Mommsens Römische Geschichte

Fragen zur Geschichte und Archäologie des griechisch-römischen Altertums

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Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon AntePortas » Mi 15. Jul 2015, 14:52

Mich würde mal interessieren ob es hier Leute gibt die alle Bände von Mommsens Römischer Geschichte gelesen haben, ich habe voller Tatendrang den ersten angefangen, aber es ist dann doch sehr schnell im Sand verlaufen. Das lag leider auch am sehr trockenen Schreibstil.

Wie war es bei euch?
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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon Laptop » Mi 15. Jul 2015, 17:11

Das Telefonbuch lesen ist erträglicher. Nein, mal im Ernst, wenn ich über das Thema bescheid wissen muß, z. B. weil es an der Uni abgefragt wird, dann ist Mommsen die letzte Quelle, die ich dazu aufsuche.
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Re: Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon Medicus domesticus » Mi 15. Jul 2015, 18:29

Man muß die damalige Zeit bei der Enstehung dieses monumentalen Werks, für das er immerhin den Nobelpreis erhielt, miteinbeziehen. Es war damals eine unheimliche Leistung. Natürlich heute nicht einfach zu lesen. Ich habe die zweibändige Version aller Bände (WBG) zuhause. Ich habe das Werk auch nicht komplett gelesen, aber doch abschnittsweise. Schmunzeln muß ich heute immer noch über die vernichtende Kritik gegenüber Cicero ( ;-) ) und seine deutliche Bevorzugung Caesars..
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Re: Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon RM » Mi 15. Jul 2015, 22:26

Medicus domesticus hat geschrieben:Schmunzeln muß ich heute immer noch über die vernichtende Kritik gegenüber Cicero ( ;-) ) und seine deutliche Bevorzugung Caesars..

Aus weltpolitischer und historischer Sicht liegt er damit ja auch ziemlich richtig. :wink:

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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon Prudentius » Do 16. Jul 2015, 19:31

ich habe voller Tatendrang den ersten angefangen, aber es ist dann doch sehr schnell im Sand verlaufen.


So macht man das nicht; man liest ein paar Seiten, schnuppert hinein, und wenn es einen anspricht, liest man weiter.

Hallo Laptop, das ist zu negativ geurteilt, er ist ja doch ein Schriftsteller von Format; er gehört irgendwie mit Theodor Fontane, Friedrich Nietzsche, Theodor Storm zusammen; das Buch ist ca. 150 Jahre alt, man kann es heute nicht mehr als geeignete Geschichtsdarstellung lesen. Mommsen gehört in die Ära der d. Reichsgründung, man erlebte damals mit geschwellter Brust die Wiedergeburt des Kaiserreiches, da fühlte man sich ja auch dem römischen Reich besonders nahe, kann sein, dass damals also das Buch so gefragt war.

Mommsen war liberaler Politiker, also Gegner des wilhelminischen Obrigkeitsstaates; warum er sich für den Diktator Cäsar erwärmte und den letzten großen Exponenten der libera res publica, Cicero, verachtete, leuchtet mir nicht ein; wisst ihr es?

Aus weltpolitischer und historischer Sicht liegt er damit ja auch ziemlich richtig. :wink:


Mag ja sein, aber was sagen wir Lateiner? Ich denke an "de re p.", die Tuskulanen, einzelne Reden: könnt ihr euch die l. Literatur ohne Cicero vorstellen? Wäre sie dann besser?

Ich hole mal eine persönliche Erfahrung hervor: ihr habt erwähnt, dass ihr in der Schule von Cicero angeödet wurdet; so etwas ist mir ganz erspart geblieben, ich habe nie ein reguläres Gymnasium besuchen können, habe mir alles ziemlich allein beibringen müssen, bin nur mühsam an Texte herangekommen und habe deshalb überhaupt nur immer das gelesen, was mich reizte, auch eben von dem berühmten Cicero; so dass ich eure negativen Urteile nur schwer nachvollziehen kann.

