C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

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C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon Flow » Mo 13. Jun 2016, 15:57

Hallo ihr Lieben,

ich habe ein paar Schwierigkeiten mit dieser Stelle aus der Epaminondas-Vita des Cornelius Nepos:

6,1

[ Idem cum in conventum venisset Arcadum, petens, ut societatem cum Thebanis et Argivis facerent, contraque Callistratus, Atheniensium legatus, qui eloquentia omnes eo praestabat tempore, postularet, ut potius amicitiam sequerentur Atticorum, et in oratione sua multa invectus esset in Thebanos et Argivos in eisque hoc posuisset, ]

6,2
animum advertere debere Arcadas, qualis utraque civitas civis procreasset, ex quibus de ceteris possent iudicare: Argivos enim fuisse Orestem et Alcmaeonem matricidas: Thebis Oedipum natum, qui cum patrem suum interfecisset, ex matre liberos procreasse:

Was ist procreasse für eine Form und inwiefern geht die mit dem qui zusammen? Macht es an dieser Stelle Sinn, sich ein elliptisch ausgelassenes eum hinzuzudenken? Es gibt Konjekturen mit procreasset, welche sich aber bei Teubner und Reclam nicht durchgesetzt haben.
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon marcus03 » Mo 13. Jun 2016, 17:02

procreasse = procreavisse

Ich denke, das Problem ist die Kombination qui+cum. Eines von beiden ist überflüssig.

cf:
https://books.google.de/books?id=97XpBQ ... 3A&f=false
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon iurisconsultus » Mo 13. Jun 2016, 17:45

Flow hat geschrieben:Es gibt Konjekturen mit procreasset, welche sich aber bei Teubner und Reclam nicht durchgesetzt haben.

Ich glaube, man muss trotzdem lesen procreasset/procreavisset, sonst geht der Satz grammatisch nicht auf.
Qui statuit aliquid parte inaudita altera,
aequum licet statuerit, haud aequus fuit.
(Sen. Med. 199-200)
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon Flow » Di 14. Jun 2016, 09:50

Das cum geht als temporaler Nebensatz mit patrem suum interfecisset zusammen (nachdem er seinen Vater getötet hatte). Der Infinitiv Perfekt im Relativsatz ist mein Problem und eben die Frage, warum die Konjectur zu procreasset keinen Anklag fand. Ist das vllt iein rhetorischer Inf.? :nixweiss: Bei Voit gibt es noch den Vorschlag hier "eum" zu ergänzen" und einen ACI draus zu machen. Aber was ist dann mit dem qui?
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon consus » Di 14. Jun 2016, 11:32

Thebis Oedipum natum, qui cum patrem suum interfecisset, ex matre liberos procreasse
Allen Freunden der lateinischen Grammatik einen Gruß zuvor mit der Bitte um Stellungnahme!

Ich wage eine Hypothese zur Erklärung des o.g. Textbefundes. Vielleicht versteht man die Konstrultion, wenn man an das Phänomen der sog. relat. Verschränkung (BS § 591, bes. (4) a, S. 874 mit Zitat aus KSt 2 § 196, S. 315ff.) denkt.

A. Zum besseren Verständnis zunächst der Satz in direkter Rede:

1. ohne cum-Satz; Relativsatz als relativer Satzanschluss aufgefasst („Scheinrelativsatz“):
Thebis Oedipus natus <est>, qui ex matre liberos procreavit.

2. mit Einfügung des cum-Satzes in den Relativsatz, wobei qui als Subjekt in den dem ex matre ... procreavit vorangestellten cum-Satz gezogen wird („sog. Verschränkung eines Relativsatzes mit einem Gliedsatz“):
Thebis Oedipus natus <est>, qui cum patrem suum interfecisset, ex matre liberos procreavit.

B. Die beiden Schritte A1 und A2 übertrage ich auf den in indirekter Rede vorliegenden Text:

1. gemäß A1 ohne cum-Satz; Ellipse von esse möglich; o.g. Scheinrelativsatz im relativen Satzanschluss als selbstständige Aussage aufgefasst, daher jetzt AcI:
Thebis Oedipum natum <esse>, quem ex matre liberos procreasse.

2. gemäß A2 mit Einfügung des cum-Satzes, wobei das dem quem zu Grunde liegende qui als Subjekt in den cum-Satz gezogen wird:
Thebis Oedipum natum, qui cum patrem suum interfecisset, ex matre liberos procreasse.
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon Prudentius » Mi 15. Jun 2016, 09:51

Allen Freunden der lateinischen Grammatik einen Gruß zuvor ...


... auch meinerseits; lieber Conse, das ist eine Möglichkeit, so kann man es versuchen; das letzte Wort kann man wohl nicht sprechen; es ist vllt. etwas kompliziert, man kann es einfacher versuchen; die gedankliche Gewichtung ist ja so, dass im Relativsatz die Hauptaussage steht, die Untat des Ödipus, und dass er in Theben geboren ist, passt eher in einen Relativsatz; also gedanklich so: "Und Ödipus, der auch in Theben geboren war, hat mit seiner Mutter Kinder gezeugt"; also eine Art gedankliche inversio; und daher finde ich es verständlich, dass der Autor bei procreasse in den Infinitiv rutscht, als eine Art Anakoluth; wir Grammatiker erscheinen dann leicht als Pedanten, wenn wir einen Fehler anstreichen.

Noch ein Vorschlag, etwas unterhalb des wissenschaftlichen Niveaus: das -t von procreasset passte nicht mehr in die Zeile.

Noch eine Anmerkung: "ex matre liberos procreasse", aus der Mutter gezeugt, wir sagen mit der Mutter gezeugt; man sieht darin, die weibliche Keimzelle war noch nicht entdeckt, das gelang erst mit dem Mikroskop; bis dahin galt die Frau als Gefäß, und ab dann rückte sie zur Partnerin auf.
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Re: C. Nepos de vir. ill. Epam. 6,1

Beitragvon consus » Mi 15. Jun 2016, 12:31

Es macht mir Freude, bester Prudentius, deine wohlbegründete Stellungnahme zu lesen. Doch ist mit ihr, wie du selbst ahnst, noch nicht das letzte Wort gesprochen. Also recherchierte ich weiter und fand bei unserem großen stilistischen Vorbild eine Formulierung, die mit der hier erörteten Neposstelle wohl verglichen werden kann. Cicero schreibt (Verr. 1, 9; das Entscheidende von mir kursiv geschrieben):
Atque hoc ipso tempore Siculis denuntiatum esse audio, primum ab Hortensio, domum ad illum ut venirent: Siculos in eo sane liberos fuisse; qui quamobrem arcesserentur cum intellegerent, non venisse.

Ich bin auf Grund der Analyse auch dieses Satzes so mutig zu sagen, dass ich damit meine o.g. Hypothese bestätigt sehe. Trotzdem warte ich geduldig auf deren Falsifikation.
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