aber ich rate schon an zumindest den Stoff aus Schulzeiten sehr gut zu verinnerlichen bevor man sich an das Lateinstudium heranwagt.

Dies ist nun zwar ein wenif Off-Topic, aber es wurde ja ohnehin schon über den Lateinunterricht diskutiert.
Ich kritisiere großteils, dass Latein einfach nicht wie eine Sprache gelehrt wird, sondern mehr wie eine Naturwissenschaft. Besonders auf der Universität, wo ich studiere, ist dies spürbar. Durch mein Nebenfach Englisch wird dies noch mehr verdeutlicht. Was ich sagen will ist, dass viel zu viel Phrasen gedroschen werden, Deutsch-Latein sich nur auf Grundkenntnisse großteils spezialisiert, bis ein zu großer Sprung zu viel zu hohen Anforderungen kommt und dass viel an der eigentlichen Sprache vorbeigelehrt wird. In Grammatikkursen wird die Grammatik oft frei von jedem Kontext unterrichtet. Grammatik hat stets eine Beudeutng, die viel zu wenig analysiert oder beigebracht wird.
Auf unserer Uni wird auch viel zu wenig das Übersetzen Latein-Deutsch gelehrt. Bei Prüfungen heißt es dann oft, zu ungenau übersetzt. Solle man aber nicht den Geiste einer Sprache übersetzen und nicht wortwörtlich eine Übersetzng anstreben?
Latein ist eine Sprache, und als solche solle sie gelehrt und gelernt werden.
Daher unterstreiche auch ich die Wichtigkeit von Originallektüre. Wenn man nicht in dem Land leben kann, wo die Sprache gesprochen wird, so lernt man eine Sprache am besten durch intensive Lektüre. Sich nur auf Cicero und Caesar zu beschränken mag einem helfen die Stilseminare zu bestehen, aber die wirkliche Sprache erschließt sich einem auch nur wenn man verschiedene Autoren liest.
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Re: Vorbereitung auf das Latinistik Studium-mit welchen Büch

Beitragvon Medicus domesticus » So 25. Aug 2013, 09:58

GurkenPaule hat geschrieben:Sich nur auf Cicero und Caesar zu beschränken mag einem helfen die Stilseminare zu bestehen, aber die wirkliche Sprache erschließt sich einem auch nur wenn man verschiedene Autoren liest.

Genau das ist auch meine Meinung. Was ich einfach immer komisch finde: In der Uni wird plötzlich Deutsch-Latein gelehrt, aber in der Schule nicht mehr. Das gibt es eigentlich in keiner Sprache. Das ist kontraproduktiv. Da mir Latein sehr am Herzen liegt, kenne ich natürlich einige Lateinlehrer, Studenten, Schüler (wie meine eigenen Kinder), die genau dies auch monieren. Im Lateinstudium müsste sich viel ändern, um etwas zu bewirken. Und dann kann es auch auf den wirklichen Lehrplan übergehen. Da wird vieles einfach verschlafen und im Trott weitergemacht.
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