Wem Mommsen nicht zusagt, der kann dann auch noch lesen: Gibbon, Decline and Fall of the Roman Empire,

lgr. P. :)
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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon RM » Do 16. Jul 2015, 21:06

Prudentius hat geschrieben:Mag ja sein, aber was sagen wir Lateiner? Ich denke an "de re p.", die Tuskulanen, einzelne Reden: könnt ihr euch die l. Literatur ohne Cicero vorstellen? Wäre sie dann besser?

Ich persönlich hätte mir eher gewünscht, Caesar hätte mehr geschrieben. Das Lesenswerteste von Cicero sind meiner Meinung nach die Briefe und einiges, was er in gewisser Bedrängnis geschrieben hat (z. B. gegen Catilina) oder wo er ein echtes Anliegen hatte (z. B. De Lege Agraria) oder beides. Wenn Cicero später nur nicht so selbstverliebt und von elitärer Arroganz gewesen wäre! Außerdem ist Caesar der coolere, wie wir bei Plutarch nachlesen können (ich meine besonders die Geschichte mit den Piraten).

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Re: Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon AntePortas » Fr 17. Jul 2015, 08:37

Medicus domesticus hat geschrieben:Man muß die damalige Zeit bei der Enstehung dieses monumentalen Werks, für das er immerhin den Nobelpreis erhielt, miteinbeziehen. Es war damals eine unheimliche Leistung. Natürlich heute nicht einfach zu lesen. Ich habe die zweibändige Version aller Bände (WBG) zuhause. Ich habe das Werk auch nicht komplett gelesen, aber doch abschnittsweise. Schmunzeln muß ich heute immer noch über die vernichtende Kritik gegenüber Cicero ( ;-) ) und seine deutliche Bevorzugung Caesars..


Na dann bin ich ja immerhin nicht allein:D

Kannst du denn einige Abschnitte empfehlen?
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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon Prudentius » Fr 17. Jul 2015, 16:01

Einen Ehrentitel können wir ihm auf jeden Fall zubilligen: der größte Arpinate aller Zeiten.

Wenn Cicero später nur nicht so selbstverliebt und von elitärer Arroganz gewesen wäre!


Er war ein Psychopath, er war eine unglückliche Figur in der römischen Machtelite, er stand ja nur mit einem Bein im Machtzirkel, aufgrund seiner Redegabe, es fehlte ihm jegliche Hausmacht; er hatte unter Mobbing zu leiden, verletztes Selbstwertgefühl, als Abwehr treten dann die Erscheinungen des Narzissmus auf: Arroganz, Realitätsverlust; alles ist bei Cicero zu beobachten; also müssen wir das irgendwie berücksichtigen, können nicht gut den Kranken dafür kritisieren, dass er krank ist.

Cäsar hat sich ja mit seiner Kalenderreform verewigt, er hat brutal eingegriffen, er hat die 12 Mondmonate einfach so gestreckt, dass sie mit dem Sonnenjahr zusammenfielen, und hat dabei die Monate völlig vom Mondlauf getrennt; nur in einem Teil der Welt hat sich sein Kalender durchgesetzt.
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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon RM » Fr 17. Jul 2015, 20:14

Prudentius hat geschrieben:Einen Ehrentitel können wir ihm auf jeden Fall zubilligen: der größte Arpinate aller Zeiten.

Wenn Cicero später nur nicht so selbstverliebt und von elitärer Arroganz gewesen wäre!


Er war ein Psychopath, er war eine unglückliche Figur in der römischen Machtelite, er stand ja nur mit einem Bein im Machtzirkel, aufgrund seiner Redegabe, es fehlte ihm jegliche Hausmacht; er hatte unter Mobbing zu leiden, verletztes Selbstwertgefühl, als Abwehr treten dann die Erscheinungen des Narzissmus auf: Arroganz, Realitätsverlust; alles ist bei Cicero zu beobachten; also müssen wir das irgendwie berücksichtigen, können nicht gut den Kranken dafür kritisieren, dass er krank ist.


Schon die Briefe von Caesar an Cicero verinnerlicht? Wenn Cicero sich nicht so halsstarrig in der Krise (Bürgerkrieg) gegen Caesar gewandt hätte, wäre in Rom alles anders geworden, für Cicero selbst auf jeden Fall besser. Aber er konnte nicht, wollte nicht, hielt sich selbst sowieso für den einzigen Retter Roms etc. Naja, der Rest ist Geschichte.

