Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Fragen zur Ausbildung rund um die alten Sprachen, ihrer Geschichte und ihrer Archäologie

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Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon gulf » So 17. Jul 2011, 00:27

Hallo,

ich studiere nun seit zwei Semestern Latein und habe zwischenzeitlich schon öfters gehört, dass es ein gewisses Pensum an Texten gibt, die man während des Studiums gelesen haben sollte.

Als Beispiel einfach mal diese Liste aus dem Internet: http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/ ... ktuere.htm Wenn ich diese Liste sehe, frage ich mich, wie man das abarbeiten soll.
Ich bemühe mich zwar neben den Lehrveranstaltungen, der täglichen Vokabelarbeit und meinem zweiten Fach um eine regelmäßige Lektüre eines Textes, der mich interessiert, aber da mir das ganze noch relativ schwer fällt, benötige ich halt noch meine Zeit dafür und finde es dann auch nicht sinnvoll, etwas einfach zu überspringen,wenn man es nicht versteht.
Bezüglich der Liste frage ich mich, ob es sich dabei einfach nur um eine übertrieben "gut gemeinte" Vorgabe handelt oder ob man das wirklich gelesen haben muss? Selbst wenn ich die lateinischen Texte einfach nur lesen würde und an den Stellen, an denen ich es nicht verstehe, überspringe (was bestimmt nicht die Absicht ist...), bezweifel ich, diese Liste abarbeiten zu können.

Ich würde mich freuen, wenn mich diesbezüglich einige Leute, die in ihrem Studium weiter fortgeschritten sind oder es abgeschlossen haben, aufklären könnten. :help:

schöne Grüße

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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Quintus » So 17. Jul 2011, 00:55

Hallo,

ich kann deine Zweifel in Bezug auf diese Lektüreliste verstehen. Wie soll man, so fragt man sich, dieses enorme Pensum schaffen!!!!!!!! Vor allem noch mit einem zweiten Fach. Und wenn dann noch das Graecum nachzumachen ist, hat man damit auch genug Arbeit zu Beginn des Studiums. Lass dich durch diese Liste nicht abschrecken. Wichtig ist, dass du halt irgendwas liest, was dir Spass macht. Und du deine Lehrveranstaltungen gut vorbereitest.
Mein Credo ist immer: So viel machen, dass man sich selbst persönlich nichts vorwerfen kann.
Versuch also nicht stur diese Liste abzuarbeiten. Grad in den Bachelor-Studiengängen hat man ja auch nicht mehr soviel Zeit zum selbstständigen Lesen. Wenn doch etwas Zeit übrig ist, dann wähle nach deinem Geschmack einen Autor aus: Hast du beispielsweise Lust die Aeneis zu lesen, dann lese das daraus, was dir Spass macht. Denn das Lesen sollte ja auch Freude bereiten. Und um Latein zu lernen, ist jedes lateinische Werk geeignet. Ein Tipp vielleicht: Für Deutsch-Latein ist es jedoch unter Umständen ratsam, sich mehr an Cicero und Caesar zu beschränken, da man ja meist klassisches Latein produzieren sollte^^.

Viele Grüße,
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Longipes » So 17. Jul 2011, 11:50

Die ausgesprochenen Anforderungen sind meist sehr übertrieben; ich kann gut verstehen, wenn du - gerade am Anfang deines Studiums - vor diesem Berg zurückschreckst. Die Professoren der Klassischen Philologie haben teilweise ihre Freude daran, Angst und Schrecken zu schüren :D

Du wirst allerdings mit der Zeit merken, dass du immer schneller zu übersetzen vermagst, und irgendwann manche Texte fast runterlesen kannst. Einen nicht unerheblichen Teil der hier vorgeschlagenen Literatur wirst du bis zum Ende deines Studiums auch bei moderatem Arbeitsaufwand definitiv gelesen haben.

Im Übrigen ist es durchaus empfehlenswert, zum jetzigen Zeitpunkt die schwierigeren Autoren einfach mal auf Deutsch zu lesen. Die Kenntnis dieser Texte hilft dir definitiv weiter, und später kannst du dich ihnen auch mal im Original widmen.

Also, nicht einschüchtern lassen und einfach drauflosübersetzen - und guck lieber auf das, was du schon geschafft hast, als auf den vermeintlichen Berg an noch Ungelesenem :wink:
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon gulf » So 17. Jul 2011, 11:58

Ja das mit den sehr übertriebenen Anforderungen hab ich schon an mehreren Stellen bemerkt, wenn man es ständig hört kommt man aber irgendwann wirklich ins grüblen ;) Aber nun weiß ich ja was besser bescheid darüber ;) Danke^^ Ja, wenn möglich übersetze ich immer ein bisschen im Caesar oder so, eben auch im Hinblick auf die Stilübung, aber man hat ja auch noch genug anderes zu tun. ;-)
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Richard84 » So 17. Jul 2011, 14:34

Salve,

Lektüre ist in unserem Fach echt das beste, was man machen kann, da dabei alles (Vokabeln, Satzerschließung, Phrasen, Grammatik, Stil) trainiert werden.
Allerdings gestaltet sie sich in den ersten Semestern ohne einen breiten Vokabelschatz und einige Erfahrung als sehr mühsam.

