Wer waren die Trojaner?

Fragen zur Geschichte und Archäologie des griechisch-römischen Altertums

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Latacz

Beitragvon Marcus Hamburgensis » Sa 16. Jan 2010, 09:00

Chaire,
ich habe "Troia und Homer" von Joachim Latacz gelesen. Darin stellt er seine Hethiter-These recht überzeugend dar.
Nach meinem Geschmack holt er aber oft zu weit aus und füllt die Seiten mit Fakten und Hintergründen, die dem kundigen Laien vertraut sind: Bspw. wie Schliemann Troia entdeckt und wie Michael Ventris Linear-B entschlüsselt.
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Re: Wer waren die Trojaner?

Beitragvon philistion » Sa 16. Jan 2010, 12:40

Χαῖρε!

Aber es bietet deiner Meinung nach auch viel interessantes?
Ich frage mal anders, gibt es ansonsten irgendwelche qualitativ hochwertigere Alternativen zu diesem Buch?
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Re: Wer waren die Trojaner?

Beitragvon Quintus » Sa 16. Jan 2010, 23:47

Hallo,

passt vielleicht nicht ganz zu der Diskussion bezüglich der Frage, wer die Trojaner waren. Aber einen guten Einstieg zu Homer bietet die Becksche Wissensreihe:

Barbara Patzek: Homer und seine Zeit. München 2003.

Viele Grüße,
Quintus
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Beitragvon Marcus Hamburgensis » So 17. Jan 2010, 18:45

Viel Interessantes bietet Latacz in jedem Falle:
- Troja/Ilios sei identisch mit der in Hethitischen Keilschrifttexten vorkommenden Stadt Wilus[ch]a
- Das mykenische Griechenland, Achaia, sei indentisch mit dem Land Achijawa aus Hethitischen Keilschrifttexten. Der andere Name für die Griechen "Danaer" wäre in ägyptischen Inschriften als "Danaja" belegt.
- Griechenland habe unter der Oberherrschaft von Theben gestanden
- Der König von Theben hätte protokollarisch auf einer Stufe mit dem Pharao, dem hethitischen Großkönig und dem König des assyrischen Reiches
- Troja war ein bedeutendes regionales Zentrum in Westanatolien und Haupstadt ein Vasallenstaats des Hethiterreiches. Die Verwaltungssprache sei Luwisch gewesen. (Diese Sprache war damals in Kleinasien von Karien bis nach Nordsyrien hinein stark verbreitet).
- Seit dem 13. Jh. v. Chr. verfolgten die Griechen eine Expansionspolitik gegenüber ihren Kleinasiatischen Nachbarn in Form ständiger Raubzüge und Destabilisierung der westanatolischen Vasallenstaaten der Hethiter.
- Hypothethisch: Nachdem die Hethiter Milet/Millewanda von den Griechen zurückerobert hatten, griffen die Griechen an einer anderen Stelle der kleinasiatischen Westküste an, und zwar in Troja. Dieser möglicherweise langwierige Krieg führte vielleicht mittelbar zum Zusammenbruch der mykenischen Palastkultur auf dem Griechischen Festland
- Homer steht am Ende einer langen mündlichen Tradition die über 400 Jahre bis zur Zerstörung Trojas im 12. Jh. v. Chr. zurückreicht.


Im GVK-Eintrag http://gso.gbv.de/xslt/DB=2.1/SET=1/TTL=1/SHW?FRST=2/PRS=HOL sind sowohl ein Inhaltsverzeichnis als auch eine Rezension des Buches verlinkt. Vielleicht kann man dort einmal nachschauen, bevor man sich in Unkosten stürzt.
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Re: Wer waren die Trojaner?

Beitragvon Ioscius » Mi 6. Jan 2016, 22:55

Hallo,

ich möchte den Thread wieder hervorholen, weil ich einige Nachfragen hätte:

Haben die Trojaner/ hat sich der trojanische Krieg wirklich existiert/ereignet oder ist das reiner Mythos? Ich glaube, dass ersteres der Fall ist, und das schließe ich allein aus der Tatsache, dass einige Fakten dafür sprechen, dass die Trojaner hethitische Wurzeln haben. Schließlich werden die Trojaner bei Homer als den Griechen verwandt beschrieben (problemlose Verständigung, gemeinsame Götter; ähnliche Kleidung ja auch durch Malerei). Wäre dies absichtlich, würde Homer sich ja widersprechen (aber ok, Widerpsruch in antiken Texten begegnet ja allzu häufig...)

Weiß denn auch jemand Näheres darüber, mit wem sich die Griechen eher identifiziert haben? Räumlich gesehen wohl eher mit dem aus allen griechischen EInzelstaaten bestehenden Verbund Agamemnos. Das Problem ist nur, dass von Agamemnon (wie auch in der Verfilmung von 2004) ein sehr negatives bild eines herrschsüchtigen Despoten vermittelt wird und man mit den Trojanern Mitleid bekommt und sich ihnen verbunden fühlt.
Vielleicht ist das aber auch gar nicht so wichtig, weil die Ilias & die Odysse bloß Unterhaltungswert ohne tieferen Sinn/ Message für die Realität haben soll...

...während dies hingegen in Vergils Aeneis der Fall ist: Die historischen Römer fühlen sich mit mit den Trojanern verbunden, ihr Volk. Interessanter Umstand: Die Latiner, wohl das Urvolk/ die Ureinwohner, sind auch eher Feinde... das heißt, Latiner sind nicht gleich Latiner..

Ergänzungen7 Berichtigungen? Danke :)
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Re: Wer waren die Trojaner?

Beitragvon Zythophilus » Fr 13. Mai 2016, 12:29

Bei Homer wirkt Troja nicht fremd für die Griechen, man scheint sich problemlos verständigen zu können und hat dieselben Götter. Eine Distanz, die durch unterschiedliche Kultur und Sprache gegeben wäre, wird nicht erwähnt. Es scheint so, als ob es ein besonders mächtiger und strategischer sehr günstig gelegener griechischer Stadtstaat wäre, den schließlich eine Allianz anderer Stadtstaaten zu Fall bringt.
Das heißt nicht, dass es so gewesen sein muss, falls der Krieg um Troja einen historischen Grund hat, aber die Sage nimmt - zumindest wie sie durch Jomer auf uns gekommen ist - keinen Bezug darauf.
Generell scheint es in Sagen etwas wie eine "mythologische Einheitskultur" - wenn ich das so nennen kann - zu geben, von der nur ganz spezielle Barbaren ausgenommen sind. Auch die Trojaner, die mit Aeneas schließlich nach Latium kommen, haben weder in Karthago noch in Italien Verständigungsprobleme.
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