Lautes Lesen?

Fragen zur Geschichte und Archäologie des griechisch-römischen Altertums

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Lautes Lesen?

Beitragvon Laptop » Sa 31. Jan 2015, 08:02

Sylvete!

http://www.belleslettres.eu/artikel/syl ... eibung.php

Der Verfasser dieses Podcasts behauptet im Altertum hätte man nur laut gelesen. So ganz kann ich das nicht glauben ... Für leises Lesen benötigt man doch keine besonderen geistigen Fähigkeiten? Und dümmer als heute war man damals wohl auch nicht.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Zythophilus » Sa 31. Jan 2015, 13:58

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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Laptop » So 1. Feb 2015, 02:40

Wie sieht der Lebensalltag aus? Lautes lesen ist nicht gesellschaftsfähig, weil es die Mitmenschen stört. Mehr noch, ist es in Gefahrsituationen notwendig Texte blitzschnell optisch zu erfassen, dessen Aussprache einfach zu langwierig wäre. Auch ist es nötig leise zu lesen, wenn man in einer gewissen Situation keine Aufmerksamkeit erregen darf. Man liest im Alltag vieles beiläufig indem man es blitzschnell optisch erfaßt. Wenn das nicht möglich wäre, dann wären wir nicht Homo Sapiens, sondern Homo Insipiens. Die Theorie anzunehmen, daß lautes Lesen aus der Unfähigkeit heraus geschah leise lesen zu können ist m. E. allein schon aus Erfahrung der Lebenspraxis nicht haltbar. Ich kann mir vorstellen, daß man literarische Texte, die man genoß, wie z. B. Briefe, oder Gedichte, laut las. Aber solches “Genuß-Lesen” ist im Alltag die Ausnahme. Die Regel ist, daß ein Römer auf dem Forum Text auf Verkaufstafeln sah. Hätte jeder Römer sie laut ausgesprochen, dann hätten die Menschen ständig vor sich hingebrabbelt. Ja, sie wären nicht einmal imstande gewesen, sich mit einem Freund zu unterhalten während sie Text auf einem Schild lasen. Wer kann das allen Ersntes annehmen?
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Medicus domesticus » So 1. Feb 2015, 14:18

Leises Lesen gab es schon auch. Ich habe eine Stelle bei Sueton gefunden:
Suet.Aug.39 scripsit/ hat geschrieben:Impetratisque a senatu decem adiutoribus unum quemque equitum rationem vitae reddere coegit atque ex improbatis alios poena, alios ignominia notavit, plures admonitione, sed varia. Lenissimum genus admonitionis fuit traditio coram pugillarium, quos taciti et ibidem statim legerent; notavitque aliquos, quod pecunias levioribus usuris mutuati graviore faenore collocassent.

Ich sehe gerade, dass diese Stelle auch in Zythophilens pdf steht. Dort ist auch noch Suet.Nero 15,1 angegeben:
Quotiens autem ad consultandum secederet, neque in commune quicquam neque propalam deliberabat, sed et conscriptas ab uno quoque sententias tacitus ac secreto legens, quod ipsi libuisset perinde atque pluribus idem videretur pronuntiabat.
Ἔρος δ' ἐτίναξέ μοι φρένας, ὠς ἄνεμος κὰτ ὄρος δρύσιν ἐμπέτων.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Zythophilus » So 1. Feb 2015, 23:30

Lautes Lesen scheint, zumindest was literarische Texte betrifft, ziemlich verbreitet gewesen zu sein, wenn man "leises Lesen" eigens erwähnt. Heutzutage ist es eher umgekehrt.
Hat der Leser etwas davon, wenn er sich den Text gewissermaßen selber vorliest? Prägt er ihn sich vielleicht so besser als beim stillen Lesen ein?
Im Text der Uni Köln wird nur in einer längeren Fußnote auf die klösterliche Praxis und ihren Einfluss auf das leise Lesen eingegangen, aber ich glaube mich zu entsinnen, dass es von Cassiodor entsprechende Anweisungen gab, nicht laut zu lesen; ich kann es aber nicht beschwören, dass er das war.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Laptop » Mo 2. Feb 2015, 03:03

Hm, wenn das Argument ...
IST EXPLIZIT LAUTES LESEN ERWÄHNT, DANN IST LAUTES LESEN WOHL DIE AUSNAHME
... gilt, dann gilt ebenso das Argument
IST EXPLIZIT LEISES LESEN ERWÄHNT, DANN IST LEISES LESEN WOHL DIE AUSNAHME.
Nun müßte man Belegstellen zählen, was häufiger erwähnt wird, lautes oder leises Lesen.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon romane » Mo 2. Feb 2015, 13:13