Mein Eindruck ist der, dass min. die Hälfte meiner Kommilitonen in ihrem Studium keinerlei! Privatlektüre betrieben hat und überhaupt neben den Texten zu den Veranstaltungen nur etwas liest, wenn sie das für die Prüfungen brauchen :-)

Daneben gibt es aber auch diejenigen Studenten, von denen ich weiß, dass sie die von dir genannten Autoren nahezu gelesen haben. Unmöglich ist es also nicht.

Ich selbst wünschte, ich hätte früher zu lesen angefangen :-)
Also: Nur keine Angst, fang einfach an.
Ich würde jeweils versuchen, ein Werk ganz zu lesen und dementsprechend erstmal kürzere Werke nehmen.

Wirklich "leicht" (bis auf die ersten zwei Seiten) ist Ciceros "Pompeiana" (de imperio Cn. Pompei), damit würde ich beginnen. (35 S.) Bei Reclam für 2,60€.
Inhaltlich interessanter und auch noch leicht ist Sallusts Catilina (50 S.) oder Iughurta (90 S).

Falls du mit einem leichten dichterischen Text beginnen möchtest, kann ich dir Tibull (80 S.) empfehlen.

Schon ein wenig anspruchsvoller (und länger) ist Vergils Aeneis, die ersten sechs Bücher (150 S.) musst du einfach irgendwann gelesen haben, besser früher als später - fürs zweite Semester ist es aber meiner Meinung nach ein wenig schwer.

Mehr hab ich leider in meinem Studium auch nicht gelesen, damit du vlt. einmal einen Vergleich hast.


PS: @Longipes, du hast Post.
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon passer » So 17. Jul 2011, 19:11

Da ich all dies schon hinter mir habe, es aber nicht lange zurück liegt, kann ich zu Folgendem raten:

1.) Lass Dich nicht verrückt machen! Alle kochen nur mit Wasser!
2.) Beherrsche den Grundwortschatz! Der ist wirklich hilfreich. Oder: lerne, wenn Du z.B. Cäsar liest, erstmal den Cäsar-Wortschatz von Klett. Es motiviert bei der Lektüre tatsächlich auf all die Vokabeln zu stoßen, die Du davor gepaukt hast!
3.) Fange aufjedenfall bei klassischer Prosa an: Und da tatsächlich bei Cäsar. Der ist inhaltlich sehr verständlich und vom Vokabular überschaubar. Gehe dann zu Cicero über. Lass erstmal die Finger von der Dichtung sowie von Tacitus! Da drehst Du durch. :)
4.) Und nochmal: Lass Dich nicht stressen! Besser, Du übersetzt langsam, aber sorgfältig, als dass Du viel und schludrig übersetzt! Durchdringe die Sätze!
5.) Wenn Du das Gefühl hast, dass Cäsar und Cicero "flutschen", nimm Dir einen Dichter vor, aber nicht unbedingt Catull, sondern, wie schon angeraten z.B. Tibull. Der ist auch sehr gut verständlich. Naja, und wenn Du soweit bist, dann weißt Du wahrscheinlich selbst schon, wie's läuft... :wink:
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon gulf » So 17. Jul 2011, 23:41

danke für eure weiteren Ratschläge :)
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon passer » Mo 18. Jul 2011, 08:22

gulf hat geschrieben:danke für eure weiteren Ratschläge :)


ICh möchte noch hinzufügen: Wichtig ist aber, dass Du von einem Autor dann aber auch ein ganzes Buch liest, bzw. Reden im Umfang eines Buches. Auch wenn der Weg zunächst ewig scheint, irgendwann geht man ihn schneller - und das ist nur durch Übung zu erreichen. Also: Seite für Seite bis zum Ende durchkämpfen! 8)
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon quamquam » Mo 18. Jul 2011, 09:36

Orientier Dich vielleicht auch noch ein wenig am Lehrplan der Schulen, denn es ist besser das gelesen zu haben, was Dich später erwartet, als das, was Du eh nie wieder "brauchen" wirst. Wenn Du damit durch bist, dann kannst Du den Rest ja immer noch lesen. Also, lies lieber In Verrem, als Pro Milone, denn Du wirst Pro Milone niemals in der Schule lesen müssen, wichtig ist ja aber, dass Du das Werk eher kennen solltest, dass Du dann auch später lehrst.

