Ein caveat, wie heisst's klassisch?

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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon cometes » Do 30. Mai 2019, 00:36

Das Caveat (wie das Placet) ist ein Fall von Konversion (Wortartwechsel ohne Affigierung), finite Verbformen als Basis für Substantivierung sind im Deutschen dabei selten - neben dem erwähnten Soll gibt es noch das Muss, den Bedarf und den Benimm. Referat, Zitat, Telefonat, Dekanat, Internat et cetera sind hingegen Fälle von Wortbildung durch Derivation vermittels des Suffixes -at, also keine analogen Bildungen.
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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon Zythophilus » Do 30. Mai 2019, 07:22

Die gängige Erklärung für Referat und Dezernat ist freilich nicht, dass es ein lateinisches Nomen actionis ohne Endung ist. Das trifft auf viele ähnlich aussehende Bildungen zu, würde aber in den beiden Fällen den zugrundeliegenden Verben überhaupt nicht entsprechen.
Wenn es nur sehr wenige substantivierte finite Verbformen im Deutschen gibt, so hängt wohl auch damit zusammen, dass sie eben sehr deutlich als Prädikate erscheinen. Ein lateinisches oder englisches Wort sieht nicht wie ein deutsches Prädikat aus. Ist der "Bedarf" wirklich dieser Kategorie zuzuordnen?
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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon medicus » Do 30. Mai 2019, 08:40

...und wie steht se mit dem Abitur? Das ist doch auch eine finite lateinische Verbform.
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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon marcus03 » Do 30. Mai 2019, 08:51

Das Abitur (von lateinisch abire ‚davon gehen‘, aus Abiturium, von neulat. abiturire ‚abgehen wollen‘

https://de.wikipedia.org/wiki/Abitur
https://de.wiktionary.org/wiki/Abiturium
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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon Zythophilus » Do 30. Mai 2019, 11:19

Viele aus dem Lateinischen stammende Fremdwörter haben ihre Endung verloren, wirken aber wie finite Verbformen. Bei den auf -at endenden Wörtern sind die von der der a-Konj. abgeleiteten Nomina actionis so häufig, dass sie auch analoge Bildungen bewirkt haben; die relativ unbekannte Form der 3.P.Sg. des Konj.Präs.akt. kann da auch leicht fälschlich zugeordnet werden.
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Re: Ein caveat, wie heisst's klassisch?

Beitragvon cometes » Do 30. Mai 2019, 13:42

Ist der "Bedarf" wirklich dieser Kategorie zuzuordnen?


Wolfgang Fleischer beispielsweise rechnet in Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache (4. Auflage, S. 269) den Bedarf zur Konversion mit finiter Verbform als Basis, allerdings ohne nähere Begründung. Ich vermute, dass dies mit dem untypischen Lautwechsel (ü->a) zu tun hat, der es fraglich macht, darin einen Fall von impliziter Derivation, die meist von abgelauteten Formen ihren Ausgang nimmt (wie in Schnitt, Kuss, Riss, Sog usw.), zu sehen.

Natürlich ist nicht alles, was im Deutschen auf at endet, ein Derivationsprodukt, der Senat etwa, aber bei Referat, Dezernat und dergleichen liegt meines Erachtens keine Konversion einer finiten Verbform vor.

Es gibt übrigens auch univerbierte lateinische Syntagmen (die wiederum finite Verbformen enthalten), welche durch Konversion zu Substantiven werden, so das Quodlibet.
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