Catull,c.45

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Beitragvon medicus » Mo 1. Jan 2018, 14:36

Hoc ut dixit, Amor, sinistra,ut ante
dextra, sternuit approbaationem.

War das eine allgemeine Sitte, Beifall zu nießen? Da das Nießen ja nicht willkürlich erfolgt, ist das schwer verständlich. Oder war das nur die Kunstfertigkeit Amors. :?
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Re: Catull,c.45

Beitragvon Zythophilus » Mo 1. Jan 2018, 15:53

Kann man absichtlich niesen, ohne Hilfsmittel zu verwenden? Die Frage sollte man eher einem Arzt als einem Philologen stellen. Niesen galt generell als Omen, eher als schlechtes, wie Augustinus erwähnt
Doctr.Chr. II 77 hat geschrieben:Hinc sunt etiam illa: limen calcare cum ante domum suam transit, redire ad lectum si quis, dum se calciat, sternutauerit
In solchen Fällen muss man natürlich von einem unwillkürlichen Geschehen ausgehen.
Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ein Gott solch menschliche Dinge regeln kann oder ob sie ihm passieren. Für die Beteiligten ist das Niesen des Gottes jedenfalls ein positives Zeichen, und im konkreten Fall muss es absichtlich sein, wenn Amor so seine Zustimmung ausdrückt.
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Re: Catull,c.45

Beitragvon medicus » Mo 1. Jan 2018, 17:46

Danke Zythophilus, hier habe ich noch eine philologische Frage, da der medizinische Sachverhalt unsinnig ist:
https://books.google.de/books?id=RrvmBQ ... um&f=false

https://books.google.de/books?id=7QLoBQ ... um&f=false

Hier wird a coitu= nach dem Verkehr übersetzt :help:
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Re: Catull,c.45

Beitragvon Zythophilus » Mo 1. Jan 2018, 18:03

Diese Bedeutung gibt es "unmittelbar nach" http://www.zeno.org/Georges-1913/A/a+%5B3%5D?hl=a (II A) 1)).
Reste solchen Aberglaubens gibt es noch; so heißt es, wer den Eckplatz an einem Tisch und damit ein Tischbein zwischen den Knien hat, würde eine böse Schwiegermutter bekommen. Zur Jahreszeit passt der Brauch, über Silvester keine Wäsche auf der Wäscheleine hängen zu lassen, weil auch das Unglück bringen soll.
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Re: Catull,c.45

Beitragvon medicus » Mo 1. Jan 2018, 18:09

Gratias ago. :-D
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Re: Catull,c.45

Beitragvon Prudentius » Di 2. Jan 2018, 20:17

medicus hat geschrieben: ... da der medizinische Sachverhalt unsinnig ist ...


Da steckt mehr dahinter, unsinnig ist das nicht.

sternuere ist hier ein Verbum dicendi, "er brachte seine Zustimmung niesend zum Ausdruck". Vllt. wisst ihr ja, dass für die Antiken die Seele im Inneren des Leibes saß, oder gefangen oder begraben war ("soma sema"), dass sie das göttliche Lebensprinzip war, und dass sie danach strebte, in den götlichen Bereich zurückzukehren; das Niesen war also eine Äußerung der Seele, ein Ausbruchsversuch, und wenn er gelang, bedeutete das den Tod. Deshalb haben wir ja auch noch den Brauch, beim Niesen einem Gesundheit zu wünschen. (Ähnlich ist es beim Gähnen, mit feinen Manieren hält man die Hand vor den Mund, damit die Seele nicht entweicht).
Wenn hier also die Zustimmung mit Niesen begleitet ist, bedeutet das eine Bekräftigung, Autorisierung durch das göttliche Prinzip.
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Re: Catull,c.45

Beitragvon medicus » Di 2. Jan 2018, 21:12

Prudentius hat geschrieben:Da steckt mehr dahinter, unsinnig ist das nicht.

Danke für deine Erläuterungen.
Meine Bemerkung bezog sich auf den Satz "sternuisse a coitu abortivum"
Aber wenn du sagst, dass beim Nießen die Seele einen Ausbruchversuch machte, und das den Tod bedeuten konnte, dann ist der Abortus verständlich. :x
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Re: Catull,c.45

Beitragvon Zythophilus » Di 2. Jan 2018, 21:56

Von einem modernen Standpunkt aus betrachtet, sind solche Zusammenhänge einfach nicht gegeben. Ich weiß nicht, ob antike Mediziner das auch so sahen, aber für den Alltag der meisten war es Realität. Manches erkannte man sicher damals schon als Aberglauben, anderes mittlerweile als falsch Erkannte war der Stand der Wissenschaft in der Antike, mag uns das auch heutzutage mehr als Magie anmuten.
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