Vulgata

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Re: Vulgata

Beitragvon iurisconsultus » Sa 12. Sep 2020, 12:05

marcus03 hat geschrieben:Augustinus selbst, der wenig Griechisch konnte, übersetze das paulinische eph ho(= weil) mit in quo, worauf er eine folgenreiche Erbsündelehre aufbaute.

Soweit ich weiß, hat Augustinus diesen Übersetzungsfehler in der Vetus Latina bereits vorgefunden und sind die Grundlagen der Erbsündenlehre bereits vor ihm gelegt worden.
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Re: Vulgata

Beitragvon Sapientius » Sa 12. Sep 2020, 15:17

Komparativische und superlativische Formulierung sind völlig äquivalent (kommen auf dasselbe hinaus), ob man sagt "Die Liebe ist größer (als die beiden anderen)" oder "Die Liebe ist die größte der drei", die Grammatiker dürfen sich über die Nomenklatur der Kasus streiten :) .
Allenfalls kann man eine Gewichtungsnüance erkennen: beim Komparativ werden die drei zerlegt, beim Superlativ als Einheit hingestellt.
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Re: Vulgata

Beitragvon Zythophilus » Mo 14. Sep 2020, 06:38

Marcus03 hat geschrieben:Man denke bei dieser Gelegenheit an die peinlichen bzw. fatalen Übersetzungsfehler wie:
-Jungfrau(parthenos) für junge Frau

Παρθένος ist weniger ein Übersetzungsfehler als viel mehr die Folge einer Bedeutungsentwicklung. Als die LXX verfasst wurde, verstand man das eben schon so.
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Re: Vulgata

Beitragvon marcus03 » Mo 14. Sep 2020, 08:11

Danke für den Hinweis.
Das Problem ist mehr die Jungfrauengeburt.
„Am Ende der Zeit der Kirchenväter hatte sich das dreifache ante partum, in partu und post partum in Ost und West durchgesetzt. ; gegensätzliche; Meinungen wurden hart bekämpft.“
https://www.grin.com/document/24311

Justin der Märtyrer setzte sich in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon (entstanden 155–160) als Erster mit jüdischem Widerspruch gegen den Glauben an Jesu Jungfrauengeburt auseinander. Er deutete Jes 7,10–17 als deren Vorhersage für die „Christgläubigen“[8] und stellte die Septuaginta-Übersetzung dieser Stelle gegen den hebräischen Urtext und die Septuagintarevisionen von Theodotion, Aquila und Symmachus, die alma in Jes 7,14 mit griechisch νεᾶνις neánis (junge Frau, Mädchen), nicht mit παρθένος parthénos (Jungfrau) übersetzten. Er betonte auch mit Hinweis auf die Perseussage, nur von Jesus Christus sei jemals eine Jungfrauengeburt verkündet worden. Er erklärte diese mit seiner Präexistenz zur Überwindung der Erbsünde (Gen 3):

https://de.wikipedia.org/wiki/Jungfrauengeburt

Eine hochkomplexe Thematik, wie man sieht, bei der die meisten Leser sich wohl denken:
Solche Probleme möchte ich gern haben bzw. lieber nicht haben. ;-)
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Re: Vulgata

Beitragvon Sapientius » Mo 14. Sep 2020, 15:31

Der Superlativ ist nicht die dritte Stufe eines Dreiertreppchens der Komparation, sondern, logisch betrachtet, ein eigenständiges hochkompliziertes Gebilde, eine Ableitung vom Komparativ; er ist auch durch den Komparativ ersetzbar; vergleicht:
- "9 ist die größteeinstellige Zahl", und
- "Keine einstellige Zahl ist größer als 9".
Er ist eine negierte Existenzbehauptung mit Quantor ("keine"), ein sehr anspruchsvolles Gebilde, kein Wunder, dass es dieses Luxusprodukt nicht in allen Sprachen gibt.
Der Superlativ bezeichnet eine Grenze (limit) einer Reihe. d.h. einer Menge, in der eine Ordnung definiert ist.
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