Altphilologen finden es in der Tat ziemlich lustig Angst und Schrecken zu verbreiten ;-)
Lies einfach erstmal auf Deutsch, dann kennst Du wenigstens den Inhalt...
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Longipes » Mo 18. Jul 2011, 10:18

Am Anfang ist es sicherlich sinnvoll, die Standardsachen zu lesen. Mit der Zeit lohnt sich der aber auch der Blick in entlegenere Werke, ganz einfach, weil es interessant und auch lohnend ist. Und selbst diese Sachen kann man - in den Stilübungen lernt man das Handwerkszeug dazu - in einer schülergerecht aufbereiteten Form während der Übergangslektüre in den Unterricht einbringen.

Im Übrigen vergeht einem irgendwann die Lust, sich einer utilitaristischen Konzentration auf die Schullektüre zu unterwerfen :D
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Medicus domesticus » Mo 18. Jul 2011, 10:23

quamquam hat geschrieben:Also, lies lieber In Verrem, als Pro Milone, denn Du wirst Pro Milone niemals in der Schule lesen müssen


Das finde ich interessant, denn wir hatten in der 11.Klasse Pro Milone und z.B. auch De Imperio CN.Pompei ad Quirites Oratio als Lektüre (Bayern)
:lol:
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon quamquam » Mo 18. Jul 2011, 11:39

Medicus domesticus hat geschrieben:
quamquam hat geschrieben:Also, lies lieber In Verrem, als Pro Milone, denn Du wirst Pro Milone niemals in der Schule lesen müssen


Das finde ich interessant, denn wir hatten in der 11.Klasse Pro Milone und z.B. auch De Imperio CN.Pompei ad Quirites Oratio als Lektüre (Bayern)
:lol:


Hehe, ja, ich weiß, früher wurde Pro Milone in der Schule gelesen, aber da die Lektüre auch immer neu ausgewählt wird, verschwinden auch Werke und so ist es mit diesem geschehen. Man beschränkt sich jetzt wohl mehr auf Schülerfreundlichkeit ;-) Ich habe das jetzt in der Uni gelesen und kann auch sehr gut nachvollziehen warum *g*
Es gibt aber mittlerweile Autoren die ganz vom Lehrplan verschwunden sind und nie wieder zurückkehren werden, aber naja, nicht verwunderlich, schau Dir mal das Vokabular der neusten Lehrwerke an, da bekommst Du es mit dem Grauen zutun...
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Longipes » Mo 18. Jul 2011, 12:41

quamquam hat geschrieben:Es gibt aber mittlerweile Autoren die ganz vom Lehrplan verschwunden sind und nie wieder zurückkehren werden, ...

Sag niemals nie... :wink:
Wer weiß, wo die Latinität in 30 Jahren steht. Gymnasiallehrer sollten schon ein sehr breites Spektrum an Literaturkenntnis haben. Das Satz-für-Satz-Übersetzen weicht mit zunehmender Erfahrung auch bald einer angenehmeren Form der Lektüre.
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon quamquam » Mo 18. Jul 2011, 13:08

Longipes hat geschrieben:
quamquam hat geschrieben:Es gibt aber mittlerweile Autoren die ganz vom Lehrplan verschwunden sind und nie wieder zurückkehren werden, ...

Sag niemals nie... :wink:
Wer weiß, wo die Latinität in 30 Jahren steht. Gymnasiallehrer sollten schon ein sehr breites Spektrum an Literaturkenntnis haben. Das Satz-für-Satz-Übersetzen weicht mit zunehmender Erfahrung auch bald einer angenehmeren Form der Lektüre.


Das weiß niemand, das stimmt, aber ich meinte damit auch eher, dass es in erster Linie wichtig ist was man jetzt aktuell lehren muss. Den Rest kann man dann lesen und sollte man meines Erachtens auch. Das war jetzt kein Rat die Autoren beiseite zu lassen, nur vielleicht eine Priorität zu haben :-) Verstehste? ;-)
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Re: Lektüre, die man während des Studiums gelesen haben sollte..

Beitragvon Zythophilus » Mo 18. Jul 2011, 17:42

Zumindest in Österreich können Autoren nicht vom Lehrplan gestrichen oder ihm hinzugefügt werden, da der Lehrplan themat. Module aufweist, die nicht auf einzelne Autoren eingeschränkt werden. Wenn er will, kann ein Lehrer auch ein Gedicht von Consus, das er hier im Forum findet, in seinen Unterricht einbauen. Eine Art "insgeheimer" Lehrplan mag das jeweilige Schulbuch sein, das ja i.d.R. schon quantitativ ausreichend Texte zum jeweiligen Modul bietet.
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