Augustinus conf. 6,3:
Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da - denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören? -, dann gingen wir in der Vermutung, daß er die kurze Spanne Zeit, die ihm zu seiner geistigen Erholung zu Gebote stand, feiernd von dem Lärmen der Unruhe fremder Angelegenheiten ungestört verbringen wolle. Auch vermied er vielleicht die Lautlosen deshalb, damit er nicht genötigt wäre, den in höchster Aufmerksamkeit in Spannung befindlichen Zuhörern ein minder klar -geschriebenes Buch auszulegen oder sich auf schwierige Fragen einzulassen und durch diese Verwendung seiner Zeit mehr, als er wollte, von seinen Büchern abgezogen zu werden, obgleich wohl noch außerdem der Umstand hinzukam, daß er seine Stimme schonen mußte, die sehr leicht heißer wurde, und er schon deshalb mit vollem Rechte still für sich las. In welcher Absicht aber er es auch tat, er tat wohl daran.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Laptop » Di 3. Feb 2015, 02:02

Naja, das ist in der Tat merkwürdig.

Folgendes Szenario: ein römischer Lager-Kommandant bekommt eine vertrauliche Sendpost von Caesar. Liest er den Text dann laut vor, so daß es alle Umstehenden hören können? Dann wäre es nicht mehr vertraulich! Soll er etwa aus dem Lager irgendwo in den tiefen einsamen Wald gehen, wo ihn niemand hören kann, damit er den vertraulichen Brief lesen kann? Gut, man könnte sagen er brabbelt / flüstert leise vor sich hin.

Ich mache mal folgenden Selbstversuch. Ich werde heute alles was ich schreibe und lese vor mich hin flüstern. Mal sehn was dabei herauskommt und ob ich das durchhalte :-)
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon romane » Di 3. Feb 2015, 09:30

Ich stelle es mir rein praktisch so vor:
Private Nachrichten wird man wohl nicht laut vor allen (vor)gelesen haben, aber Literatur im weitesten Sinn zu lesen beansprucht ja bei der damaligen Schreibweise eine besondere Fähigkeit der Decodierung.
Außerdem waren ja nicht ausreichend Exemplare im Buchhandel zu kaufen, sodass man - auch in Ermangelung weiterer Medien - direkt mehrere Mitmenschen am Buch "teilhaben" lassen wollte.

Wenn mir meine Schüler in Bezug auf Dichtung gesagt haben: "Eine Übersetzung im Internet bringt ja gar nichts; das kann man ja gar nicht verstehen [weil es ebenfalls im Versmaß steht und deshalb auch einer besonderen Decodierung verlangt], habe ich empfohlen laut zu lesen. Es zeigte sich, dass das Verständnis dann wesentlich besser wurde, auch wenn man eine Stelle mehrmals lesen musste.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Zythophilus » Di 3. Feb 2015, 11:43

Noch deutlicher ist der Schluss dieser Passage aus den Confessiones: et causa servandae vocis, quae illi facillime obtundebatur, poterat esse iustior tacite legendi.
Augustin liest leise, um seine Stimme zu schonen. Das würde keiner eigens erwähnen, wenn leises Lesen ohnedies der Regelfall wäre.
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon ille ego qui » Sa 7. Feb 2015, 20:31

Nebenbei: Da gibt es doch diese Geschichte mit einem goldenen beschrifteten Apfel/Ball, das einem Mädchen, da es die Worte (versehentlich oder aus Unvermögen leise zu lesen) laut vorlas, zum Verhängnis wurde. steht das bei Ovid?
valete :-)
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Re: Lautes Lesen?

Beitragvon Medicus domesticus » So 8. Feb 2015, 10:11

ille ego qui hat geschrieben:Nebenbei: Da gibt es doch diese Geschichte mit einem goldenen beschrifteten Apfel/Ball, das einem Mädchen, da es die Worte (versehentlich oder aus Unvermögen leise zu lesen) laut vorlas, zum Verhängnis wurde. steht das bei Ovid?

Du meinst wahrscheinlich den Brief des Acontius an Cydippe (Brief 20 in den Heroiden Ovids) und den Brief 21 Cydippe an Acontius...
:book:
cf.: ein schönes Gemälde dazu -> http://tinyurl.com/p2q8hv9
__________________________________________________________________________________________
Prof.Holzberg schreibt in seiner Ovid-Biographie [Ovid - Dichter und Werk, C.H.Beck-Verlag] darüber (S.95 unten). Oder auch Katharina Volk in Ovid - Dichter des Exils; WBG (Kap. Der Mythos; Seite 80).
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