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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon Laptop » Sa 18. Jul 2015, 08:56

Naja, ich schließe mich dem Lob ggü. Cicero an, nur ist mir eine Merkwürdigkeit bei Cicero aufgefallen. Die Menge an Text. Wie kann ein Staatsmann, der viel um die Ohren hat, politische Netzwerke pflegen muß, Zeit mit seiner Familie verbringt, sich vielleicht nebenher auch mal entspannt oder vergnügt, wie kann jemand solche Mengen an Text verfassen? Irgendwas stimmt da nicht. Man könnte mal seine Lebenstage von "junger Mann" bis "Tod" berechnen, und dann berechnen wieviele Wörter er im Schnitt pro Tag geschrieben haben muß.
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Re: Mommsens Röische Geschichte

Beitragvon Prudentius » So 19. Jul 2015, 09:57

Schon die Briefe von Caesar an Cicero verinnerlicht?


Ich komme nicht dazu, aber ich glaube es dir, dass es so ist.

Wenn Cicero sich nicht so halsstarrig in der Krise (Bürgerkrieg) gegen Caesar gewandt hätte, ... Aber er konnte nicht, wollte nicht, hielt sich selbst sowieso für den einzigen Retter Roms etc.


Das sind ja die Symptome dieser narzisstischen Persönlichkeitsstörung: der Mensch verliert die Flexibilität des Gesunden, die Fähigkeit, einzusehen, dass man selber falsch liegt, und seine Ansichten zu revidieren; Starrsinn, Verbohrtheit gehören sozusagen zum Krankheitsbild; ich denke, wir sollten darüber hinwegsehen und auf das achten, was er sonst noch zuwege gebracht hat.

Zu dem Briefwechsel der beiden Mächtigen fällt mir noch ein: er ist natürlich in der Diplomatensprache abgefasst, d.h. sie spielen nicht mit offenen Karten, sie können nicht sagen, was sie wirklich meinen; wenn Cicero starrsinnig ist, könnte es sein, dass er uns unbekannte Gründe dafür hatte.

wie kann jemand solche Mengen an Text verfassen?


Er hat wohl nicht selber gechrieben, sondern diktiert, und muss wohl ständig einen Schreiber oder Stenographen bei sich gehabt haben; vllt. hat er auch an mehrere gleichzeitig diktiert; er muss wohl eine Kanzlei oder Sekretariat gehabt haben, aber ich weiß nicht, ob darüber etwas überliefert ist.
Ein Zitat zu seiner Zeiteinteilung (frei): Wenn ich eine doppelte Lebensspanne hätte, würde ich auch nicht dazu kommen, Lyrik zu lesen.
An Muße fehlte es ihm nicht, im Gegenteil, er beklagte sich, dass er unter Cäsar zuviel otium habe, und daher machte er sich daran, die gesamte gr. Philosophie für die Römer aufzubereiten und darzustellen.
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Re: Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon Medicus domesticus » So 19. Jul 2015, 10:31

AntePortas hat geschrieben:Kannst du denn einige Abschnitte empfehlen?


Schwierig, da ja jeder seine Vorlieben hat.
Interessant fand ich das fünfte Buch im Band III der Römischen Geschichte:
Die Begründung der Militärmonarchie - Von Sullas Tod bis zur Schlacht bei Thapsus
Kapitel 1-12.
:book:

PS: Könntest du mal deinen Threadtitel korrigieren? :wink:
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Re: Mommsens Römische Geschichte

Beitragvon Longipes » Do 31. Dez 2015, 14:55

Vielleicht liegt es daran, dass ich in der Schule nicht Cicero, sondern andere Autoren gelesen habe; jedenfalls kann ich mit dem allgemeinen Cicero-Bashing wenig anfangen. Ich halte ihn für eine hochinteressante Figur, und finde ihn sogar - vielleicht gerade wegen seiner deutlichen Schwächen - sympathisch.
Die lateinische Literatur, allein die Sprache hätte ohne ihn gewiss anders ausgesehen - und es ist müßig zu fragen, ob sie dann "besser" gewesen wäre. Was heißt das schon? Letztlich ist das doch eine Geschmacksfrage.
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